OSMOTISCHE UNTERSUCHUNGEN.
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OSMOTISCHE
UNTERSUCHUNGEN.
STUDIEN ZUR ZELLMECHANIK
VON
DR. w. PFEFFER,
PKOFESSOR DKK BOTANIK IN BASEL.
ZWEITE UNVERÄNDERTE AUFLAGE
MIT FUAF HOLZSCHNITTEN.
LEIPZIG,
VERLAG VON WILHELM ENGELMANN
1921.
0 ff'' ^'^
Uebersetzungsrecht vorbehalten.
VORWORT.
Während ich bestrebt war gewisse Bewegungs Vorgänge
auf den zu Grunde liegenden Zellmechanismus zurückzu-
führen, stiess ich auf Thatsachen, welche erst causal erklärt
werden mussten, ehe auf ein erfolgreiches weiteres Vor-
dringen zu rechnen war. Vor allem musste die Ursache der
auffallend hohen hydrostatischen Druckkraft aufgedeckt
werden, welche auch in Pflanzenzellen besteht, deren Zell-
saft eine nur verdünnte Lösung ist, und hier wurde aus den
Beobachtungen in der Pflanzenzelle die Fragestellung für
experimentelle Erforschung abgeleitet. Welche osmotische
Druckkraft erzeugen gelöste Körper, speciell die sogenannten
Krystalloide, wenn sie nicht diosmiren? — so lautete die
nächste Frage und Traube's Niederschlagsmembranen er-
möglichten nach dem Muster der Pflanzenzelle den Apparat
zu construiren , welcher zu den im physikalischen Theile
niedergelegten Untersuchungen dient'e.
Durchaus von physiologischen Gesichtspunkten geleitet,
wurde in den physikalischen Untersuchungen der Faden
gelegentlich gerade da fallen gelassen, wo der Physiker von
seinem Standpunkte aus die interessantesten Angriffspunkte
erst gefunden haben würde. Meine wesentliche physio-
VI
logische Au%abe war aber, an der Hand der gewonnenen
physikalisclien Erfahrungen die maassgebenden Fundamente
für die Zellmechanik osmotischer Vorgänge zu suchen. Auf
Grund dieser Fundamente habe ich dann specielle physio-
logische Erscheinungen beleuchtet, um die derzeitige Sach-
lage klar zu legen. Hoffentlich wird dieses den Anstoss
geben, dass auch Andere thätig auf einem Gebiete eingreifen,
welchem die Arbeitskraft eines Einzelnen nicht entfernt
gewachsen ist; denn osmotische Vorgänge kommen beinahe
für alle Fragen in Betracht, welche sich auf Stoffwechsel
und Kraftwec\isel im Organismus beziehen.
Bonn, November 1876.
W. Pfeffer.
INHALT.
I. Physikalischer Theil.
A. Apparate und Methode.
Seite
1 . Herstellung der Zellen 3
2. Messung des osmotischen Wusserstroins 14
8. Filtration unter Druck 17
4 . Messung der Druckhöhe 20
f). Berechnung der Druckh()he 23
6. Herstellung und Controle der benutzten Lösungen .... 25
B. Versuche und Folgerungen.
7. Structur der Membran und Wege des osmotischen Austausches m
Entstehung der Niederschlagsmembranen. — Aufbau aus Moleeül-
verbindangen (Tagmeu). — Bewegung von Flüssigkeit durch die Tagmen
und durch intertagmatische Räume. — Brücke's Theorie der Diosmo.se.
— Unterscheidung von capillarer und molecularer Osmose. — Die Dios-
mose gibt kein relatives Maass für Moleculargrösse der diosmirenden
Körper. — Unsere Niederschlagsmembrauen gestatten wahrscheinlichst
nur moleculare Osmose. -2/ 5^-2 /
8. Diosmose gelöster Körper 4(i
Orientirung über meine Aufgabe. — Versuche mit einigen Stoffen.
9 Osmotischer Wasserstrom ohne Diosmose des wirkenden
Körpers 49
Theoretische Darlegung. — Die wii-ksame DifTusionszone. — Be-
ziehung zwischen osmotischer Wirkung und Diffusionsconstante.
10. Osmotischer Wasserstrom mit Diosmose des wirkenden
Körpers 55
Vorgänge in einem Porus. — Bemerkungen über Druckhöhe und
endosmotisches Aequivalent.
1 1 . Abhängigkeit des osmotischen Wasserstromes von Membran-
beschaffenheit und Concentration der Lösung 59
Einfluss der Thonmasse auf Permeabilität der Niederschlagsmem-
bran. — Bedeutung der Membrandicke u. s. w. — Ist der Diflusions-
coefficient unabhängig von der Ooncentration der liösung? — Der
o.smotische Wasserstrom durch Lösungen verschiedener Concentration.
12. Osmotischer Wasserstrom durch Liisungsgemische 67
Versuche mit Membranen aus Ferrocyanku])fer und Pergament-
papier.
13. Filtration unter Druck 70
Versuche mit Membranen aus Ferroeyankupfer.
14. Osmotische Druckhöhe 72
Bedingung für maximale Druckhöhe in einer Membran. — Ver-
gleich der Wirkung von Colloiden und Krystalloiden in Meml)ranen
aus Ferroeyankupfer , Pergamentpapier und Thierblaae. — Beziehung
zwischen Druckhöhe und osmotischem Wassereinstrom. — Beziehung
der Druckhöhe zur Exosmose des wirkenden Körpers, zur Membran-
dicke u. s. w. — Druckhöhe in verschiedenen Zellen. — Drnckhuhe
und Concentration der wirkenden Tjösung.
vm
Seite
15. Schwankungen der Druckhöhe 83
Orientirung über die Fnige. — Versuche in verschiedener Tem-
peratur. — Allgemeine Ursachen veränderter osmotischer Wirkung.
16. Historischer Ueberblick 96
17. Experimentelle Belege 102
IL Physiologischer Theil.
18. Die Plasmamembran 121
Orientirung über die Ph\smamembran und ihre Bedeutung in dios-
motischer Hinsicht. — Historische Bemerkungen. — Entstehung und
Verhalten der Plasmamembran. — 1 )ie A\'achsthum3iahigkeit der Plasma-
membran kann ohne Aenderung der diosmotischen Eigenschaften auf-
gehoben werden. — Ist die Plasmahaut eine resistente Membran? —
Auflösung der Plasmamembran in dem Protoplasma. — Chemische Zu-
sammensetzung. — Verschiedene Gebilde innerhalb der Zelle mit mem-
branartiger Umkleidung. — Ist die Plasmamembran immer diosmotisch
gleich« erthig?
19. Bemerkungen über Molecularstructur 149
Hegrift" der organisirten Substanz. — Plasmamembran. — Proto-
plasma.
20. Diosniose durch die Plasmamembran 154
Die Plasmamembran regulirt die diosmotische Aufnahme in Pro-
toplasma und Zellsaft. Einfluss von Membranbeschaffenheit auf
Üiosmose. — Aufnahme fester Stoft'e. — Bemerkungen über Anhäufung
von Stoffen und Stoff Wanderung. — Zersetzungen unter Mithülfe der
Diosmose. — Wirkung äusserer Einflüsse auf Diasociation.
21. Druckverhältnisse in der Zelle 168
Das osmotische System in der Zelle. — Auf anderem , als osmo-
tischem Wege entwickelt der Protoplasmakörper nur geringe Druck-
kraft. — Bemerkungen über den Aggregatzustand des Protoplasmas. —
Osmotische Bedeutung von Kryatalloiden und Colloiden. — Die osmo-
tiache Druckhöhe in Zellen. — Volumschwankungen in Protoplasma,
Zellsaft und anderen von Membran umkleideten Gebilden durch osmo-
tische ANirkungen. — Allgemeines über Ursachen der osmotischen
Druckschwankungen.
22. Zellniechanik von Bewegung» Vorgängen 188
Mechanik der Reizbewegung. — Der Auslösungsvorgang und der
osmotische IVuck. — Verschiedene Reizbewegungen. — Zusammen-
ballung im Zellsaft der Haare von Drosera. — Allgemeines über Ans-
lösungsvorgänge. — Periodische Bewegungen.
23. Heliotropismus and Geotropismus 207
Heliotropismus der Zelle und der Gewebe. — Ursache des Zell-
heliotroi)ismus ist in Zellhaut zu suchen. — Zusammenhang zwischen
positivem und negativem Heliotropismus. — Ist Richtung oder Inten-
sität eines Lichtstrahles maassgebend? — Geotropismus.
24. Einige Wachsthums- und Gestaltuugsvorgänge 216
Die transversale Zusammenpressung der Zellhaut durch den Proto-
plasmakörper. — Bemerkungen über Entstehung und Wachsthum der
/ellhaut. — Einige Ursachen für Gestaltungsvorgänge im Protoplasma.
25. Auftrieb von Wasser durch die Zelle 223
Ursache ist osmotische Wirkung in der Plasmamembran. — Wie
ist einseitiger Wasserstrom möglich? — Einfluss von Zellhaut, Gewebe-
spannung u. s. w. — Hofmeisters Apparat — Ursachen des ein-
seitigen Wasserstromes. — Die Wurzelkraft in der Pflanze. — Ist
Wasserstrom durch Zellen von inducirten oder erblichen Eigenschaften
abhängig?
26. Zusammenfassung einiger Resultate 234
GELEITWORTE ZUR ZWEITEN AUFLAGE
DER „OSMOTISCHEN MTEßSüCflUNGEF' YON WILHELM PFEFFER
Die einzige Auflage des berühmten Werkes ist im
Buchhandel seit langer Zeit vergriffen. So ist die vor-
liegende Neuausgabe, zu welcher sich die Verlagsbuch-
handlung im Frühling 1921 entschlossen hat, nicht nur das
eindrucksvollste Denkmal für den am 31. Januar 1920 aus
dem "Leben geschiedenen großen Gelehrten und eine
Ehrenpflicht für die, welche sein nachgelassenes Werk zu
hüten haben, sondern auch eine Notwendigkeit für die exakte
Naturforschung aller Länder, da die >Osmotischen Unter-
suchungen« einen der Grundpfeiler der neueren physika-
lischen Chemie und allgemeinen Physiologie bilden. Es steht
zu hoffen, daß nunmehr jüngere"^ und ältere Forscher von
neuem Gelegenheit nehmen werden, sich mit diesem größten
unter den klassischen Werken Pfeffers eingehend zu be-
schäftigen.
W. Pfeffer hatte bereits vor Abschluß des experimen-
tellen Teils seiner Untersuchungen am 2. August 1875 in
der allgemeinen Sitzung der niederrheinischen Gesellschaft
für Natur- und Heilkunde in Bonn, ferner in der Sitzung der
48. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte zu Graz
am 19. September desselben Jahres daraus einige Ergebnisse
unter dem Titel >Entstehung hoher hydrostatischer Druck-
kräfte in Pflanzenzellen« veröffentlicht, und es wird aus-
drücklich hervorgehoben, daß der Grazer Vortrag >mit be-
sonderem Beifall aufgenommen worden sei«. Berichte über
diese Vorträge finden sich in der Botanischen Zeitung von
A. de Bary und G. Kraus, 33. Jahrgang Nr. 45 vom 5. No-
vember 1875 und 34. Jahrgang Nr. 5 vom 4. Februar 187t),
Spalte 75. In diesen Vorträgen war jedoch von den so wich-
tigen linearen Abhängigkeitsbe/iehungen zwischen osmo-
tischem Druck einerseits und der Temperatur oder der
Konzentration andererseits noch nicht die Rede.
Es ist öfter zu Unrecht gesagt worden, daß Pfeffer
späterhin den Gegenstand seiner »Osmotischen Unter-
suchungen« nicht mehr aufgenommen habe. Wie intensiv
er die Durcharbeitung dieses Forschungsgebietes fortgesetzt
hat, geht nicht allein aus verschiedenen Stellen der ersten
Auflage seiner Pflanzenphysiologie hervor, sondern be-
sonders auch aus verschiedenen Abschnitten des Buches
»Zur Kenntnis der Plasmahaut und der Vakuolen, nebst
Bemerkungen über den Aggregatzustand des Protoplasmas
und über osmotische Vorgänge«. (Des XVI. Bandes der
Abhandlungen der mathematisch - physischen Klasse der
Königl. Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften Nr. II.
Leipzig 1890 bei S. Hirzel.) Hier nahm Pfeffer vor allem
Stellung zu der von van't Hoff aufgestellten Theorie des
osmotischen Druckes, welcher er voll zustimmte. Es ist für
jeden, der das Studium der »Osmotischen Untersuchungen«
vornimmt, unerläßlich, den Abschnitt VIII dieser großen
Arbeit einzusehen, besonders hinsichtlich der Frage, ob die
Qualität der Membran, solange gelöste Stoffe nicht perme-
ieren, den osmotischen Druck beeinflussen kann. Pfeffers
Versuche mit Niederschlagsmembranen aus Berlinerblau
und aus Kalziumphosphat (»Osmotische Untersuchungen« p.80,
116 und 179) hatten noch Zweifel übrig gelassen, und erst
XI
längere Zeit nachher konnte sich Pfeffer davon über-
zeugen, daß »die Technik der Herstellung dieser Häute
nicht so ausgebildet war und daß selbst sehr geringe Dis-
kontinuitäten in der Membran oder gewisse Exosmose des
Stoffes usw. recht wohl die Ursache gewesen sein können,
daß für Rohrzucker eine geringere Druckleistung sich ergab,
als in Membranen aus Ferrozyankupfer« (a. a. O. p. 305).
Hier, p. 303, wird man auch die geistvolle Deduktion finden,
daß bei kinetischem Ursprung des osmotischen Druckes die
Annahme eines Einflusses der Membran einen Widerspruch
mit dem ersten Hauptsatz bedeutet und ein Perpetuum
mobile erster Art nach sich ziehen würde. Ähnliche Be-
trachtungen rühren gleichzeitig her von van't Hoff, Zeit-
schrift für physikalische Chemie, Bd. I, p. 488, ferner Lord
Rayleigh, Nature, Vol. 55, p. 253 und von Donnan.
(Vgl. hierzu van't Hoffs Vorlesungen über theoretische
und physikalische Chemie, zweites Heft: Die Chemische
Statik. Braunschweig 1899, p. 24.)
Von physikalischen Problemen berührt Pfeffer u. a.
auch die Möglichkeit einer Verbesserung der osmotischen
Apparatur durch vervollkommneten Abschluß der Zellen
und Anwendung anderer Membranogene wie ölhaltiges Kollo-
dium, worauf noch bei zukünftigen Untersuchungen über
die direkte Bestimmung des osmotischen Druckes Rück-
sicht zu nehmen sein wird. Die weitere Durchbildung der
Pfeffer sehen Methodik ist bekanntlich durch die Auf-
deckung viel einfacherer indirekter Wege zur Bestimmung
des osmotischen Druckes von Lösungen, wie sie die Be-
nutzung der Gefrierpunktserniedrigung und der Dampf-
druckerniedrigung eröffnete, sowie durch die e:iperimentellen
Schwierigkeiten der direkten Bestimmung des osmotischen
Druckes von Lösungen stark gehemmt worden.
XII
Die größten Verdienste um den Ausbau der Methode
Pfeffers haben sich H. N. Morse und dessen Mitarbeiter
zu Baltimore in langjähriger Arbeit erworben, deren Er-
gebnisse seit 1890 im American Chemical Journal ver-
öffentlicht worden sind. Eine Zusammenfassung erschien
1914 unter dem Titel: H. N. Morse, The Osmotic Pres-
sure of Aqueous Solutions. Report on Investigations Made
in the Chemical Laboratory of The John Hopkins Univer-
sity 1899—1913. Washington 1914. Beim Studium der
ungemein großen technischen Schwierigkeiten, welche hin-
sichtlich der absolut genauen Konstanthaltung der Tempe-
ratur von 0 Grad bis 80 Grad, hinsichtlich der Herstellung
absolut rißfreier Membranen (die vorteilhaft auf elektro-
lytischem Wege herzustellen sind), so daß auch gering-
fügige Konzentrationsverluste vermieden werden, endlich
auch hinsichtlich der Druckmessungsapparatur zu über-
winden waren, ersieht man am deutlichsten die eminente
Begabung Pfeffers als Experimentator, der mit verhältnis-
mäßig einfachen Hilfsmitteln durch kritische Erkennung
und Umgehung aller wichtiger Fehlerquellen so genaue
Werte in seinen Messungen erzielen konnte. Die Mem-
branen Morse s, deren Material noch immer Ferrozyan-
kupfer darstellte, waren allerdings für noch viel höhere
Drucke anwendbar. Ja Morse s Schüler Frazer be-
richtete neuerdings (Journ. of The American Chem. Soc.
Vol. 38, p. 1907 [1916]), daß seine Zellen Messungen bis
zu 270 Atmosphären gestatteten. Von Interesse sind
ferner neuere Versuche von Earl of Berkeley und
E. G. J. Hartley in Proceed. of The Royal Soc. London
Vol. 82 und 92, Ser. A, eine dynamische Bestimmung des
osmotischen Druckes durch die Messung der Geschwindig-
keit, mit der das Lösungsmittel in die Lösung eindringt,
XIII
anzubahnen, was vielleicht einen weiteren Weg zur Aus-
bildung exakter Methoden zur direkten Bestimmung des
osmotischen Druckes in Lösungen begründen wird.
Im physiologischen Teile der Untersuchungen sehen
wir Pfeffer 1890 wesentlich weiter eingedrungen durch
die Erkenntnis, daß der Zellturgor nicht allein auf den
osmotischen Lösungsdruck im Zellinnern zurückzuführen
ist, sondern daß die Gegenwart zahlreicher Kolloide und
Halbkolloide den Quellungsdruck dieser Stoffe* als eine
wesentliche Komponente des Zellturgors anzusehen verlangt.
Derselbe Gegenstand wurde noch weiter berührt in Pfeffers
Studien zur Energetik der Pflanze, Leipzig, 1892, p. 215.
Dieser noch wenig analysierte Faktor ist natürlich immer
auch in den Ergebnissen plasmolytischer Versuche ent-
halten, obwohl wir heute noch nicht wissen, welchen quan-
titativen Anteil hier der Quellungsdruck nimmt. So viel
ich gelegentlich angestellten Versuchen entnehmen kann,
tritt in den plasmolytischen Grenzkonzentrationen keine
außerhalb der unvermeidlichen Fehlergrenzen fallende Difl'e-
renz zwischen den Kationen und Anionen der lyotropen
Reihen zutage. Eher wird die Plasmo Volumetrie nach
Höfler Unterschiede zwischen den Wirkungen der ver-
schiedenen ein- und zweiwertigen Salzionen aufdecken
können. Hierüber müssen noch zukünftige Untersuchungen
die Aufklärung bringen.
Wie wir uns die Plasmahaut in ihrem AVesen zu
denken haben, findet sich in den »Osmotischen Unter-
suchungen« in den Grundlinien sicher richtig dargestellt,
wenn auch die älteren Auffassungen über das Entstehen
von membranartigen Schichten als eine direkte Wirkung
der Berührung des Plasmas mit dem Außenmedium, und
ein Entstehen der Plasmahaut durch Ausfällung noch mehr
XIV
Raum in den Ausführungen Pfeffers finden, als man den-
selben derzeit widmen würde. Zunächst hat seither de
Vries gezeigt, daß sich die Plasmahaut unter gewissen
Bedingungen isolieren läßt, also tatsächlich als ein beson-
deres Zellorgan existiert, woran unzutreffende Vorstellungen
hinsichtlich der Frage der Neubildung von Vakuolenwänden
nichts ändern.
Schließlich hat Pfeffer in seinen Untersuchungen
über Druck- und Arbeitsleistung durch wachsende Pflanzen
(Abhandlungen der Sachs. Gesellschaft der Wissenschaften,
XX. Band, Leipzig 1893) weitere bedeutungsvolle Konse-
quenzen aus seinen osmotischen Untersuchungen gezogen,
die unmittelbar mit allen vorausgegangenen Studien in Zu-
sammenhang stehen. Besonders für den Kolloidchemiker
werden Pfeffers >Osmotische Untersuchungen« in vieler
anderer Hinsicht bedeutungsvoll sein, da hier die Vorstel-
lungen über den feineren Aufbau der Kolloide (Pfeffers
>Tagmen«, Molekülverbindungen bei Kolloiden), ferner die
Auffassung der kolloidalen Eigenschaften als Zustand der
Materie von hohem historischen Interesse sind. Man wolle
besonders auch noch die Auseinandersetzungen über die Auf-
fassung der Fermente als Katalysatoren beachten (p. 34 in
Abschn. B. 7), die in einer Zeit geschrieben worden sind,
als noch die »Atomschwingungen« als fruchtbare hypothe-
tische Grundlage für die Erklärung der Enzymwirkungen
angesehen wurden.
Allen denen, welchen die Entwicklung der exakten
Physiologie ein Gegenstand des Interesses ist, wird der
Wunsch auf den Lippen liegen, daß die Aufnahme dieser
Neuausgabe eine möglichst günstige werde, und das Studium
der Zellphysiologie von neuem kräftig fördern möge.
Leipzig, 23, MaH92«. Fricdr. Czapek.
I.
Physikalischer Theil.
Pfeffer, Osmotische Untersuchungen.
A. Apparate und Methode.
1. Herstellung der Zellen.
Gewisse Niederschläge können in Form von Membranen erhalten
werden , wenn sie an der Coutactfläche zweier Lösungen oder einer
Lösung und eines festen Körpers entstehen. Traube •) stellte bekannt-
lich zuerst solche Membranen dar und entwickelte zugleich die Beding-
ungen unter denen sie sich bilden können, Bedingungen, welche erst
später kurz erläutert werden sollen. Der Autor dieser wichtigen Ent-
deckung prüfte aus verschiedenen Stoffen gewonnene Membranen auf
ihre Durchlässigkeit für gelöste Körper, wobei sich zeigte, dass solche
durchweg weniger leicht, als durch die bisher zu diosmotischen Unter-
suchungen angewandten Membranen passiren, ja manche Körper,
welche durch diese leicht diosmiren, waren unfähig bestimmte Nieder-
schlagsmembranen zu durchwandern.
Die diosmotischen Untersuchungen führte Trau'be meist mit Mem-
branen aus, welche die eine Seite eines Grlasröhrchens verschlossen, in
welches der auf seine diosmotischen Eigenschaften zu prüfende Körper
gebracht wurde. Die Herstellung eines solchen Apparates gelingt in
den meisten Fällen leicht, indem von dereinen, zur Erzeugung eines
Niederschlags nöthigen Lösung eine kleine Menge in das GlasriJhrchen
gebracht und dieses dann in die andere Lösung getaucht wird. An der
Contactstelle der Lösungen entsteht dann bei richtigem Verfahren aus
1) Experimente zur Theorie der Zellenbildung und Endosmose, Archiv f. Ana-
tomie und Physiologie von du Bois-Reymond und Reichert 18ü7, p. 87 ff.
Eine erste Mittheilung Traube' s über diesen Gegenstand findet sich im Centnil-
blatt f. medic. Wissenschaften 1865. — Eine Zusammenfassung früherer und
einiger neuerer Versuche gibt derselbe Autor im Tageblatt der Breslauer Natur-
forschei-versammlung 1874. Ein Abdruck dieser Mittheiluug in Botan. Zeitung
1875, p. 56 ff.
1*
den beiden Membranogenen der Niederschlag in Form einer das Röhr-
chen verschliessenden Membran.
In allen Fällen operirte Traube mit frei in die Flüssigkeit hinein-
ragenden Zellen. Diese sind nun einmal nicht sehr widerstandsfähig
nnd weiter werden sie in allen Fällen dauernd an Grösse zunehmen, so
lange ein osmotischer Wassereinstrom einen Druck im Innern hervor-
bringt, der dehnend auf die Haut wirkt. Hierdurch wird dann die Ein-
schiebung neuer Hauti)artikel hervorgerufen , sobald den beiden Mem-
branogenen eine Begegnung in den erweiterten Zwischenräumen
ermöglicht ist; ein Flächenwachsthum durch Intussusception, das diese
Membranen in schönster Weise demonstriren. Würden nun auch diese
und andere Schwierigkeiten wohl zu überwinden sein, wenn es sich nur
um Studien über diosmotischen Austausch handelt , so ist es doch un-
möglich in freischwebenden Zellen den durch osmotische Wirkung zu
Stande kommenden Druck zu messen. Um dieses zu ermöglichen,
mussten die Membranen gegen eine widerstandsfähige, aber für Wasser
und vSalze verhältnissmässig leicht permeable Widerlage gelegt werden.
Das zur Nachahmung auffordernde Modell boten die Fflanzenzellen dar,
in welchen die in ihren diosmotischen Eigenschaften den künstlichen
Niederschlagsmembranen ähnelnde Plasmamembran ') der Zellhaut an-
gepresst ist.
Meine ersten Versuche gingen darauf hinaus, freischwebende Mem-
branen durch osmotische Druckkraft so wachsen zu lassen, dass sie
sich endlich einer Widerlage auflegten, welche das eine Ende eines
Glasrohres verschloss. Gelang dieses nun auch mit einiger Mühe, so
stellten sich doch bezüglich der Druckmessung Schwierigkeiten heraus,
welche mich veranlassten, einen anderen Weg zu betreten. Es wurde
nämlich durch die Poren, selbst der dichtesten Leinwand- und Seiden-
gewebe, die Niederschlagsmembran schon bei geringem Drucke durch-
gepresst, d. h. es erschien die fortwährend wachsende Haut auf der
anderen Seite des Gewebes an verschiedenen Stellen in Form kleiner
Säckchen, welche sich weiter vergrösserten und eventuell endlich zer-
platzten. Versuche dichtere Stoffe . wie Pergamentpapier oder Thon-
zellen , als Widerlage zu benutzen , gaben aus Gründen , welche ich
hier unerörtert lassen will, auch kein günstiges Resultiit.
Zu einem günstigen Resultat gelangte ich zuerst, indem ich Thon-
zellen, wie sie zu elektrischen Batterien benutzt werden, nach Anbring-
1) Was unter Plasmaiiu'iubrau zu verstehen ist, wird im physiologischen TheiJe
dieser Abhandlung gezeigt werden.
unggeei^eter Verschlüsse, zunächst sorgfältig mit Wasser injicirte und
dann die Zelle in eine Lösung von Kupfersulfat stellte, während ich
in das Innere sogleich oder nach einiger Zeit Ferrocyankaliumlösung
brachte. Die beiden Membranogene dringen jetzt diosmotisch in die
sie trennende Thonscheidewand ein und bilden da, wo sie sich begeg-
nen, eine Niederschlagsmembran aus Ferrocyankupfer. Diese erscheint
vermöge ihrer rothbraunen Farbe als eine ganz feine Linie in der weissen
Thonmasse . welche ausserdem farblos bleibt , weil die entstandene
Haut ihre Membranogene nicht passiren lässt.
Diese »eingelagerten« Membranen habe ich übrigens fast nur zu
Vorversuchen benutzt, während ich die eigentliche Untersuchung mit
Membranen durchführte, welche der Innenfläche von Thonzellen auf-
gelagert waren. Alle mitzuthei-
lenden Versuche sind, sofern nichts
besonderes bemerkt ist, sämmtlich
mit solchen »aufgelagerten Mem-
branen« ausgeführt. Um diese
darzustellen wurden die Thonzel-
len vollständig, z. B. mit Kupfer-
vitriollösung injicirt, dann wurde
schnell mit Wasser ausgespült und
darauf eine Ferrocyankalium-
lösung eingegossen. Näheres über
die Herstellung der Apparate wird,
nach dieser Orientirung, in Folgen-
dem mitgetheilt werden.
In Fig. 1 ist der fertige Ap-
parat mit dem zum Druckmessen
bestimmten Manometer m) unge-
fähr in halber natürlicher Grösse
abgebildet; die Thonzelle [z] und
die ineinandergesetzten GlasstUcke
V und t sind im medianen Längs-
schnitt dargestellt. Die von mir
benutzten Thonzellen waren im
Mittel ungefähr 46 Millim. hoch,
maassen etwa 16 Millim. im Lich-
ten und hatten eine Wandstärke
von 1 1/4 bis 2 Millimeter. In die
V:si
Fig. 1.
Thouzclle wurde das engere Glasrohr v — es heisse Verbindungsstück
— mit Siegellaok eingeschmol/eu und in das andere Ende dieses Roh-
res das V'crsclilussstüek / in derselben Weise eingelassen, dessen Form
und Bedeutung die Figur zeigt. Der mit r bezeichnete Glasring war
nur bei Versuchen in höherer Temperatur nothwendig, in welchen der
Siegellack erweichte. Der King wurde nämlich mit einer Kittmasse
ausgefüllt, welche auch dann noch die ineinandergesetzten Stücke fest
zusammenhielt.
Bei einiger Umsicht ist es nicht schwer die Lackschlüsse auch für
höhere Druckkräfte ausreichend herzustellen : die grösste Sorgfalt ist
auf Vereinigung von Thonzclle und Verbindungsstück zu verwenden.
Für alle Versuche in niederer und mittlerer Temperatur wurde der enge
Cylindermantel zAvischen Thonzclle und A'erbindungsstück mit zwei
verschiedeneil Lacksorten ausgefüllt , der grössere Theil des Mantels
mit einem schwerer schmelzliaien gutem Packsiegellack, dem sich nach
dem Innern der Zelle zu ein niederer King von weicherem Siegellack
anschloss, welches durch Zusatz von Terpentin oder flüssigem Pech ge-
wonnen war. Ausschliesslich dieser innere King, welcher vermöge
seiner Beschaffenheit das Auftreten von kleinen Kissen nicht zuliess,
kam in Contact mit der aufgelagerten oder auch eingelagerten Nieder-
schlagsmem})ran, der festere Siegellack aber hatte das Herausschieben
des ^'ersehlussstückes durch Druck zu verhindern. Um diesen Doppel-
verschluss herzustellen, setzt man zunächst die Glasröhre mit dem
schwerer schmelzbaren Siegellack in die Thonzclle ein, nimmt den hier-
bei vor der hineingeschobenen Glasröhre aufgewulsteten Lackring mit
einem geeigneten Instrument hinweg, bringt den leicht schmelzbaren
Siegellack hinein und drückt nun, nachdem dieser geschmolzen ist. den
Glascylinder weiter ein. Auf sehr gute Vereinigung zwischen Lack
und Thonzclle und einen glatten Abschluss des weichen Siegellack-
ringes nach demZellinnern zu ist sorgfältigst zu achten, wenn nicht der
Versuch wegen lljidichten misslingen soll. Weil das kurze Zwischen-
stück einen Einblick in das Zellinnere gestattet ';, habe ich es vorgezogen
dieses einzuschalten. Das dichte Einschmelzen des Verschlussstückes
t ist olinohin immer sicher und leicht zu erreichen.
Bei Tompiiiiturcn bis zu 25 (Jrad gewährten die Verschlüsse bei
allen erzielten Druckkräften vollkommene Sicherheit, bei höherenTem-
^►erafuren aber würde der erwciclite Siegellack das Anseinanderschieben
n Am ItcHton ülKTsiclit 111,111 di'ii iiiiicron Abachluss des Luckriuges mit Hülfe
klciiifT Spicficl. wie t»ie in clor äiztlichfii Praxis VorwciKluiig finden, um x. B. im
Kf lilkopt' zu l»eol);ichten.
der zusammengekitteten Stücke ermüglichen. DerZiisanimenlialt wurde
in diesen Fällen durch einen nicht erweichenden Kitt gesicliert . die
Dichte der Verschlüsse aber wie sonst durch Siegellack erzielt, üer
von mir angewandte, von Hirzel 'i empfohlene Kitt ist üljerhaupt sei-
ner einfachen Darstellung und vieHachen Verwendbarkeit halber sehr
zu empfehlen. Es wird einfach durch Zusammenreiben von Bleiglätte
und Glycerin ein je naclr Bedürfniss schwerer oder leichter fhissigcr
Teig hergestellt, welcher im Verlauf von 24 Stunden in eine steinharte
Masse verwandelt ist. Des schnelleren Erhärtens halber empfiehlt es
sich übrigens dem concentrirten käuflichen (Tlycerin etwas Wa.sser zu-
zusetzen.
In welcher Weise der Kitt angebracht wurde, ist aus Figur 1 zu
ersehen. Der Glasring (r) wurde auf eine über die Thonzelle gescho-
bene Papierscheibe aufgestellt und dann der Kitt einfach in den Ring
eingegossen. Um sicher alles Gleiten zu vermeiden, habe ich stets in
die Thonzelle eine Kille eingeschnitten, an das Verbindungsstück aber
Protuberanzen angeblasen, wie solches auch in der Figur angedeutet
ist. Da die poröse Thonzelle der Kittmasse das Glycerin entziehen
würde, muss die Zelle zuvor mit Glycerin getränkt werden.
Um die Verbindung zwischen den beiden Glasröhren f und ?; bei
höherer Temperatur zu sichern, wurde, wie es auch in der Figur durch
ungleiche Schattirung angedeutet ist, der Cylindermantel zwischen
jenen in der unteren Hälfte mit Siegellack in der oberen Hälfte mit Blei-
glättekitt ausgefüllt. Soll dieser haften und seinen Zweck erfüllen, so
muss er selbstverständlich mit der reinen Glasfläche in Contact kom-
men. Es ist dieser Bedingung so leicht Genüge zu leisten, dass ich
die Angabe meines Verfahrens nicht für nöthig halte.
Der Bleiglättekitt würde freilich Säuren und Alkalien nicht Wider-
stand leisten, und müsste, wollte man mit solchen Köiiiern operiren,
durch einen andern Kitt ersetzt werden. Eine geringe oberflächliche
Umsetzung, wie sie durch Kupfersalze herbeigeführt wird , hat keine
praktische Bedeutung.
Alle Thonzellen waren , ehe die vorerwähnten Verschlüsse ange-
bracht wurden, zuerst mit verdünntem Kali, dann mit verdünnter Salz-
säure (etwa 3procentigeri behandelt und nach gutem Auswaschen wie-
der vollkommen getrocknet worden. Es wurden so die in den genannten
Medien löslichen Stoff'e , namentlich auch Erden und Eisen entfernt,
welche unter Umständen nachtheilijr werden können.
I) Dingler'a Polytechniaches Journal 1868, Bd. 141, p. 58.
Nach Fertigstellung der Verschlüsse wurde dann die Nieder-
schlagsmembran nach dem schon angedeuteten Princip eingelagert,
resp. aufgelagert. Zum Gelingen dieser Operation bedarf es aber
durchaus einer Reihe von Vorsichtsmassregeln, welche nun in Folgen-
dem erörtert werden sollen. Da ich hauptsächlich mitFerrocyankupfer-
membranen experimentirte, welche der Innenfläche der Thonzelle auf-
gelagert waren, so will ich auch diesen Fall speciell ins Auge fassen.
Die Thonzellen wurden zuerst unter der Luftpumpe durch wieder-
holtes Evacuireu vollkommen mit Wasser injicirt, und dann mindestens
einige Stunden in eine 3 Procent Kupfervitriol enthaltende Lösung
gestellt und auch im Innera mit dieser Lösung gefüllt. Dann wurde die
Thonzelle nur im Innern einigemal schnell mit Wasser ausgespült,
durch eingeführte Streifen aus Filtrirpapier möglichst schnell gut ab-
getrocknet und , nachdem sie auch äusserlich etwas abgetrocknet war,
einige Zeit an der Luft stehen gelassen bis sie sich eben noch feucht
anfühlte. Dann wurde eine 3procentige Lösung von Ferrocyankalium
in das Innere eingefüllt und die Zelle unmittelbar darauf wieder in
Kupfervitriollösung eingestellt.
Hatte dann die Zelle 24 bis 48 Stunden ruhig gestanden, so wurde
sie ganz mit der Ferrocyankaliumlösung gefüllt und in der Weise, wie
es Fig. 1 zeigt, geschlossen. Es entwickelt sich nun allmälig ein ge-
wisser Ueberdruck des Inhaltes, weil die Ferrocyankaliumlösung die
Kupfervitriollösung an osmotischer Wirkung übertrifft. Nach weiteren
24 bis 48 Stunden wurde dann der Apparat wieder geöffnet und ge-
wöhnlich eine Lösung eingefüllt, welche 3 Procent Ferrocyankalium
und 1 Y2 Procent Salpeter (dem Gewichte nach) enthielt und die einen
osmotischen Ueberdruck von etwas mehr als 3 Atmosphären entwickelt.
Sollte übrigens die Zelle zu Versuchen dienen, bei welchen eine höhere
Druckkraft entstand, so wurde sie auch, indem eine mehr Salpeter ent-
haltende Lösung verwandt wurde, auf höheren Druck geprüft. Natür-
lich kann man bei diesen Probeversuchen beliebige selbstgefertigte Ma-
nometer verwenden.
Die zuerst langsame Drjicksteigerung und eine gewisse Zeitdauer
dieses geringeren Druckes sind erfahrungsgemäss für die Herstellung
brauchbarer Apparate sehr wesentlich. Es ist ja auch einleuchtend,
dass die ohne einseitigen Druck gebildete Membran über kleine Ver-
tiefungen der Innenfläche der Thonzellen ausgespannt sein kann, denen
sie sich in Folge der Druckentwiekelung anschmiegen muss. Dieses
mag dann mit Sicherheit vor sich gehen, wenn es ganz allmälig ausge-
führt wird, während eine schnellere Drucksteigerung ein Zerreissen der
9
Haut herbeiführen dürfte. Wenigstens spricht für diese Auffassung,
dass bei schnellerer Druckentwicklung das Quecksilber im Manometer
zuerst bis zu einem gewissen Grade steigt, um sich dann wieder schnel-
ler oder langsamer zu senken. Bald nach dieser Wendung treten dann
oft auf der AuSsenfläche der Thonzelle kleinere oder grössere roth-
braune Flecken von Ferrocyankupfer aus, ein Beweis, dass die aufge-
lagerte Membran ihre einstige Continuität verloren hatte.
xVuch die Zeitdauer ist bei Herstellung unserer Zellen nicht ganz
gleichgültig, wohl deshalb, weil die Membran sich allmälig etwas ver-
dickt und widerstandsfähiger wird. Dieses kann z. B. da von Belang
sein, wo die Membran einen die ganze Thonzelle durchsetzenden Porus
verschliesst und durch eigene Widerstandsfähigkeit dem auf ihr lasten-
den Druck in solcher Weise entgegenwirken muss, dass weder Zer-
reissung, noch Wachsthum durch Intussusception zu Stande kommt, wel-
ches letztere ja ein HeiTortreten der Membran auf der Aussenseite der
Thonzelle zur Folge haben würde. Diese und ähnliche Erwägungen
lassen es auch begreiflich erscheinen, warum die Verdrängung der Luft
in der Thonzelle von Bedeutung ist , denn, wenn die noch wachsende
Membran auf eine Luftblase trifft, fehlt auf der Contactfläche mit dieser
der eine, zu weiterem Wachsthum nothwendige Membranbildner.
Die Herstellung brauchbarer Zellen gelingt, wenn die angeführten
Vorsichtsmassregeln durch Hebung unterstützt werden , mit grosser
Sicherheit. Mir ist schliesslich von 20 Zellen kaum eine verunglückt,
während ich anfangs mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte,
und, ehe ich zu partieller Abtrocknung meine Zuflucht nahm, überhaupt
keine aufgelagerte Membran zu Stande brachte. Zuvor hatte ich mit
eingelagerten Membranen operirt, bei deren Darstellung die gleichen
Vorsichtsmassregeln zu beachten sind. Gewöhnlich tauchte ich die
vollkommen mit Wasser injicirten Zellen zunächst in eine 3procentige
Kupfervitriollösung und füllte erst nach 15 bis 20 Minuten die gleich
concentrirte Lösung von Ferrocyankalium in das Innere ein. Die Mem-
bran entsteht so nicht in der Mitte, sondern ziemlich nahe an der Innen-
fläche der Thonzelle. Abgesehen davon, dass die aufgelagerte Mem-
bran Vortheile bietet, weil sie unmittelbar in Contact mit der eingefüll-
ten Flüssigkeit kommt, während bei der eingelagerten Membran die
Diffusionsvorgänge in der Thonmasse eine Rolle mitspielen , ist auch
die Darstellung jener durchweg sicherer. Ich habe sogar einige Sen-
dungen Thonzellen in Händen gehabt, in denen eine aufgelagerte Mem-
bran leicht hergestellt werden konnte, während ich brauchbare einge-
lagerte Membranen nur sehr schwierig oder wohl auch gar nicht zu
10
erzielen vermuchte, ja von 10 Sendungen Thonzellen, welche zum
guten Theil aus verschiedenen Fabriken stammten, erwiess sich das
Material nur zweier Fabrikate für Darstellung eingelagerter Membranen
geeignet.
Die Beschatfenheit des Materials ist in jedem Falle nicht gleich-
gültig, selbst dann, wenn auch die Herstellung der Zelle thatsächlich
gelingt. Es ist einleuchtend, dass die günstigsten Verhältnisse mög-
lichst poröse Thonzellen gewähren, welche den osmotischen Austausch
durch die Niederschlagsmembran so wenig als möglich beeinflussen.
Am besten entsprechen diesen Anforderungen die schon erwähnten
Thonzellen , welche ich zu meinen Versuchen verwandte : ich bezog
diese von E. Leybold's Nachfolger inCöln, dessen ganzer Lager-
vorrath in meine Hände überging. Die von dieser Firma aus derselben
Fabrik weiterhin besorgten Thonzellen erwiesen sich zwar für Herstel-
lung aufgelagerter Membranen vollkommen brauchbar, gestatteten
jedoch die Darstellung eingelagerter Membranen kaum oder gar nicht
und standen überhaupt in ihren Eigenschaften den zuerst erhaltenen
Zellen nach. Von gleicher Güte wie diese letzteren habe ich auch aus
neun anderen Fabriken bezogenes Material nicht gefunden und so bin
ich nicht in der Lage, eine Bezugsquelle für Thonzellen geeignetster
Qualität anzugeben^). Für aufgelagerte Membranen immerhin voll-
kommen brauchbare Zellen von ungefähr gleichen Dimensionen , wie
die von mir benutzten, wird übrigens E. Leybold's Nachfolger in
Cöln liefern können.
Einige Vortheile würden eiförmige, in einen cylindrischen Hals
auslaufende Zellen gewähren , doch da die in dieser Form für mich
angefertigten Thonzellen dem Materiale nach gegen die schon erwähn-
ten brauchbarsten Zellen zurückstanden, so benutzte ich begreiflicher-
weise diese letzteren bei meinen Versuchen. Ich bemerke noch aus-
drücklich, dass einige Fabrikate auch für Auflagerung von Nieder-
schlagsmembranen sich als absolut unbrauchbar erwiesen und auch
nach Behandlung mit Säuren und Alkalien blieben, obgleich das Aus-
sehen dieser Zellen keinen Grund für dieses negative Verhalten erken-
nen Hess. Doch muss hierfür die physikalische, nicht die chemische
l)Die zuerst von mir benutzten, aus dem Utensilienlager von E. Ma rquardt's
Nachfolger in Bonn bezogenen Zellen Hessen auch hinsichtlich der eingelagerten
Membranen nichts zu wünschen übrig. Da nur wenige dieser Zellen vorräthig,
die aus derselben Fabrik weiterhin erhaltenen aber thatsächlich unbrauchbar
waren, da ferner die Herstellung aufgelagerter Membranen anfangs nicht gelingen
wollte, so kostete es begieiflicherweise erhebliche Mühe und Zeit, ehe die tech-
nischen Schwierigkeiten überwunden waren.
11
Beschaffenheit massgebend gewesen sein, da wieder Zellen aus che-
misch differentem Materiale die Herstellung geeigneter Niederschlags-
membranen gestatteten.
In allen Fällen ist die Entstehung einer hohen osmotischen Druck-
kraft durch eine verdünnte Lösung schon an sich ein sicheres Criterium
für die gelungene Bildung der Niederschlagsmembran. Wenn Schäden
in dieser von Anfang an bestanden oder nachträglich auftraten, erreichte
dieser Druck immer nur geringe Höhe , resp. ging auf ein geringeres
Maass zurück. Thatsächlich reichte dieser Prüfstein in der Praxis aus,
denn in allen diesen Fällen lieferten Versuche mit verschiedenen Zellen
übereinstimmende Resultate bezüglich der zu Stande kommenden Druck-
höhen und ebenso zeigten sich solche Membranen dann immer im-
peiineabel für solche Körper, welche dieselbe fehlerlose Niederschlags-
membran diosmotisch nicht zu durchwandern vermögen.
Ebenso leicht wie aus FeiTocyankupfer konnte ich bei analogem
Verfahren Membranen aus Berlinerblau und Calciumphosphat der Thon-
zelle auflagern. Zur Darstellung der Berlinerblaumembran wurde
die Zelle zunächst mit Eisenchlorid (l'^procentiger Lösung) durchtränkt
und weiterhin 3procentige Ferrocyankaliumlösung in das Innere ge-
geben. Für Calciumphosphatmembranen wurde 3procentige Chlor-
calciumlösung und mit etwas Natriumbicarbonat versetzte 6 Procent
Dinatriumphosphat (PO^ Na^ H -f- 12 H2O) enthaltende Lösung ver-
wandt. Die Membran aus Calciumphosphat und ebenso aus anderen
geeigneten Stoffen, wie z. B. aus Eisenoxydhydrat und Eisenphosphat,
gestattet das Operiren mit alkalischen Flüssigkeiten, durch welche Fer-
rocyankupfer und Berlinerblau zersetzt werden. Freilich müsste bei
einigermassen alkalischen Lösungen der Lackschluss durch einen an-
deren Verschluss ersetzt werden.
Es ist wohl vorauszusehen, dass alle aus gelösten Krystalloiden
entstehenden Membranen auch auf Thonzellen aufgelagert werden kön-
nen. Auch möchte ich glauben, dass die Herstellung solcher Membra-
nen mit colloidalen Membranogenen gelingen dürfte, wenn auch einige
Versuche, Membranen aus gerbsaurem Leim in Thonzellen aufzulagern,
fehlschlugen. Diesem negativen Resultate ist aber durchaus keine
Bedeutung beizumessen, da modifieirte Methoden, die zu verfolgen ich
keine Veranlassung hatte, sehr wohl zu einem Resultate führen könnten.
Auch dürfte es wohl gelingen, aufgelagerte Membranen mit anderen
unlöslichen Stoffen zu infiltriren, wodurch, wie Traube') zeigte, die
1) Archiv für Anat. u. PhysioUtgie 1. c. p. 141.
12
(liosniotischen Eigenschaften der Niederschlagsmembranen wesentlich
modificirt werden können.
p]s lässt sich natürlich dieselbe Thonzelle immer wieder für neuen
Gebrauch herrichten, sofern die Niederschlagsmembran zu entfernen ist.
Ich habe es zweckmässig gefunden zunächst , nach möglichster mecha-
nischer Entfernung des Siegellackes, die letzten Spuren dieses durch Ex-
traction mit Alkohol wegzunehmen. Zur Beseitigung des Ferrocyankuj)fers
wurden darauf die Zellen etwa 24 Stunden mit verdünnter Kalilauge,
der, um das Kupferoxyd zu lösen, etwas weinsaures Natronkali zuge-
setzt war , digerirt, endlich nach dem Auswaschen noch mit verdünnter
Salzsäure behandelt. Es bedarf kaum der Erwähnung, dass die Ber-
linerblaumembran gleichfalls durch aufeinanderfolgende Behandlung
mit Kali und Säure, die Calciumphosphatmembran unmittelbar mit Säure
entfernt werden kann. Wai- um die Zelle Bleiglättekitt gelegt, so lässt
sich dieser natürlich mechanisch wegnehmen, um aber alles Blei sicher
zu entfernen , empfiehlt es sich weiterhin aus naheliegenden Gründen
nicht Schwefelsäure oder Salzsäure, sondern Salpetersäure anzuwenden.
Um bei Anwendung von Bleiglättekitt Verbindungsstück (v) und Ver-
schlussstück {t) auseinanderzunehmen, ist es nachgerade am einfachsten
das werthlose Verbindungsstück mit Sprengkohle zu zersprengen.
Ausser porösem Thone dürfte wohl noch manches andere Material
zur Einlagerung oder Auflagerung von Niederschlagsmembranen brauch-
bar sein , doch habe ich in dieser Hinsicht nur Thierblase und Perga-
raentpapier und zwar mit Erfolg geprüft. Mit Pergamentpapier erhielt
ich stets mit grösster Leichtigkeit eine Scheidewand, welche ihrem os-
motischen Verhalten nach mit einer auf Thonmasse gelagerten Ferro-
cyankupfermembran übereinstimmte, wenn ich einen mit diesem Papier
auf einer Seite verschlossenen Glascylinder nach zuvoriger Injection
des Pergamentpapiers mit Wasser, in Kupfervitriollösung tauchte und
gleich darauf Ferrocyankaliumlösung in das Innere gab ^) . Vollkommen
1) Solche Meuibranen sind zufällig auch von Kürschner (Wagner 's Hand-
wörterbuch der Physiologie Bd. I, 1842, p. 57) erhalten worden. Dieser trennte,
in der Absicht den Durchgang einer Flüssigkeit durch eine sichtbare Reaction zu
controliren, Lösungen von Blutlaugensalz und Kupfervitriol durch thierische Blase.
Da Kürschner in keiner Weise die Bedeutung des in der Membran entstehenden
Niederschlags erkannte, so ist auch dem erwähnten Versuche durchaus kein Ge-
wicht beizulegen. — Die Infiltration von Scheidewänden mit chromsaurem Blei,
re«p. Bariunisulfat, welche Brücke (Poggdf. Aunal. 1843, Bd. 58, p. 85»;, resp.
Ludwig (Zeitschr. für rationelle Medicin von Heule u. Pfe u f er 184',), Bd. VIII,
p. 25; ausführten, ist freilich als ein von einem bestimmten Gedanken geleitetes
Experiment zu schätzen, das iudess weder auf Bildung einer Niederschlagsmem-
13
dichte Verbindung zwischen Glas und Pergamentpapier gelingt leicht,
wenn man zwischen beiden, vor dem Aufbinden mit Fäden, einen leicht
trocknenden Spirituslack anbringt.
Für exacte Messungen sind die auf Thonzellen aufgelagerten Mem-
branen entschieden vorzuziehen. Denn einmal wird das Pergament-
papier durch Druck gedehnt und der hieraus entspringende Fehler
würde auch durch untergelegte Metallsiebe nicht ganz beseitigt, weiter
wird die Niederschlagsmembran durch die Dehnung leicht beschädigt
und auf ihre Continuität ist nur bei reichlicher Gegenwart der Membra-
nogeue zu rechnen. Endlich wurde bei allen Versuchen, nachdem der
Ueberdruck 1 bis 2 Atmosphären erreicht hatte, Ferrocyankupfer durch-
gepresst , offenbar in analoger Weise . wie Niederschlagsmembranen
durch dichte Leinwand gedrückt werden. Immerhin eignen sich die in
Pergament[)apier eingelagerten Membranen zu manchen osmotischen
Versuchen und namentlich auch zur Demonstration osmotischer Druck-
kraft. Indem man ein genügend weites Glasrohr an einem Ende in
einen Hals auszieht und in diesem ein zum Einsetzen offener Mano-
meter geeignetes Verschlussstück [t in Fig. 1) anbringt, hat man einen
Ap[)arat, der allen Anforderungen entspricht. Bei einer Röhrenweite
von 20 bis 25 Millimeter hält gutes Pergamentpapier einen Ueberdruck
von -74 bis 1 Atmosphäre sicher aus.
Die auf Thonzellen aufgelagerten Niederschlagsmembranen bilden
auf der Thonmasse eine dünne Schicht, welche, wenn sie aus gefärbten
Körpern , wie aus Berliuerblau oder Ferrocyankupfer besteht, gut zu
übersehen ist. Zerschlagene Zellen zeigen, wie diese Niederschlags-
membran sich den Unebenheiten der Thonmasse eng anschmiegt und
dem entsprechend selbst uneben ist. Für die Versuche selbst hat dieses
zwar keine Bedeutung, würde aber dann schwer ins Gewicht fallen,
wenn es sich um Messung der Membrandicke handelte, ja würde eine
solche, die sonst auf optischem Wege sehr genau auszuführen wäre,
unmöglich machen.
Mit den in Thonzellen aufgelagerten Niederschlagsmembranen
hatte ich namentlich den numerischen Werth dreier Grössen unter
bran ausging, noch auch eine solche bei Anwendung der genannten Membranogene
gegeben haben würde. — Uebrigens sind aus Niederschlagsmembranen manche
der sog. metallischen Bäume gebildet , welche schon bei den Alchymisten eine
Rolle spielten. Der Eisenbaum Glaub er 's ist ein aus Eisensalz und Wasserglas
dargestelltes Eisensilicat. (Vgl. Kopp, Geschichte d. Chemie 1847, IV, p. 149.)
14
variablen Verhiältnissen zu bestimmen. Nämlich: 1, die Bewef^ung von
Wasser in eine Zelle, welche ein osmotisch wirkender Stoff bewirkt;
2) die Filtration , d. h. den Wasserausstrom unter bekanntem Druck:
3) die Druckhöhe, welche als Gleichgewichtszustand von 1 und 2 durch
einen osmotisch wirkenden Stoff in einer geschlossenen Zelle zu Stande
kommt. — Das Verhältniss der sich austauschenden Mengen von Was-
ser und Salz, das sog. endosmotische Aequivalent, für solche Köri)er zu
bestimmen, welche durch die Niederschlagsmembran diosmiren , lag
nicht in dem Plane dieser Arbeit.
Gleich hier sei bemerkt , dass ich unter »Osmose« oder «Diosmose«
den Durchgang eines Körpers durch eine beliebige Scheidewand ver-
stehe. Die osmotische Bewegung eines Körpers in das Innere einer
Zelle werde ich wohl gelegentlich auch »Endosmose« nennen, also mit
diesem Worte nur eine bestimmte Richtung des osmotischen Stromes
bezeichnen. Der unter Nr. 3 erwähnte Gleichgewichtszustand zwi-
schen Endosmose und Filtration soll als osmotische Druckkraft oder als
Druckhöhe bezeichnet werden.
Bei allen Operationen ist es freilich möglich, die Niederschlags-
membranen ohne Gegenwart der Membranogene zu verwenden, doch
kann immerhin leicht ein kleiner Riss auftreten, welcher grosse Fehler
herbeizuführen im Stande ist. Ich habe deshalb, wo nicht besondere
Gründe zu anderem Handeln vorlagen, vor allem bei Prüfung der Druck-
höhe, der Innen- und Aussenflüssigkeit je einen der Membranbildner in
solcher Menge zugesetzt, dass die osmotische Gegenwirkung beider
sich gerade aufliob. Es konnte dieses, ohne einen erheblichen Fehler
in den Versuchen herbeizuführen, um so eher geschehen, als erfahrungs-
gemäss schon sehr verdünnte Lösungen der Membranogene (0,1 Procent
und weniger enthaltende) ausreichen, um entstandene Risse in der Mem-
bran zu repariren. Wir werden auf diesen Punkt nochmals zu sprechen
komnien.
2. Messung des osmotischen Wasserstroms.
Zur quantitativen Bestimmung der endosmotischen Wasserbewegung
diente die in Fig. 2 abgebildete Zusammenstellung. Es wurde das
Steigen der Flüssigkeitssäule in einem calibrirteu Rohre (s) beobachtet.
Avelches mittelst Kautschuk in die Endöffnung des Verschlussstuckes
(vergl. Fig. 1' eingesetzt war. Die ganze Zelle wurde in Was-
15
ser^) eingetaucht, dessen Temperatur in zwei verschiedenen Höhen
durch genaue Thermometer bestimmt wurde.
Die verhältnissmässig geringe endosmotische Volum-
zunahme und die Nothwendigkeit die Zeitdauer eines
Versuches möglichst abzukürzen, forderten die Wahl
eines engen Messrohres. Das von mir angewandte Rohr
hatte einen Durchmesser von 1,4090 Millim. und war auf
einer Strecke von 20 Centimeter in Millimeter getheilt.
Eine genaue Calibrirung ergab für diese getheilte Strecke
einen gleichmässigen Durchmesser, so dass überall die
Erhebung der Flüssigkeit um 1 Millim. , eine Volum-
zunahme von 1,559 Cubicmillim. anzeigt.
Einstellung der Flüssigkeitssäule im Messrohr und
Zusammensetzung des Apparates bedürfen keiner beson-
deren Erläuterung ; beiläufig sei nur erwähnt, dass das
Austrocknen des nicht von Flüssigkeit eingenommenen
Theiles des Messrohres mittelst eines Fadens geboten ist.
Bei dem verhältnissmässig grossen Rauminhalt der
Zelle von mindestens 15 Cub.-Cent. macht sich eine
Temperaturschwankung von PC. im Messrohre durch
eine Aenderung des Flüssigkeitsniveau von durchschnitt-
lich etwa 2 Millim. bemerklich und bedarf es deshalb einer genauen
Controle der Temperatur. Es wurde diese an den beiden, mit ihren
Kugeln neben dem unteren und oberen Ende der Zelle befindlichen
Theiinometern bis auf \'<io^C. abgelesen; die Thermometer selbst
waren in Vio" getheilt und mit einem Geissler' sehen Normalthermo-
meter genau verglichen. Während eines Versuches wurde mit seltener
Ausnahme dafür Sorge getragen, dass die Temperatur der Flüssigkeit
höchstens um Vs^C. oscillirte, schon einige Zeit vor einer Ablesung
wurde aber jedesmal die Ausgangstemperatur bis auf V'2o"C. genau
wieder hergestellt. Da dieses verhältnissmässig leicht durch Be-
rührung des Glascylinders mit der Hand, oder mit einem kalten Köi-per
zu erreichen ist , so zog ich diesen Weg einer Reduction auf gleiche
Temperatur vor, welche eine jedesmalige Bestimmung des Ausdehnungs-
werthes gefordert hätte.
Die Niveauänderung der Flüssigkeitssäule im Messrohr wurde
durch Ablesung mit Cathetometer bis auf 0,1 Millim. genau bestimmt,
Fig. 2.
Ich werde kurz von Wasser als Aussenflüssigkeit sprechen, wenn diese ,^„__^
auch eine diluirte Lösung des Merabranbildners ist. •"'^'o^ ^'^ /\
luJ 1 L I B R Ä R Y 1 ^
16
so dass der liieraus und aus Teniperaturdifferenzen ent8])ringende
Fehler höchstens einer Höhenänderung von. 0,3 Millim. im Messrolir
gleichkommen kann. Directe Versuche, in denen osmotische Wirkung
ausgeschlossen war, haben mir ausserdem die Gewissheit gegeben,
dass dann dieser Fehler durch die schon erwähnten und noch zu
erwähnenden Fehlerquellen zusammengenommen nicht überschritten
wird.
Eine weitere Fehlerquelle, durch den Niveauunterschied der
Flüssigkeiten innerhalb und ausserhalb der Zellen bedingt, kommt bei
der geringen Bedeutung dieser kleinen Druckkraft für Filtration nur
dann in Betracht, wenn die endosmotische Wirkung eine schwache ist.
Auch dann ist dieser Fehler auf ein verschwindendes Maass be-
schränkt, wenn die Druckdifferenz selbst ein Minimum ist, was erreicht
wird, wenn das Flüssigkeitsniveau im Messrohr entsprechend der
Capillarerhebung höher , als die Aussenflüssigkeit im Glascylinder ein-
gestellt wird. Nahezu ist dieses auch für verdünnte Salzlösungen er-
reicht, wenn die Capillarerhebung des Wassers zu Grunde gelegt wird,
welche sich in unserem Messrohre für Temperaturen zwischen 8 und
20" C. zu 2J bis 21,5 Millim. berechnet i). Der Filtration bewirkende
Druck beträgt dann bei geringer Volumenänderung im Verlaufe des
Versuches höchstens einige Millimeter.
Durch Verrücken der Verschlüsse kommt , wenn der Apparat vor
Erschütterungen bewahrt vrird, kein messbarer Fehler zu Stande,
ebenso nicht durch Wasserverdampfung in dem engen Messrohr.
Wesentlich aber ist . dass sich die Permeabilität der Membran mit der
Zeit vermindert ; durch Verdickung und Verstopfung wenn die Mem-
branogene zugegen sind, durch Verstopfung allein wenn diese fehlen.
Auch in diesem letzteren Falle ist eine solche Aenderung nicht ganz zu
umgehen , jedoch bei Verwendung recht klarer Lösungen auf ein ge-
ringes Maass zu reduciren. Die Grösse dieses Fehlers ist In fast allen
meinen Versuchen zu beurtheilen, indem eine Versuchsreihe gewöhnlich
mit demselben Versuche abschliesst, mit welchem sie begonnen hatte.
Bei der Unbekanntschaft mit der Membrandicke und der Unmög-
lichkeit den Einfiuss dieser und anderer Factoren zu bestimmen, konnte
die endosmotische Wirkung unter verschiedenen Bedingungen immer
nur mit derselben Zelle vergleichend untersucht werden. Hierbei zeigte
es sich beim Wechsel verschiedener Lösungen als ausreichend , wenn
die Zelle mit aufgelagerter Membran einigemal mit der neu einzufüllen-
1) Vorgl. Hu ff, Physikalische Mechanik 1874, 2. Theil, p. 199.
17
den Flüssigkeit ausgespült wurde. Auch ergab sich , dass der Gleich-
gewichtszustand immer schon nach 10 Minuten hergestellt war, wie
Ablesung in aufeinanderfolgenden Intervallen zeigte, ein Verfahren,
das übrigens in allen Versuchen der Controle halber angewandt wurde.
Die Volumvergrösserung der in der Zelle befindlichen Lösung war
in allen Fällen zu gering, um irgend zu beachtende Schwankungen in
der Concentration hervorzubringen. Auch der osmotische Uebergang
der gelösten Körper, wenn überhaupt ein solcher stattfand, war doch
selbst für Salpeter — unter den von mir verwandten Stoffen der am
stärksten diosmirende — so unbedeutend, dass er nach Ablauf der Ver-
suchszeit kaum zu bestimmen war.
3. Filtration unter Druck.
Die Filtration unter bekanntem Druck wurde mit dem in Fig. 3
abgebildeten Apparate gemessen. Die
Zelle {z) ist durch ein Gllasrohr, wel-
ches nur der bequemen Handhabung
halber in der dargestellten Weise ge-
bogenwurde, mit dem biruförmigen Ge-
fäss 0 verbunden , in welchem sich
Quecksilber und Wasser, resp. wie auch
in der Zelle, die mit der Aussenflüssig-
keit äquilibrirte Lösung des einen Mem-
branbildners befindet. In dieses Gefäss
ist das zur Aufnahme der drückenden
Quecksilbersäule bestimmte Rohr s und
ausserdem an der Basis ein recht-
winklig gebogenes Rohr eingesetzt, wel-
ches mit dem Glashahn tv und dem
Sammelgefäss h versehen ist. Nachdem
die erwähnten Theile mit Kautschuk-
pfropfen sehr dicht schliessend inein-
andergefügt waren, wurde zunächst das
Gefäss 0 zum grössten Theil mit Queck-
silber, dann die Zelle {z) mit Flüssigkeit
gefüllt und darauf in der auch aus Fig. 1
zu ersehenden Weise mit einem Kaut-
schukkork geschlossen, durch welchen
Pfeffer, Osmotische Untersuchungen.
Fig. 3.
18
ein mit offener Capillare endendes Glasrohr geführt war. Die Kaut-
schukkoike wurden endlich noch durch Drahtbänder unverrückbar fixirt.
Es handelt sich nun darum, die Zelle vollkommen mit Wasser zu
füllen und durch dieses einen Theil des Quecksilbers im Gefäss o in
das Sammelgefäss // zu verdrängen. Solches ist leicht zu erreichen,
indem man mit einer geeigneten Vorrichtung Flüssigkeit durch die
Capillare treibt, und dieses so oft wiederholt, bis alle Luft verdrängt
und überhaupt der soeben bezeichnete Zustand erreicht ist. Nun
schliesst man den Glashahn n und schmilzt die Capillarspitze ab, was,
indem man zuerst etwas Wasserdampf erzeugt, so bewerkstelligt wer-
den kann, dass in dem ganzen A})i)arate keine Luft zurückbleibt. Der
Apparat wird dann, wie es aus der Figur zu ersehen ist, in eine Cüvette
gebracht . welche Wasser oder die verdünnte Lösung des einen Mem-
branbilduers enthält. Um die Concentration dieser unverändert zu er-
halten, ist die Cüvette mit Glasplatten überdeckt, durch welche auch 2
genaue Thermometer [w] geführt sind. Im Uebrigen wird der Apparat
durch Einklammern des Druckrohres s festgehalten.
Der oberhalb des Sammelgefässes h befindliche rechtwinklige
Schenkel wurde mit einer Druckpumpe in Verbindung gesetzt und ver-
ndttelst dieser das Quecksilber in demDruckrolire [s] auf die gewünschte
Höhe hinaufgetrieben. Nach Abschluss des Glashalmes n gestattet dann
der Ai)parat aus der Senkung der Quecksilbersäule in dem calibrirten
Druckrohr die Filtrationsschnelligkeit unter bekanntem Druck zu be-
stimmen.
Das von mir benutzte Druckrohr erlaubt die pressende Quecksilber-
säule auf eine Höhe von 250 Centim. zu steigern. Das Rohr ist aus
zwei Stücken zusammengesetzt, deren Vereinigung und Communieation
durch einen Glashahn hergestellt wird. Die Durchbohrung des Glas-
hahnes und überhaupt der ganze Schluss wird durch Fig. 3 bei a),
namentlich aber auch durch Fig. 1 («) vorgeführt und es igt sogleich
ersichtlich , dass hier kein die Schlussstücke auseinandertreibender
Druck zu Stande kommt. Die Theilung in Millimeter läuft von dem
unteren Rohr auf das obere weiter, was bei der Vorzüglichkeit der
Gei ssl er" sehen Ginshähne hinsichtlich der Druckhöhe keinen be-
merklichen Fehler veranlasst. Auch die Dichte des Schlusses ist durch
die bekannte meisterliafte Arbeit Gei ssler' s ') für noch weit höhere
Drucke vollkdiuTneii gesichert. Doch glaube ich hier die Bemerkung
gefertigt
1) Allo angewandfen Olasapparate wurden vi»ii Honn Dr. Geisaler in Bonn
rtip-f
19
nicbt unterlassen zu dürfen, dass sowohl das Druckrohr, wie auch
dessen Vereinigung mit dem Druckapparate zweckmässiger in anderer
Weise zu construiren wäre *) und auch von mir gleich anfangs anders
consti'uirt sein würde, wenn ich nicht mit Rücksicht auf bestimmte in
Aussicht genommene Versuche, welche sich erst weiterhin als unnöthig
erwiesen, Grund gehabt hätte, alle MetallschlUsse zu vermeiden.
Da Glasröhren so erheblicher Länge kaum von gleichmässigem
Durchmesser zu erhalten sind, so musste wenigstens für die Stellen
eine genaue Calibrirung vorgenommen werden, an denen Ablesungen
zur Bestimmung der Filtrationsmenge ausgeführt wurden. Es genüge
hier einfach die Bemerkung , dass der Durchmesser des erwähnten
unteren Druckrohres zwischen 1,48 und 1,68 Millim. lag und auch das
obere Druckrohr ein ähnliches Lumen hatte.
Bei Feststellung der Beziehung zwischen Druckhöhe und Filtrations-
menge wurde die Versuchsdauer für jede einzelne Druckhöhe so aus-
gedehnt, dass eine Senkung der Quecksilbersäule von mindestens 8 Mm.
zu Stande kam. Durch Ablesung in einigen Intervallen wurde die
Genauigkeit der Beobachtungen controlirt. Mit Rücksicht auf die Ver-
änderlichkeit der Filtrationsschnelligkeit der Membran wurde möglichst
schnell operirt und zum Schluss einer Versuchsreihe noch ein Experi-
ment bei demselben Drucke angestellt, mit welchem die Versuchsreihe
eröÖTiet war.
Wird die Temperatur des in der Cttvette befindlichen Wassers ge-
nau regulirt und die Temperatur der Luft, mit ihr auch die Temperatur
der über Wasser ragenden Quecksilbersäule, auf dei*selben Höhe an-
nähernd genau gehalten, so kommt der aus Temperaturdifferen-
zen und Ablesung zusammen entspringende Fehler höchstens der Ver-
schiebung einer Quecksilbersäule von 0,4 Millim. gleich, dürfte diese
Höhe aber wohl keinmal erreicht haben. Die Elasticität der Kaut-
schukkorke bringt bei der geringen Druckändenmg von 10 bis 15 Mm.,
wie sie für einen Einzelversuch in Betracht kommt, keinen zu beach-
tenden Fehler mit sich. Natürlich muss jeder Schluss sehr vollkommen
und der Apparat unverrückbar aufgestellt sein. Aus nicht genauer
Vertikalstellung, aus Anwesenheit von Luft im Appai-at entspringende
Fehler und einige andere zu vermeidende Fehlerquellen kann ich füg-
lich unerwähnt lassen.
Zur Bestimmung des wirklichen mittleren Filtrationsdruckes müssen
1) Am besten würde eine etwas raodificirte Construction sein, wie sie Reg-
nault anwendete. Memoir. de lAcadem. d. sciences d. l'institut de France. Bd.
XXI, p. 329.
2*
20
ausser der Höhe der pressenden Quecksilbersäule im Druckrohr, auch
die Capillardepression des Quecksilbers in diesem , ferner der üeber-
druck des in der CUvette befindlichen Wassers und eventuelle Schwan-
kungen des Barometers in Rechnung gezogen werden. Eine Reduction
der pressenden Quecksilbersäule auf 0"C. konnte ich unterlassen, da
die Temperatur in einer Versuchsreihe constaut war und ich nur das
Verhältniss von Druckhöhe und Filtrationsmenge kennen lernen wollte.
4. Messung der Druckhöhe.
Die osmotischen Druckhöhen wurden meist mit Luftmanometeru ge-
messen ; nur wo es sich um geringe Druckkräfte handelte, kamen wohl
auch offene Manometer zur Verwendung.
Die Gestalt meines Luftmanometers führt Fig. 1 in ungefähr halber
natürlicher Grösse vor. Der längere geschlossene Schenkel ist mittelst
des schon vorhin erwähnten Glashahnschlusses mit dem kürzeren offe-
nen Schenkel verbunden, welchem ein erweiterter Raum zur Aufnahme
von Quecksilber angeblasen ist. Beide Schenkel tragen eine von dem-
selben Nullpunkt ausgehende Theilung in Millimeter, welche sich auf
dem geschlossenen Schenkel über eine Strecke von 200 Millimeter er-
streckt. Der Durchmesser dieses Schenkels wurde gering genommen
(er lag bei den 3 von mir benutzten Manometern zwischen 1,166 und
1,198 Millim.), damit die osmotische Druckhöhe sich schneller und
ohne erhebliche Wasseraufnahme in dem Apparat herstellen konnte.
Der durchweg grössere Durchmesser in dem zweimal rechtwinklig ge-
bogenen Schenkel erreichte in dem erweiterten Räume 7,5 bis 8 Millim.
Da immerhin die Möglichkeit vorlag, dass bei längerem Gebraucl^.
etwas Flüssigkeit zu der im langen Schenkel abgeschlossenen Luft ge-
langen konnte, so wurde jedes Manometer nach höchstens fünfmaligem
Gebrauche von Neuem mit trockner Luft gefüllt. Uebrigens ergab ein
Controlversuch , dass selbst nach zehnmaligem Gebrauche die stark
comprimirte Luft sich noch ebenso wie trockene Luft bei erheblicher
Temperaturerhöhung ausdehnte, dass also soviel Wasser, um durch
Dampftensiou sich bemerklich zu machen , noch nicht in die trockene
Luft gelangt war.
Wesentlich mit Rücksicht auf diese öftere Neufüllung waren die
Manometer nicht aus einem Stück angefertigt worden. Zunächst wurde
ein gebrauchtes Manometer auseinander genommen, wobei das Innere
des langen Schenkels rein erhalten werden kann , dann wurde nach
Reinigung des kürzeren Schenkels die Zusammensetzung wieder her-
21
gestellt. Wenn es sich um Versuche bei höherer Temperatur handelt,
muss ein auch unter diesen Umständen noch zähflüssig bleibendes Fett
zur Dichtung des Glashahnes Verwendung finden. Durch Anbringung
eines Siegellacktropfens ist die relative Stellung der beiden Schenkel
leicht unverrückbar zu fixiren ; nebenbei empfiehlt es sich, eine Kaut-
schuklamelle so anzubringen, dass der Glashahn mit gewisser Kraft in
seine Hülse gepresst wird.
Ein Apparat, mit dem eine Neufüllung der Manometer ohne viele
Mühe auszuführen ist, wurde in Fig. 4 abgebildet. Das Glasrohr h
wird mit einer Luftpumpe in
Verbindung gesetzt und nun
der ganze Api)arat möglichst
evacuirt. Dann lässt man ganz
langsam Luft wieder einströ-
men, so dass diese, durch
im Kaliapparat befindliche
Schwefelsäure und durch
Chlorcalcium vollkommen ge-
trocknet, in das Manometer
(/«) gelangt. Vor diesem ist
ein Glasrohr [d] eingeschaltet,
welches in einer nach unten
gerichtetenAussackung Queck-
silber enthält. Dieses Rohr Figur 4.
und das Manometer werden, nachdem die Luft getrocknet und zuvor
bis zu einem gewissen Grade verdünnt ist, so geneigt, dass das Queck-
silber durch die einströmende Luft in das Manometer getrieben wird.
Die Grösse der richtigen Evacuation kann dann an der einfachen Mano-
meterprobe u für fernere Füllung markirt werden.. Natürlich ist ein
oft wiederholtes Auspumpen no'thwendig , ehe man der Füllung des
Manometers mit vollkommen trockener Luft versichert sein kann.
Zum Gebrauche wurde der nicht mit Quecksilber angefüllte Raum
im offenen Manometerschenkel mit der Flüssigkeit gefüllt, welche auf
ihre osmotische Wirkung geprüft werden sollte. Mit dieser wurde dann
auch die Zelle angefüllt, nachdem das Manometer, wie es Fig. 1 (p. 5)
zeigt, eingesetzt war und darauf der endliche Abschluss, ohne dass Luft
im Apparate blieb, in der schon vorhin angegebenen Weise, mit Hülfe
eines in eine Capillare ausgezogenen Glasrohres erreicht. Nach Ab-
schmelzen der Capillarspitze empfiehlt es sich, durch weiteres Eintreiben
22
des Glasröhrcheua, einen gewissen Druck in der Zelle herzustellen, um
die Erreichung der etidlichen Druckhöhe zu beschleunigen und zugleich
die Wasseraufnahrae in den Apparat zu beschränken. Nach Beendigung
eines Versuches lässt man die Capillarspitze vor der Lampe aufblasen
und kann so den Apparat ohne jede Schwierigkeit wieder öffnen. Wenn
die Form der Glasröhre [t] es mit sich bringt, dass die Kautschuk-
korke an ihrer inneren Endigung sich etwas erweitem, so gewinnen sie
schon hierdurch einen bedeutenden Halt , doch wurden sie für höhere
Druckkräfte immer noch durch
Anlegung von Champagner-
knoten ausMetalldraht' Kupfer-
draht oder eventuell Silber-
drahtj vor dem Heraustreiben
gesichert. Ich habe bei Druck-
kräften bis zu 7 Atmosphären
immer mit Leichtigkeit voll-
kommen dichte Schlüsse her-
stellen können.
Wie aus Fig. 5 zu ersehen
ist, wurde die geschlossene
Zelle, an einen durch Kork
geführten Glasstab befestigt,
so in eine Cüvette eingesetzt,
dass auch das Manometer ganz
in Flüssigkeit eintauchte.
Durch zwei genaue Thermo-
meter wurde die Temperatur
gemessen. Die Ueberdeckung
der nicht durch Korke ge-
schlossenen Oeffnung der Cü-
vette mit einer Glastafel
diente dazu, die Verdampfung
von Flüssigkeit dann zu ver-
hindern, wenn die Cüvette mit verdünnter Lösung eines Membran-
bildners angefüllt war. Der Apparat ist in der Figur ungefähr in 1/4
der natürlichen Grösse dargestellt; die CUvetten fassten beiläufig be-
merkt 2 bis 21/2 Liter Flüssigkeit.
Um die genaue Vertikalstellung der Manometer leicht erreichen zu
können, stellt man dieCüvetten am besten in mit Sand gefüllte Schalen.
Wird über das ganze eine Glasglocke gestülpt und der Apparat in einem
Figur 5
23
gleichmässig temperirten Zimmer gehalten, so ist es unschwer zu er-
reichen, dass die Thermometer im Laufe einiger Stunden um weniger
alsYio'^C. schwanken. Diese Constanz der Temperatur ist deshalb
von Bedeutung, weil der endliche Gleichgewichtszustand zwischen os-
motischem Einstrom und Filtration unter Druck, namentlich bei niederer
Temperatur nur langsam eintritt und man dieserhalb genöthigt ist, vor
Beendigung des Versuches sich von dem Feststehen der Quecksilber-
säule im Manometer während einiger Stunden zu überzeugen. Bei Be-
stimmung der Druckhöhe für höhere Temperaturgrade wurde die ganze
Cüvette in einen mit Sand gefüllten und mit Glasglocke überdeckten
Heizapparat eingestellt, dessen Temperatur gut regulirt wurde. Bei
Uebergang von niederen zu höheren Wärmegraden ist darauf zu achten,
dass durch den vermehrten Druck, welchen Ausdehnung von Flüssig-
keit und Luft herbeiführt, die Verschlüsse des Apparates nicht gefähr-
det werden.
Geringe osmotische Druckhöhen wurden wohl auch mit offenem
Manometer gemessen, dessen langer Schenkel, um schnell den Gleich-
gewichtszustand herzustellen , aus einem engen Rohre von ungefähr
0,3 Millim. Durchmesser gebildet wurde Gestalt und methodische
Benutzung dieses Manometers bedarf keiner besonderen Erläuterung,
beiläufig sei nur bemerkt, dass der Messungsfehler jedenfalls weniger
als 3 Millim. beträgt.
5. Berechnung der Druckhöhe.
Die Druckberechnung aus den Ablesungen erfordern ausser den
gewöhnlichen, noch einige durch Apparate und Versuchsanstellung ge-
botene Correctionen. Um die Berechnung möglichst bequem zu machen,
verfuhr ich in folgender Weise.
Zunächst wurde das nur mit Quecksilber gefüllte Manometer, während
der offene Schenkel mit Luft communicirte, vertical in einer mit Wasser
gefüllten Cüvette aufgestellt. Aus den Ablesungen ergab sich unter
Beachtung desMeniscusfehler und der Calibrirungstabelle des geschlos-
senen Manometerrohres, das corrigirte Volumen [v), welches auf O^'C.
und den Druck einer Quecksilbersäule von 1 Centim. Quecksilber
reducirt wurde [v^) . Diese Eeduction erfordert die Kenntniss der Tem-
peratur der eingeschlossenen Luft (^1, des Barometerstandes [b]. den
abgelesenen Höhenunterschied der Quecksilbersäulen in den beiden
Schenkeln des Manometers {d) und die zu Gunsten des geschlossenen
24
Schenkels ausfallende Differenz der Capillardepression des Queck-
silbers [c] . Man hat also :
{h±d—c\
(l+«<) ■
Dieser Werth von v^ ist natürlich für jede Manometerfüllung nur einmal
zu berechnen. — Die Werthe von (l+a^), resp. deren Logarithmen,
wurden aus den Tabellen in B u n s e n " s gasometrischen Methoden ent-
nommen.
Das nach Erreichung der osmotischen Druckhöhe sich ergehende
corrigirte Volumen ( V) reducirte ich zunächst nur auf 0" C. ( F") und ])e-
reclmete den nach dem Mariotteschen Gesetz sich ergebenden Mehr-
druck [D) :
Man erhält nun den durch osmotisclie Wirkung zu Stande gekommenen
Druck (O), indem von D subtrahirt resp. zu 7J addirt wird: 1) der Ba-
rometerstand {b') ; 2) der Unterschied des Quecksilberstandes in den Ma-
nomcterschenkeln {d') ; 3) die Capillardepression des Quecksilbers (c) ;
4) der auf Quecksilberdruck reducirte Ueberdruck von Seite der in der
Cüvette befindlichen Flüssigkeit [e] , welcher ohne zu beachtenden Feh-
ler dem Druck einer Wassersäule gleichgesetzt werden konnte, deren
Höhe vom Niveau der CüvettenflUssigkeit bis zu dem Quecksilber in dem
Sammelgefäss des kurzen Manometerschenkels reicht ') . Es ist also
0 = 1)— {b'±d' — c-\-e] = D—S.
Es ist natürlich am einfachsten, die Luftvolumina unmittelbar in der
Millimetertheilung der Manometer auszudrücken.
Die geschlossenen Schenkel der drei von mir benutzten Manometer
besassen zwischen 1,166 und 1,198 Millim. liegende Durchmesser und
dem entsprechend beträgt das Volumen zwischen zwei aufeinander-
folgenden Millimeterstrichen 1,0651 resp. 1,1247 Cub. -Millim. Dieser
Volumgehalt war für alle Zonen dieser Manometerröhren, wie die Ca-
librirung mittelst Quecksilberfadens ergab, ein als gleichförmig anzu-
sehender. Auch der durch die abgeschmolzencKup])e hervorgebrachte
Fehler war in allen Manometern nur gering. Um mit gleichzeitiger
Berücksichtigung des Quecksilbermeniscus das corrigirte Volumen zu
1) Thatsächlich besass immer die in der Zelle befindliche Flüssifjkeit ein
etwas höbcrea specifisches Gewicht als die Aussentiiissigkeit. Jedoch ist der aus
Vernachlässi^unf? dieses Umstjindes entspringende Fehler zu Keiii'S »'u >''» in
Itechnung zu ziehen.
25
erhalten , bedurfte es in einem Falle gar keiner Correction, bei den
beiden anderen Manometern musste 0,2, resp. 0,6 zu dem abgelesenen
Volumen addirt werden , um dieses in der Millimetertlieilung ausge-
drückt zu erhalten.
Die Capillardeprcssion berechnet sich für den geschlossenen Schen-
kel der Manometer zwischen 8,1 und 9,6 Millim. Es konnte in allen
Fällen eine Correction von 9 Millim. angerbracht werden , ohne (selbst
bei 'rem])eraturunterschieden) in Betracht kommenden Fehler zu be-
gehen. Um aus Adhäsion des Quecksilbers entspringenden Fehlern
vorzubeugen, musste dieses, wie auch das Manometerrohr vollkommen
rein gehalten werden. Immerhin empfiehlt es sich , vor Beendigung
eines Versuchs durch leichte Erschütterungen des Apparates eine even-
tuelle Adhäsion zu beseitigen.
Ein kleiner Fehler, welcher aus der unterlassenen Reduction der
drückenden Quecksilbersäulen auf gleiche Temperatur entspringt,
konnte seiner Geringfügigkeit halber hier vernachlässigt werden. Es
leuchtet dieses ein, wenn man beachtet, dass die Temperatur des Queck-
silbers im Barometer während aller mitzutheilenden Versuche zwischen
12 und 19"C. lag und die drückenden Quecksilbersäulen im Manometer
so niedrig sind, dass selbst bei Temperaturschwankungen von 20 »C.
der Druckunterschied weniger als 1 Millim. betragen würde. Ebenso
bedarf es keiner Rechtfertigung, dass die Dilatation des Glases, die
nicht vollkommene Exactheit des Mariotte' sehen Gesetzes und einige
andere unbedeutende Fehlerquellen nicht beachtet wurden.
Die Summe der Fehler, welche aus Ablesung, Temperaturschwan-
kung und ungenauer Einstellung der Quecksilbersäule im Manometer
entspringen , wird im höchsten Falle einer Verschiebung der Queck-
silbersäule im Manometerrohre um 0,4 Millim. gleichkommen. Dieses
bedingt, bei einem Ueberdruck von 1 Atmosphäre, einen Fehler von etwa
3 Millim., und wenn dieser auch bei 4 Atmosphären bis nahezu auf
8 Millim. steigt, so ist doch eine ausreichende Genauigkeit hergestellt.
6. Herstellung und Controle der benutzten Lösungen.
Gelegentlich wurde schon bemerkt , dass , um die Continuität der
Membran zu sichern, sehr viele Versuche bei Gegenwart der Mem-
branogene ausgeführt wurden, deren Concentration so regulirt war,
dass sich beide osmotisches Gleichgewicht hielten. Dieses ist für die
von mir wesentlich benutzten Membranbildner, fürFerrocyankaliuni und
Kupfemitrat der Fall, wenn die Lösungen von jenem 0,1 Procent, von
26
diesem 0,09 ProccDt') (dem Gewichte nach) enthalten. Erfahrungsge-
mäss reichen diese sehr verdünnten Lösungen aus , um kleine Schäden
in der F'errocyankui)fermembran zu repariren.
In fast allen Experimenten diente die Kupferlösung als Aussen-
flässigkeit, während dem osmotisch zu prüfenden Zellinhalt Ferrocyan-
kalium zugesetzt war 2) . Der unsichern Abwägung des Kupfernitrates
halber wurde eine annähernd 5procentige Lösung dieses Salzes her-
gestellt, der Gehalt an Kupferoxyd durch Abdampfen und Glühen genau
ermittelt und daraus der Gehalt an Cu(NO^)2-|-3H20 berechnet. Auch
von Ferrocyankalium wurde, um Lösungen anderer Körper mit be-
kannten Mengen jenes bequemer herstellen zu können, eine Iprocentige
Lösung aus über Schwefelsäure getrocknetem Ferrocyankalium vor-
räthig gehalten.
Die Anwesenheit von Ferrocyankalium schliesst natürlich , sobald
es sich um genaue osmotische Messungen handelt, die Verwendung
solcher Stoffe aus, welche mit jenem Verbindungen oder Zersetzungen
eingehen , doch würden z. B. die Natriumsalze durch Benutzung von
Ferrocyannatrium einer Prüfung zugänglich werden. Auch muss er-
wogen werden, ob nicht in gemischten Lösungen ein indiflferenter Stoff
die osmotische Wirkung des Ferrocyankaliums modificirt und weiter
ist zu beachten, dass für eine nach Gemchtsprocenten hergestellte
Lösung der Gehalt an beigemengtem Ferrocyankalium in der Volum-
einheit der Lösung dem specifischen Gewichte dieser proportional ist,
während die osmotische Wirkung wahrscheinlicher zu den Gewichts-
mengen in der Volumeneinheit der Lösung in proportionalem Verhält
niss steht.
Betrachten wir zunächst den zuletzt erwähnten Punkt. Es möge
die reine Lösung eines Köi-pers von diesem die Gewichtsmenge a in der
Gewichtseinheit enthalten und ein specifisches Gewicht von 1,08 be
sitzen. Soll nun eine Lösung gewonnen werden , welche wieder in der
Gewichtseinheit die Gewichtsmenge a desselben Körpers , von Ferro-
cyankalium aber gleichzeitig in der Volumeneinheit ebensoviel enthält,
wie eine reine, 0, Iprocentige Lösung dieses Salzes, so müssen
— y-- = 0,0926 Grm. Ferrocyankalium und 100 . a Grm. des fraglichen
Stoffes zu 100 Grm. Flüssigkeit gelöst werden. Wären 0,1 Grm. Ferro-
1; Man würde natürlich auch Kupfervitriol in geeigneter Concentration an-
wenden können.
2) Diese Innenflüssigkeit wurde mit destillirtem Wasser, dieAussenflüssigkeit
mit Kegeuwasscr dargestellt.
27
cyankalium abgewogen, so würden 0,0074 Gnn. zu viel genommen
sein und , falls die Gewichtsmengen in der Volumeneinheit flir osmo-
tische Wirkung massgebend ist, so mUsste die Druckhöhe des zu
prüfenden Stoffes um die Wirkung jener 0,0074 Grm. zu hoch gefunden
werden. Ferrocyankalium habe ich nicht hinsichtlich der osmotischen
Druckhöhe untersucht , doch habe ich Grund anzunehmen , dass diese
für eine Iprocentige Lösung geringer als 150 Ctm. Quecksilberdruck
ist. Nehmen wir 150 Ctm. an, so würde die 0,0074 Grm. entsprechende
Druckkraft ungefähr 1,1 Ctm. betragen. Ein solcher Fehler ist gegen-
über hohen Druckkräften nicht gross ; Lösungen von so ansehnlichem
specifischen Gewichte , wie es unserer Betrachtung zu Grunde gelegt
wurde , sind aber auch nur aus gewissen Colloidkörpern verwendbar,
da Krystalloide in solcher Concentration einen Druck erzeugen, welchen
unsere Apparate nicht wohl aushalten können. Bei einem specifischen
Gewicht von 1^02 würde die Vernachlässigung der fraglichen Correction
nur einen Fehler von 0,15 Ctm. Quecksilberdruck nach sich ziehen.
Uebrigens habe ich bei Herstellung aller Lösungen , deren specifisches
Gewicht 1,015 überschritt, diese Correction immer angebracht.
Unter allen von mir auf osmotische Wirkung geprüften Lösungen
war eine solche mit 18 Gewichtsprocent arabischen Gummis die con-
centrirteste und auch die dichteste ; ihr specifisches Gewicht wurde zu
1,072 bestimmt. Zwei in verschiedenen Zellen mit der reinen 18pro-
centigen Lösung angestellte Versuche ergaben folgende Druckhöhen
für Ferrocyankupfermembran : a = 118,0; ä = 120,4 Ctm. Quecksilber,
während die nach obigem Princip mit Ferrocyankalium hergestellten
Lösungen mit 1 8 Gewichtsprocent Gummi für dieselben Zellen ergaben :
</ = 118,9; 5 = 119,7 Ctm. Quecksilber, also genügend genau überein-
stimmende Werthe >) . Dieses Resultat spricht auch zugleich dafür, dass
die osmotische Wirksamkeit des Ferrocyankaliums durch fremde Bei-
mengungen in keiner auffallenden Weise beeinflusst wird und was für
eine concentrirte und dazu schleimige Lösung zutrifft , wird noch mehr
für verdünnte Lösungen zu erwarten sein, vorausgesetzt natürlich, dass
keine Zersetzungen ins Spiel kommen. Zur Sicherung habe ich auch
noch 1 Procent Zucker enthaltende Lösungen in Ferrocyankupfermem-
bran mit und ohne Gegenwart der Membranogene geprüft. Es wurde
hier ohne die Membranogene 48,9 Ctm. , mit den Membranogenen
49,8 Ctm. Quecksilberdruck gefunden.
In gleicher Weise wurde auch für zwei andere Membranen , für
1) Diese Versuche sind in den Belegen unter Nr. VIII A und B aufgeführt.
28
Berlinerblau und Calciumphosphat , zunächst das osmotische Gleich-
gewicht der wässrigen Membranogenlösnngen aufgesucht. Da ich diesen
Gleichgewichtszustand für Eisenchlorid mit Kücksicht auf eine Lösung
dieses Salzes feststellte . deren Eisengehalt nicht speciell bestimmt
wurde, so kann ich hier keine sicheren Angaben mittheilen. Wenn der
factische und der von der Fabrik angegebene Gehalt an Eisenchlorid
für meine Ausgangslösung übereinstimmeu , so würden eine 0.025 pro-
centige Lösung von wasserfreiem Eisenchlorid und eine O.lprocentige
Ferrocyankaliumlösung in einer Berlinerblaumembran gleiche osmo-
tische Wirkungen hervorbringen. Aus ähnlichen Gründen bin ich auch
nicht in der Lage dieCdncentration der Lösungen aus Chlorcalcium und
Natriumphosphat genau anzugeben, welche auf den beiden Seiten einer
Calciumphosphatmembran befindlich , in osmotischem Gleichgewicht
stehen.
Die Concentration der osmotisch wirkenden Lösungen erfährt bei
unserer Versuchsanstelluug für den Fall , dass der gelöste Körper nicht
diosmirt, nur eine nicht ins Gewicht fallende Aenderung. Bei Zu-
grundelegung desjenigen Manometers, dessen geschlossener Schenkel
den grössten Durchmesser besass, würde eine Steigung der Quecksilber-
säule um 100 Mm. die Aufnahme von ungefähr 0,11 Cub.-Ctm. Wasser
in den etwa 16 Cub.-Ctm. betragenden Zellinhalt anzeigen. Um den
ausserdem noch in Betracht kommenden Einfluss der elastischen Com-
pression des Kautschuks u. s. w. zu bestimmen, wurde die Capillar-
spitze (vgl. Fig. 1) so innerhalb eines Rohres geöffnet , dass die her-
ausgespritzte Flüssigkeitsmenge durch Wägung bestimmt werden konnte.
Diese so gefundene Menge unter Berücksichtigung ihres specifischen
Gewichtes mit der Menge verglichen, welche die Manometerbeobach-
tung als aufgenommen angezeigt hatte, ergab die durch elastische Deh-
nung bedingte Aufnahme für eine Druckhöhe von 2 Atmosphären zu
0,05 Cub.-Ctm., von 4 Atmosphären zu 0,09 Cub.-Ctm. Beachtet man
nun, dass zu Beginn eines Versuches durch Eintreiben des capillar aus-
gezogenen Glasröhrchens eine den Verhältnissen nahe entsprechende
Druckkraft hergestellt wurde , so sieht man leicht ein, dass die Ge-
sammtaufnahme von Wasser 0,1 4 Cub.-Ctm. kaum einmal erreicht haben
wird. Eine Erörterung in wie weit Temperaturschwankungen hier in
Betracht kommen, kann ich füglich unterlassen.
In allen Fällen wurde das specifische Gewicht der eingefüllten und
der nach dem Versuch ausgefüllten Lösung genau controlirt: für dios-
niiremle Körper war diese Bestimmung zur Ermittlung der Concentra-
29
tion am Schlüsse des Versuches ohnehin geboten. Wenn die anfäng-
liche Concentration der eingefüllten Lösung und die Verminderung des
specifischen Gewehts während des Versuches bekannt sind, so ist damit,
da der Gelialt an Ferrocyankalium so gut wie unverändert bleibt , der
Gehalt an osmotisch wirksamer Substanz in der ausgefüllten Lösung
bestimmt, sobald aus einem gegebenen specifischen Gewicht die Concen-
tration der reinen (von Ferrocyankalium freien) Lösung ermittelt werden
kann. Die Ausseuflüssigkeit in der Cüvette kann natürlich bei ihrer
relativ sehr grossen Menge als unverändert angesehen werden.
Da schon verdünnte Lösungen von geringem specifischen Gewicht
(z.B. 1,004) hohe osmotische Druckkräfte erzeugen können, somussten,
sollte die Beziehung dieser zur Concentration genau bestimmt werden,
auch die Bestimmungen des specifischen Gewichtes , resp. der gelösten
Stoflfmenge genügend genau sein. Die Abwägung in einem etwas mehr
als 12 Grm. Wasser fassenden Gläschen kann unschwer so genau aus-
geführt werden, dass die vierte Decimale jedenfalls exact ist, dagegen
ist diese in keinem Falle gesichert , wenn nicht der Eiirfluss der Luft-
dichte in Rechnung gezogen wird ') . Statt dieser nicht immer einfachen
Rechnung zog ich es vor, das specifische Gewicht der eingefüllten
Lösung von bekanntem Gehalte und das der mit Beendigung des Ver-
suches ausgefüllten Lösung unter gleichen Bedingungen zu bestimmen,
ein Verfahren, das freilich eine vermehrte Zahl von Wägungen mit sich
brachte , weil keine Bestimmung mit einer anderen als commensurabel
betrachtet werden konnte , sobald während beider Wägungen die Luft-
temperatur um mehr als 2^C. und gleicTizeitig das Barometer um mehr
als 5 Mm. verschieden gewesen war. Beiläufig sei hier noch bemerkt,
dass ich das Gläschen immer bei 17,50C. mit Flüssigkeit füllte und
dafür Sorge trug, dass die Temperatur der Wage höchstens um 2''C. .
difi'erirte.
Bei eventueller Differenz in der Dichte der eingefüllten und aus-
gefüllten Lösung hätte streng genommen auch noch das specifische Ge-
wicht der reinen Lösung des osmotisch geprüften Körpers auf gleiche
äussere Bedingungen reducirt werden müssen. Hiervon durfte aber,
da diese Differenz immer nur gering war, bei der Berechnung des dios-
motischen Verlustes Abstand genommen werden. Immerhin war dann
für specifisch leichtere Lösung noch eine Genauigkeit erreicht , welche
der Sicherstellung der vierten Decimale bis auf eine Stelle entsprach.
1) Methode und Fehlergrenze der Bestimmung des specifischen Gewichtes sind
sorgfältig behandelt von Kohlrausch in den Schriften der Gesellschaft zur Be-
förderung der gesammten Naturwissenschaften zu Marburg 1857, Bd. VIII, p. 1 ff.
30
Wenn z. B. einer Iprocentigen Lösung eines Stoffes eine Dichte von
1,004 zukommt, so würde die Ermittelung ihres Gehaltes aus dem
specifischen Gewichte bis auf 0,025 Procent genau sein. Eine solche
Genauigkeit ist aber in der That auch nöthig , denn einem so geringen
procentischen Gehalte entspricht schon eine Druckwirkung von 2.5 Ctm.
Quecksilber, wenn die osmotische Wirkung einer 1 procentigen Lösung
dem Drucke einer Quecksilbersäule von 100 Ctm. gleichkommt, eine
Grösse, die thatsächlich noch von manchen Körpern , wie von Salpeter
und Kalisulfat übertroffen VTird.
Die Bestimmung des specifischen Gevrichtes ist eine allgemein an-
wendbare und mindestens ebenso -genaue Methode als irgend eine an-
dere. Ich habe deshalb auch davon Abstand genommen den Substanz-
gebalt in Lösungen auf andere Weise zu ermitteln. Dagegen habe ich
die Reinheit des von mir in vielen Versuchen angewandten Rohrzuckers
mit Hülfe von Wild's Polaristrobometer i) controlirt, indem ich das
Drehungsvermögen einer Lösung bestimmte , welche in 100 Cub.-Ctm.
10 Grm. bei 110"C. getrockneten Zucker enthielt. Aus den in ver-
schiedenen Versuchen gewonnenen Ablesungen berechnete sich der
Zuckergehalt zu 9,93 bis 10,05 Volumprocente, Werthe, die eben anzei-
gen, dass der fragliche Zucker reiner Rohrzucker war. Natürlich
hinterliess dieser Zucker beim Verbrennen auch nur eine Spur Asche.
B. Versuche und Folgerungen.
7. Struciur der Membran und Wege des osmotischen Austausches.
In der so sehr bedeutungsvollen Arbeit, welche die Herstellung von
Niederschlagsmembranen lehrt, zeigte Traube*), dass solche nicht
nur aus colloidalen, sondern auch aus krystalloiden Componenten zu
entstehen vermögen. Um in Form einer Membran ausgeschieden wer-
den zu könne«, mnssnach Traube 3) 1) der Niederschlag amorph sein,
2) sollen die Molecularzwischenräume der Membran so eng sein,
1) Siehe Wüllner, Physik 1871,2. Aufl., Bd. II, p. 591. - Bei Anwendung
von Natriumlicht fallen meine Zuckerbestimmungen mit diesem Apparate erfah-
rungsgemäsfl genauer als bis auf '/lo Procent aus.
2) L. c. 1867, p. 87.
3) Vgl. 1. c, 1875, p. 59.
31
dass die Molecüle der Componenten nicht hindurch diosmiren können.
Letzteres Postulat ist zunächst nicht in aller Strenge zu nehmen, denn,
wie schon Traube nachwies, sind gewisse Niederschlagsmembranen
einer allmäligen Verdickung fähig, was mit absoluter Undurchdringlich-
keit für die Membranogene natürlich unvereinbar ist. Lässt man ein we-
nig von einer etwa Sprocentigen Lösung von Kalichromat in eine unge-
fähr gleich conceutiirte Solution von Bleiacetat einfliessen, so bildet sich
an der Contactfläche beider zunächst ein membranöser Niederschlag,
bald aber trübt sich der von der Membran umschlossene Raum, durch
Ausscheidung von Bleichromat und nicht lange darauf zerfällt gewöhn-
lich die überhaupt nur geringe Cohäsion zeigende Haut. Es ist ja auch
leicht begreiflieh, wie bei lebhafterem diosmotischem Austausch der
Membranogene die Niederschlagsmembran nicht bestehen kann und
T r au b e 1) hat mit Recht hervorgehoben, dass jenes Austausches halber
nicht eine jede Verbindung eines Köi-pers zur Membranbildung geeig-
net ist.
Die andere Forderung Traube's, zur Membranbildung seien
amorphe Niederschläge erforderlich , ist insofern richtig , als bis dahin
nur Membranen aus amorph erscheinenden Niederschlägen bekannt
sind. Ob aber die kleinsten Theile (Molecüle oder Molecül Verbindungen)
dieser nicht krystallinische Formen haben können , das ist eine offene
Frage. Für etwas derartiges spricht -wohl die schon von T r a u b e ^j be-
obachtete Wirkung der Membranen aus gerbsaurem Leim auf polari-
sirtes Licht , eine endgültige Entscheidung möchte ich aber nicht auf
Grund dieses Verhaltens fällen. Jedenfalls ist es aber geboten den
Ausspruch Traube's nicht als ein Gesetz anzusehen, da es recht wohl
möglich erscheint, dass, bei richtiger Wahl der Membranogene, Nieder-
schlagsmembranen aus unzweifelhaft krystallinischen kleinsten Theil-
chen gewonnen werden, wenn sie nicht vielleicht schon dargestellt sind.
Ich selbst hatte mir aber nicht zur Aufgabe gemacht , die Bedingungen
der Membranbildung speciell zu studiren.
Zwingt auch das Verständniss der experimentellen Resultate nicht
unbedingt dazu, eine ganz bestimmte Vorstellung über den molecularen
Aufbau der Niederschlagsmembranen zu Grunde zu legen, so macht
sich das geistige Bedürfniss nach tieferer Einsicht doch um so mehr
geltend , als nur auf Grund einer solchen unsere Gedanken dem Wege
eines Körpers durch die Membran zu folgen und die Hypothesen über
die Molecularconstitution wie immer , so auch für die Membranen, viel-
1) L. c.,.186T, p. 132.
2) L. c, 1875, p. 59.
32
fache Anregungen zu weiteren Forschungen zu geben vermögen. Die
naclifolgenden Erörterungen beziehen sich zunächst auf die thatsächlich
bekannten , aus colloidalen Körpern aufgebauten Membranen, würden
• indess auch leicht solchen durch Fällung gewonnenen Häuten anzupassen
sein, welche aus Krystalloiden zusammengefügt sind.
Alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass die näheren Bestand-
theile der Colloide nicht die Molecüle selbst, sondern durch Aggregation
dieser entstandene Molecülverbindungen sind. Molecüle werden be-
kanntlich durch wechselseitige Sättigung der chemischen Verwandt-
schaftseinheiten und Bindungseinheiten der Atome gebildet . Molecül-
verbindungen aber entstehen, indem gleichartige oder ungleichartige
Molecüle, ohne Umlagerung und Zerreissung des Zusammenhaltes der
sie constituirenden Atome, zu einem Ganzen höherer Ordnung zusam-
mentreten, das zusammengehalten wird durch die wechselseitigen An-
ziehungen, welche die Molecüle als einheitliches Ganzes aufeinander
ausüben, durch Kräfte, die natürlich aus der AVirkungsfähigkeit der
Atome, aber auch aus deren räumlichen Lagerung im Molecül resultiren.
Wie die Molecüle zu Molecülverbindungen, so werden wiederum diese
letzteren, als einheitliches System wirkend , zu einem Ganzen noch
höherer Ordnung zusammentreten und so eine grössere körperliche Masse
bilden können. Vergleichen wir, um ein anschauliches Bild des zwar
als Ganzes wirkenden, aber dennoch in seinen Bestandtheilen sich be-
wegenden Systems zu gewinnen, die Planeten aus Atomen zusammen-
gesetzten Molecülen, so entspräche unser durch Centralkräfte zu-
sammengehaltenes Sonnensystem einer Molecülverbindung und wie Son-
nensysteme wieder vermöge der ihrer Gesammtmasse entsprechenden
Resultirenden wirken, so können auch Molecülverbindungen zu einem
Ganzen höherer Ordnung vereinigt werden.
Da »Molecülverbindung« ein an sich schon unbequemes, für Zu-
sammensetzung aber unbrauchbares Wort ist, so schlage ich vor, eine
Molecülverbindung ein »Tagma« (to täy/na, der nach Gesetz geordnete
Haufen) zu nennen und glaube eine solche Benennung um so eher recht-
feiügen zu können , als mir auch von Seite gewiegter Chemiker das
Bedürfniss nach einer präcisen Bezeichnung zugestanden wurde. Syn-
tagma ist dann eine jede aus gleichaitigen oder ungleichartigen Tagmen
zusammengesetzte Körpermasse, mit Paratagma lässt sich speciell eine
vorwiegend in die Fläche ausgedehnte Masse bezeichnen, wie sie uns
in den Niederschlagsmembranen vorliegt. Dass die von N ä g e 1 i be-
gründete Anschauung über das Wesen organisirter Substanz ein spe-
ciellerFall syntagmatischer Anordnung ist, kann erst im physiologischen
33
Theile dieser Abhandlung gezeigt werden. Hier aber muss ich darauf
hinweisen, dass dieser geniale Gelehrte mit wahrhaft bewunderns-
werthem Scharfsinn eine syntagmatische Anordnung für Stärkekömer
und Zellhäute') zu einer Zeit erschloss, als die Chemie meines Wissens
MolecUlverbindungen als nähere Körperbestandtheile noch nicht kannte.
Leider lässt sich die von N ä g e 1 i angewandte Bezeichnung nicht bei-
behalten, da dieser unser heutiges MolecUl Atom, unser Tagma aber
MolecUl nannte.
MolecUlverbindungen wurden zuerst von Kekulö^) in die Chemie
eingeführt und die Zulässigkeit, ja die Nothwendigkeit jener neben^der
directen Atomverkettung wird heute wohl ausnahmslos anerkannt^).
So wenig Uebereinstimmung nun auch in concreten Fällen besteht und
so sehr, namentlich bei den wechselnden Anschauungen über Valenz
der Atome, tagmatische Gruppirung der Molecüle ausgedehnt oder ein-
geschränkt wird, so scheint doch ein solcher Zusammenhalt der Mole-
cüle für krystallwasserhaltige Körper allgemein angenommen zu wer-
den. Nun aber enthalten wahrscheinlichst alle Körper im colloidalen
Zustand dem Krystallwasser analog gebundenes Wasser (für eine grössere
Zahl ausgesprochener Hydrate ist dieses allgemein bekannt, für andere,
wde Berlinerblau, Ferrocyankupfer , Calciumphosphat u. s. w. haben
es Untersuchungen ergeben) und so müssen wir denn auch in den was-
serführenden Colloiden Tagmen annehmen, in denen mindestens Wasser
mit dem Molecüle des Körpers tagmatisch verknüpft ist.
Die langsame Hydrodiflfusion , sowie die geringe oder mangelnde
Fähigkeit löslicher Colloide *} , durch solche Membranen zu diosmiren,
welche Krystalloide ungemein leicht passiren lassen, sind absolut nur
verständlich, wenn die näheren Bestandtheile (richtiger deren Wirkungs-
sphäre) der Colloide relativ grosse Partikel sind und diese Ueber-
1) Nägeli, Die Stärkekörner, 2. Heft der pflanzenphysiol. Unters, von Nä-
geli und Gramer 1858, p. 332 ff.
2) Lehrbuch d. organischen Chemie 1861, p. 145, 444 u. s. w.
3) Siehe Lothar Meyer, Die modernen Theorien der Chemie 1872, 2. Aufl.,
z. B. p. 277. — A. Naumann, MolecUlverbindungen nach festen Verhältnissen
1872, p. 21 ff. und Naumann, Allgemeiüe Chemie (L Bd. v. Gmelin-Kraut' s
Handbuch der Chemie VI. Aufl.) 1876, p. 293 ff. — In wie weit Gründe dafür
sprechen, dass flüssige und feste Körper MolecUlverbindungen der in Gasform iso-
lirt bestehenden Molecüle «ind, ist in obigen Schriften erläutert. — Wie mancher-
lei chemische Erfahrungen auf complicirte Verkettungen von Atomen oder Mole-
cülen hinweisen, ist u. a. auch jüngst wieder von Zincke hervorgehoben, Annal.
d. Chemie 1876, Bd. 182, p. 243.
4) Ueber das Fortbestehen von MolecUlverbindungen in Lösungen vei^l. z. B.
Naumann, Allgem. Chemie p. 477 ff.
Pfeffer, Osmotische Untersuchungen. 3
34
legimg Hess auch schon Graham') die Veiinuthung aussprechen, es
möchte der colloidale Zustand eines Körpers durch Zusammenlagerung
einer gewissen Zahl krystalloider Molecüle zu Stande komnien. Nun
ist es aber jedenfalls a priori wahrscheinlicher, dass eine solche Ver-
einigung nicht durch atomistische, sondern durch moleculare Verkettung
geschieht und letzteres muss allein zulässig erscheinen, sobald man be-
achtet, dass gewisse Körper, z. B. das Eisenoxyd, im krystalloiden, wie
im colloidalen Zustand bekannt ist. Es thut hier wenig zur Sache, dass
wir lösliche und unlösliche Körper vergleichen ; will man aber zu Lö-
sungen übergehen, so beachte man etwa, dass Eisenchlorid durch Auf-
nahme von Eisenoxyd colloidal vnrd 2) , dass weiter lösliches Eisenoxyd-
hydrat ein ausgesprochenes Colloid ist, während lösliche Ferrisalze, deren
Molecül mehr als 3 Atome Wasser und vielleicht eine Säure von sehr
hohem Molecularge wicht enthält , durch dieselbe Membran sehr leicht
diosmiren, welche dem Ferrihydroxyd kaum in Spuren oder gar nicht
Durchtritt gestattet. Alle diese Erwägungen verleihen der Annahme
vonTagmen, als näherer Bestandth eile der Colloide. jedenfalls den
Werth einer höchst wahrscheinlichen Hypothese ^) .
Es wird durch Uebereinkunft festzustellen sein , ob mit Syntagma
ein anderer als fester Aggregatzustand von tagmatischen Massen be-
zeichnet werden soll. Mir selbst scheint es zweckmässiger, Syntagma
für den festen Aggregatzustand zu reserviren und etwa Polytagma in
anderen Fällen zur Bezeichnung zu verwenden.
Nicht eine jede Körpermasse muss aus Tagraen zusammengesetzt
sein, denn es werden auch die Molecüle direct, ohne zuvorige Aggre-
gation zu einem höheren Ganzen, unbegrenzt zusammentreten können.
Eben dieser möglichen unbegrenzten Zusammenlagerung halber, kön-
nen wir eine so entstehende Körpermasse, sei es ein Krystall oder ein
amorpher Körper, nicht ein Tagma nennen, denn dieses ist ja nur ein
aus bestimmter Anzahl von Molecülen gesetzmässig geordnetes Ganzes
von geringen Dimensionen, das selbstverständlich mit den bedingenden
Gesetzen auch selbst variabel ist. Es wird nun unvermeidlich der
Wunsch nahe gelegt, die Zusammensetzung auch solcher Körpermassen
präcis bezeichnen zu können, welche durch directe Vereinigung von
1) Annal. d. Chemie u. Pharmacie 1862, Bd. 121, p. 71.
2) Graham 1. c, p. 46.
3) Ein bestimmter Unterschied zwischen Colloiden und Krystalloiden ist nicht
anzugeben, doch behalte ich der Bequemlichkeit halber diese Unterscheidung bei,
indem ich, wie üblich, einen relativ leicht durch Thierblase oder Pergamentpapier
diosmirenden Stoff ein Krystalloid, einen relativ schwer durch solche Membran
diosmirenden Körper ein Colloid nenne.
35
Molecülen gebildet werden. Ich möchte es aber der Zukunft überlassen,
mit dem Bedürfniss auch den Namen zu creireu und darüber zu ent-
scheiden, ob Commolecel oder Polymolecel (voxhybrida) oder ein besser
klingendes Wort zu wählen ist.
Wasseraufiaahme zwischen die Tagmen, wie sie Niederschlags-
membranen zukommt , ist nach unserer Definition kein Postulat für ein
Syntagma, vielmehr ein unter gegebenen Verhältnissen möglicher spe-
cieller Fall. Ebenso ist eine jede Form und Zusammensetzung eines
Tagmas zulässig. Welche Form den die Niederschlagsmembranen
aufbauenden Tagmen zukommt, lasse ich dahingestellt. Die schon
erwähnte entschiedene Doppelbrechung, welche Membranen aus Gerb-
säureleim unter gekreuzten Nicols zeigen , spricht wohl zu Gunsten
polyedrischer Tagmen , ohne indess ein ganz zwingendes Argument
zu sein ') .
Damit ein flüssiger oder gelöster Körper diosmiren kann, muss er
noth wendig die Membran imbibiren und umgekehrt, wenn eine Auf-
nahme in die Membran stattfindet, dann ist der diosmotische Durchgang
dieses Körpers gesichert, es sei denn, dass besondere Verhältnisse er-
folgreich entgegenarbeiten. Als diosmotische Wege bieten sich dar:
1) die zwischen den Tagmen bleibenden Räume und 2) für den Fall
der Körper in die Constitution der Tagmen eintritt, der Durchgang durch
diese selbst. Den letzteren Fall werden wir zunächst für Wasser ins
Auge fassen.
Ferrocyankupfer ist, wie vielleicht alle Colloide, wasserhaltig; bei
lOO'^C. getrocknet enthält es nach Raramelsberg'^) 7 Aequivalente
Wasser, womit natürlich nicht ausgeschlossen ist, dass der Niederschlag
vor dem Trocknen eine weitere, lockerer gebundene Wassermenge ein-
schloss. Wie Graham-*) mittheilt, fällt Ferrocyankupfer aus concen-
trirten Lösungen der Coniponenten als fast farblose Gallerte nieder,
welche erst bei weiterem Wasserzusatz die gewöhnliche rothbraune
Farbe durch Wasseraufnahrae erlangt. Es ist hier an einem bestimmten
Beispiel die verbreitete Erscheinung demonstrirt, dass einem wasserhal-
tigen Niederschlage durch eine Salzlösung ein gewisser Theil seines che-
1) Vergl. Nägeli uiid Schwendener, Mikroskop 1867, p. 354.
2) Graham-Otto, Anorgan. Chemie IV. Aufl., Bd. III, p. 232. Andere
Autoren geben den Wassergehalt etwas anders an. — Beiläufig sei hier bemerkt,
dass bekanntlich der mit Ferrocyankaliura erhaltene Niederschlag Fe Cy^ Cu-
immer etwas Kali gebunden enthält.
3) Annal. d. Chem. u. Pharm. 1862, Bd. 121, p. 48.
3*
36
misch gebniideuen Wassers entzogen werden kann. Wenn aber eine
aus solchem Niederschlag bestehende Membran Salzlösung und Wasser
trennt, dann muss nothweudig, abgesehen von anderen Strömen, eine
Wasserbewegung durch die Substanz selbst, also durch die Tagmen
unserer Niederschlagsmembran zum Salze hin eintreten, während ein
entgegengesetzter Uebertritt von Salz nicht erforderlich ist.
Obiges tiitt uns in allgemeinerer Form entgegen, sobald wir es auf
den contiuuirlichen Bewegungszustand der Materie basiren. Ein gege-
bener Gleichgewichtszustand in dem (um hier bei Niederschlagsmembran
und imbibirendem Wasser zu bleiben) in der Zeiteinheit eine gleiche Zahl
von Wassermolecülen aus dem umgebenden Medium in die Wirkungs-
sphäre eines Tagma und aus dieser in die angrenzende Flüssigkeit
fliegen, wird gestört, sobald aus irgend einem Grunde die bisherige
Relation des Austausches aufgehoben wird. Dieses ist auch der Fall,
wenn die Membran Wasser und die Lösung eines Stoffes trennt, welcher
vermöge molecularer Anziehungskraft die Zahl der nach dieser Seite
hin aus der Wirkungssphäre der Tagmen übertretenden Wassertheile
vermehrt und so natürlich einen einseitigen Wasserstrom vom Wasser
zur Lösung hin unterhält. Ebenso muös auch durch die Tagmen ein
Wasserstrom von der Zelle in das umgebende Wasser sich bewegen,
wenn das innerhalb der Zelle befindliche Wasser unter Druck versetzt
und hierdurch die lebendige Kraft der Molecüle gesteigert wird.
Natürlich ist in allen Fällen der als Differenz molecularer Be-
wegungen sich ergebende Wasserstrom, seiner Ausgiebigkeit nach (ce-
teris paribus) abhängig von der Intensität der chemischen Bindung des
Wassers. Denn hiervon hängt es ja ab, wie viele Wassertheilchen in
der Zeiteinheit vermöge ihres Bewegungszustandes aus dem Wirkungs-
bereiche eines Tagmas oder eines Molecüles entfliehen. Das. schon
namhaft gemachte Verhalten des Ferrocyankupfers zeigt, dass in diesem
wenigstens ein gewisses Quantum von Wasser nicht allzu energisch ge-
bunden sein kann und die schwankenden Angaben über den Wasser-
gehalt anderer colloidaler Niederschläge, wie z.B. des Berliuerblaus ^)
und des Calciumphosphates, sind vielleicht dadurch bedingt, dass bei
verschiedenem Trocknen ungleiche Aequivalente Wasser entweichen.
Ob nun in dem colloidalen Niederschlag bestimmte Wassermengen so
lose gebunden sind , dass sie bei den üblichen Proceduren des Trock-
nens immer abgerissen werden, lässt sich nach den voiiiegenden An-
1) Nach Graham-Otto, Lehrbuch d. Chemie IV. Aufl., Bd. 2. p. 1202 enfr-
hält bei 101)0 getrocknetes Berlinerbhiu 12 Aequivalente Wasser. — üeber Cal-
ciumpho8phat »iehe ebenda p. 554.
37
gaben nicht beurtheilen , eigene Untersuchungen in dieser Richtung
habe ich aber nicht angestellt.
In analoger Weise werden auch andere Körper durch Tagmen,
Molecüle u. s. w. sich bewegen (diosmiren) können, sobald sie in die
Constitution dieser eintreten, welche natürlich dabei auch unter Umstän
den wesentlich geändert werden l^ann. Ich glaube hier nur von Con-
stitution sprechen zu können, da man wohl jeden Eintritt eines Stofles
in das Molecülaggregat eines Tagmas als einen Fall chemischer Bin-
dung ansehen darf. Die Menge des so gebunden werdenden Stoffes,
sowie die Art und Weise dieser Bindung werden natürlich wesentlich
mit massgebend für die Quantität des diosmotischen Austausches auf
diesem Wege sein.
Dem Durchgang von flüssigen und gelösten Körpern ist die dios-
motische Bewegung von Gasen durch Flüssigkeitsschichten insoweit im
Wesentlichen analog, als es sich um Absorption des Gases auf einer
Seite der Flüssigkeitslamelle und Rücktritt in den gasförmigen Zustand
auf der entgegengesetzten Seite handelt : hier geht eine Gasbewegung
nach der Seite, auf welcher das Gas unter geringster partiärer Pres-
sung steht.
Einen weiteren Weg für Durchtritt eines Stoffes durch eine Mem-
bran bieten die zwischen den Tagmen bestehenden Räume, deren
Existenz die .Discontinuität der Materie selbstverständlich fordert. Frei-
lich könnten diese intertagmatischen Räume von minimaler Grösse sein
und selbst dem Wasser keinen Eintritt gestatten , ein Fall, der bei
jedem für dieses Medium impermeablen Syntagma thatsächlich realisirt
sein würde. Bei unseren Niederschlagsmembranen dringt aber Wasser
sicher in diese Räume ein. Es folgt dieses sogleich daraus, dass auch
gelöste Körper die Membran diosmotisch durchwandern, welche gegen
den Niederschlag selbst nachweislich ganz indifferent sind, also durch
die Tagmen selbst nicht passiren können. So lange aber dieser letztere
Weg nicht ausgeschlossen ist, kann natürlich nicht ohne Weiteres aus
der Permeabilität der Membran für einen bestimmten Stoff auf aus-
schliessliche Bewegung in intertagmatischen Räumen geschlossen wer-
den. Die Wasseraufnahme in diese ist nach dem namhaft gemachten
Criterium für alle mir zu Händen gekommene Niederschlagsmembranen
zu erweisen, und auch deshalb, sobald Permeabilität vorliegt, nothwen-
dig, weil die Häute jedenfalls nie aus einer einzelnen Schicht von Tag-
men bestehen. In der Dickenrichtung der Membran aneinandergereihte
und sich nicht direct berührende Tagmen erfordern aber , um sich
38
gegenseitig Wasser mittheilen zu können, dass die intertagmatischen
Räume selbst Wasser führen.
Die Unfähigkeit, auch gewisser sonst leicht diösmirender Körper,
Niederschlagsmerabranen zu durchwandern , kann über die geringe
Weite der intertagmatischen Räume keinen Zweifel lassen, es fragt sich
aber, ob diese Räume ihrer ganzen Ausdehnung nach durch von den
Tagmen ausgehende Anziehungskräfte beherrscht werden.
Wie PoiseuUe folgerte, Wilhelmy'i experimentell bewies,
entsteht auf der Oberfläche eines in adhärirende Flüssigkeit tauchenden
festen Körpers eine verdichtete, als Function des Abstandes von dem
Köi-jier veränderliche Schicht 2). Eine solche wird sich auch um ein
Tagma bilden müssen, sofern die Flüssigkeit adhärirt und dieses kann
ja bei benetzt werdenden Niederschlägen nicht bezweifelt werden.
Der Radius der Wirkungssphäre für die vom festen Körper ausgehende
Anziehungskraft wurde schon von Plateau, dann aber direct von
Quincke 3) zu ermitteln gesucht und von beiden im Mittel zu etwa
55 Milliontel eines Millimeters bestimmt. So gering diese Grösse auch
absolut genommen, so ist sie doch mit Rücksicht auf Molecüle und Mo-
lecularzwischenräume erheblich genug, auch dann, wenn dieselbe noch
geringer sein sollte.
Selbst bei nur geringer Verdichtung in der veränderlichen Schicht
niüßgen doch, wegen der schwierigen Zusammendrückbarkeit der Flüs-
sigkeiten, gewaltige Molecularkräfte in Wirksamkeit geti'eten sein. Es
ist auch nicht daran zu zweifeln, dass die Verschiebbarkeit der Wasser-
theilchen in der veränderten Schicht sehr herabgesetzt ist und nament-
lich wird MassenbcAvegung durch Druck nicht sogleich hervorgerufen
werden. Das ist ja auch, wie Poiseulle^) begründete, in Capillaren
der Fall, in welchen eine ruhende Wandschicht des flüssigen Mediums
den Canal bildet, in dem die Flüssigkeit sti-ömt. Vollkommen ruhend
ist natürlich diese verdichtete Wandschicht nicht, ein einseitiger Uruck
muss auch in ihr eine Fortbewegung von Flüssigkeit nach der Seite
des geringeren Widerstandes bewirken, aber innerhalb gewisser Druck-
grenzen wird nicht eine Massenströmung, sondern eine Fortbewegung
wie überhaupt in einer durch Molecularkräfte gebundenen Flüssigkeit,
1) Poggendorff 8 Annalen, 1864, Bd. 122, p. 12.
2) In wie weit hier die bestiinmendeu Kräfte als von der Fläche oder der
Masse des Körpers ausgehend zu betrachten sind, ist eine Frage, die wir auf sich
beruhen lassen können.
'^) Po ggendorff's Annalen, 1869, Bd. 137, p. 402.
4) Anual. d. Chim. et d. Physique 1843, III. ser., Bd. VII, p. 50.
39
d.h. eine moleculare Fortbewegung eintreten. Dem entsprechend
wollen wir denn auch tiir capillare Räume die Massen Strömung als
»capillare Wasserbewegung« von der »molecularen Wasserbewcgung«
unterscheiden und unter letzterer allgemein eine Wasserbewegung ver-
stehen, welche sich in Räumen vollzieht, die in dem Bereiche der Wir-
kungssphäre fester Körper liegen. Diese allein wird noch fortbestehen,
wenn der Durchmesser des capillareu Raumes unter den doppelten Ra-
dius der Wirkungssphäre herabsinkt ^) .
In dem Bereiche von Molecularkräften vollzieht sich auch der
Wasserdurchgang durch die Tagmen selbst und auch diesen Durchtritt
werde ich unter dem Begriffe der »molecularen Wasserbewegung« zu-
sammenfassen ; auf Molecularkräfte führt sich ja auch die von den Tag-
men als einheitliches Ganzes ausgehende Wirkung zurück. Der Wasser-
durchtritt durch und in die Tagmen lässt sich , wo nöthig, näher als
diatagmatisch und amphitagmatisch unterscheiden. Ob das in die Tag-
men aufgenommene Wasser als chemisch, das um dieselben gelagerte
als physikalisch gebunden anzusehen ist, hat für uns keine Bedeutung
und ist ohne willkürlich gezogene Grenzen überhaupt nicht zu ent-
scheiden. Was soeben für den Durchgang des Wassers erörtert wurde,
gilt im wesentlichen auch für jeden anderen flüssigen oder gelösten
Körper, welcher in den Bereich der Molecularkräfte eintritt.
In thierischer Blase , noch mehr in Thonzellen , sind zweifellos
capillare Wasserbewegung gestattende Räume vorhanden, welche wohl
in allen früher zu osmotischen Versuchen benutzten Scheidewänden,
auch den pflanzlichen Zellhäuten , wiederkehren. Sofern irgend ein
Stoff auch die näheren Bausteine einer solchen Membran — seien dieses
nun Tagmen, Molecüle oder andere Massentheilchen — zu durchdrin-
gen vermag, werden im Princip die drei vorhin unterschiedenen Wege
in derselben Hu-ut vereint vorliegen. Ob solches zutrifft ist sehr wahr-
scheinlich, doch ohne eine besondere Untersuchung schwer zu entschei-
den. Die Zusammensetzung aus Tagmen, welche wir nach Nägeli's
scharfsinnigen Untersuchungen für vegetabilische Zellhäute und über-
haupt organisirte Gebilde annehmen müssen, fordert natürlich den drei-
fach möglichen Weg nicht als nothwendige Consequenz. Ja, Nägeli
1) Die Verdichtung der Schicht wird dann allerdings modificirt, dieGesaifimt-
anziehung auf jeden beliebigen inneren Punkt muss aber, auch bei Kugelform des
capillaren Raumes, nicht Null werden. Es ist dieses, wie die Mechanik lehrt, nur
unter Bedingungen der Fall, welche bei den hier in Betracht kommenden anzie-
henden und abstossenden Kräften nicht realisirt sind oder wenigstens nicht ge-
geben sein müssen.
40
sieht sogar die Tagmen selbst als nicht imbibitionsfähig an, eine An-
sehaming, welche indess in dieser Allgemeinheit nicht zu halten ist.
Es ist vielleicht nicht überflüssig zu bemerken, dass die verschiedenen
für Diosmose eines Stoffes möglichen Bahnen , auch unabhängig von
einer bestimmten Anschauung über die Molecularconstitution, von be-
kannten Thatsachen gefordert werden, gleichviel ob die Membran aus
Molecülen, Tagmen oder anderen Massentheilchen zupammengefügt ist.
Dass ich es aber vorzog, den wahrscheinlichen Aufbau der Nieder-
schlagsmembranen den Betrachtungen zu Grunde zu legen, bedarf wohl
einer Rechtfertigung nicht.
Die Bildung einer Grenzschicht an der Porenwandung, in welcher
die Lösung anders zusammengesetzt ist, als in der Achse des Porus,
muss nach dem zuvor Erörterten immer eintreten, sobald die von der
Wandung ausgehenden anziehenden und abstossenden Kräfte durch
ungleiche Wirkung auf gelösten Körper und Lösungsmedium eine be-
stimmte Vertheilung dieser in der Grenzschicht herbeiführen. Auf die
Existenz einer solchen Grenzschicht in Poren ist Brücke's') Theorie
der Osmose gegründet. Wenn im Bereiche der von der Wandung aus-
gehenden Wirkungen Wasser mit grösserer Energie angezogen wird, so
muss natürlich aus einer Salzlösung eine diluirtere Lösung in die Mem-
bran aufgenommen werden und dieses haben in derThat auch Versuche
Ludwig' s 2) für Thierblase ergeben, als die beim Eintauchen in eine
Salzlösung von bekannter Concentration aufgenommene Flüssigkoits-
menge bezüglich ihres Salzgehaltes controlirt wurde ^j. Freilich sind
diese Versuche für eine variable Wandungsschicht im Porus nicht streng
beweisend, denn gleiches Resultat muss auch erzielt werden, wenn
Wasser, oder verdünntere Lösung in die Masse näherer Körperbestand-
theile, also etwa in Tagmen, eindringt und die Existenz einer solchen
Aufnahme ist für Thierblase noch nicht widerlegt worden. Natürlich
muss die Grenzschicht, wenn auch durch Verdichtung entstanden, doch
nicht immer dichter sein, als die angrenzende Flüssigkeit. So ergaben
1) Poggendorff's Annal. 1843, Bd. 58, p. 77 ff.
2) Zeitschrift für rationelle Medicin von H oii I e und Tfeufer 1849, Bd. VIII,
]). 15. — Aehnliche Versuche stellte Cloetta an, siehe dessen Dissertation
»Diffusionsversuche u. s. w. Zürich« 1851. — Siehe auchFick, Medicin. Physik,
II. Aufl., 1866, p. 31.
3) Analoges soll nach Lieb ig (Unters, über einige Ursachen der Säftebewe-
gung u. 8. w. 1848, p. 50) beim Eintauchen von Thonzellen in Salzlösung statt-
finden. Diese Versuche scheinen indess nicht mit genügender Vorsicht angestellt
zu sein, um als beweisend angesehen werden zu können.
41
Wilhelmy's ') Versuche beim Eintauchen von Platten in ziemlich con-
centrirtes Glycerin die Bildung einer specifisch leichteren Wandungs-
schicht, offenbar weil diese aus verdünnterer Lösung bestand. Diese
Wandungsschicht muss ja eine verdünntere Lösung sein, sobald von
der Wandung ausgehende Kräfte auf Lösungsmedium und gelösten
Körper entsprechend wirken.
Dass die erwähnte Brücke' sehe Theorie der Diosmose nicht zur
Erklärung aller Vorgänge ausreiche, wurde zuerst von F ick 2) ausge-
sprochen, welcher weiterhin 3) Eindringen von Körpern in capillare
Räume und in die Masse der Membran selbst unterschied und dem-
gemäss den in capillaren Räumen vor sich gehenden Austausch von
Wasser und Salz «die Porendiffusion«, dem Austausch durch die Sub-
stanz der Membran »der Endosmose« entgegenstellte. So richtig nun
auch die Gesichtspunkte sind, auf welche diese Trennung gebaut ist,
so glaube ich doch aus praktischen Rücksichten jeden Austausch durch
eine beliebige Membran *) als »Osmose« oder »Diosmose« bezeichnen zu
müssen. Denn z. B. in thierische Blase sind sicher, wie auch Fick
annahm , Porendiffusion und Endosmose (im Sinne F i c k ' s) gleich-
zeitig vorhanden und sehr gewöhnlich, auch für die Niederschlagsmem-
branen , wird eine bestimmte Entscheidung ob capillarer Durchgang
durchaus fehlt, nicht zu treffen sein ^) . Ja es ist denkbar, dass dem
unter gegebenen Verhältnissen allein vorhandenen molecularen Durch-
gang eines Stoffes, mit dem Wechsel äusserer Verhältnisse, z. B. der
Temperatur, auch capillare Osmose sich zugesellt. Ausserdem ist diese,
sobald verdichtete Wandschicht vorliegt, nicht ohne gleichzeitige mole-
culare Osmose möglich. Indem wir Osmose und Diosmose als eine all-
emeine Bezeichnung beibehalten, kann die Art und Weise des Durch-
ganges durch «capillare« und «moleculare« Osmose näher gekennzeichnet
werden und sollte eine noch speciellere Bestimmung des von einem
Stoff durchwanderten Weges nothwendig sein, so stehen diatagmatisch
1) Poggendorff's Annalen, 1864, Bd. 122, p. 13.
2) Poggendorff's Annaleu, 1855, Bd. 94, p. 86. ^
3) Moleschott's Untersuchungen zur Naturlehre des Menschen und der
Thiere, 1857. Bd. III, p. 296. — Vgl. auch Fick, Medicinische Physik, 1866,
II. Aufl., p. 30.
4) Ich meine hier natürlich nur solche Membranen, deren Einfluss auf Aus-
tausch von Stoffen merklich ist und durch deren Einschaltung die Mischung nicht
etwa ebenso wie bei Hydrodiffusiou v(»r sich geht.
5) Es würde auch noch Osmose durch quellungsfähige und nicht quellungs-
fähige Scheidewand getrennt werden können. Wo Quellung stattfindet, ändert
sich mit dieser die Grösse der Zwischenräume.
42
und ampbitagmatisch, eventuell intramolecular und extramolecular ja
zu Gebote. Endosmose werde ich wohl auch, wie schon früher bemerkt
wurde, den in das Innere einer Zelle gehenden osmotischen Strom
nennen.
Diffusion (Hydrodiffusion) kurzweg soll, entsprechend dem wohl
schon üblichen Gebrauche , das Ineinanderströmen flüssiger und ge-
löster Körper , wie es durch die diesen zukommenden Molecularkräfte
bedingt ist, genannt werden. Eine solche echte Diffusion wird natürlich
auch in Poren von gewisser Weite möglich sein, in zweifelhaften Fällen
aber empfiehlt es sich , \ on capillarer Difiusion zu sprechen. Ein In-
einanderströmen von Stoffen unter dem Eiufiuss der von einer Scheide-
wand ausgehenden Molecularkräfte , sollte aber als moleculare Difiu-
sion , nicht einfach als Diffusion bezeichnet werden , ausser wenn der
Sinn des Satzes den fremden Einfluss in sich schliesst.
Ein jeder in Wasser oder in einem andern flüssigen Medium ge-
löster Körper, welcher in die Tagmen selbst nicht aufgenommen wird,
kann nur durch die intertagmatischen Räume diosmiren und dieses
natürlich nur dann, wenn es das Grössenverhältniss zwischen gelöstem
Körper und dem ihm zugänglichen Gebiete gestattet. Dieses Gebiet
aber kann für verschiedene Körper in derselben Membran von unglei-
cher Dimension sein. Die beiden extremsten Fälle wären gegeben,
wenn das einemal das Molecül (oder Tagma) eines gelösten Körpers in
die Wirkungssphäre der Tagmen (oder anderer näherer Körperbestand-
theile] gar nicht eindringt, das anderemal diese ganze Wirkungssphäre
einem Molecüle offen steht. Die Stoffvertheilung in der Wirkungssphäre
der Tagmen ist je von der Wechselwirkung zmschen Tagmen einer-
seits und dem lösenden und gelösten Körper anderseits, d. h. von den
zwischen diesen thätigen anziehenden und abstossenden Kräften ab-
hängig und dem entsprechend sind sowohl die obigen Extreme, wie alle
Zwischenstufen möglich. Dieses beachtet ist aber klar, dass die Durch-
gangsfähigkeit eines Stoffes nicht ausschliesslich von dem Durchmesser
der intertagma^schen Räume abhängt und das negative oder positive
Resultat diosmotischer Versuche mit verschiedenen Körpern und einer
Membran oder umgekehrt mit verschiedenen Membranen und demselben
Körper, kein relatives Grössenmaass der gelösten Molecüle abgibt,
wie dieses Traube') annimmt; für verschiedene Körper kann eben
dieselbe Membran den Werth eines Siebes mit ungleich weiten Maschen
1) L. c, 1867, p. 141
43
haben. Eelative Grössenbestimmung der gelösten Molecüle würde die
Kenntniss der Stoffvertheilung in der Wirkungssphäre der Tagmen als
eine Function des Abstandes von diesen erfordern. Diese Function
wird aber von verschiedenen Variabein bestimmt, sie ist zunächst nicht
nur von der Wechselwirkung zwischen Membrantheilchen und gelöstem
Körper, sondern auch den zwischen diesem und Wasser wirkenden
Kräften und der lebendigen Kraft der Molecüle abhängig und wenig
Hoffnung ist zur Zeit vorhanden , diese verwickelte Function auch nur
annähernd ermitteln zu können ^) .
Die Differenz zwischen dem wirklichen Durchmesser und dem
einem gelösten Körper zugänglichen Areale der intertagmatischeu
Räume kann höchstens dem doppelten Wirkungsradius der Tagmen
gleichkommen und wenn thatsächlich dieser Unterschied immer ge-
ringer sein muss , so ist er doch mit Rücksicht auf die Dimensionen der
Molecüle nicht eine verschwindende Grösse. Es leuchtet dieses ja
sofort ein ," tritt aber auch hervor , wenn wir die Bestimmungen von
Wirkungsradius und Molecülgrösse vergleichen, die freilich, namentlich
was letztere betrifft , auf irgend Genauigkeit keinen Anspruch macheu
kann. Wie schon früher (p. 38) bemerkt wurde, bestimmten Plateau
und Quincke für eingetauchte Platten den Radius der Wirkungs-
sphäre, d. h. den Bereich, in welchen Cohäsions- und Adhäsionskräfte
der Flüssigkeit beeinflusst werden, zu etwa 55 Millionstel eines Mm.
Auf verschiedene Erwägungen gestützt, kam aber T h o m s o n 2) zu dem
Schlüsse, dass in flüssigen und durchsichtigen festen Körpern der mitt-
lere Abstand zmschen den Mittelpunkten aneinanderliegender Molecüle,
also annähernd der Durchmesser eines Molecüls mit Einschluss seiner
Wirkungssphäre kleiner als ein 10 Milliontheil und grösser als ein
200 Milliontheil eines Millimeters sein müsse. Uebrigens ist zu be-
merken, dass, ohne mit den Erwägungen Thomson's in Widerspruch
zu kommen, der Durchmesser der Tagmen gelöster Körper grösser sein
kann.
Einem gelösten Körper wird nach dem Vorausgegangenen dann
schon der Weg durch eine Niederschlagsmembran vielleicht unmöglich
sein können, wenn seine Molecülgrösse den Durchtritt durch den-
jenigen intertagmatischeu Raum nicht gestattet, welcher ausserhalb
der Wirkungssphäre der Tagmen liegt. Da aber auch manche Kry-
1) Diatagmatische Osmose würde, selbst wenn araphitagmatische Osmose aus-
geschlossen werden könnte, noch weniger im Stande sein, ein relatives Maass für
Molecülgrösse zu liefern.
2) Annal. d. Chem. u. Pharmacie, 1871, Bd. 157, p. 66,
44
stalloide uicht diosmiren . so muss der die capillare Wasserbewegung
(nach früherer Definition) gestattende Haum mindestens von sehr ge-
ringem Durchmesser sein. Wenn wir nun beachten, dass schwerlichst
die ganze flir Wasser zugängliche Wirkungssphäre einem gelösten
Körper verschlossen sein dürfte , so spricht alle Wahrscheinlichkeit
dafür , dass hier alle intertagmatischen Räume im Bereiche der
Wirkungssphäre der Membransubstanz liegen, dass also in solchen
Niederschlagsmembranen nur moleculare Osmose stattfindet. Die Be-
einflussung des diosmotischen Durchganges eines Körpers ist natürlich
nicht die gleiche in allen Zonen der Wirkungssphäre.
Auch andere Erwägungen, wie sie z. B. auf Grund der Filtrations-
schnelligkeit unter Druck und der Molecularkräfte angestellt werden
könnten, welche zum Zusammenhalt der einzelnen Tagmen nothwendig
sind , würden die Frage , ob allein moleculare Wasserbewegung in
einer Membran möglich ist, nicht über die wahrscheinliche Bejahung
hinausbringen. Am wahrscheinlichsten wird es scheinen, dass die mitt-
leren Abstände der Tagmen, wenigstens nach jeder einzelnen Kaum-
richtung gemessen, gleich gross sind. Jedoch darf man die Möglichkeit
nicht ausser Auge lassen, dass kranzförmige oder andere geeignete An-
ordnung, Zwischenräume von sehr verschiedener Weite gestatten könnte.
Einige Schlussfolgerungen, wenigstens über die mögliche mittlere
Grösse der luterstitien, würden auf Grund der aufgenommenen Wasser-
mehge, der Quellungserscheiuungen u. s. w. durch eine ähnliche Dis-
cussion zu ziehen sein, wie sie von Nägeli') so scharfsinnig ziu*
Ermittelung des molecularen Aufbaues der Stärkekörner angewandt
wurde. Je nach dem Resultat solcher Erwägungen könnte vielleicht
auch die Frage beantwortet werden, ob Kugelgestalt der Tagmen mög-
lich oder polyedrische Form nothwendig ist. Da ich diese und andere
Punkte, welche auch thatsächlich für das eigentliche Ziel meiner Arbeit
unwesentlich waren, nicht in den Bereich meiner Untersuchung zog. so
muss ich es mit diesem kurzen Hinweis bewenden und die anschliessen-
den Fragen unberührt lassen.
Sollten sich aber in einer Niederschlagsmembran, der Wahrschein-
lichkeit entgegen, capillare Osmose gestattende Räume finden, so ist es
doch, bei dem jedenfalls nur möglichen äusserst geringem Durchmesser
dieser, kaum denkbar , dass irgend ein Körpeiraolecül die immerhin
messbar dicke Membran durchwandert, ohne dabei in den Bereich der
Wirkungssphäre der zweifellos vielfache Schichten bildenden Tagmen zu
1) Die Stärkekörner 185S, p. 33.'} a. 351.
45
gelangen. Es ist dieses um so mehr einleuchtend, wenn man bedenkt,
dass, abgesehen, von anderen Umständen, schon die Art und Weise der
Entstehung neuer, die Membranen allmälig verdickender Tagmen eine
solche Aneinanderreihung dieser nicht gestattet, um geradlinig und
senkrecht zur Hautfläche verlaufende Capillarräume zu bilden und dem-
gemäss also ein Körper einen geschlängelten Weg zu durchwandern
hat'). Im allgemeinen wird also bei unseren Niederschlagsmembraneu
nur moleculare, bei thierischen Häuten, Cellulosemembranen und sich
ähnlich verhaltenden Scheidewänden gleichzeitig moleculare und ca-
pillare Osmose stattfinden.
Eine Combination molecularer und capillarer Osmose ist nach
Exner's^) Untersuchungen auch beim Austausch von Gasen durch
FlUssigkeitslamellen gegeben. Für dieselbe Lamelle wird das Verhält-
niss der von verschiedenen Gasen (ohne Druck) übergehenden Mengen
c
durch -77^ ausgedrückt, d. h. die Osmose eines Gases ist dem Ab-
sorptionscoefficienten (c) direct und der Quadratwurzel aus der üichte
(rf) umgekehrt proportional. Diese experimentellen Resultate nöthigen
zu der Annahme, dass in einer Lamelle, welche aus mit wenig Seife
versetztem Wasser erzeugt wird, immer noch Poren vorhanden sind,
durch welche ein Theil des Gases, wie durch einen feinen Canal in
dünner Wandung, nach dem Graham' sehen Gesetze überströmt s) .
Die Darstellung liefert die Niederschlagsmembran immer im mit
Wasser imbibirten Zustand. Dieses Imbibitionswasser kann aber
selbstverständlich durch wasseranziehende Medien paiüell entzogen
und mit Aufhebung der Ursache wieder zurückgegeben werden. Die
Niederschlagsmembran ist eben, wie auch Thierblase und Fflanzenzell-
1) Ein numerischer Ausdruck für die Wahrscheinlichkeit des Anstosses,
d. h. des Eindringens eines die Membran durchwandernden Körpers in die Wir-
kungssphäre der Tagmen, könnte in analoger Weise entwickelt werden, wie es
von C lau si US geschah, um Einwendungen Buys - Bailot 's zu widerlegen,
welche die langsame Diffusion der Gase, als mit der angenommenen Molecular-
bewegung derselben unverträglich, hinzustellen suchten. Gl aus ins, Abhandl.
über die mechan. Wärmetheorie 1867, II. Abthlg., p. 260 ff. — Ferner zu verglei-
chen C 1 e rk-Ma x w el 1, Ueber mittlere Weglängen derGase zwischen den Zusam-
raenstössen. Referat in Zeitschrift »Der Naturforscher«, 1876, p. 419 ff.
2) Sitzungsb. d. Wiener Academie, 1874, Bd. 70, Abth. 2, p. -165.
3, Ob der Durchtritt von Gasen durch Kautschuk , sowie durch glühende
Platten gewisser Metalle , ausschliesslich' durch Absorption der Gase vermittelt
wird, wie Graham interpretirt, oder ein gemischter Vorgang der oben erörterten
Art ist, müssen Versuche entscheiden.
46
haut ein quell uiigsfäliiger Körper, dessen Volumen sowohl durch
alleinige Abgabe von Wasser aus intei-tagniatischen Uäunien, wie auch
durch Wasserabgabe aus den Tagmeu selbst schwanken kann. Ob
nach totaler Austrocknung die Membran wieder auf den früheren Zu-
stand zurückgehen kann, ist eine Frage, welche ich nicht zu entschei-
den versuchte. Wohl aber ermittelte ich durch Messung der Intensität
des osmotischen Wasserstroms , dass jedesmal der den Verhältnissen
entsprechende stationäre Zustand schnell erreicht ist, wenn man in
einer Zelle eine concentrirte Lösung durch eine verdünnte Lösung er-
setzt. Es ist dieses zu bemerken vielleicht nicht übei-flüssig, da nach
Fick ') der durch Collodiummembran gehende Salzstrom zunächst an In-
tensität zunimmt und jedenfalls erst nach längrer Zeit constaut zu werden
scheint. Selbst sehr dichte thicrische Häute, wie Hornhaut vom Ochsen,
erreichen übiigens nach Eckhardt'-^) relativ schnell den stationären
Zustand, wenn sie vor dem Gebrauche getrocknet worden waren.
Die völlige Identität beider Seiten einer Niederschlagsmembran
hinsichtlich der osmotischen Wirkung kann keinem Zweifel unterliegen.
Bei nicht homogenen Meml)ranen kann es natürlich nicht ganz gleich-
gültig sein , ob die innere oder iiussere Membranfläche der Salzlösung
zugewandt ist =').
8. Diosmose gelöster Körper.
Wurde in dem vorigen Abschnitte wesentlich die Art und Weise
der Imbibition in Membranen mit Rücksicht auf Osmose behandelt, so
sollen nun gewisse osmotische Erfolge ins Auge gefasst werden.
Der einfachste Fall von Osmose ist nicht bei wechselseitigem Aus-
tausch, sondern dann gegeben, wenn nur eine einseitige Stoflfbewegung,
etwa von Wasser, in' Folge osmotischer Wirkung durch eine Membran
geht, ein Vorgang, welcher mit Traube' s Niederschlagsmembranen
vielfach herzustellen ist. Bis -auf Traube waren osmotische Unter-
suchungen fast ausschliesslich auf Ermittlung des Verhältnisses gerich-
tet, nach welchem sich Salz^) und Wasser austauschen, welches Ver-
hältniss durch den Quotienten des Salzes in das Wasser ausgedrückt.
1) Moloschott's Untersuchungen, 1S57, Bd. III, p. 315.
2, P<)gf?endori"f 's Annaleu, 1860, Bd. 128, p. 98.
a) Vgl. Eckhardt, 1. c., p. 68. — Mateu ci u. Cima , Annal. d. Chim. et
d. Physique 1845, Bd. 13.
4) Es sei hier erlaubt, der Einfachheit halber gelöste Stoffe als Salz zu be-
zeichnen.
47
bekanntlich von Jolly als endosmotisches Aequivalent bczeiclinet
wurde. Von einem solchen kann dann, wenn Salz überhaupt die Mem-
bran nicht passirt, wenn also das Aequivalent unendlich würde, eigentlich
keine Rede mehr sein und auch für die physiologischen Fragen tritt die
Kenntniss des endosmotischen Aequivalentes in den Hintergrund. Da
freilich , wo es sich um Erhellung bestimmter osmotischer Vorgänge,
femer um Erforschung und Zergliederung der Kräfte handelt, welche
die Osmose bedingen und beherrschen, wird das Verhältniss der sich
austauschenden Mengen immer eine bedeutungsvolle Rolle spielen.
Als einen in Geweben, speciell in vegetabilischen Zellen häufigen
Fall, treffen wir diosmotischen Austausch gelöster Stoffe bei constantem
Volumen der Zelle und umgekehrt, während das Volumen sich ändert,
einen Wasserstrom ohne Austritt gelöster Stoffe ; natürlich sind auch
Combinationen gewöhnliche Erscheinungen. Ein Austausch nach endos-
motischem Aequivalente , wie dieses im Experimente ohne einseitigen
Ueberdruck bestimmt wird, ist weder bei Stoffwanderung, noch bei
anderen von Osmose abhängigen Leistungen nothwendig und thatsäch-
lich in der lebenden Pflanzenzelle nie realisirt, so lange der in dem In-
neren herrschende Druck die Ausgiebigkeit des Wasserstroms regulirt.
Die von der Physiologie uns aufgedrängten Fragen gehen zunächst
darauf hinaus, ob durch eine gegebene Membran 1) ein Stoff überhaupt
und wenn, in welchen Quantitäten unter gegebenen Verhältnissen dios-
mirt und 2) welche endliche Druckhöhe durch einen in eine Zelle ge-
richteten Strom zu Stande kommt, als Gleichgewichtszustand zwischen
diesem osmotischen Strome und der unter Druck filtrirenden Flüssigkeits-
menge. Diese zweite Frage nahm ich mit Niederschlagsmcmbraneu in
Angriff, um die Ursache für die oft so sehr hohen hydrostatischen Druck-
kräfte in Pflanzenzellen kennen zu lernen. Die erste Frage habe ich
nicht speciell zu beantworten gesucht und ich durfte auch vom physio-
logischen Standpunkte aus so verfahren, da die bereits vorliegenden
Daten zunächst ausreichend erscheinen, um als Leitsterne beim Studium
derDiosmose von Stoffen durch diejenigen Membranen zu dienen, welche
für Stoffaufnahme in vegetabilische Zellen massgebend sind.
Soeben wurden die Gründe angedeutet, welche mich veranlassten,
specielle Untersuchungen über Diosmose gelöster Kör])er und eventuell
Bestimmung des endosmotischen Aequivalents zu unterlassen. Indem
ich bezüglich der Diosmose einer Reihe von Körpern auf Traube's^)
1) L. c, 1867, p. 134.
48
Versucbe verweise, beschränke ich mich darauf, einige wenige Beob-
achtungen mitzutheilen.
Membranen aus Ferrocyankupfer fand ich für Gummi und Dextrin
(reines) absolut impermeabel. Nachdem 15 und 20procentige Lösungen
dieser Stofte bis zu 14 Tagen in Zellen verweilt hatten . war in der
Aussenflüssigkeit, nach Eindampfen dieser auf ein möglichst geringes
Volumen und nach zuvorigem Kochen unter Zusatz von etwas Schwefel-
säure, mit Fehling' scher Lösung keine Spur einer Reaction zu er-
halten. Da ich die Zellen bei Gegenwart der Membranbildner stehen
Hess, so musste natürlich die nachherige Prüfung der Flüssigkeit den
jeweiligen Verhältnissen entsprechend ausgeführt werden.
Bei Anwendung von Rohrzuckerlösung bis zu 5 Procent G ehalt konnte
nach 12tägigem Stehen bei Temperaturen von 12 und von 20" C. kein
Uebergang von Zucker nachgewiesen werden. Dagegen wurde in der
eingedampften Aussenflüssigkeit eine ganz kleine Menge von Kupfer-
oxydul jedesmal erhalten, wenn Zuckerlösungen von 10 Procent und
mehr Gehalt in die Zelle gebracht worden waren. Die Niederschlags-
membran aus Ferrocyankupfer lässt also Zucker, jedoch in nur sehr ge-
ringer Menge diosmiren ') . Ebenso verhielt sich eine Membran aus
Calciumphosphat.
Leichter passiren Chlorkalium und Kalinitrat die Ferrocyankupfer-
membran. Für letzteres Salz könnte ich einige quantitative Angaben,
wie sie aus der Aenderung des speci fischen Gewichtes der eingefüllten
und dabei an Volumen consfcmt gebliebenen Lösung sich ableiten lassen,
hier anführen, unterlasse dieses aber, da ohnehin die unbekannte Dicke
der Membran auf die in gleichen Zeiten übertretenden Salzmengen in-
fluirt. Auch für Ammoniumacetat, so\vie für verdünnte Salzsäure ist
die Ferrocyankupfermembran permeabel.
Ebenso fand ich nach 6 Stunden aus einer 5procentigen Lösung von
Kalisulfat geringe, aber sicher nachweisbare Mengen in die Aussenflüs-
sigkeit übergegangen. Es ist dieses Resultat übrigens verträglich mit
Traube's^) Angabe, die Ferrocyankupfermembran sei für obiges Salz
impermeabel, wenn man beachtet, dass dieser Autor mit Membranen von
kleinerer Fläche und mit verdUnnterer Lösung arbeitete, endlich auch
seine Versuche geringere Zeit dauern Hess. Das aber wird man hier-
1) Es mufls auch die Mö{?lichkeit ins Auge gefasst werden, dassDiosmose erst
durch Einwirkung concentrirter Lcisung auf die Membran hervorgerufen werden
könnte. Aus den initgetheilten Versuchen mit Zucker folgt solches natürlich
noch nicht.
2) L. c, 18G7, p. 139.
49
nach zugeben müssen, um über eine als vollkommen anzusehende
Impermeabilität zu entscheiden, wird es neuer Versuche bedürfen. Os-
motische Experimente und die darauf zu bauenden Schlüsse werden
freilich von dem Durchtritt minimaler Salzmengen wenig berührt, für
physiologische Vorgänge aber kann schon eine ganz geringe Osmose
bedeutungsvoll werden.
9. Osmotischer Wasserstrom ohne Diosmose des wirkenden Körpers.
Am einfachsten gestaltet sich die endosmotische Wasserbewegung,
wenn der osmotisch wirkende Körper die Membran nicht passirt.
Dann wird durch die molecularen Kräfte, welche überhaupt der Osmose
zu Grunde liegen, auf der innem Membranfläche eine Saugkraft ent-
wickelt, welche einen Wasserstrom durch die Membran treibt, der in
dieser natürlich mit gleichen Widerständen zu kämpfen hat, wie eine
beKebig erzeugte Wasserbewegung.
Beiderseitig mit Wasser in Contact, fliegen in der Zeiteinheit eine
gleiche Zahl von Wassermolecülen aus dem umspülenden Wasser in den
Bereich der Wirkungssphäre der Membrantheile und umgekehrt aus
diesem Bereiche in das Wasser zurück. Kommt nun eine Membran-
seite in Contact mit der Lösung eines nicht diosmirenden Körpers, so
prallen die Moleclile dieses an der Membran ab und da die Flächen-
einheit der Membran in der Zeiteinheit jetzt von einer geringeren Zahl
von Wassermolecülen getroffen wird, me zuvor, während (ceteris pari-
bus) immer noch eine wesentlich gleiche Zahl von Wassermolecülen aus
der Wirkungssphäre der Membrantheilchen entflieht, so muss ein zu
der Salzlösung gehender Wasserstrom nothwendig entstehen. Indess
dieser so erzeugte Wasserstrom ist, wie weiterhin dargethan werden
soll, immer nur ein Theil, und sehr gewöhnlich nur ein geringer Theil
von der Wasserbewegung, welche zu Stande kommt, indem die der
Membran genäherten SalzmolecUle anziehend auf die Wassertheilchen
wirken, welche an und in dem Wirkungsbereiche der Membrantheilchen
liegen.
Bedeutungsvoll müssen aber nothwendig die zwischen Membran-
theilen undSalzmolecüleii wirkenden Molecularkräfte eingreifen. Durch
diese wird, wie aus frülieren Erwägungen hervorgeht (p. 38), in der ja
auch auf der Innenfläche der Membran existirenden Glrenzschicht eine
der Affinität (sit venia verbo) zwischen Wasser. Salz und Membran-
theileu entsprechende Vertheiluug des gelösten Körpers und des
Pfeffer, Osmotische Untersuchungen. ■*
50
Wassers erzielt werden, welche ihrer Zusammensetzung nach von der
anstossenden Lösimg verschieden sein kann. Eine solche Schicht, in
welcher Wasser und Salz als Function desAhstandes von denMembran-
theilchen vcrtheilt sind, muss sich, sobald ein Stotf nicht diosmirt. Über
die ganze Membranfläche hinziehen. Ich werde diese Schicht weiter-
hin »Diffusionszoneii nennen. Die Constitution dieser Diffusionszone ist
in allen Fällen ein wichtiger Factor für die Intensität des in das Zell-
innere gerichteten Wasserstromes. Denn dass dieser mit der Concen-
trationsditfereuz in aneinandergrenzendenElementarschichteu der Lösung
steigt, ist ja ohne weiteres klar.
Die Affinität zwischen Salz und Membran wird, wenn nicht beson-
dere Wirkungen , etwa chemische , im Spiele sind , den osmotischen
Wasserstrom nicht direct bedingen, sondern eben vermöge der Con-
stitution der Dift'usionszone regeln. Die Triebkraft für den Wasser-
strom ist namentlich gegeben durch Anziehung zwischen Salz undWas-
sermolecUlen, ferner auch durch den schon erwähnten Factor, durch die
ungleiche Relation zwischen den auf die Flächeneinheit der Mem-
bran treft'euden und den aus dieser herausfliegenden Wassermolccülen.
Es sind dieses aber dieselben Molecularkräfte, welcLe das Ineinander-
bewegen von Salz und WassermolecUlen bei der freien Hydrodifl^'usion
bewirken; in unserer Zone ist eben unter besonderen Verhältnissen auch
eine Diffusion besonderer Art als treibende Kraft des osmotischen Was-
serstroms thätig. Die Entziehung von WassennolecUlen auf der Mem-
branfläche ruft dann natürlich einen durch die Membran gehenden Nach-
strom von Wasser hervor.
Die Molecularkräfte, welche die Constitution der Diffusionszone
bedingen, sind natürlich auch für Erhaltung dieser auf stationärem Zu-
stand thätig. So wird nothwendig im Wirkungsbereiche jener Mole-
cularkräfte die Bewegung der Salzmolecüle geregelt, welche auf eine
Aenderung der Diffusionszone hinzielt und ebenso suchen diese M(de-
cularkräfte die Erweiterung der Diffusionszone zu verhindern, welche
der erzeugte osmotische Wasserstrom anstrebt, indem er die Salztheil-
chen von der Membran zurücktreibt. Da aber die lebendige Kraft
dieses immer nur massigen Wasserstromes offenbar nur gering ist,
gegenüber den Molecularkräfteu. welche auf Erhaltung des stationären
Zustandcs der Diffusionszone hinarbeiten, und mit geringer Entfernung
zweier Molecüle oder anderer Massentheilchen) die anziehend wirken-
den Molecularkräfte schnell zunehmen, so wird dieser Einstrom auch
keine merkliche Ei-weiterung der Diffusionszone bewirken können. In
der That steht dieses auch im Einklang mit erst später mitzutheilenden
51
Versuchen über das Verhältniss, welches die ohne Druck beobachteten
Wasserströme unter sich, sowie die correspondirendeu endlichen Druck-
liöhen unter einander ergeben. Ist diese Druckhöhe in einer Zelle er-
reicht, dann fällt die bisherige Ursache für Erweiterung der Diffusions-
zoue ja hinweg, weil min einwärts und auswärts gerichteter Wasser-
strom von gleicher Stärke sind. Da nun die durch verschiedene Lösungen
nicht diosmirender Körper erzeugten Wasserströme unter sich in dem-
selben Verhältniss stehen, wie die von den gleichen Lösungen hervor-
gebrachten Druckhöhen , so kann eine wesentliche Erweiterung der
Diffusionszone durch die lebendige Kraft des einseitigen Wassersti'oms
nicht herbeigeführt werden. Beiläufig sei hier schon bemerkt, dass
die von einem Wasserstrom in einer Niederschlagsmembran zu über-
windenden Widerstände propoiüonal der Intensität dieses Wasser-
stromes wachsen.
Indem wir, sofeni nicht etwa chemische Wirkungen im Spiele sind,
die osmotische Triebkraft auf einen unter besonderen Verhältnissen sich
abspielenden Diffusionsvorgang zurückführen, ist wenigstens die Aus-
sicht eröffnet, für freie Hydrodiffusion gewonnene Gesetze auch für
osmotische Vorgänge, zunächst für solche, wo der wirkende Köi-per
nicht diosmirt, verwendbar zu machen, wenn auch jene Diffusions-
gesetze selbst noch nicht auf die ihnen zu Grunde liegenden molecu-
laren Wirkungen zurückgeführt werden können. Freilich stehen einer
Aufhellung der osmotischen Vorgänge auf solchem Wege immer noch
grosse Schwierigkeiten entgegen und einfacher Vergleich der durch
die Bewegung der Wasser- und Salztheilchen bei der Hydrodiffusion
ausgedrückten Arbeitsleistung mit dem osmotischen Einstrom kann
natürlich nicht ohne weiteres zu einem Resultate führen , auch wenn
man zugleich durch Ermittelung der vom Wasserstrom in der Membran
zu überwindenden Widerstände ein Maass für die wirklich entwickelte
Saugkraft gewinnt. Es kann ja für verschiedene Stoffe die Diffusions-
zone nicht nur ungleich ausgedehnt sein, sondern sich sowohl in der
Zusammensetzung Täumlieh correspondirender Zonen, als auch in der
Aenderung dieser Zusammensetzung mit dem Abstände von den Mem-
brantheilchen ganz different verhalten. Es fehlen noch alle Anhalts-
punkte, um über diese Punkte eine Entscheidung fällen zu können,
auch darüber ist nicht zu urtheilen, ob in concreten Fällen, dann, wenn
im Bereiche der von den Membrantheilchen beherrschten Wirkungs-
sphäre nur eine Lösung von bestimmtem Gehalte bestehen kann, ein
plötzlicher, gleichsam sprungweiser Uebergang zu der Concentratiou
der in der Zelle befindlichen Lösung vorliegt. Im allgemeinen würde
52
wohl der oben angedeutete Vergleich Wahrscheinlichkeitsgründe dafür
beibringen können, ob die Lösung in der Diflfusionszone verdünnter
oder concentrirter als die anstossende Flüssigkeit ist: ersteres dürfte aus
früher mitgetheilten Gründen dann meist zu erwarten sein, wenn es sich
um gegen die Membransubstanz indifferente gelöste Körper handelt
und die Möglichkeit liegt ja auch vor , dass bei ganz überwiegender
Affinität zwischen Membransubstanz und Wasser jene zunächst mit
einer reiaen Wasserschicht überzogen ist.
Nach Obigem kann es nicht erwartet werden, ja wäre es rein zu-
fällig, wenn die Schnelligkeit der Wasserbewegung bei Hydrodiflfusion
und bei osmotischem Einstrom für verschiedene Körper in demselben
Verhältniss ständen. Die Relation der Wasserbewegung bei freier
Diffusion wird durch die auf gleiche Einheiten bezogenen Diflfusions-
constauten verschiedener Salze angezeigt, da ja ein diesen gleiches
Waseervolumen nach entgegengesetzter Richtung strömt. Nach Beil-
stein und Voit's '; Versuchen berechnet sich, als Constante, wenn die
des Rohrzuckers = 1 gesetzt wird, für Kalisulfat = 2,24, für Salpeter
= 2,9. Für 1 procentige Lösungen 2) derselben Stoffe ergeben sich aber
als Mittelwerthe für den osmotischen Wasserstrom in Ferrocyankupfer-
membran aus zwei vergleichenden, je mit einer Zelle durchgeführten
Versuchsreihen, wenn wieder der durch Zucker erzeugte Strom als Ein-
heit angenommen wird, für Kalisulfat 4,39 und für Salpeter 4,61^)
(Belege Nr. V) . Auch ohne dass die jenen Diflfusionsconstauten entspre-
chenden Wasservolumiua berechnet werden, sieht man doch, dass diese
und die osmotischen Wasserströme nicht m demselben Verhältniss
stehen.
Gibt auch die Diflfusionsschnelligkeit eines Körpers keinen be-
stimmten Aufschluss über dessen osmotische Wirkung, so kann man
doch nach dem früher Erörterten im allgemeinen darauf rechnen, dass
ein langsam diflfundirender Stoff auch nur geringeren osmotischen Wasser-
strom hervorbringen wird, denn die Diftusionsschuelligkeit ist ja selbst
l)Voit, Poggendorff8Annalenl867, Bd. 1:10, p. 233 x.. 423. Die Constanten
für Kali = 1 sind Salpeter = 0,912 , Kalisulfat = 0,703, Rohrzucker = 0,314.
Letztere Constante wurde von Voit bestimmt, die beiden anderen sind nach
Beilstein's Versuchen umgerechnet.
2) Wir vergleichen hier Gewichtsprocente enthaltende Lösungen von nicht
ganz gleicher Dichte, während obige Constanten auf Lösungen bezogen sind,
welche gleiche Gewichtsmengen in der Volumeneinheit enthalten. Der damit be-
gangene Fehler ist übrigens nur gering.
3) Es ist zu bemerken, dass Salpeter in geringer Menge diosmirt, wodurch der
osniotirtche Wasserstrom etwas, jedoch nur wenig, herabgedrückt wird.
53
von den zwischen Wasser und Salz wirkenden Molecularkräften ab-
hängig. Diese Erwartung findet durch das Experiment ihre volle Be-
stätigung, indem mit allen Colloiden, welche bekanntlich nur langsam
difFundiren. geringe osmotische Druckhöhen entstanden, die hier, wo
es sich um nicht diosmirende Stoffe handelt, sehr annähernd genau auch
die Relation des ohne Druck stattfindenden osmotischen Wasserstromes
im Vergleich zum Zucker anzeigen. Da wir auf diesen Punkt nochmals
zurückkommen, so sei hier nur erwähnt, dass z. B. eine 6procentige
Lösung von flüssigem Leim einen osmotischen Druck von 24 Ctm., eine
6procentige Lösung von arabischem Gummi ^) von 24 bis 27 Ctm. Queck-
silber ergab, während eine gleich concentrirte Zuckerlösung eine Queck-
silbersäule von ungefähr 290 Ctm. gehoben haben würde (Vgl. Tab. 8
im Abschnitt 14 »Osmotische Druckhöhe«). Der flüssige Leim 2) , wie
auch das arabische Gummi enthielten eine nennenswerthe Menge kry-
stalloider t^alze, welche die osmotische Wirkung höher stellen, als sie
reiner Leim und reines Arabin geliefert haben würden. Indess reichen
ja schon die so gewonnenen Zahlen vollkommen aus, um die von der
Theorie für Colloide geforderte geringe osmotische Wirkung zu erwei-
sen, welche, wie später mitzuth eilende Druckversuche zeigen, auch für
Conglutin und Dextrin zutrifft.
AuchinThierblase, Pergamentpap\er und ähnlichen Häuten können
Colloide geiingere osmotische Wirkung als gewisse Krystalloide ausüben
(Näheres später) . Schon D u t r o c h e t ' s ^i Versuche ergaben für Lösungen
gleichen specifischen Gewichtes (die für Zucker und Gaunrai auch hin-
sichtlich der Cöncentration nicht sehr verschieden sind) die osmotische
Wirkung von Gelatinwasser, Gummi und Rohrzucker zu resp. 3; 5,17
und 1 1 . Dei* die Leistung des Zuckers etwas übertreffende Werth für
1) Nach Graham' 8 Angaben (Ann. d. Chera. u. Pharm. 1862. Bd. 121, p. II)
würde sich für arabisches Gummi und Zucker die Diffusionsschnelligkeit wie 2,8
zu 5 berechnen. Nach Hoppe Seyler (Medic.-chem. Untersuchungen 1866, Hft.
I, p. 14) scheint aber Gummi (das ja kein bestimmtes chemisches Individuum ist)
weit langsamer zu diffundiren. — Für andere Colloide ist zwar die langsame Dif-
fusion bekannt (vgl. Graham 1. c. pH), doch existiren keine genauen Be-
stimmungen der Diffusionsconstante.
2) Es war dieses Leim, wie er zur Darstellung der Zellen aus Gerbsäureleim
nach Traube 's Verfahren sich eignete. — Schneller als durch langes Kochen ge-
winnt man diesen Leim, indem man concentrirte Leimlösungen heiss in geschlossene
Glasröhren bringt und einige Stunden auf 120 bis 1300C. erhitzt. Da sich der
Leim nur bei einem gewissen Gehalt an gelatinirenderaLeim zur Zellbildung eignet,
so muss man durch nachherigen Zusatz von Gelatine eine geeignete Composition
herstellen.
3) Memoir. p. servir ä l'histoire d. v6g^taux et d. animaux 1837. p. 34 (Brüss-
1er Ausgabe) .
54
Mülmereiweiss — 12, ist schon deslialb inrommensuialx'l. weil dieses
erliel)liche Menden kiystalloider Körper gelöst enthält' . Für reines
Alhiiniln fand denn anch Jiara n et/k y'^i eine nur sehr ,a:('ringe os-
niotisehe Wirkung. el)enso für andere Colloide. für Arabin und (!erb-
säure. Bavanetzky operirte aueli. ausser niitThierblase, Pergament-
piipier und C'ollodinnüiäuten. mit Cellulosc. welche aus Cullodiunnnem-
branen (Nitrocellulose! gewonnen waren, indem die NO^ Gruppen wieder
durch Wasserstoli" ersetzt wurden. Das diosmotische Verhalten dieser
Cellulosehäute ist übrigens ein ähnliches, wie das von Thierblasc und
IVrgamentpapier ' . — (Traham s ') Angabe, den Colloiden käme im
allgemeinen hohe osmotische Wirkung zu, ist einfach unrichtig. Die
als Stütze angeführte Beobachtung, dass Traganthgummi auf eine Seite
einer Membran gebracht schnell zu gallertartiger Masse aufschwelle,
kann aus nahe liegeiulen Gründen als ein zu Schlüssen berechtigender
Versuch überhaupt nicht angesehen werden ■'>] .
Es ist schon darauf hingewiesen worden p. 49), wie, unabhängig
von den zwischen Salz und Wassermolecülen wirkenden Kräften, ein
einseitiger Wasserstrom nach der Salzlösung hin in Folge des Bewe-
gungszustandes der Materie zu Stande kommen muss, sobald weniger
Wassermolecüle in die Membran, als aus dieser in entgegengesetzter
Richtung sich bewegen. Diese pifterenz und damit der entsi)rechende
Wasserstrom ist im allgemeinen (ceteris ])aribus1 um so grösser, je
mehr SalzmolecUle in der Volumeinheit der Lösung vertheilt sind und
dennoch bringt eine Iprocentige Kalisulfatlösung einen höheren Druck
und einen stärkeren Wasserstrom zu Stande, als eine I^ösung, welche
1 8 Gewichtsprocente arabischen Gummis enthält : mit Ferrocyanku])fer-
membran wurde für jene die Druckhöhe zu 192 Ctm. . für diese zu
119 Ctm. Quecksilber gefunden. Hieraus geht aber, unter Erwägung
schon mitgetheilter Thatsachen und Erläuterungen . hervor, dass die
osmotische Wirkung ganz wesentlich von den zwischen gelöstem Körper
1) Das flÜ8.sif>e Hiihncreiweiss, wie es in Eiern enthalten, hintevlässt etwa :t
Procent Asche. Kühne, physiol. Chemie ISfiS, p. 5.");i.
2) Poggendurff s Annal. 1^72, Bd. 147, p. TM.
S) Endosmotische Versuche wurden ausser mit den schon genannten Memhni-
nen und abgesehen von Niederschlagsmemhranen, auch angestellt mit Eierschalen.
Steinplatten, Thonzellen, Pflanzenblättern, Holzlaniellen, ooagulirteni Ei weiss und
noch anderem Materiale.
4) Annal. d. Chem. u. Pharmacie l>^<)'2. Bd. 121, p. 7.j.
5 Ebenso folgt ja auch nicht aus dem Zerfliesson von f 'lilorcaN-ium, dass dieses
höhere t)Sinotische Wirkung ausübt. ;ils ein nieht hyuroskopischer Körper. — Die
geringe Kraft, mit welcher manche Colloide in Lösung gehalten werden (Vgl.
Grab am 1. c. p. 69) spricht auch nur für geringere Affinität zum Wasser.
55
und Wasser wiricenden Anziehungskräften abhängt und der unabhängig
hiervon durch den Bewegungszustand der Wassermolecüle bedingte
Wasserstrom für die durch eine Salzlösung bewirkte Osmose von nur
untergeordneter Bedeutung ist.
10. Osmotischer Wasserstrom mit Diosmose des wirkenden Körpers.
Ehe wir die Osmose und speciell den Wasserstrom bei gleichzeiti-
gem diosmotischen Durchgang des gelösten Kölners beleuchten, erinnere
ich daran, dass capillare oder moleculare Osmose möglich sind und bei
letzterer wieder der Weg um und durch die Massentheilchen der Mem-
bran führen kann. Zunächst soll der Fall ins Auge gefasst werden,
welchen Brücke seiner osmotischen Theorie zu Grunde legte, dass
nämlich ein enger mit Flüssigkeit gefüllter Porus gegeben ist, in wel-
chem ein Achsencylinder ausserhalb des Bereichs der von der Wandung
ausgehenden Molecularkräfte liegt. Die Consequenzen dieser Auffas-
sung wurden ausführlich von Fick^) entwickelt und darf ich mich des-
halb auf das für uns wesentliche beschränken.
In dem fraglichen Achsencylinder wird eine Lösung unverändert
imbibirt, während in der Grenzschicht eine in ihrer Constitution von
Molecularkräften abhängige und mit dem Abstand von der Membran
veränderliche Schicht sich bildet, welche in sehr vielen Fällen wohl
bestimmt gegen die Membran hin an Concentration abnimmt und un-
mittelbar an dieser wohl auch reines Wasser werden kann. Stösst eine
Oeffnung des Porus an eine als unendlich gross zu betrachtende Wasser-
menge, während die andere Oeffnung in Salzlösung mündet, so muss in
Folge der Diffusiousvorgänge (molecularer und capillarer) die Concen-
tration im Porus selbst von 0 bis zur Dichte der Salzlösung oder even-
tuell bis zu der Concentration wachsen , welche als Maximum in den
einzelnen concentrischen Zonen der Grenzschicht bestehen kann. Im
capillaren Achsencylinder und iif allen Cylindermänteln , in welchen
Salzlösung von gleicher Concentration, wie sie der Zellinhalt besitzt,
bestehen kann , ist keine Ursache für Volumzunahme des Zell-
inhaltes gegeben, da, wie bei Hydrodiffusion, Salz und Wasser nach
gleichen Volumina sich austauschen 2) . Ist aber die Concentration in
einem Cylindermantel der Grenzschicht geringer, als in der Salzlösung,
dann muss an der Grenze beider eine Diffusionszone sich constituiren,
1) Poggendorff s Annal. 1855, Bd. 94, p. 74 flF.
2) Ob ganz genau, das ist fraglich, wie später gezeigt werden soll.
56
die einen Wasserstrom in die Zelle schafft, welcher den auswärts ge-.
richteten Salzstroni an Ausgiebigkeit übertrifft. Die. Intensität dieses
einseitigen Wasserstromes hängt ab von der Concentrationsdifferenz
zwischen Cylinderniantel und Salzlösung, der Höhe der Diffusionszone
und der Natur des gelösten Körpers. Auch hier muss die Gestaltung
dor Diffusionszone aus schon beigebrachten Gründen durch die zwi-
schen Halz , Wasser und Menibrantheilen wirkenden Molecularkräfte
bedingt sein und wird nur in geringem Maasse von dem erzeugten
Wasserstroni beeinflusst werden, nicht aber wesentlich von diesem ab-
hängen, wie Fick') annimmt.
Durch osmotische Wirkung kommt also in gewissen Zonen der
Grenzschicht eine einseitige Wasserbewegung zu Stande, welche Vo-
lumzunahme des Zellinhaltes bewirkt. Steigt in Folge dessen der
Druck .in der geschlossenen Zelle, dann dient dem nach aussen gerich-
teten Filtrationsstrom der ganze Porencanal und gerade in dem bezüg-
lich der Volumzunahme des Zellinhaltes indifferenten Achsencylinder.
geht, analog wie in einem Capillarrohre, die ausgiebigste Flüssigkeits-
bewegung vor sich, welche eventuell bis zur Massensti'ömung gesteigert
sein kann. Es ist hiernach sofort klar, wie die Druckhöhe, das end-
liche Gleichgewicht zwischen Einstrora und Ausstrom, für eine Membran
mit weiteren Poren geringer ausfallen muss. als für eine solche mit
engeren Poren und am höchsten wird, wenn die Poren sich so weit ver-
engen, dass Salz nicht mehr diosmirt. Näher wird auf die Beziehung
zwischen Membranbeschaffenheit und Druckhöhe erst weiterhin ein-
gegangen werden.
Hinsichtlich der Diosmose durch die Massentheilchen selbst, gilt
wesentlich dasselbe, wie für die unter dem Einfluss molecularer Kräfte
in der Grenzschicht sich austauschenden Stoffe, wo ja auch schon der
Fall geboten sein kann, dass ein Körper nicht osmirt.
Bei Durchmusterung aller über das endosmotische Aequivalent
"~Q~i — ) festgestellten Tliatsachen findet sich keine, welche nicht, bei
Würdigung der Membranbeschaffenheit, mit den entwickelten Principien
in Einklang zu bringen wäre. Da es indess durchaus nicht in meinem
Plane lag, specielle Studien über das endosmotische Aequivalent zu
machen, so habe ich auch keine Veranlassung diesen Gegenstand einer
ausfuhrlichen Discussion zu unterwerfen, muss mich vielmehr auf An-
deutung einiger wesentlicher Punkte beschränken.
Am einfachsten muss sich jedenfalls der relative Austausch durch
i] L. c, p. ".
57
Tlionzellen oder durch andere nicht quellungsfähige Scheidewände
gestalten, in welchen sich natürlich auch eine specifische Grenzschicht
bilden wird, welche, das ist festzuhalten, nothweudig mit verschiedenen
Concentrationsg-raden derselben Salzlösung bis zu einem gewissen
Grade sich ändern muss. Dieses allein schon (obgleich auch noch
andere Umstände in Betracht kommen^ vermag zu erklären, warum das
endosmotische Aequivalent für verschiedene Concentrationen nicht voll-
kommen constant ist. warum ferner, wie es Fick ' fand, der Salzstrom
bei geringer Dichte der Lösung zunächst rascher wachsen und selbst
ein Maximum erreichen kann. Bei Thonzellen ist die Filtration ver-
hältuissmässig ausgiebig und deshalb wird ein geringer einseitiger
Ueberdruck schon einen erheblichen Fehler herbeiführen können. Da
auch bei Thierblase und anderen Membranen, auch den Niederschlags-
membranen, ein jeder Ueberdruck Filtration herbeiführt, so wird hier-
durch immer ein kleiner Fehler erzeugt, welcher indess verschwindend
gering ist wenn der osmotische Einstrom gegenüber der Filtration sehr
gross isf^ .
In Thierblase und ähnlichen Membranen sind zweifellos auch
capillare Poren neben engeren Räumen vorhanden, welche letztere viel-
leicht theilweise gewisse Salze nicht diosmiren lassen. Eine solche
Anordnung könnte allein schon alle beobachteten Erscheinungen der
Diosmose und der Quellung erklären, doch sind diese Erscheinungen
auch mit gleichzeitigem Durchtritt von Wasser oder auch von Salz-
molecülen durch dieMembrantheilchen verträglich ^) . Ob dieser letztere
Vorgang, wie es wahrscheinlich scheint, mit im Spiele ist, muss ich
dahin gestellt sein lassen. Bezüglich der Relation des Austausches ist
aber wohl zu beachten, dass gewisse Räume (oder Membrantheilchen)
1) FickinMoleschott'sUntersnchungen 1S57, Bd. III, p. 341. — Eckhardts
Einwände fPggd f s Ann. 1866, Bd. 1 28, p.91) sind mit Vorsicht aufzunehmen, weil die
so ungleiche Porosität verschiedener Thonzellen wesentlich mit in Betracht kommt.
2; Eckhardt il. c, p. 87i fand die Stärke des Salzstromes beeinflusst, wenn
sich dieser in Herzbeutel entgegen einem Drucke von mehr als 8Ctm. Quecksilber
zu bewegen hatte.
3; Fick (Poggendorff s Annalen Bd. 94, p. 83 u. 8.5) hebt namentlich zwei
Punkte hervor, welche ihm mit Diosmose durch enge Räume unverträglich schei-
nen. Die eine Annahme, das endosmotische Aequivalent müsse erheblich abneh-
men, wenn der Salzlösung etwa feste Stoffe zugesetzt und dadurch die Beweglich-
keit der Theilcheu vermindert würde, trifft nicht mehr zu, sobald die Diflfusions-
zone, wie es thatsächlich derFallist, durch relativ grosse Molecularkräfte constant
erhalten wird (Siehe p. 50;. — Die andere Ansicht, das endosmotische Aequiva-
lent müsse schnell abnehmen, wenn stark verdünnte Lösungen zum Vergleich ge-
wählt würden, vernachlässigt die Aenderung der Grenzschicht mit der Concentra-
tion der anstgssenden Salzlösung und gilt für quelluugsfähige Membranen auch
de.-iihalb nicht, weil die Durchmesser enger Poren mit der Concentration variiren
58
vielleicht nur Wasserbewegung gestatten . welche in einseitig über-
wiegender Weise auch in der Grenzschicht, oder wenigstens in gewissen
Zonen dieser zu Wege kommt. Nun ist aber bei Thierblase nicht nur
die Grenzschicht in gleichem Sinne wie inThonzellen variabel, sondern
die diosmotischen Wege selbst müssen, wie es die Quellungsrähigkeit
anzeigt, mit Concentration der Salzlösung ihre Dimensionen ändern.
Wenn mit wechselnden Bedingungen der Uebergang von einem zum
anderen stationären Zustand in ungleichen Zeiten erfolgt, so berechtigt
dieses aber nicht, wie es Fick*) versuchte, darauf einen principiellen
Unterschied der Diosmose zwischen quellungsfähigen und nicht (luol-
lungsfähigen Körpern zu begründen. Bei Collodiummembranen dürften
übrigens, der nicht vollkommenen Stabilität der Nitrocellulose halber,
auch andere Umstände mitwirken, um die Erreichung eines stationären
ZuStandes aufzuhalten und vielleicht in weiteste Ferne zu verschieben.
Einen einfachen Hinweis auf das osmotische Verhalten gewisser
Säuren glaube ich nicht unterlassen zu dürfen, da schon von Dutro-
chet^) mitgetheilte, von Grab am 3) im Princip bestätigte und theil-
weise erweiterte Beobachtungen, bei vielen osmotischen Studien keine
Erwähnung gefunden haben ; ich meine die Volumabnahme — die
negative Osmose Grahams — vieler Säuren, wenn sie durch gewisse
Membranen von Wasser getrennt sind. Beachtet man, dass die Grenz-
schicht und eventuell die Membrantheile selbst, je nach Maassgabe der
wechselseitigen Affinitäten, Kör))er auch in relativ grösserer Menge
werden aufnehmen können, als sie in der anstossenden Lösung vorhan-
den sind, dass aber dieses mit gewisser Concentration der Lösung sich
sehr wohl umkehren kann , so wdrd das angedeutete Verhalten der
Säuren nicht überraschen. Es wird auch leicht einzusehen sein , wie
der angegebenen und auch noch anderer Umstände halber, der Concen-
trationsgrad. welcher gar keine Volumänderung hervorbringt, sich ver-
schiebt und wie verschiedene Membranen ein ganz ungleiches Verhalten
zeigen können, was schon Dutrochet für Thierblase gegenüber
pflanzlichen Zellhäuten beobachtete. Beiläufig sei noch bemerkt, dass
Lösungen von Oxalsäure und Weinsäure, von 1, resp. von S^ Procent
Gehalt, welche nach DutrochCt bei Anwendung thierischer Blase
starke Volumverminderung erfahren würden, in Ferrocyankupfermem-
bran einen ziemlich erheblichen Wasserstrom nach der Lösung der
Säuren hin heiTorriefen.
1; Moleschott's Unterauchungen l. c, p. 296 ii. s. w.
2) Memoir. p. .servir ä Ihistoire u. s. w. 1h:{7 (Brüssel) p. 35.
■)) rhilosoph. tiJiusactions 18-'J4, Bd. 144, p. 22.").
59
Bisher ist immer angenommen, dase in den. nicht unter Einflu 88
der von der Membran ausgehenden Molecularkräfte stehenden Capillar-
räumen Salz und Wasser nacli gleichen Volumina ausgetauscht werden.
Dieses, bei Dirt'ussion in etwas weiteren Gefässen selbstverständlich,
ist doch in engen Poren, welche zwei Flüssigkeiten miteinander verbin-
den, nicht nothwendig. Würden z. B., wie bei der allgemeinen Massen-
anziehung, die von zwei sich anziehenden Molecülen zurückgelegten
Wege im umgekehrten Verhältniss zur Masse dieser stehen, so müsste,
sobald die Dichte der Salz- und WassermolecUle verschieden ist, das
Volumen zu beiden Seiten einer Ebene sich ändern, was imPorus einen
einseitigen Flüssigkeitsstrom mit sich bringen würde. Nun kann aller-
dings die allgemeine Massenanziehung nicht als für die factische Mole-
cularbewegung allein massgebend angesehen werden, für die ja auch
die lebendige Kraft der Molecüle selbst'), und in unserem Falle noch
besondere Umstände in Betracht kommen. Allein ich wollte hier nur
darauf hinweisen, dass durch Capillarräume, welche die Salzlösung un-
verändert aufnehmen, dennoch ein, wenn auch wenig ausgiebiger, ein-
seitiger Flüssigkeitsstrom möglich ist.
11. Abhängigkeit des osmotischen Wasserstromes von Membran-
beschaffenheit und Concentration der Lösung.
Bevor auf messende Versuche eingegangen wird, ist es geboten,
noch einige die Niederschlagsmembranen betreffende Verhältnisse zu
erwähnen. Bei unseren Zellen muss nothwendig einTheil der gesamm-
ten Fläche der Niederschlagsraembran gegen impermeable Thonmasse
angepresst sein, so dass nur die über Poren der Thonzelle ausgespann-
ten Membrantheile beiderseitig mit Flüssigkeit in Contact stehen, wäh-
rend die angepressten Partien der Membran für Diosmose nur unter-
geordnete Bedeutung haben, nämlich insofern, als sich Flüssigkeit in
der Membran parallel der Fläche bewegi. Hinsichtlich der diosmo-
tischen Wirkung kann also die aufgelagerte Membran nur einer all -
seitig freien Membran von geringerem Flächeninhalt gleich kommen,
was übrigens der Brauchbarkeit unserer Zellen keinen Abbruch thut.
Diosmirende Körper haben, ausser der Niederschlagsmembran, in
unseren Zellen auch immer die Thonzellen zu durchwandern, deren
Permeabilität für Wasser und Salz gegenüber den Niederschlagsraem-
1) Vermöge dieser tausclien sich bekanntlich Gasmengen durch enge Poren
im umgekehrten Verliältniss zu den Quadratwurzeln aus ihrer Dichte aus.
60
branen po gross ist, dass sich der Einfluss der Thonzelle kaum bemerk-
bar machen kann. So filtrirten durch ein 100 Qu.-Ctm. grosses Stück
einer Ferrocyankupfermembran unter einem Druck von lOOCtm. Queck-
silber im Verlaufe einer Stunde in keinem beobachteten Falle (»,04Cub.-
Ctm. Wasser, während für ein gleich grosses Flächenstück der Thon-
zelle unter gleichen Bedingungen eine Filtrationsmenge von 950 bis
1300 Cub.-Ctm. gefunden wurde. Doch wenn auch die kleinsten Poren
der ungleich porösen Thonmasse wirklich einen hemmenden Einfluss
geltend machen sollten , so würde dieses auf vergleichende Versuche
(wenigstens wenn es sich um die Wirkung nicht diosmirender Stoffe
handelt! keinen Einfljiss haben, weil in engen Poren, wie auch in der
Niederschlagsmembran selbst, die Widerstände proportional den
Filtrationsmengen wachsen.
Auch im Vergleich zu Thierblase ist die Filtrationsmenge, welche
eine doch unverhältnissmässig dünnere Ferrocyankupfermembran liefert,
immer nur sehr gering. So berechnet sich aus Versuchen von W
Schmidt'), wenn wir einen der geringsten Werthe und ausserdem die
oben angenommenen Mäasse zu Grunde Jegen. für Schweinsblase eine
Filtrationsmenge von 8,87 Cub.-Ctm., welche für andere Stücke sogar
um mehr als das 200fache höher gefunden wurde. Dem gegenüber ist
die mit unseren Zellen unter gleichen Bedingungen beobachtete, 0,04
Cub.-Ctm. nicht erreichende Filtrationsmenge gering, und wird dieses
auch sein, wenn wir statt der aufgelagerten eine allseitig freie Membran
gleicher Fläche vergleichen. An einer solchen geht freilich die Fil-
tration dem Anscheine nach wesentlich ausgiebiger vor sich , wie sich aus
dem Zusammenfallen einer allseitig geschlossenen Ferrocyankupfer-
zelle entnehmen lässt, wenn diese in eine Zuckerlösung von bekannter
osmotischer Leistung gebracht wird.
Der osmotische Wasserstrom durch Niederschlagsmerabranen ist
naturlich proportional der Membranfläche , ebenso ist er aber auch der
Triebkraft proportional , weil , wie Filtrationsversuche ergaben, die
Widerstände in gleichem Verhältniss wie die Stromstärke wachsen.
Es ist wohl auch nicht daran zu zweifeln, dass die einem Wasserstrom
entgegenstehenden Widerstände proportional der Membrandicke sind.
1) Poggcndorff s Anualen 185t), Bd. 99, p. 348. Durch ein kreisförmiges
Membruustück von H Ctm. Durchmesser filtrirten unter einem Wasserdruck von
227 Ctm. 0.15 Grm. Wasser. — Der für ein anderes Stück in der gleichen Tabelle
angeführte höchste Filtrationswerth ist 32,7 (Jrm. Wasser — Die Berechnung ge-
schah unter Annahme von Proportionalität zwischen Druck und Ausflussraenge,
was für Thierttlase nicht genau zutrifft, jedoch immerhin annähernde Wertbe
liefert.
61
Wie schon bekannt, verdickt sich die Membran bei Gegenwart der
Membranogene iffld dadurch, wie zugleich wegen unvermeidlicher Ver-
stopfung durch fremde Körper, nimmt die einer osmotischen Triebkraft
oder einem entsprechenden Druck entsprechende Wasserbewegung ab.
Um ein annähernderes Maass für die Verdickung durch die verminderte
Wasserbewegung zu gewinnen, wurde eine Zelle mit aufgelagerter
Ferrocyankupfermembran während 5 Wochen mit sorgfältigst filtrirten
3procentigen Lösungen der Membranogene vollkommen vor Staub ge-
schlitzt aufbewahrt. Gleich nach Herstellung der Zelle , wie nach
dieser Aufbewahrung wurde bei gleicher Temperatur (]4,50C.) der
Wasserstrom gemessen, welchen eine 4procentige Zuckerlösung hervor-
rief. Dieser Einstrom entsprach, im ersten Versuche einer Steigung
von 9,6 Mm. pro Stunde im Messrohr (149,6 Cub.-Mm.) und war nach
5 Wochen auf 4,9 Mm. gesunRen. Da in dem Experimente Verstopfung
jedenfalls nur ,sehr untergeordnet sein konnte, so darf man annehmen,
dass die Membran in der Zwischenzeit beinahe doppelte Dicke gewon-
nen hatte.
Frühere Erwägungen zeigten uns, wie die in der Diffusionszone
entwickelte osmotische Triebkraft auf dieselben Kräfte zurückkommt,
welche beiHydrodiffusion daslneinanderbewegen von Salz und Flüssig-
keit bewirken (p. 51). Die Intensität dieses Diffusionsstromes würde
demgemäss einen Schluss auf die osmotische Kraft eines Stoffes er-
lauben, wenn die Höhe und überhaupt die Constitution der Diffusionszone
bekannt wäre. Seit F ick 's Untersuchungen ist allgemein angenom-
men, dass, wenn die Diffusionsconstante {k) ') — d. h. die Salzmenge,
1) Bei Diffusion in Flüssigkeiten ist nicht nur die lebendige Kraft der Mole-
oiile, sondern auch deren Anziehung untereinander massgebend. Wo letztere ver-
schwindet, wie bei den Gasen, lässt sich, wie Loschmidt (Berichte d. Wiener
Acad. 1870, 2. Abth.) zeigte, dieConstante als eine Function derMolecülgeschwin-
digkeit ausdrücken. Es ist nämlich so genau als erwartet werden kann, k= e^^l^>
N
wo e einen constanten Factor, N die Molecülzahl in der Volumeneinheit, mi ^i-i die
resp. mittleren Geschwindigkeiten der beiden diffundirenden Gase bezeichnen. —
Die allgemeine Regel, welche Sachsse (Chem. Centralblatt 1874, p. 237) aus den
an sich zu wenig genauen Versuchen Graham 's abzuleiten suchte, bei Flüssig-
keitsdiffusion falle mit wachsendem Moleculargewicht die Anzahl der aus einer
Salzlösung diffundirendenMolecüle, ist noch nicht geeignet einen tieferen Einblick
in die wirkenden Molecularkräfte zu gestatten. — Namentlich darf man auch nicht
vergessen, dass das in üblicherweise abgeleitete Moleculargewicht, die in Lösung
bestehenden Körpertheile nicht oder wenigstens nicht immer bestimmt. Man denke
nur etwa an das lösliche Eisenoxydhydrat, welches als colloidaler Körper voraus-
sichtlich' durch Aggregation von Molecülen zu Tagmen entsteht.
62
welche in der Zeiteinheit durch die Flächeneinheit übergeht, wenn auf
die Längeneinheit die Concentration um 1 abnimmt — bekannt ist. die
diffundirende Salzmenge («) ausgedrückt wird*) durch s = ka-j-t, wo
e die Concentrationsabnahme auf der Strecke /, « die Fläche und t die
Zeit bezeichnet: natürlich würde ebenso die nach entgegengesetzter
Richtung strömende Wassermenge bestimmt sein, wenn ^deuDiffusions-
coefficienten des Wassers angiebt. Die angenommene Proportionalität
zwischen Concentrationsdifferenz ly | und Diifusionsstrom kann aber,
wie folgende Ueberlegung zeigen wird, nur innerhalb gewissei* Grenzen
richtig oder annähernd richtig sein.
Eine mit wachsender Molecülzahl proportionale Zunahme des Dif-
fusionsstromes ist nur dann möglich, wenn alle neu hinzukommenden
MolecUle gleiche Anziehungskräfte auf benachbarte Wassermolecüle
ausüben. Das wird aber nicht der Fall sein, wenn mit weiterer Con-
centration eine gewisse Zahl von Molecülen seine Anziehungskraft zum
Wasser nicht mehr in gleichem Maasse ausgleichen kann, also mit Be-
zug auf Wasser als ungesättigte Molecülverbindung in Lösung besteht,
welche selbstverständlich auf in ihr Bereich kommende Wassermolecüle
eine grössere Anziehungskraft ausübt. Dass dem in der That so ist,
beweist, ausser anderen Argumenten, die Contraction, welche allgemein
beim Mischen von Salzlösungen und Wasser eintritt und die, wie die
Verdichtung beim directen Auflösen der Salze, keineswegs proportional
der Anzahl gelöster Salzmolecüle sich ändert '^) . Sobald aber die Zahl
ungesättigter Salzmolecüle schneller als die in Volumprocenten ausge-
drückte Concentration wächst, muss der Diffusionsstrom, wie die trei-
benden Kräfte selbst, schneller zunehmen, als es die bisher angenom-
mene Propoiüonalität verlangt, vorausgesetzt, dass nicht andere Ur-
sachen, wie Viscosität der Flüssigkeit u. s. w., eine Compensation her-
beiführen.
Für verdünnte Lösungen wird allerdings gewöhnlich Proportionali-
tät zwischen Concentrations- und Diffusionsschnelligkeit, aber nach
Obigem auch nur angenähert zutreffen und hierin, wie in den nicht zu
grosse Genauigkeit gestattenden Versuchsmethoden mag es begründet
1) Vgl. z. B. Mousson, Physik II. Aufl., Bd. I, p. 282.
2) Naumiiuu, Allp^emeine Chemie 1875, p. -151, 480 etc. — Die ungleiche
Färbung einer Kobaltchlorürlösung zeigt unmittelbar die Existenz ungleich con-
stituirterMoleoülverbindungen, resp. Molecüle in Lösung an. — Volumzunahme
beim Lösen einiger Salze beruht auf besuudern Umständen.
63
sein, das8 eine Abweichung bisher nicht sicher gestellt wurde ^) . Bei
der Osmose kann diese Abweichung aber besonders gross werden, weil
die Concentrationsdiflferenz in aneinander grenzenden Elementarschich-
ten sehr gross sein und eventuell eine concentrirte Lösung unmittelbar
an reines Wasser stossen kann.
Gleiche Constitution der MolecUle oder Tagmen in Lösungen vor-
ausgesetzt, wird die die Diffusion treibende Kraft proportional der Mo-
lectilzahl in der Volumeinheit wachsen und dem entsprechend muss
auch die Concentration mit Rücksicht auf Diffusion durch die zur Volum-
einheit gelösten Salzmenge, d. h. durch Volumprocente ausgedrückt
werden. Dieses ist z. B. von Voit geschehen, während u. a. Fick
und Bei Istein die Concentration durch Gewichtsprocente , Jolly
durch den Quotienten aus lösendem Wasser in gelöstes Salz ausdrückten
Gehen wir nun zur Musterung der für verschiedene Concentration
sich ergebenden osmotischen Wasserbewegung Über. Diebeiden folgen-
den Tabellen No. 1 und 2 geben zunächst eine Uebersicht der mit
Zucker und Gummi in Membranen aus Ferrocyaukupfer gewonnenen
Resultate, welche aus den im Anhang mitgeth eilten Versuchen (No. T
u. II) abgeleitet sind, wie an diesem Orte im Näheren zu ersehen ist.
Columne c zeigt die Concenti-ation der angewandten Lösung in Gewichts-
procenten an, in e ist die relative osmotische Leistung, auf die Leistung
der 1 procentigen Lösung als Einheit bezogen, aufgeführt. Die Vertical-
reihe — enthält die Quotienten aus Gewichtsprocenten in die entsprechen-
c
den, in e verzeichneten Wasserstromswerthe und durch Division dieser
Quotienten mit dem specifischen Gewicht (s) der zugehörigen Lösung
ist die Columne -^entstanden. Da das Product aus specifischem Gewicht
CS
und Gewichtsprocenten {c. s) Volumprocente ergibt, so entspricht -— dem
Quotient aus Volumprocenten in die zugehörigen relativen osmotischen
1) Beilstein (Annal. d. Chem. u. d. Pharm. 1865, Bd. 99, p. 187) behauptet
allerdings, es wachse die Diffusionsschnelligkeit rascher als die Concentrations-
differenz aneinaudergrenzender Schichten, allein ich kann, so wenig wie Voit
(Poggendorff's Annal. 1867, Bd. 130, p. 234), diese Behauptung als durch die
Versuche wirklich begründet ansehen. — Voit (1. c, p. 419) fand für Zucker den
Diffusionscoefficient mit steigender Concentration zunehmend, meint jedoch dieses
allein auf die in Folge des Diflfusionsstromes zu geringen Sacharimeterangaben
schieben zu können, bleibt aber den Nachweis schuldig, daes dieser Fehler that-
sächlich die ganze und nicht blos einen Theil der Abweichung bedingt.
64
Leistungen, welche in Columne e verzeichnet sind. Für tproeentige Lö-
1
sungen bleibt in diesem Falle derOuotient =
^ c. s 1.004
die zweite Decimale abgerundet wird.
= 1
wenn
Tabelle 1.
Versuche mit Rohrzucker.
c
Cnncentration
in Oew.-Proc.
e
Mittelwerthe
c
c
e
c. s
l Proc.
1
1
1
2
(i
lü »
1,95
5,77
11,0
0.9b
0,90
1,10
0,97
0,94
1,11
16 »
20 »
20,0
25,5
1,25
1,27
1,17
1,17
:\2
48,4
1,54
1,35
Tabelle 2.
Versuche mit arabischem Gummi.
c
Ciincentration
in Gew. -Proc.
e
Mittelwerthe
c
e
c. s
1 Proc.
6
18
1
3,6
16,4
1
0,60
0,91
1
0,58
0,84
Der Wasserstrom ist, wie die Quotienten der Columnen — und —
C CS
zeigen, weder den in der Gewichtseinheit, noch den in der Volumeinheit
enthaltenen Salzmengen propoiüonal. Bei Zucker nimmt bis zu 6 Pro-
cent der Wasserstrom langsamer zu, als die Concentration nach Ge-
wichts- oder Volumprocenten, um weiterhin schneller als die Concen-
tration zuzunehmen. Bei 1 0 Procent ist diese Steigerung schon zweifellos,
welche indess wohl sicher nicht gleichmässig ist. sondern nur im All-
gemeinen wird der Wasserstrom schneller als die Concentration wachsen.
Eine weitere Beurtheilung gestatten die hier vorliegenden Versuche
nicht: auf den flir Ki und 20 Procent hinsichtlich der Volumjtrocente
gleichen Quotienten kann, da dieaer aus je einem Versuche abgeleitet
ist, natürlich kein Gewicht gelegt werden.
Auf einen Beobachtungsfehler kann die , freilich flir G])rocentige
Zuckerlösung nur geringe Abnahme der Quotienten — und -^ nicht ge-
schoben werden, da das Resultat verschiedener Experimente immer in
65
gleichem Sinne ausfiel. Diese für Zucker nur geringe Abnahme ist
aber höchst auffeilend bei arabischem Gummi. Lösungen dieses von
1 und 6 Procent Gehalt zeigen, wie der Wasserstroni zunächst weit
langsamer als die Concentration wächst, dann aber, wie es das mit 18
Procent gewonnene Resultat ergibt, mit höherer Concentration wieder,
analog wie beim Zucker, zunimmt, jedoch selbst bei dieser hohen Con-
centration ist die Wasserbeweguug noch nicht ganz so ausgiebig gewor-
den, um das ISfeche von der Leistung Iprocentiger Lösungen auszu-
machen.
Das soeben namhaft gemachte Verhalten kann an sich nicht aus
der Annahme erklärt werden, der in der Membran entgegenstehende
Widerstand wachse in einem anderen Verhältniss als die Schnelligkeit
der Wasserbewegung *) und zudem ergaben auch directe, noch mitzu-
theilende Versuche Proportionalität zwischen Druck und Ausflussmenge.
Weiter können Gummi und Zucker, weil sie als nicht, oder so gut wie
nicht diosmirende Körper nur mit der Membranoberfläche in Contact
kommen, in keinem Falle derartig auf die Constitution in der Membran
wirken, dass der Filtrationswiderstand in der Membran verändert wird.
Gegen eine solche Annahme spricht auch das zufriedenstellend gleiche
Verhältniss, welches unter sich Druckkräfte und Wasserstrom für die-
selbe Concentration eines StoflTes ergaben. Dieses Ergebniss, sowie die
früher namhaft gemachten Ueberlegungen, lassen auch eine in Betracht
kommende Erweiterung der Diffusionszone durch den Wasserstrom nicht
zu und auch die obigen Resultate selbst können aus solcher Annahme
nicht abgeleitet werden.
In jedem Falle muss demnach die thatsächlich beobachtete Wasser-
bewegung nur aus der osmotischen Triebkraft erklärt werden, welche
ja auch in einem anderen Verhältniss, als die Concentration zunehmen
kann, weil sie zunächst von Constitution der Diffusionszone und der
wasseranziehenden Kraft der gelösten Molecüle abhängt. Diese muss.
wie vorhin erklärt ist, rascher wachsen, als die Concentration, wenn
mit dieser in der Lösung die Anzahl Salztheilchen schneller zunimmt,
welche ihre Affinität zum Wasser nur unvollkommen ausgleichen konnte,
und für osmotische Wirkung kann dieser Umstand sehr bedeutungsvoll
werden. Die Constitution der Diffusionszone wird sich mit der Concen-
tration einer Lösung ändern und dass diese, aus den zwischen Wasser,
Salz und Membran thätigen Molecularkräften, sowie aus der lebendigen
1) Zu einer solchen Annahme neigte Fi ck bezüglich derCollodiummerabraneu
hin. (Moleschott's Unters. 1. c, p. 325.)
Pfeffer, Osmotische Untersuchungen. **
66
Kraft der Molecüle resultirende Grösse sich immer derartig ändern
sollte, wie es die Erzeugung einer der Concentration proportionalen
Wasserbewegnng fordern würde, ist durchaus unwahrscheinlich, um
nicht zu sagen unmöglich.
In stark verdünnten Lösungen dürften die Molecüle einer weiter
zugesetzten Salzmenge sich in wesentlich, wenn auch nicht ganz glei-
cher Weise mit Wasser vereinigen, wie es die schon vorhandenen Mo-
lecüle gethan hatten. Deshalb dürfte die anfangs langsamere, mit der
Concentration nicht Schritt haltende Steigerung der Wasserbewegung,
wohl in der specifischen Constitution der Diffusionszone ihre Erklärung
finden , während bei der späteren Zunahme des osmotischen Wasser-
stroms die schneller als die Goncenti'ation fortschreitende Anhäufung
der mit Wasser unvollkommen gesättigten Molecülen (oder Tagmen)
eine wesentliche Rolle mitspielen mag. In welcher Weise nun frei-
lich diese Factoren im Einzelnen und combinirt in Betracht kom-
men , wie endlich noch andere Verhältnisse mit eingreifen , muss
dahin gestellt bleiben. Uebrigens würde es auch begreiflicherweise
nicht zu verwundern sein, wenn bei gewissen Stoffen schon bei geringer
Concentration ein Maximum der osmotischen Wasserbewegung beob-
achtet würde.
Falls ein Salz diosmirt, sind, ausser den schon namhaft gemachten,
noch einige besondere Umstände zu beachten, welche die Diosmose mit
sich bringt und die sich th eil weise aus früheren Erörterungen (p. 55)
ohne weiteres ergeben. Die nachstehende Tabelle 3 gibt eine Ueber-
sicht über die in Ferrocyankupfermembran mit einem in immerhin er-
heblicher Menge diosmirenden Salze , mit Salpeter , gewonnenen Re-
sultate.
Tabelle 3.
Versuche mit Salpeter.
(Belege Nr. III.)
c
Concentration
in Gew. -Proc.
e
Mittelwerthe
e
c
e
c. s
1 Proc.
2
4
8 »
18
1
1,79
3,41
6,46
1 1 ,69
1
0,89
0,85
0,81
0,66
0,99
0,88
0,83
0,77
0,.59
Ein ähnliches Resultat ergab ein Versuch mit dem nur wenig
diosmirenden Kalisulfat. Bei Vergleich Iprocentiger und 4procentiger
67
Lösungen wurde für letztere der Quotient -— zu 0,83 gefunden, wenn
der gleiche Quotient für Iprocentige Lösung = 1 gesetzt wird. (Siehe
Nr. IV.)
e ■, e
Die in obiger Tabelle 3 stetig abnehmenden Quotienten — und —
zeigen, wie die Wasserbewegung langsamer als die Concentration zu-
nimmt und zwar, soweit die Versuche ein Urtheil gestatten, dauernd
für Lösungen, deren Concentration zwischen 1 und 18 Procent liegt.
Eine einfache Beziehung zwischen Concentration und Wasserbewegung
ist auch hier, wie zu erwarten war, nicht zu finden \K wie denn auch mit
Collodiumhäuten und anderen Membranen angestellte Versuche eine
solche nicht geliefert haben 2) .
12. Osmotischer Wasserstrom durch Lösungsgemische.
In jüngster Zeit hat Marignac^) Untersuchungen über Diffusion
von Gemischen sich nicht zersetzender Salze angestellt, nach denen die
Diffusionsschnelligkeit der Salze in gemischten Lösungen keine sehr
erhebliche Aenderung erfährt. Zu diesem allgemeinen Resultate war
auch bereits Graham gelangt, welcher selbst die Diffusion von Krv-
stalloiden durch zähflüssige Colloide nur wenig verlangsamt fand'').
Hiemach muss es wahrscheinlich scheinen, dass die osmotische Wir-
kung von Salzgemischen und die Summe der Einzelleistungen von Sal-
zen nicht viel differiren.
1) Von der Voraussetzung ausgehend, die Grenzschicht bewahre für verschie-
den concentrirte Lösungen eine gleiche Znsammensetzung, was freilich sicher nicht
zutrifft, könnte man auf den Gedanken kommen, dass die Grenzschicht einen con-
stanten Wasserstrom (c) liefere. Dann, wenn sie an concentrirtere Lösung stösst,
mlisste hier eine Diffusionszone entstehen und die Wasserbewegung würde aus-
gedrückt werden, durch w = c -\- u.n, wenn die Leistung der fraglichen Diffusions-
zone der Concentration proportional zunähme. Man kann dann aus zwei Gleichun-
gen die beiden unbekannten cund u bestimmen. Indess treffen die hier gemachten
Voraussetzungen nicht zu, imd deshalb fallen auch die beiden fraglichen Grössen
ungleich aus, wenn sie aus der Leistung Je zweier verschieden concentrirter Lösun-
gen abgeleitet werden.
2) Siehe namentlich Fick in Moles chott's Untersuchungen 1. c, p. 322.
3) Annal. d. chim. et d. physique 1874, V. ser., Bd. II, p. 5445 ff. — Die Diffu-
sion des diffusibelsten Salzes ändert sich am wenigsten, zuweilen ist eine kleine
Vermehrung, öfters eine gewisse Verminderung zu erkennen, welche letztere aber
stets geringer ist als für das weniger diffusible Salz.
4) Graham, Annal. d. Chem. u. Pharm. 1862, Bd. 121, p 30. — Siehe auch
ebend. 1851, Bd. 77, p. 75.
5*
68
Die Lösung der eben erwähnten Frage hatte ich mir nicht als Auf-
gabe gestellt, und so habe ich denn auch mit zwei verschiedenen Ferro-
cyankupfermembvanen nur je einen Versuch mit demselben Materiale.
nämlich mit arabischem Gummi und mit Salpeter, sowie mit einem Ge-
menge beider angestellt. Die osmotische Leistung dieser Stoffe ist,
wie die folgende Tabelle 4 zeigt, im Gemenge jedenfalls nahezu die-
selbe, wie in reinen wässrigen Lösungen.
Tabelle 4.
Concentration
in Gew.-Proc.
1 Proc. Salpeter
15 Proc. Gummi
1 Pn)c.Salpeter+\
15 Proc. Gummi j
1 Proc. Salpeter
1. Versuch
Jim.
p. Stunde
6,08 Mm.
2,0G ..
7,9
6.06 »
2. Versuch
Mra.
p. ätunde
5,4 Mm.
1,8 »
7,0 »
5.3 »
Die mit Mm. überschriebenen Columnen geben die Erhebung der Flüssigkeit
im Messrohr in Mm. an. Die Temperatur war bei Versuch 1 = 17,10C., bei Ver-
such 2 = 15,80C. — Die Gummilösung wurde in diesemTalle aus einfach lufttrock-
ner Waare dargestellt. — Die Lösungen enthielten keine Membranogene.
Mit vorstehenden Resultaten nicht im Einklang stehen Angaben
Baranetzky's'], nach welchen geringe Beimischung von Colloiden,
resp. Krystalloiden zu den Lösungen krystalloider , resp. colloidaler
Körper eine sehr erhebliche Steigerung des Wasserstromes bewirken
soll. Diese Angabe bezieht sich freilich auf andere Membranen ; Per-
gamentpapier, Cellulose u. s. w.), für welche Baranetzky die osmo-
tische Wirkung des Gemenges (bezüglich der einseitigen Volumzunahme)
selbst um das dreifache höher, als die Summe der Einzelleistungen der
gelösten Körper angibt. Allein auch für Pergainentpapier trifft Bara-
netzky's Behauptung nicht zu und hiernach, sowie auf Grund anderer
Beobachtungen Baranetzky's ist soviel gewiss, dass dessen Methode'^)
mindestens geringe Genauigkeit geboten haben muss.
Es soll nämlich eine 2 Proc. Arabin und ebenso eine 0,4 Proc. von
gewissen krystalloiden Salzen enthaltende Lösung keine osmotische
Volumzunahrae zu Wege bringen, eine Angabe, welche auch für Perga-
mentpapier und Salpeter gemacht wird. Dagegen konnte ich mit leich-
ter Mühe einen einseitigen Wasserstrom für 0,4 und 0,2procentige Sal-
peterlösung constatiren, welcher bei einer wirksamen Pergaraentpapier-
1) Poggendorffs Aunalen 1S72, Bd. 147. p. 234 ff.
2) lieber diese vgl. die citirte Arbeit p. 216.
69
fläche von 5,3 Qii.-Ctm. und bei Anwendung 0,4i)rocentiger Salpeter-
lösung in meinem Messrolire eine Erhebung von 7,2 Mm. im Laufe von
8 Stunden hervorbrachte. Diese Erhebung war für 2i)r()centige Lösung
von Gummi arabicum noch etwas ansehnlicher, beti'ug nämlich 1,2 Mm.
in der Stunde ') .
Freilich hat Baranetzky mit Arabin gearbeitet, dessen osmoti-
sche Leistung zwar schwächer sein dürfte, als die des noch Salze ent-
haltenden Gummi arabicum, jedoch durchaus nichtNull sein kann, weil
es sich um einen so gut wie nicht diosniireuden Körper handelt und
jede einseitige Trieb- und Druckkraft Wasserbewegung durch Perga-
mentpapier veranlasst. Bei diosmircnden Körpern ist freilich sogar
Volumabnahme möglich (siehe p. 58) , doch ergibt das Experiment selbst
für verdünnte Salpeterlösung entschiedene Volumzunahme an. Da ich
mit zwei ganz verschiedenen Sorten Perganieutpapier ein gleichsinniges
Resultat erhielt, so wird man den nicht entsprechenden Befund von
Seiten Baranetzky's nicht in der Qualität des Materiales zu suchen
haben.
Nach obiger Kritik ist man unbedingt genöthigt, überall da, wo es
sich um nicht erheblich grosse Volumänderungen handelt, Baranetz-
ky's Messungen als unzureichend anzusehen und ich halte es nicht ge-
boten noch im Einzelnen alle Angaben kritisch zu durchmustern. Nur
auf einen Punkt will ich noch eingehen, dass nämlich ein geringer Zu-
satz von Colloiden zu Lösungen von Krystalloiden (und umgekehrt; eine
erhebliche Steigerung der osmotischen Leistung bewirken soll. Ich
habe hier die Leistungen von Chlorcalcium (1.5 Procent) und Gummi
arabicum (2 Procent) in Pergamentpa[)icr vergleichend untersucht und
das in Tab. 5 verzeichnete Resultat erhalten.
Tabelle 5.
Concentration
in Gew.-Procenten.
1. Versuc
Mm.
p. stund
h
2. Versuch
Mm.
p. Stunde
1,5 Proc. Chlol-calcium
2 Proc. Gummi arabicum
1,5 Proc. CaCI. +2 Proc.
Gummi arabicum.
■ 9,9 Mm.
1,2 ..
11,4 ..
10,3 Mm.
1,3 ..
11,3 ..
1) Der angewandte Apparat bestand aus einem Glasroiir, dessen eines Endo
mit der Membran verschlossen war, während das andere verjüngte Ende zur Auf-
nahme des Messrohres diente (siehe p. 13), Es wurde hier immer so eingestellt,
dass ein geringer Ueberdruck im Innern der Zelle bestand, um gleich anfangs die
Membran etwas zu spannen. Da der Druck im Innern mit dem Einstrom zunahm
und geringer Druck schon erheblichere Filtration durch Pergamentpnpier veran-
lasst, so können die für den osmotischen Einstrom gewonnenen Werthe nicht sehr
genau, aber nur zu gering ausgefallen sein.
70
Die Versuclie sind mit verschiedenen Sorten Pergnmentpapieraiifjjestellt, deren
Flüche je 5,3 Qu.-Ctni. betrug. Die in Miu. ausgedrückten Werthe vgl. Tabelle 4)
sind p. Stunde berechnet; für G. arabic. wurde die Beobachtungszeit auf 5 Stun-
den ausgedehnt. Temperatur während des Versuches I7,4''C. Die Pfeile deuten
die Reihenfolge an, in welcher die Versuche angestellt wurden.
Die vorstellenden Zahlen zeigen so genau, als man es nur erwarten
kann, gleiche Leistung der Coraponenten im isolirten, wie im gemeng-
ten Zustande an. Mit obigen Stoffen , und bei gleicher Concentration
dieser, liat auch Baranetzky (1. c. p. 239) einen Versuch in Pcrga-
nient])apicr angestellt, nur war das mir nicht gerade zu Gebote stehende
Arabin statt Gummi arabicum genommen. Als Volumzunahme inner-
halb 24 Stunden gibt unser Autor für Chlorcaloium 0,5 Cub.-Ctm., für
die gemischte Lösung 0,9 Cub.-Ctm. an, während Arabin als nichts
leistend augesehen wird, eine freilich unbedingt unrichtige Annahme.
Ob Anwendung von Arabin zu anderem Resultate führen würde, als ich
es mit Gummi arabicum erhielt, ist in diesem Falle höchst unwahr-
scheinlich, lässt sich aber nicht ohne weiteres unbedingt entscheiden,
weil ja in gewissen Fällen chemische Vorgänge solchergestalt denkbar
sind, dass die Umsetzungsproducte mehr als ihre Componenten leisten.
Greift aber eine chemische Umsetzung oder Vereinigung ein, dann sind
selbstverständlich die osmotischen Leistungen der Componenten und der
aus diesen hervorgehenden Froducte nicht in unserem Sinne vergleich-
bar. Für einfache Mischungen aber istBaranetzky's Behauptung,
die osmotische Leistung von Krystalloiden werde durch geringen Zusatz
vouColloiden erheblich gesteigert, jedenfalls unrichtig und ebenso auch
die umgekehrte Annahme, dass geringe Menge von Krystalloiden die
osmotische Wirkung colloidaler Körper in hohem Maasse erhöhen könne.
Zwei Versuche, die ich in dieser Richtung für Gummi arabicum und
Salpeter angestellt habe, fielen ganz in dem gleichen Sinne, wie die in
Tabelle ö mitgetheilten Experimente aus und glaube ich deshalb auf
die spccielle Mittheilung dieser Versuche verzichten zu dürfen.
13. Filtration unter Druck.
Die folgende Tabelle (> ist aus Versuchen abgeleitet, welche mit
zwei verschiedenen Zellen ausgeführt wurden, uin fürFerrocyankupfer-
niembranen das N'erhältiiiss zwischen Druckliöhe und Filtrationsmeuge
zu ermitteln. Indem ich bezüglicli der methodischen Ausführung auf
einen früheren Abschnitt (3) . hinsichtlich der Belege und der Ableitung
dieser Tubelle auf den Anhang verweise, bemerke ich hier nur, dass in
71
der ersten Columne [d] die Höbe der wirksamen Quecksilbersäule in
Ctm. verzeicbnet ist, wäbrend die Columne m. die auf eine common-
surable Einbeit bezogenen Quotienten aus Druckböbe in Filtrations-
menge entbält. Diese Quotienten zeigen, wie aus den speciellen Belegen
(Nr. VI) erseben werden kann, keine grösseren Differenzen als sie
unvermeidliche Febler mit sieb bringen können und zudem fallen ja
auch die Abweicbungen gleicbmässig nacb beiden Seiten. Die damit
erwiesene Proportionalität zwischen Druckböbe und Filtrationsscbnellig-
keit auch über die Beobacbtungsgrenzen auszudehnen , dürfte wohl
ruhig erlaubt sein. Namentlich hebe ich noch hervor, dass es, wie ja
auch zu erwarten ist, keine Grenze des Filtrationswiderstandes gibt,
d. h. dass jeder Ueberdruck Filtration nach der Seite geringeren Wider-
standes bewirkt. Freilich ist die Filtrationsmenge durch geringen
Druck sehr gering und um den Gleichgewichtszustand in nicht allzu
langer Zeit herbeiführen zu können, ist es geboten, ein Druckrohr an-
zuwenden, dessen Durchmesser nur Bruchtheile eines Millimeters
beträgt,
Tabelle 6.
d
m
Mitteldruck.
Ctm. Hg.
Quotient
210,2
208,0
112,2
1,023
0,978
0.992
111,5
85,1
1,009
1,033
71,3
37,8
0,982
1,000
Propoi-tionalität zwischen Ausflussmenge und Druckhöhe gilt, wie
namentlich von Poiseulle nachgewiesen wurde, auch für enge Capil-
larröhren. Bei messbarer Weite dieser ist aber die Grenzschicht immer
nur ein verschwindender Bruch theil des gesammten Durchmessers,
wäbrend frühere Erwägungen (p. 44) uns zeigten, dass in den Nieder-
schlagsmembranen, auch wenn die Wirkungssphäre der Tagmen sich
nicht über das gesammte Areal der intertagmatischen Räume erstrecken
sollte, doch kein Wassermolecül passiren wird, ohne in den Bereich der
Wirkungssphäre der Membrantheilchen zu gelangen. Deshalb kann
aber auch Toricelli's Theorem, welches freie Beweglichkeit der
Flüssigkeitstheilchen voraussetzt und auf wesentlich gleiche Principien
wie freier Fall eines Körpers in nicht widerstehendem Medium gegrün-
det ist, trotz der geringen Dicke der Niederscblagsmembranen nicht
mit eingreifen , während, wie Poiseulle^) nachwies, Capillarröhren
unterhalb gewisser, mit dem Kadius schnell abnehmender Länge, der
Proportionalität zwischen Druck und Ausflussmenge nicht mehr genügen.
Ein Blick auf folgende von 0. E. Meyer 2) für die Ausfiusszeiten {t)
aufgestellte allgemeine Formel kann hier sogleich über den causalen
Zusammenhang Aufschluss geben; es ist:
t^vl !-=+ '-^^ ]
\l{ -K n. k\1gh m. 71. Q. ff. hf
wo F das Flüssigkeitsvolumen, l die Röhrenlänge, M den Radius, //
die Druckhöhe, q Diclite der Flüssigkeit, /^ einen Reibungscoefficienten.
k einen empirischen Contractionsfactor bedeuten, g und tt ihre übliche
Bedeutung haben. Es ist sofort ersichtlich, wie auch für engere Röhren
bei minimaler Länge die Ausflussmenge sich dem Toricelli'schen
Theorem, bei grösserer Länge dem Poi seu 11 e' sehen Gesetz nähert
Für thierische Häute wurde von W i 1 i b a 1 d S c h m i d 1 3) für Druck-
höhe und Filtrationsmenge zwar annähernde , doch nicht vollkommen
genaue Proportionalität beobachtet. Ob sich hier schon der erste Factor
obiger Formel wegen der grösseren capillaren Räume geltend macht
oder ob auch die Dehnung derMembrau durch Erweiterung derCapillar-
räume mitwirkt, lasse ich dahin gestellt.
Die von Poiseulle für die Ausflussmenge [Q) aus Capillarröhren
C H D^
aufgestellte bekannte Formel Q == — -^ (//= Druckhöhe ; D =
Durchmesser : L = Länge der Röhre kann für Filtration durch einen
Porus in der Niedorsehlagsmembran nicht ohne weiteres massgebend
sein, da hier C nicht ein bei gleicher Temperatur für dieselbe Flüssig-
keit constanter Factor ist, sondern mit den zwischen Flüssigkeit
undMembrantheilchen wirkenden Molecularkräften, sowie mit der Weite
der Interstitien in nicht bestimmbarer Weise sich ändern muss.
lieber den Einfluss der Temj)eratur auf die Filtration durch Nieder-
schlagsmembranen soll erst weiterhin gesprochen werden.
14. Osmotische Druckhöhe.
In einer geschlossenen Zelle ist die osmotische Druckhöhe, gemäss
unserer früheren Definition p. 14) dann erreicht, wenn in der Zeit-
1) Annal. d. chim. et d. physique ITI ser., Bd. VII, p. 50.
T PoggcndortTs Auualcn 1874, Bd. 153, p. 619.
3) Poggendorff s Aunalen lS5t), Bd. 1)9, p. 3(57.
73
einheit sich i;lciche Fllissigkeitsmeiigeii nach innen und aussen be-
wegen. Die osmotische Triebkraft . welche ein nicht diosmirender
Stoif auf der Innenfläche der Meudjran entwickelt , /ielil die Wasser-
theilchen auf gleichen Wegen in das Innere der Zelle, auf welchen sie
durch Druck nach aussen filtriren ; die Bahnen, wie auch die Wider-
stände sind für Einstrom und Ausstrom vollkommen dieselben. Anders
aber, wenn ein gelöster Körper die Membran nicJit zu passiren vermag.
Hier wird der diosraotische Austausch in einem Porus für eine einseitig
überwiegende Wasserbewegung ganz bedeutungslos sein können, wenn
sich Salz und Wasser nach gleichen Volumina austauschen, während
Druck durch eben diesen Capillarraum Flüssigkeit nach aussen treibt
(siehe p. 55K Der Gleichgewichtszustand zwischen Einstrom und Aus-
strom muss dann luithwendig schon bei geringerem Drucke eintreten,
als in einer Membran, Avelche denselben Stoff nicht diosmiren lässt.
Ist letzteres der Fall, so ist das Maximum der osmotischen Druckhöhe
erreicht, welche für denselben Körper stetig um so mehr abnimmt, je
mehr mit Erweiterung derZ>vischenräume in einer aus gleichwevthigem
Materiale gebauten Membran die Diosmose des fraglichen Körpers
zunimmt.
Wenn in der variablen Grenzschicht verdünntere Lösung besteht,
so ist, wie frühere Erwägungen darthun, der Wasserstrom in dieser
Zone nicht durch die Concentration des Zellinhaltes , sondern durch
die in der Diffusionszone zwischen Zellinhalt und Grenzschicht, nach
Massgabe der Concentrationsdifferenz entwickelten osmotischen Trieb-
kraft bedingt.
Von zwei gelösten Körpern wird in derselben Membran der eine,
falls er nicht diosmirt, seine maximale osmotische Druckhöhe zu Stande
bringen, während diese von einem anderen die Membran durchdringenden
Köri)er um so weniger erreicht wird, je ansehnlicher dieser diosmirt.
Das zeigt nun sogleich sehr schlagend die folgende Tabelle, welche die
Leistung öprocentiger Lösungen in Membranen aus Pergamentpapier,
Thierblase und Ferrocyankupfer angibt. Der Druck ist hier, wie in
allen folgenden Angaben, immer durch die Höhe einer nach Ctm. ge-
messenen Quecksilbersäule ausgedrückt. (Näheres über Ausführung
der Vei-suche mit Pergamentpapier und Thierblase Belege Nr. VIII.)
Tabelle 7.
Per^amen*-
papier
Gummi arabicum
Flüssiger Leim
Rohrzucker
Salpeter
17,9 Ctm.
21.3 »
29,0 ..
20.4 ..
Thierblase
13,2 Ctm.
1.5,4 >.
14,5 »
8.9 »
Cu^FeOyä
25,9 Ctm.
23.7 ..
287,7 »
? (700) »
C^
74
Der für Salpeter angeg:cl»eiie Wt'rth (700) ist nicht direct bestimmt, dürfte
übrigens nach Versuchen mit Lösungen anderer Concentration eher höher sein.
Man sieht liier sogleich, wie dieKrystalloide (Zucker und Salpeter)
bei gleicher Concentration in einer Membran aus Ferroc} ankupfer un-
verhältnissniässig höheren osmotischen Druck erzeugen, als Colloide,
deren Leistung aber in Thierblase und Pergaraentpaj)ier sich den
Leistungen derselben Stotte in der Ferrocyankupfermerabran nähert,
während in dieser die Druckhöhe für Zucker und Salpeter um das 10
und 35fache höher ausfällt. Der Grund liegt eben darin, dass die Col-
loide bekanntlich durch Pergamentpapier und Thierblase nur wenig, die
Krystalloide dagegen sehr leicht diosniiren. So ergibt sich, dass in dem
oben mitgetheilteu Versuch durch Pergamentpapier im Laufe von 3 Stun-
den dui-ch dieselbe Membran von 5,3 Qu.-Ctm. Fläche annähernd dios-
mirt waren: von flüssigem Ivcim 0,007 Grm. und ein wenig mehr von
Gummi, während in gleicher Zeit etwa 0,14 Grm. Zucker und 0,55 Gnn.
Salpeter die Membran passirteu. Uebrigens diosmirt Salpeter auch
durch die Ferrocyankui)fcrmembran in merklicher Weise und bringt
demgemäss seine maximale osmotische Leistung in dieser nicht zu
Stande.
Der dargelegte notliwendige Zusammenhang zwischen osmotischer
Druckhöhe und Diosmose wird durch obige Versuche allerdings schla-
gend erwiesen, doch geben die gewonnenen Werthe kein relatives
Maass hinsichtlich der Poreuweite in den verschiedenen Membranen
ab , da ja auch die Qualität des Membranmateriales für osmotische
Leistung in Betracht kommt. Indess kann es doch auch kaum zweifel-
haft sein, dass die angewandte Thierblase weitere Poren als das Per-
gamentpapier besass ; die durchgeheuds in Thierblase geringere osmo-
tische Druckhöhe und die verliältnissmässig starke Verminderung dieser
für Zucker und Salpeter finden so ihre natürliche Erklärung.
Die geringe osmotische Druckhöhe, welche Colloide in Ferrocyan-
kupfermembran bewirken, zeigt auch die nachfolgende Tabelle 8, in
welcher die Columne O diejenigen Druckhöhen angibt, welche die ein-
procentigen Lösungen der am Kopf der Horizontalreihen stehenden
KöiT)er hervorbrachten. Ausserdem wurde noch ein Versuch angestellt
mit einer 2procentigen Lösung aus Conglutin ^) , w^elches durch mög-
lichst wenig Kali aufgelöst worden war. Es ergab sich hier in Calcium-
phosphatniembran eine Druckhöhe von 3,8 Ctm., wäkrend 36,1 Ctm.
1) Es war dieses von Kitthausen aus Lupinen dargestelltes Conglutin.
75
die Leistung einer 1 procentigen Roliv/uckerlösung in derselben Mem-
bran war.
Vergleichende Messungen über osmotische Druekhöhen sind eigent-
lich nur von Dutrochet in Thierblase mit Gelatine, Zucker, Gummi
und dem noch salzführenden Hühnereiweiss angestellt worden, welche
keineswegs auf eine bevorzugte Leistung derColloide hinweisen'), son-
dern für die commensnrablen Stoffe, Gummi und Zucker, ähnliche Re-
sultate ergaben, wie sie in unserer Tabelle 7 für Pergamentpapier ver-
zeichnet sind. Einfache Messung der Intensität des Wasserstromes,
welche Baranetzky für Oolloide ausführte, erlaubt natürlich nicht
ohne weiteres einen Schluss auf die osmotische Druckhöhe und wo diese
mit Colloiden bestimmt wurde, fehlen vergleichende Versuche mit
krystalloiden Körpern ^] . Alle diese Versuche wurden mit Thierblase,
Pergamentpapier oder sich ähnlich verhaltendem Materiale ausgeführt
und sind deshalb nicht im Stande ein Bild von der osmotischen Leistung
des Inhaltes einer Pflanzenzelle zu geben, da diese Leistung nicht, wie
bisher angenommen, von der Zellhaut abhängt, sondern durch die, wie
eine Niederschlagsmembran wirkende Plasmamembran bedingt ist.
Tabelle 8.
Einprocentige
Lösungen aus;
o
Uvuckbölie
Rohrzucker
Arab. Gummi
Dextrin
Salpeter
Kalisulfat
47,1 Ctm.
Ö,5 ..
lb,(> ..
175,8 ..
192,3 ..
1
0,138
ü,352
3,733
4,083
Einstrom
Zucker — 1
1
0,14
4,(51
4,39
Alle Angaben beziehen sich auf Lösungen, welche 1 Gew.-Proc. der genann-
ten Stoffe enthielten. In der ersten Colunine sind die Mittelwerthe gemessener
Druckhöheu, in der zweiten deren Relation, wenn die Wirkung des Zuckers = 1
gesetzt wird, verzeichnet. Dieselbe Relation für Ausgiebigkeit des Wasserein-
stromes ohne Druck ist in der letzten Verticalreihe aufgeführt. DerWcrth für ara-
bisches Gummi ist aus Versuchsreihe Nr. VIII der Belege abgeleitet und hiemach
= 47,1.0,138. Die übrigen Versuche sind unter Nr. IX in den Belegen raitgetheilt.
Ein Vergleich der auf die Wirkung des Zuckers als Einheit be-
zogenen relativen Leistungen, mit der von derselben Lösung erzeugten
Wasserbewegung zeigt, wie für Zucker und Gummi sowohl die Druck-
höhe, als auch die Wasserbewegung in last gleichem Verhältniss stehen,
was übrigens, da diese Stoffe nicht diosmiren. auch erwartet werden
1) Siehe diese Abhandlung p. 53.
2j Vergl. z. B. Hofmeister, Flora 1858, p. 11.
76
durfte. Dagegen diosmirt Kalisulfat in geringerer, Salpeter in erheb-
licherer Menge durch Ferrocyankupfermembran. In beiden Fällen, bei
Salpeter aber in höherem Maasse, stehen der Filtration nach aussen
gewisse Wege uneingeschränkt offen , welche . eben weil Salzlösung
darin besteht, für den nach innen gerichteten osmotischen Wasserstrom
nicht so vollkommen ausgenutzt werden, als wenn das Salz nicht dios-
mirte. So erklärt es sich, warum für den leichter diosmirenden Salpeter
der osmotische Wassereinstrom zwar relativ stärker als für Kalisulfat
ist und dennoch bei jenem der endliche Gleichgewichtszustand schon
bei geringerem Drucke erreicht wird, als bei schwefelsaurem Kalium.
Das gleiche Verhältniss von Druckhöhe und Wassereinstrom bei den
nicht diosmirenden Stoffen Gumm^ ^jj^ Zucker zeigt, wie es auch schon
direct bewiesen wurde , dass die Filtrationsmenge proportional dem
Drucke zunimmt.
Aus gleichen Gründen wie beim osmotischen Wasserstrom kann
auch eine einfache Beziehung zwischen Diflfusionsschnelligkeit eines
Stoffes und der durch diesen erzeugten Druckhöhe nicht erwartet wer-
den, und dieses um so weniger, als ja bei eventueller Diosmose eines
Körjiers noch besondere Umstände in Betracht kommen. Nur ganz im
allgemeinen werden schnell diffundirende Körper auch hohe Druck-
kräfte in Niederschlagsmembranen hervorbringen, die Krystalloide also
mehr als die Colloide leisten. Die schon mitgetheilten Zahlen reichen
vollkommen aus, um dieses zu beweisen, was einige weniger genaue
Versuche mit anderen Stoffen einfach bestätigten. So ergab eine un-
gefähr 0,3 Procent wasserfreien Natriumsulfates enthaltende Lösung in
Membran aus Ferrocyankupfer die auffallend ansehnliche Druckhöhe
von 97 Ctm., obgleich die Diffusionsconstante *) (0,527) geringer, als
die des schwefelsauren Kaliums (0,703) ist. Ebenso wurde in gleicher
Membran die osmotische Druckkraft für eine nicht ganz 0,3 Procent Am-
moniumacetat enthaltende Lösung auffallend hoch, nämlich zu 87 Ctm.
gefunden. Dieses Salz diosmirte dabei in erheblicher Menge, gehört
aber auch zu den schnell diffundirenden Körpern.
Kommen wir nun nochmals auf die Beziehung zurück, welche zwi-
schen der Weite der in der Membran vorhandenen Zwischenräume
und der Druckhöhe, resp. zwischen dieser und der Diosmose eines Kör-
pers besteht. Die osmotische Triebkraft, welche ein gelöster Stoff her-
vorbringt, muss ^ceteris ])aribus), so lange dieser Körper nicht diosmirt
\) Vüit, Pogg eud Ol- ff ;, Anual. 1867, Bd. 130, p. 2:33.
77
dieselbe bleiben , auch wenn die Grösse der Membranzwischenräume
sich ändert. Freilich nimmt die Ausgiebigkeit der Wasserbewegung
mit Erweiterung dieser Zwischenräume zu, aber für Einstrom und Aus-
sti'om, welche ja ganz gleiche Widerstände zu überwinden haben, in
demselben Verhältniss ^) , so dass die Druckhöhe dabei constant bleibt,
und das Maximum dieser für einen gegebenen Stoff dann erreicht ist,
wenn die Interstitien in einer Membran auf die specifische Weite zurück-
gingen, welche fernere Diosmose nicht mehr gestattet.
Leider steht kein Mittel zu Gebote, um die Zwischenräume in der-
selben Membran beliebig variiren lassen zu können und bei den geringen
Dimensionsänderungen, welche Temperaturschwankungen ermöglichen,
können stets auch andere, für die osmotische Triebkraft bedeutungs-
volle Verhältnisse geändert werden. Immerhin ist es interessant, dass
die Druckhöhe, welche nicht diosmirende Stoffe, wie Zucker und
Gummi, in Ferrocyankupfermembran erzeugten, bei einer Temperatur-
steigerung von mehr als 200 0. nur um ein ganz geringes erhöht wurde,
wie dieses weiterhin mitgetheilt werden soll. Auch die fast gleiche os-
motische Leistung, welche flüssiger Leim in Membranen aus Ferrocyan-
kupfer und Pergamentpapier hervorbrachte (Tab. 7), findet ihre Erklä-
rung darin, dass die übrigens relativ viel grösseren Zwischenräume in
der letztgenannten Membran, derjenigen Grenze genähert sind, unter-
halb welcher flüssiger Leim nicht mehr diosmirt. Nur unterhalb dieser
specifischen Grenze (alles übrige constant gedacht) nimmt mit steigen-
der Filtrationsschnelligkeit die osmotische Leistung desselben Stoffes
ab. Oberhalb dieser specifischen Grenze ist aber die Druckhöhe con-
stant und wird, falls die anderen mitspielenden Factoren einmal in
Rechnung gezogen werden können, einMaass für die zwischen gelösten
Salztheilen und Wasser wirkenden Molecularkräfte zu geben vermögen,
deren Energie bei krystalloiden Stoffen sehr bedeutend sein muss, wie
dieses die von sehr verdünnten Lösungen erzeugten hohen Druckkräfte
anzeigen. Die trotzdem nur massig- schnelle Hydrodiffusion dieser
Körper findet in analogen Verhältnissen ihre Erklärung, wie sie von
1) Es wäre denkbar, dass Saugkraft und Druckkraft gleicher Intensität nicht
gleiche Wasserbewegung zu erzeugen vermöchten. Wird Wasser durch ein Rohr
gesogen, so kann die Stromschnelligkeit, olme zur Zerreissung des Fadens zu füh-
ren, ein von den obwaltenden Verhältnissen abhängigesMaaas nicht überschreiten.
Bei diesem Maasse kommt auch die Cohäsion in Betracht, welche mit der Verdich-
tung des Wassers in der Grenzschicht variirt. Indess scheint nach dem noch Mit-
zutheilenden etwas derartiges keine Rolle bei der Druckhöhe zu spielen, mit deren
Erreichung sich ja auch die beiden entgegengesetzten Wasserbewegungen auf-
heben.
78
C 1 a u 8 i u s ' : mit Rücksicht auf Diffusion und Wärmeleitung von Gasen
dargelegt wurden.
Bei nicht diosmirenden Körpeni kann die Membrandicke, wie aus
dem oben Mitgeth eilten ohne weiteres hervorgeht, nur auf die Schnellig-
keit der Wasserbewegung, nicht aber auf die Druckhöhe Einfluss haben.
Dieses würde auch dann noch zutreffen, wenn, was sehr unwahrschein-
lich ist, der Wasserstrom sich nicht proportional der Membrandicke
änderte. Die Druckhöhe gibt also ein osmotisches Maass ab, welches
unabhängig ist von Dicke und Flächengrösse der Membran, sowie von
der Zahl der auf die Flächeneinheit fallenden wirksamen Molecular-
zwdschenräume, endlich auch von den Dimensionen dieser, so lange der
wirkende Stoff nicht diosmirt. Trifft dieses nicht zu, dann sinkt mit
fortschreitender Erweiterung der Membranzwischenräume die Druck-
höhe, welche aber von den anderen Grössen unabhängig bleibt, indess
von der Dicke der Membran dann beeinfiusst werden kann, wenn bei
der capillaren Diffusion innerhalb eines Porus Salz und Wasser sich
nicht nach gleichen Volumina austauschen. Dabei ist natürlich vor-
ausgesetzt, dass die diosmotischeu Eigenschaften der Membran nicht etwa
durch den gelösten Körper verändert werden.
An dieser Stelle dürfte es auch geboten sein, obgleich ich keine
derartigen Versuche anstellte, doch auf den Einfluss hinzuweisen, wel-
chen Druck auf die Ausgiebigkeit der Diosmose eines Körpers ausüben
kann. Gesetzt, es bestehen in einer Membran capillare Räume, in wel-
chen sich, wenn einseitiger Druck nicht vorhanden ist, Salz und Wasser
nach gleichen Volumina austauschen, so wird mit dem osmotisch stei-
genden Druck ein Strom von Flüssigkeit nach aussen getrieben und
damit muss die in der Zeiteinheit aus der Zelle austretende Salzmenge
zunehmen. Diese Zunahme wird unter sonst gleichen Umständen um
so geringer sein, je enger die capillaren Räume und je geringer damit
die Schnelligkeit der Wasserbewegung wird. — Falls innerhalb der
Thonzelle das durch die Niederschlagsmembran diosmirte Salz niclijt so-
gleich entfernt wird, würde mit dem Bestehen, einer verdünnten Salz-
lösung auf der äusseren Fläche der Niederschlagsmembran natürlich die
Druckliöhe sinken müssen , doch dürfte wohl bestimmt bei der immer
nur massigen Diosmose der angewandten Salze uud der grossen Poro-
sität derThonzellen dieser Fehler stets äusserst gering ausgefallen sein.
Die mit gleicher Lösung in derselben Zelle erhaltenen Resultate
fielen immer in hohem Grade übereinstimmend aus. So wurde in
1) Abhandl. über d. mechan. Wärmetheorie 18G7, II, p. 260 u. 277.
79
Ferrocyankupfermembran für Iprocentige Rohrzuckeiiösimg nur einmal
eine Druckdifferenz von 1 Ctm. gefunden, wJihreud in 5 anderen Zellen
mit derselben Lösung angestellte vergleichende Versuche stets einen noch
geringeren Unterschied für ein und dieselbe Zelle ergaben. Dagegen
weichen die in verschiedenen Zellen mit aufgelagerter Membran aus
Ferrocyankupfer gewonnenen Resultate erheblicher von einander ab;
für Iprocentige Zuckerlösung, mit welcher die meisten Experimente
ausgeführt wurden, liegen die in 1 6 Einzelversuchen gemessenen Druck-
höhen zwischen 47,1 und 53,8 Ctm. Diese Abweichung kann, bei der
sonst auffallend genauen Ueberein Stimmung von zeitlich oft sehr weit
getrennten Versuchen mit derselben Zelle, nicht in einem methodischen
Fehler liegen, sondern muss durch die Qualität der Zelle bedingt sein.
Doch kann auch nicht irgend eine schadhafte Stelle der Grund sein, da
eine solche bei Gegenwart der Membranogene reparirt worden wäre und
so auch nicht die grosse Uebereinstimmung der mit derselben Zelle an-
gestellten Versuche hätte zu Stande kommen können.
Eine naheliegende Erklärung scheint mir für die eben namhaft ge-
machte Abweichung ausreichend zu sein. Die Bezeichnung «aufgelagerte
Membran« ist ja nicht im strengsten Sinne des Wortes zu nehmen, viel-
mehr kann die Mederschlagsmembran . vermöge der Art und Weise
ihrer Darstellung, thatsächlich sehr wohl eingelagert, d. h. ganz oder
theil weise von einer dünnen Schicht Thonmasse bedeckt sein. In den
Poren der Thonmasse, durch welche die Zuckerlösung an die Nieder-
schlagsmembran gelangt, besteht aber in der Grenzschicht eine anders
zusammengesetzte, in unserem Falle wohl verdünntere Lösung und da
wo die Niederschlagsmembran an diese Grenzschicht stösst, wirkt diese
ja nur vermöge der in ihr bestehenden Concentratiou. Hierdurch würde
natürlich ein geringerer Druck als durch Iprocentige Zuckerlösung zu
Stande kommen, die Resultante aus allen einzelnen Leistungen ist aber
die factisch gemessene Druckhöhe.
Die für verschiedene Zellen gefundenen Druckdifferenzen sind ja
thatsächlich gering genug, um die eben gegebene Erklärung zuzulassen.
Die Unterschiede werden dann zunächst davon abhängen, ob die Nieder-
schlagsmembran ganz, theilweise oder gar nicht von Thonmasse bedeckt
ist, ausserdem wird aber auch physikalische und chemische Beschaffen-
heit des Thonmaterials eine Rolle spielen können. Liegt die Nieder-
schlagsmembran einmal innerhalb der Thonmasse, so muss es, wie
leicht einzusehen ist, für die Druckhöhe gleichgültig sein, ob die über-
deckende Thonmasse eine sehr dünne oder eine dickere Schicht bildet.
Letzteres ist der Fall bei den mitten in die Thonmasse eingelagerten
80
Niederschlagsmembranen. Mit einer solchen Zelle ausFerrocyaukupfer
stellte ich nur einen einzelnen V^ersuch an. welcher für Iproc. Zucker-
lösung eine Druckhöhe von 47,0 Ctm. ergab, also eine gleiche, wie sie
als geringster Werth für aufgelagerte Membranen gefunden wurde.
Der ungleichen Druckhöhe halber sind die mit verschiedenen Zellen
gewonnenen Resultate nur unter sich vergleichbar, wenn sie auf eine
commensurable Einheit reducirt werden. Als Basis dieser Reduction
diente mir da, wo es sich um Vergleiclmng der osmotischen Leistung
verschiedener Stoffe handelte, die mit Iprocentiger Zuckerlösung ent-
stehende Druckhöhe. Vollkommen fehlerfrei ist freilich ein solcher
Vergleich nicht, weil die nach obigem Princij) zu Staude kommende
Schwächung der osmotischen Leistung schwerlich proportional der durch
verschiedenaiüge Lösungen erzeugten Druckhöhe ist. Dass aber der
begangene Fehler nicht gross sein kann, sieht man leicht ein und geht
auch aus der Relation der Werthe hervor, welche in verschiedenen
Zellen für gleiche Lösungen gewonnen wurden. Es bedarf keiner be-
sonderen Auseinandersetzungen, wie die eben in Erwägung gezogenen
Verhältnisse für den ohne Druck vor sich gehenden osmotischen
Wasserstrom in Betracht kommen.
Von anderen Niederschlagsmembraueu habe ich nur solche aus
Berlinerblau und aus Calciumphosphat zu einigen wenigen Versuchen
benutzt. Als Mittel aus zwei, mit verschiedenen Zellen angestellten
Experimenten, ergab die Membran aus Berlinerblau für Iprocentige
Rohrzuckerlösuug eineDruckhöhe von 38, 7 Ctm., während ein einzelner
Versuch mit Calciumphosphatmembran für dieselbe Lösung eine Druck-
höhe von 36,1 Ctm. lieferte (vgl. Belege Nr. XVI u. XVII). Dabei
stimmt das diosmotische Verhalten dieser beiden Membranen mit dem der
Ferrocyankupfermembran insofern übereiu, als auch durch jene nur bei
Anwendung concentrirter Lösung nachweisbare Spuren von Rohrzucker
diosmiren. Die geringere Druckhöhe wird man deshalb wohl einer
weniger günstigen Constitution der Ditfusionszone zuschreiben dürfen.
Sehen wir uns nun die von verschieden concentrirten Lösungen
desselben Stoffes hervorgebrachten osmotischen Druckhöhen an. . In
den folgenden Tabellen sind die mit Zucker und Gummi gewonnenen
Resultate zusammengestellt. Die beiden Columnen O geben die in zwei
verschiedenen Zellen gemessenen Druckhöhen an, aus welchen nach
Reduction auf gleiche Einheit die unter M O stehenden Mittelwerthe
gewonnen sind. In der Verticalreihe — — stehen die durch diese
81
Ueberschrift gekennzeichneten Quotienten , während die folgende Co-
lumne — die correspondirenden Quotienten aus der Concentration in
den Wassereinstrom (ohne Druck) enthält (siehe Tabelle 1 u. 2, p. 64).
Die Versuche mit Rohrzucker, deren Belege unter Nr. VII im Anlwing
mitgetheilt sind, wurden bei Temperaturen zwischen 13,5 und 16,1*C.
ausgeführt. Die Belege für die mit Gummi arabicum angestellten Ver-
suche sind ebenda unter Nr. VIII mitgetheilt. Lagen für dieselbe
Lösung mehrere mit derselben Zelle gewonnene Werthe vor, so ist in
Tabelle 9 der Mittelwerth aufgeführt worden.
Tabelle 9.
Versuche mit Rohrzucker.
c
Concentration
in Gew. -Proc.
0
Druckhühc
O
Druckhöbe
M. 0
M. O
c
e
c
1
1 Proc.
2
2,74 ..
4
6
53,5 Ctm.
101,6 ..
151,8 »
208,2 »
307,5 ..
47,2 Ctm.
2«)7,9 ..
1
1,90
2,65
3,89
5,71
1
0,95
0,97
0,97
0,95
1
0,97
0,94
Tabelle 10.
Versuche mit arabischem Gummi.
c
Concentration
in Gew. -Proc.
0
Druckliöhe
0
Druckhöhe
M. 0
M. 0
c
e
c
1 Proc.
6 »
18 »
7,1 Ctm.
27,5 »
120,0 »
6,7 Ctm.
24,3 ..
118,4 »
1
3,75
17,28
1
0,62
«,96
1
0,60
0,91
Die Quotienten aus Concentration in Druckhöhe
m
und Was-
sereinstrom I — i fallen namenllicli für Zucker , aber auch für Gummi
nahezu übereinstimmend aus d. h. Druckhöhe und Wasserstrom wachsen
in demselben Verhältnisse. Das früher über Beziehung zwischen Con-
centration und Wasserbewegung Gesagte gilt somit auch hinsichtlich
des Verhältnisses zwischen Concentration und Druckhöhe.
Bei Gummi sind die Quotienten — etwas kleiner, als — '- — und
c 0
hieraus würde folgen, dass die Wasserbewegung für verschieden con-
centrirte Lösungen dieses Stoffes etwas langsamer zunimmt, als die
Druckhöhe. Die geringen Diflferenzen können aber sehr wohl Fehler-
Pfeffer, Osmotische Untersuchungen. 6
82
quellen entstammen und berechtigen um so weniger zu bestimmten
Sclilussfolgerungen. als auch die Beobachtungen, aus welchen die frag-
lichen Werthe abgeleitet wurden, zu wenig zahlreich sind. Wären
diese Quotienten fehlerfreie Werthe, so würde zunächst daraus hervor-
gehen, dass die Diffusionszone durch den einseitigen Wasserstrom er-
weitert und eben dadurch eine relative Verlangsamung der Wasser-
bewegung herbeigeführt wurde. Eine erhebliche Erweiterung der
Diffusionszone ist freilich nach den früheren Erwägungen nicht mr»glich.
jedoch ist eine geringe Erweiterung bei Gummi und ähnlichen Stoffen
noch am ehesten zu erwarten, indem hierViscosität der Flüssigkeit und
die vielleicht relativ geringere Kraft, welche aufConstanz der Diffusions-
zone hinarbeitet, ins Gewicht fallen.
Von diosmirenden Salzen habe ich nur einige Versuche mit ver-
schieden concentrirten Salpeterlösungen angestellt, welche nicht recht
befriedigend ausfielen. Einige mit derselben Membran und derselben
Lösung angestellte Experimente, welche ich hier nicht mittheile, er-
gaben nicht unerheblich von einander abweichende Werthe und einigemal
nahm der schon erreichte Druck ziemlich schnell nicht unbeträchtlich ab,
offenbar weil die Niederschlagsmembrau irgendwie schadhaft wurde,
ohne dass ich einen Grund dafür anzugeben weiss. Deshalb möchte
ich auch auf die in nachstehender Tabelle mitgetheilten Resultate keinen
besondern Wcrth legen.
In der Tabelle stehen in Columne O wieder die gemesseneu Druck-
höhen, unter — die Quotienten aus Concentration in die Druckhöhen.
endlich in der mit
M. O
überschriebenen Columne die Quotienten.
welche sich berechnen, wenn die Leistung einer einprocentigen Lösung
= 1 gesetzt wird. (Belege Nr. X.)
Tabelle 11.
Versuche mit Salpeter.
c
Concentration
in Gew. -Proc.
0
Druckhöhe
O
c
M. 0
c
/163 + 171,5_j\
gesetit
0,80 Proc.
0,86 ..
1.43 »
3,30 ..
130,4
147,5
218,5
436,8
163,0 (
171,5 (
152,8
132,4
1
0,91
0,79
83
Die Quotienten aus Concentration in Wassereinstroni wurden für
1, 2 und 4pi-ocentigc Salj)eterlösung' zu 1, 0.S9 und 0,85 ])estimmt (vgl.
p. ()G). Ich unterlasse es, hieraus angenäherte Werthe für diejenig;en
Couccntratiduen abzuleiten, deren osmotische Druckleistung gemessen
wurde, da ich. wie gesagt, diese Messungen für nicht recht genau halte.
Deshalb würden aber auch die, wie man ohne weiteres sieht, nicht
gerade übereinstimmenden Quotienten zu keiner b<;stimmten Hchluss-
folgerung berechtigen.
15. Schwankungen der Druckhöhe.
Bisher wurde der Einfluss der Temperatur nicht weiter beleuchtet,
da in derThat, wie aus Folgendem hervorgeht, unsere bei nur um
wenige Grade verschiedener Temperatur angestellten Versuche oder
Versuchsreihen ohne merklichen Fehler miteinander verglichen werden
durften.
Eine Temperaturerhöhung wird, wenn chemische Actionen aus dem
Spiele bleiben, in der Membran den mittleren Abstand der nähereu
Bestandtheile , aber auch der zum Tagma aggregirten Molecüle ver-
grössern , zugleich in der Flüssigkeit Cohäsion und Viscosität vermin-
dern. Ausserdem ist im Allgemeinen eine Veiminderung der Adhäsion
zwischen Wand und Flüssigkeit zu erwarten, welche sich ja auch durch
die mit der Temperatur sinkende Capillarerhebung kund gibt und mit
den massgebenden Molecularkräften kann sich dann auch die variable
Grenzschicht (desgl. die Diffusionszone) ihrer Ausdehnung und Con-
stitution nach ändern. Diese Aenderungen zu ermitteln und aus den
bestimmenden Factoren abzuleiten, ist zur Zeit unmöglich, da solches
selbst für den weit einfacheren Fall, für die freie Diffusion nicht gelingt,
welche bekanntlich durch Temperaturerhöhung sehr beschleunigt
wird ') , während doch bei Diosmose noch die Gesammtheit der zwi-
schen Membran einerseits und lösendem Medium und gelöstem Körper
andererseits wirkenden Molecularkräfte mit eingreift. Noch compli-
cirter muss sich die Sache dann gestalten, wenn auch chemische Um-
lagerungen mit ins Spiel kommen.
Betrachten wir den einfachsten Fall . dass ein Körper bei keiner
Uutersuchungstemperatur diosrairt. Mit steigender Temperatur wird
für gleiche Triebkraft die Wasserbewegung natürlich gesteigert, aber
1) Siehe z. B. Graham, Aunal. d. Cheuj. und Pharm. Ihü2, Bd. 121, p. 27.
Fick, Mediciu. Physik II. Aufl., p. 2S.
6*
84
die Druckhöhe ändert sich, weil die Widerstände und Bahnen für Ein-
strom und Ausstrom dieselben sind, nur dann, wenn das Verhältniss
zwischen den die beiden Ströme treibenden Kräften ein anderes wird ') .
In unserem Falle wird also eine Druckerhöhung eine Steigerung, eine
Drucksenkung eine Verminderung der osmotischen Triebkraft anzeigen.
Zucker und Gummi sind Stoße, welche bei den unten verzeichneten
Temperaturen durch die angewandte Ferrocyankupfermembran nicht
in merklicher Weise diosmiren. Den exacten Beweis hierfür lieferte
die Controle des specifischen Gewichtes der Lösung und der Rückgang
auf die frühere Druckhöhe bei Wiederherstellung der Ausgangstempe-
ratur. Siehe die Belege Nr. XI und XII.) Für diese beiden Köi-per
wurde die Druckhöhe bei sehr weit auseinanderliegenden Temperaturen
bestimmt und ist das gewonnene Resultat unten zusammengestellt. Mit
Zucker wurden drei Versuchsreihen [a, b, Cj in 3 verschiedenen Zellen
ausgeführt. In jeder einzelnen Versuchsreihe blieb die Zelle während
der Temperaturschwankungen ungeöffnet. Wenn zwei Bestimmungen
mit derselben Zelle und Lösung bei wenig verschiedener Temperatur
ausgeführt wurden, ist in Tab. 12 nur der Mittelwerth aus Tem])eratur
und ebenso aus Druck angegeben.
1) In einer vorläufigen Mittheilung habe ich angegeben, die osmotische Druck-
hohe sinke mit steigender Temperatur (Sitzungsb. d. uiederrhein. Gesellschaft
2. Aug. 1875, Botan. Zeitung 1875, p. 734). Bei den ersten 3 Versuchen, welche
ich bei variabler Temperatur anstellte, hatte ich allerdings jedesmal eine solche
Drucksenkung beobachtet und auf diese Versuche fusste meine Anschauung. Die
Druckschwankung muss aber Folge irgend eines in der Zelle entstandenen Scha-
dens gewesen sein. Weiterhin, als mir mehr Erfahrung und Uebung in Darstel-
lung und Behandlung der Zellen zu Gebote stand, kam mir unter ähnlichen Be-
dingungen , unter denen ich früher Drucksenkung beobachtet hatte, eine solche
nur noch einmal vor und hier konnte ich die Ursache auch iu einem Schadhaft-
werden der Niederschlagsmembran entdecken. Thatsächlich war die fraglicheDruck-
senkung die Folge einer noch nicht überwundenen technischen Schwierigkeit und
durch eine weitläufigere Darlegung könnte ich allerdings zeigen, wie ich ein solches
Resultat fast mit Nothwendigkeit erhalten musste, als ich, wie damals, die Zellen in
etwas anderer und wie die Erfahrung weiterhin zeigte, unzureichenden Weise prä-
parirte. Indess will ich hier keine Entschuldigungen anbringen, wohl aber nach-
drücklich hervorheben, dass mein damaliger Ausspruch, die Druckhöhe erfahre mit
Erhöhung der Temperatur in Folge der Verminderung des Filtrationswiderstandes
eine Senkung, thatsächlich unrichtig ist und natürlich ebenso alle die Folgerungen
unhaltbar sind, welche auf diese Annahme gebaut wurden. Bemerkt sei noch,
dass ich, wo von Beziehungen zwischen Druckhöhe und Filtrationawiderstand ge-
sprochen wurde, natürlich immer eine Membran gleicher Dicke und sonst gleicher
(Qualität im Auge hatte. Indess bedarf es jetzt keiner Worte mehr, das» der os-
motische Werth einer Membran durch die Grösse des Filtrationswiderstandes un-
j;enügend bezeichnet wurde Durch einen htpsus penuae ist in den vorläufigen Mit-
tlieilungen für 2proc. Rohrzuckerlösung eine Druckhöhe augegeben, welche that-
sächlich durch 3proc. Zuckeilösung erzielt war.
85
Tabelle 12.
Versuche mit Iprocentiger Rohrzuckerlösung.
Temperatur
Druckböhe
„ 1 14.20C.
'*{ 32,0 -
51,0 Ctm.
54,4 -
( 6,80C.
b\ 13,7 -
22,0 -
50,5 Ctm.
52,5 -
54,8 -
f 15,50C.
''] 36,0 -
52,0 Ctm.
56,7 -
Tabelleis.
Versuch mit 14proc. Lösung aus arabischem Gummi.
Temperatur
13,30C
36,7 -
Druckhöbe
69,2 Ctm.
72,4 -
Wie man aus diesen Tabellen sieht, steigt die Druckhöhe ein wenig
mit der Temperatni-. Ist diese Zunahme auch nicht gross, so ist sie
doch ansehnlich genug, um, bei constanter Wiederkehr in allen Ver-
suchsreihen, dieses Factum sicher zu stellen. Auch ist den mit Zucker
angestellten Versuchen zu entnehmen, dass die Druckhöhe zwischen 6,
8 und 36"C. dauernd zunimmt. Für DiflFerenzen von 2 u.S^C. ist indess
diese Zunahme zu gering, um bei Vernachlässigung nennenswerthe
Fehler mit sich zu bringen. Welchen Variabein speciell die geringe
Drucksteigerung zu verdanken ist, lässt sich nicht bestimmt sagen ') .
Die erhebliche Beschleunigung des osmotischen Wasserstromes mit
der Temperatur zeigt die folgende Tabelle an, welche die mit 5procen-
tiger Rohrzuckerlösung bei verschiedener Temperatur gemessene Wasser-
bewegung wiedergibt 2) . In der Columne W sind die im Laufe einer
1) Mit der Temperatursteigung bleibt das Volumen (annähernd; constant,
während natürlich, der aus den Zellen herausfiltrirenden Fliissigkeitsmenge hal-
ber, die nach Gew.-Proc. geschätzte Concentration etwas zunimmt. Doch ist diese
durch Dilatation der Flüssigkeit bedingte Aenderung zu geriug, um beachtet
werden zu müssen.
2) Hier ist Temperatur des Zellinhaltes und deß umgebenden Mediums über-
eins immend. Wenn aber die beiden Membranseiten auf ungleicher Temperatur
erhalten werden, so dürfte wohl in Folge dieter Differenz eine, wenu auch nur
86
Stunde beobachteten Steighöhen im Messrohr in Mm. wiedergegeben.
die letzte C
Quotienten.
die letzte Columne -™ enthält die durch die Ueberschritt angezeigten
Tabelle 14.
Versuche mit 5procentiger Zuckerlösung.
T
Temperatur
ir
Ein.-'troin
p. Stunde
W
T
7, IOC.
17,6 -
32,5 -
5,9 Mm.
9,4 -
13,3 -
0,831
0,534
0,409
Die Beobachtung wurde mit n,60C. begonnen und auch damit geschlossen ,
flabei ergaben sich für diese Temp. p. Stunde 9,5 und 9,3 als Einstroraswerthe.
Die Beobachtungszeit wurde so ausgedehnt, dass für jede Temperatur mindestens
\1 Mm. Steigung im Messrohr abgelesen wurde. BeimUebergang zu einem anderen
Temperaturgrade wurde die Zelle jedesmal mit neuer Lösung gefüllt.
Ein einfaches Verhältuiss zwischen Temperatur und Wasser-
bewegung ist aus den obigen Zahlen nicht herauszulesen und war ja
auch von vornherein nicht zu erwarten. Um eine Interpolationsformel ab-
zuleiten, sind diese Versuche nicht ausreichend und schien mir auch der
Werth einer solchen empirischen Formel hier zu untergeordnet, um zahl-
reichere Experimente anzustellen '). Auch unterliess ich zu bestimmen,
ob Lösungen anderer Stoffe für dieselben Temperaturgrade eine gleiche
Relation der Wasserbewegung ergeben, wie sie in obiger Tabelle ver-
zeichnet ist. Voraussichtlich würden kleine Abweichungen gefunden
sein, welche indess bei geringen Temperaturunterschieden, wie sie in
den früher mitgetheilten vergleichenden Experimenten über Wasser-
schwache Wasserbewegung aus analogeu Gründen eintreten, wie sie der 8i»genann-
ten Thermodififusion von Gasen, d. li. dem Durchgang vonGas durch eine Scheide-
wand in der Richtung von der kälteren zur wärmeren Membranseite zu Grunde
liegen. (Vgl. Feddersen, Poggend orf fs Annalen 1S73, Bd. MS, p. 302. —
Theoretische Betrachtungen stellte Neu mann an, Berichte d. kgl. sächs. Gesell-
schaft d. Wissenschaften 1S72, Sitzung vom 15. Februar.) — Auch durch elektri-
sche Ströme kann eine einseitige Wasserbewegung zu Stande kommen, die sog.
elektrische Csmose. welche übrigens mit unserer Osmose nur gemeinsam hat, dass
der Einfluss der Wandung zur Erzeugung des Phänomens nothwendig ist und es
sich nicht um einfache möchanische Wirkung des elektrischen Stromes handelt
SieheWüllner, Physik, II. AuH., Bd. IV, p. 002 und 040.
1) Eine solche Formel, nach dem Muster von Lagrange's Interpolationsfor-
mel, suchte Eckhardt zu begründen. fPoggcndor ff s Aunalen It^OO, Bd. 128,
p. 78.)
87
bewegung vorkamen, zweifellos zu gering sind, um auf das Resultat
erheblichen Einfluss ausüben zu können.
Hier sei auch bemerkt, dass vergleichende Versuche in Dunkelheit
und in hellem diffusen Licht weder für die Intensität der Wasser-
bewegung, noch für die Druckhöhe eine messbare Differenz ergaben.
Uebrigens sind alle meine Versuche immer bei sehr schwacher Beleuch-
tung oder auch beiLichtabschluss ausgeführt.
Eine directe Messung der Filtrationsschnelligkeit bei variabler Tem-
peratur wurde nicht mit genügender Exactheit ausgeführt; um einer
Mittheilung werth zu sein. Da die durch Zucker entstehende Druck-
höhe mit der Temperatur nur wenig schwankt, so geben die oben mit-
getheilten Einstromswerthe auch ein annäherndes Maass für das Ver-
hältniss der Filtrationsschnelligkeit bei verschiedener Temperatur.
Natürlich könnte diese Filtrationsschnelligkeit aus Messung des osmo-
tischen Wasserstromes und der Druckhöhe auch genau abgeleitet
werden i) .
Mit Vergrösserung der mittleren Abstände der Membrantheilchen
kann Diosmose ein^s bestimmten Stoffes möglicherweise erst eingeleitet
werden. Ganz allgemein aber wird die Diosmose eines Körpers mit
der Temperatur zunehmen, namentlich in Fo^ge der vermehrten leben-
digen Kraft der Molectile und der Erweiterung der Membranzwischen-
räume. Diese Beschleunigung wird indess ebensowenig , wie die
Wasserbewegung, in einem einfachen Verhältniss zur Temperatur-
steigerung stehen. Aus naheliegenden Gründen wird Constitution und
Ausdehnung der Grenzschicht mit der Temperatur variabel sein können
und wenn dieses zutrifft, wird auch die Diosmose eines gelösten Stoffes
nicht in gleichem Verhältniss, wie der nach entgegengesetzter Richtung
gehende Wasserstrom mit der Temperatur wachsen müssen, abgesehen
davon, dass auch andere Variable in diesem Sinne wirksam sein können.
Allerdings fand Eckhardt 2) das endosmotische Aequivalent vonKoch-
1) Schmidt (Poggendorff s Annal. 1856, Bd. 99) fand für Thierblase mit
steigender Temperatur eine ähnliche Beschleunigung der Filtrationamenge, wie sie
Poi senile für Glascapillaren durch eine empirische Formel mit trinomischem
Factor ausdrückte (Siehe z. B. Wüllner, Physik, II. Aufl., Bd. I, p. 294). Diese
Formel dürfte übrigens bei Niederschlagsniembranen kaum zutreffen u. gibt ohnehin
eine jedenfalls nur massige Annäherung, denn nach Meyer' s Formel (siehe p. 72)
muss (wie es auch Hagen fand) die Ausflussraenge für eine gewisse Temperatur
ein Maximum erreichen, da die mit r] und p bezeichneten Factoren mit der Tempe-
ratur nicht in gleichen^, Verhältniss sich ändern.
2) Poggendorff» Annalen 1866, Bd. 128, p. 67. — Hiermit nicht in Ein-
klang sind die älteren Untersuchungen Ludwig's (Zeitschrift f. rationelle Mediciu
1849, Bd. 8, p. 9].
88
salz innerhalb grosser Temperatnrdifferenzen constant, aber in diesem
Falle ist ein Salz nicht massgebend fttr andere und auch die Natur der
Membran kommt in Betracht. Ein eventueller Einfluss der variablen
Grenzschicht wird natürlich nm so deutlicher hervoiireten, je geringer
das Areal der nicht in der Wirkungssphäre derMembrantheilchen liegen-
den Zwischenräume ist.
Ein specielles physiologisches Interesse knüpft sich an Schwan-
kungen der Druckhöhe an, welche begreiflicherweise , sowohl durcli
Veränderung in der Membran, als auch im Zellinhalt herbeigeflihrt
werden können. Bei zuvor nicht diosmirenden Körpern ruft, wie wir
darlegten, eine einfache Erweiterung der Membranzwischenräume nur
dann eine Druckschwankung hervor, wenn eben durch diese Erweiterung
die Diosmose eingeleitet wird, wohl aber kann ausserdem Hebung oder
Senkung der Druckhöhe durch solche Aenderungen in der Membran
erzielt werden, welche auf die Constitution der DiflFusionszone influiren.
Was die osmotische Leistung des Zellinhaltes betrifft, so kann diese
ebensowohl durch Concentration, wie durch chemische Umlagerung eine
andere werden.
. Die angedeuteten Bedingungen für Druckänderungen können
selbstredend auf mannigfache Weise herbeigeflihrt werden, namentlich
aber durch Eintritt eines Stoffes in die Haut, oder in den Zellinhalt, oder
durch Umsetzungen, welche durch von aussen influirende Kräfte herbei-
geführt werden. Was letzteres anbelangt, so bieten uns physikalische
und chemische Thatsachen, namentlich insofern es sich um Wärme und
Licht handelt , Anhaltspunkte dar , welche , worauf ich im physiolo-
gischen Theil zurückkomme, als leitende Gedanken auf dem Gebiete
der Physiologie fruchtbar werden können. Von diesem Gesichtsi)unkte
aus muss die folgende Behandlung des Gegenstandes beurtheilt werden :
sie soll nichts Abschliessendes sein, sondern nur Anregung geben und
auf einzelne principiell wichtige Punkte aufmerksam machen.
Der einfachste Fall ist wohl gegeben, wenn in der Zelle gesättigte
Lösung und daneben ungelöste Masse desselben Körpers vorhanden ist.
Je nachdem die Löslichkeit mit der Temperatur zunimmt oder abnimmt,
muss dann mit Erhöhung der Temperatur die Druckhöhe steigen oder
fallen. Einen Beleg für diese so selbstverständliche und beliebig oft
wiederholbare Schwankung führe ich nur an, weil ein entsprechendes
Experiment nun einmal ausgeführt wurde. In eine Zelle mit aufgelager-
ter Fcrrocyankui)fermembran war überschüssiger Weinstein gebracht und
nachdem die Druckhölio für die bei 13.0H'. gesättigte Lösung zu
89
68,3 Ctm. bestimmt worden war. wurde mit Steigerung der Temperatur
auf 29,2»C. eine Erhöhung des Druckes auf 115,8 Ctm. beobachtet
(siehe Belege Nr. XIII) . Beiläufig bemerkt löst sich Weinstein in 240
Thcilen kaltem und in 14 Theilen siedendem Wasser.
Weiter kommt für uns in Betracht die Dissociation flüssiger oder
gelöster Körper, welche z. B. erst beginnen kann oder gesteigert wird
wenn Licht oder Wärme die lebendige Kraft der Molecularbewegung
und die Disgregation vergrössern. Je complexer der Aufbau eines ge-
lösten Körpertheilchens ist und je schwächer die zusammenhaltenden
Kräfte sind, um so leichter wird im allgemeinen vermehrte lebendige
Kraft eine Trennung in einfachere Molecüle herbeifuhren können, um
so mehr wird die Zahl der dissociirten Molecüle steigen •) . Natürlich
tritt z. B. für jeden Temperaturgrart ein Gleichgewichtszustand ein, in
welchem in der Zeiteinheit ebensoviel Massentheilchen dissociiren, als
durch Zusammentreffen der IMolecüIe neu gebildet werden. Kam zuvor
ein Massentheilclien — es mag ein Tagma sein — nur als einheit-
liches Ganzes in Betracht, so wirken nach der Dissociation nun die ge-
trennten Molecüle und wie andere Eigenschaften des Körpers sich
ändern, so würde es auch zufällig sein, wenn die osmotische Wirku g
dieselbe bliebe. Als gewöhnlicher Fall ist zu erwarten, dass wo Mole-
cüle durch Dissociation aus ihrem Verbände treten, die Druckhöhe zu-
nehmen wird, weil ja Grösse der Körpertheilchen, von Tagmen oder
Molecülen, für DiflFusionsschnelligkeit und damit auch für osmotische
Leistung (ceteris paribus) ungünstig ist.
Die unmittelbaren Dissociationsvorgänge, wie sie durch Temperatur
herbeigeführt werden, kommen im wesentlichen auf zwei Gesichtspunkte
zurück, entweder wird Wasser von den gelösten Körpertheilchen abge-
spalten oder es zerfallen diese unter Bildung von Basis oder eines
basischen Salzes 2) , Vorgänge, welche wohl besser und allgemeiner als
tagmatische und moleculare Dissociation (Zersprengung des Tagmas
oder des Molecüls) unterschieden werden könnten. Das bei 33" C. ein-
tretende Löslichkeitsmaximum des Natriumsulfates (Na^SO^-j- IOH'^0).
eine Folge der Bildung wasserfreien Salzes »; , ist eine der zahlreichen
derartigen Dissociationserscheinungen, welche das CobaltchlorUr unmit-
telbar sichtbar vorführt, indem die rothe Lösung bei höherer Temperatur
1; Vgl. z. B. Naumann, allgemeine Chemie 1875 (Gnieli n-Krants Hand-
buch! p. 488 u. 514. — Pfaundler, Der Kampf ums Dasein unter den Molecülen,
in Poggendorff's Annalen 1874, Jubelband, p. 182.
2 Naumann, 1. c, p. 551.
3 Naumann, I. c , p. 480. — Auch dessen Tliermochemie, 1869, p. 76.
90
blau wird, weil die wasserhaltige MolecUlverbindung dissociirt. Ebenso
wird molecularc Dissooiatioii durch Abscheidung von Eisenoxyd beim
Erwärmen verdünnter Eisenrhloridlösung unmittelbar demonstrirt. Von
Interesse ist es. dass, aus übrigens nahe liegendem Grunde, in letzterem
Falle die Zersetzungstemperatur durch Verdünnung der Lösung er-
niedrigt, bei Abspaltung von Hydratwasser dagegen erhöht wird.
Für die Ausgiebigkeit der Dissociation , welche ausser von der
Temperatur' auch von den specifischen Eigenschaften des Körpers ab-
hängt, kommt, wenigstens in etwas, auch der Druck in Betracht, unter
welchem die Flüssigkeit steht. Mit Erhöhung dieses muss, wenn die
Dissociationsproducte ein grösseres Volumen einnehmen — und dieses
ist ja der gewöhnlichste Fall — die Zerspaltung im allgemeinen ein
wenig gehemmt werden, dagegen gefördert werden, wenn mit derDisso-
ciation eine Volumverminderung eintritt. Es ist dieses Folge der gleichen
Ursachen, durch welche die Schmelztemperatur des Paraftins mit Druck
erhöht, des Eises dagegen erniedrigt wird, was, wie die vonClausius ')
entwickelten allgemeinen Gleichungen ergeben, einfach davon abhängt,
ob die Differenz zwischen specifischem Volumen des festen und flüssigen
Aggregatzustandes positiv oder negativ ausfällt.
Die wenigen Versuche haben hinsichtlich der directen Bedeutung
der Dissociation für Druckschwankungen zwar kein befriedigendes
Resultat geliefert, allein man vergesse nicht, wie es hier auf Wahl eines
passenden Körpers ankommt, und weiter werde ich schon unten andeu-
ten, wie für physiologische Vorgänge indirecte (auslösende) Wirkungen
der Dissociationsproducte in erster Linie in Betracht kommen dürften.
Ein Versuch mit 0,3 Procent wasserfreies Salz enthaltender Lösung
von Natriumsulfat in Ferroc3ankupfermembran ergab zunächst bei
14,3"C. eine Druckhöhe von 95,2 Ctm., welche mit Erhöhung der Tem-
peratur bis 35,3"C. auf 98,9 Ctm. stieg und bei Rückgang auf 14,800.
zu 91,8 Ctm. bestimmt wurde; es war eben Salz während der sechs-
tägigen Versuchsdauer diosmirt. Deshalb, ferner weil der hohen os-
motischen Leistung halber verdünnte Lösung genommen werden muss,
in welcher die Dissociation, d. h. hier die Abspaltung von Hydratwasser,
herabgedrückt wird, ist Natriumsulfat ein ungeeignetes Object. Soviel
zeigt freilich der obige Versuch, dass verdünnte Lösung von Glauber-
salz bei Temperaturschwankung zwischen 14 und 35 Grad eine grössere
Schwankung der Druckhöhe nicht verursacht.
1) Diemech. Wärmotheorie 1876, Bd. I, p. 172.
91
Die relativ starke Diosmose des übrigens hohe Druckkraft erzeu-
genden Ammoninmacetats Hess nuch einen Versuch mit diesem Salze
ungünstig ausfallen. In Folge der Diosmose wurde für eine eingefüllte
0,3procentige Lösung die Druckhöhe zunächst zu 87,5 Ctm. , nach (i
Tagen bei derselben Temperatur i14,20C.) zu 67,0 Ctm. bestimmt und
deshalb kann man von dem inzwischen bei 360C. gefundenen Druck
von 85 Ctm. nicht sagen, in wie .weit Verlust an Salz einen eventuellen
Effect der Dissociation eliminirte. Immerhin lassen die Versuche wohl
ersehen, dass auch hier die Drucksteigerung mit der Temperatur keine
sehr erhebliche sein kann. Nach Dibbit's Angabe sollen bei lOO'^C.
in einer Lösung von Ammoniumacetat 7 Procent des Salzes dissociirt
enthalten sein, eine x\ngabe, die freilich auf nicht vorwurfsfreie Ver-
suche basirt ist •; .
Einige Experimente wurden auch mit Doppelsalzeu ausgeführt,
welche freilich nach thermochemischeu Studien von Favre und Val-
s 0 n 2) , sowie nach Diffusionsversuchen von M a r i g n a c ^) nicht als solche
in Lösung existiren sollen.
Zwei Versuche mit Weinsaurem Natronkali (Tartarus natronatus)
ergaben folgendes Kesultat. (Belege Nr. XIV. i Für eine einprocentige
Lösung wurde die Druckhöhe bei 13,3"C. zu 147,6 Clin., dann bei
36,6'^C. zu 156,4 Ctm. bestimmt, während inzwischen durch Diosmose
die Concentration um 0,06 Proceut gesunken war. Eine 0,6procentigc
Lösung lieferte als Druckhöhe bei 12,40C. = 91,6 Ctm., bei 37,3<'C.
= 98,3 Ctm., und zum Schluss bei 14.2«C. = 90,0 Ctm. Es war also
die Druckhöhe mit der Temperatursteigerung für die 1 procentige Lösung
mindestens um 8 Ctm., für die 0,6procentige Lösung jedenfalls um
!, Dibbit's (siehe Naumann , Allg. Chemie p. 547) bestimmte die entzieh-
bare Menge des Ammoniaks, wobei, eben dieser Entziehung halber, die Reaotion
weiter fortschreiten musste, wie ja schon Berthol let in seiner chemischen Statik
(1803) ausführte, dass eine sonst nur partielle Reactiou mit Entziehung eines der
Zersetzungsproducte total werden könne. Aus gleichem Grunde können Versuche,
in denen durch Ausschütteln mitAether u. s. w. (Berthelot et St. Martin u. a.),
oder durch Diffusion und Diosmose (Graham u. a.), oder auf anderem Wege eine
Trennung erzielt wird, nur angeben, ob überhaupt Dissociation stattfindet, aber
kein quantitatives Maass für diese werden.
2) Naumann, 1. c, p. 535.
3) Annal. d. chim. et d. phys. 1874, V. ser., Bd. II, p. >546. — Nicht ganz in
Einklang hiermit sind Versuche Grahams, der auf Grund der diflFundirenden
Mengen zu dem Schlüsse kommt, dass sich Doppelsalze beim Auflösen nicht zer-
setzen, dass dagegen die Coraponenten sich beim Auflösen nicht sogleich zum
Doppelsalz vereinigen. Diese an sich unwahrscheinlichen Angaben sind meines
Wissens später nicht wieder speciell geprüft worden (Graham in Ann. d. Chem.
u. Pharm. 1851, Bd. 77, p. 84).
' 92
7 Ctm. geptie^en. Vergleicht man diese Zunahme mit der geringeren
für Zucker und Gummi bei Tenii)eratwr8teigerung gefundenen Druck-
erhöhung, so liegt wohl der Gedanke nahe, Dissociation möchte hier
mit im Spiele sein . indess beweisend sind diese Resultate durchaus
nicht. 8ie könnten es vielleicht werden, wenn auch die osmotischen
Druckleistungen für weinsaures Kalium und weinsaures Natrium einzeln
bei entsprechenden Wärmegraden bestimmt würden.
Das soeben Gesagte gilt auch für Zucker-Chlomatrium (C'^H^son
-h NaCr . Eine Tiösnng, welche 1,171 Procent dieses Doppelsalzes ent-
hielt, ergab folgende Druckhöhen: bei 14,50C. = 123,6 Ctm., bei
37,90c. = 129,2 Ctm. und bei 15, 0»C. = 120.7 Ctm. Belege Nr. XV).
Die während der Versuchsdauer eingetretene Drucksenkung ist durch
Diosmose von etwas Kochsalz herbeigeführt worden.
Ein in Berlinerblaumerabran mit Eisenalaun ausgeführter Versuch
gab ein zu wenig befriedigendes Resultat, namentlich hatte sich auch
im Laufe einiger Tage eine nicht unerhebliche Menge Eisenoxyd aus-
geschieden. Vielleicht ist die Ursache für diese Ausscheidung ein
diosmotischer Uebergang der dissociirteu Salzsäure in die umgebende
Flüssigkeit und die dadurch bedingte weiter fortschreitende Dissociation
des Eisensalzes.
Sind nun auch die mitgetheilten Versuche mit Tartarus natronatus
und Zucker-C'hlornatrium nicht ohne weiteres im Stande ein partielles
Bestehen dieser Doppelsalze in wässriger Lösung festzustellen, so muss
solches doch auch auf Grund des Beweguugszustandes der Materie
wahrscheinlich erscheinen. Mit dem variablen Bewegungszustand wird
auch die Anzahl existirender Molecüle oder Tagmen des Doppelsalzes
eine andere werden, mit zunehmender lebendiger Kraft, also auch mit
der Temperatur sich verring<^vn müssen. Die bis dahin angestellten Ver-
suche bieten übrigens auch keine solche Genauigkeit, um den Fort-
bestand einer geringen Menge des Dopi)elsalzes in Lösung sicher ermit-
teln zu können. Die Messung der osmotischen Wirkung in Nieder-
schlagsmembranen gewährt, wenn in oben angedeuteter Weise ver-
gleichend verfahren wird, eine neue Methode, um die Grösse der Disso-
ciation zu ermitteln, ohne die Dissociationsproducte von einander trennen
zu müssen.
Schwankungen in der Druckhöhe mit chemischen Metamorphosen
im Zellinhalt sind Ja selbstverständlich , weil verschiedeneu Stoffen
ungleiche osmotische Leistung zukommt. Wenn demnach obige Ver-
suche zu dem gesuchten Resultate nicht führten, so liegt es eben daran,
dass geeignete Zersetzungen nicht erzielt wurden.
93
Dissociationsvorgänge durch Wärme und namentlich auch durch
Licht, sind zahlreich und in mannigfachster Weise bekannt, aber gerade
für Körper mit complicirt aufgebauten Massentheilchen, welche im Or-
ganismus eine bedeutungsvolle Kolle siüelen. wenig untersucht. Wie
sehr z. B. die Druckhöhe sinken mlisste. wenn in Folge der durch Licht
oder AVärme hervorgerufenen vermehrten Molecularbewegung die Tag-
men eines colloidalen Köri»ers in orystalloide Molecüle zerspalten wur-
den, zeigt die so unverhältnissmässig höhere osmotische Leistung der
Krystalloide. Ebenso könnte ja durch solche oder ähnliche Vorgänge
die Diosmose eines Stoffes modificirt oder überhaupt erst eingeleitet
werden.
Durch Wärme und Licht wird wohl meist nur ein geringer Bruch-
theil eines Stoffes disso(;irt erhalten : der stationäre Zustand, in welchem
gleichviel Massentheilchen zersprengt und regenerirt werden, ist bald
erreicht. Sobald aber eines der Dissociationsproducte dauernd entfernt
wird, sei es durch chemische Bindung, durch Diosmose oder auf andere
AVeise ist die Möglichkeit gegeben, dass auch minimale Dissociation zu
totaler Zersetzung führt. Dieser Gesichtspunkt würde auch in osmo-
tischer Hinsicht, sowohl für Diosmose. als auch für Druckhöhe , eine
mannigfache Ausbeutung gestatten. Hier will ich nur auf einen mög-
lichen Fall hinweisen, da ohnebin jeder, der mit den einschlägigen
physikalischen und chemischen Dingen vertraut ist. eine grosse Zahl
von Fragen sich leicht zurecht legen kann, welche theilweise physiolo-
gisch wichtig sind. Bei Beleuchtung dissociirt von Eiseuchlorid eine
jedenfalls nur geringe Menge, würde aber die frei gewordene Salzsäure
in geieigneter Niederschlagsmembran durch Diosmose fortwährend ent-
fernt, so würde die Dissociation weiter fortschreiten und nach dem was
Graham \1 über Bildung des löslichen Eisenoxydhydrates mittlieilt.
lässt sich mit Bestimmtheit voraussagen, dass ein nur wenig Salzsäure
enthaltendes colloidales Ferriliydroxyd das Endproduct sein würde.
Nun könnte aber durch Zufuhr von Salzsäure, also durch Einstellung
der geschlossen bleibenden Zelle in Wasser, welches eine genügende
Menge von Salzsäure enthält, der anfängliche Zustand wieder hergestellt
werden. Die Druckhöhe würde aber mit Bildung des colloidalen Eisen-
oxyds sicher sehr stark herabgehen, da dem Eisenchlorid, wenigstens
in Berlinerblaumerabran eine sehr hohe osmotische Leistung zukommt.
1) Poggendorff's Annalen 1862, Bd. 121, p. 45. — Jn eleganter Weise
wurde die Menge dißsocirten Eiseooxyds von Wiedeinauu aus dem ungleichen
Molecularniagnetiamus des Eisenoxyds in Verbindung mit Säure und des col-
loidalen Eisenoxydfl abgeleitet (Vgl. Naumann, allgem. Chemie 1876, p. 549).
94
Allgemein p:eht Ja die Wirkniip: von l.iclit und Wanne zunächst
dahin. (Kmi Verband der Molecidc /n zerreisscn. aber in Fol^c dessen
könneji bei (Je^cnwart anderer Küriier j;-e\valti^e Ueaetiunen /n Stand«
konunen. Allbekannt ist die bei JJeleuchtunj;- so leicht mit Kxjtloshni
vor sieh ^'chende Vereinigung- von Ohlor mit Wasserstoff", welche erst
als Folge der Zers})altung einer An/ah! Chlormolecüle in ihre Atome zu
Stande kommt, eine Dissociatifm. welche von Budde'' direct nach-
gewiesen wurde. Ebenso ist es Folge der Lockerung des moleculareu
^'erbandcs. dass am Licht höhere (>xydatiousstufen von Metallsal/en
bei Gegenwart oxydabler Stoffe in niedere Oxydationsstufen übergehen.
Mit einem solchen gleichzeitigen Keduetions- und Oxydationsvorgang
hängt z. H. die erst am Licht eintretende, unter Umständen sehr leb-
hafte Kohlensäureentwickelung aus einem Gemenge von Eisenchlorid
und Oxalsäure zusammen 2). Durch derartige Zersetzungen können
natürlich osmotische Processe in mannigfachster Weise moditicirt wer-
den und wenn beispielsweise Keduction des Quecksilberchlorids herbei-
geführt würde, so hätte man mit Ausscheidung des unlöslichen Queck-
silberchlorürs eine Senkung der Druckhöhe zu erwarten.
Von ganz besonderer Wichtigkeit für physiologische Fragen sind
diejenigen chemischen Umwandlungen, welche durch eine verhältniss-
mässig geringe Menge eines wirkenden Stoffes, also uöthigenfalls durch
eine minimale Quantität eines durch Dissoeiation in Freiheit gesetzten
Körpers vermittelt werden. Erst als W i 1 li a m s o n die Aetherbildung
aufklärte, fiel ein Lichtstrahl in die so geheimnissvoll erscheinen-
den, sogenannten )^kataly tischen« Wirkungen. Die dauernde Umsetzung
zwischen Aetherschwefelsäure und Alkohol in Aether und Schwefel-
säure, sowie die stetige Neubildung von Aetherschwefelsäure aus Al-
kohol und Schwefelsäure, diese Continuität zweier nebeneinander ver-
laufender Processe ermöglicht mit wenig Schwefelsäure viel Alkohol in
Aether zu verwandeln, ja die mit einem Minimum von Schwefelsäure
erzeugbare Aethermenge würde unbegrenzt sein, wenn die Keaction
vollkommen glatt vertiefe. In analoger Weise, d. h. als Folge der
Continuität der chemischen Processe, müssen auch die Leistungen der-
jenigen sog. Fermente angesehen werden, welche eine unverhältuissmässig
grosse Menge eines Stoffes chemisch umwandeln können. Gerade durch
sog. Fermente kommen aber grossartige ehemische Processe im Orga-
1) Poggendorrf 8 Annalen 1S7'2, lid. U». p. 2i;{ und ebenda 1873, Ergän-
zung.Hband (>, p. 47 7.
2, Vgl. Becquerel, La luuiiire ses caut*ts ot ses eflfets IbiiS, Bd. II, p. 71.
95
nismus zu Stande und gleichviel, ob solche Fermente von aussen in
eine Zelle (oder ein anderes Organ) eindringen, ob sie durch Disso-
ciation in Freiheit und Wirkung gesetzt werden, oder ob die Fermente
zwar selbst schon gegeben sind, ein hinzutretender Stoff aber erst deren
Action ermöglicht, in allen Fällen leuchtet ein, wie z. B. schon mini-
male Dissociation weitestgehende chemische Metamorphosen hervorrufen
und damit auch die osmotischen Vorgänge und Leistungen in neue
Bahnen lenken kann.
Für die osmotischen Vorgänge kommt aber neben dem Inhalt auch
die Qualität der Membran in Betracht. Ausser den Effecten, welche
z. B. Licht und Wärme oline chemische Eingriffe hervorbringen, kön-
nen auch letztere bedeutungsvoll werden , sei es , dass irgend ein
Agens unmittelbar oder vermöge anderweitig erzeugter Zersetzungs-
producte auf die Membran influirt. Die allmälige Zersetzung des Ber-
liuerblaus am Licht '] , die Entziehung von Phosphorsäure aus Eisen-
phosphat vermittelst Alkalien, sind z. B. Vorgänge, welche ohne Ver-
nichtung der Continuität der Niederschlagsmembran ausführbar wären.
Ferner kann auch, wie Traube 2) zeigte, die osmotische Eigenschaft
einer Membran durch Infiltration, d. h. durch Einlagerung fremdartiger
Massentheilchen in die Membran , verändert werden ; Infiltration mit
Bariumsulfat soll z. B. eine Haut aus gerbsaurem Leim für Ammonium-
sulfat impermeabel machen.
Die Schwankung der osmotischen Vorgänge du.ch physikalische
oder chemische Aenderung in Zelliuhalt oder Membran haben zunächst
nur untergeordnetes physikalisches ^; , aber um so höheres physiolo-
gisches Interesse. Der physiologische Vorgang selbst wird aber erst
die Fragestellung für experimentelle Studien mit leblosem Materiale zu
liefern haben, Studien, an deren Hand sich dann vielleicht im Organis-
mus abspielende Frocesse aufklären lassen. Sicherlich sind wohl auch
die im Organismus uns sichtbar entgegentretenden osmotischen Vor-
gänge immer die Resultirende aus verschiedeneu und verwickelten
Einzelvvirkungen und eben deshalb bietet es ungeheure Schwierigkeiten,
die sichtbaren Leistungen auf ihre bedingenden Ursachen reduciren und
aus diesen erklären zu können. Der verwickelten Vorgänge halber
bietet sich aber auch ein sehr weites und grosse Erfolge versprechendes
l)Diese Zersetzung wurde vonChevreul studirt. Vgl.Becquerel, 1. c.,p. 72.
2) L. c, 1S67, p. 141.
3) Sofern solche Schwankungen nicht zur Entscheidung gewisser Fragen füh-
ren können.
96
Gebiet dem Physiologen, welcher die im Objeet liegenden Schwierig-
keiten zu besiegen versteht.
16. Historischer Ueberblicl(.
Nachdem die einschlägige Literatur der Hauptsache nach in dieser
Abhandlung geeigneten Ortes Erwähnung gefunden hat, soll hier nur
noch eine kurze historische Skizze gegeben werden K .
Sehen im vergangenen Jahrhundert (1748) wurde die Osmose von
N oll et entdeckt, doch so wenig beachtet, dass die spätere Wieder-
auffindung von Fischer (1812; als eine neue Entdeckung erschien 2).
Uebrigens sind auch die von den eben genannten Forschem, sowie die
von dem auf N oll et fussenden Parrot mitgetheilteu Thatsachen keine
Untersuchungen, ^velche, von leitenden Gedanken regiert, nach tieferer
Einsicht streben. Dieses treffen wir zuerst bei Du tr och et, welcher
zwischen 1826 und 1837 zahlreiche Untersuchungen über Osmose ver-
öffentlichte und beinahe ebensoviele verschiedene Erklärungen des Phä-
nomens versuchte, dessen hoher physiologischer Bedeutung sich unser
Autor vollkommen bewusst war. Da Dutrochet selbst die, nament-
lich auf Elektricität und Capillarität gestutzten Erklärungsversuche
später vei*warf und zwischen Dutrochet's erster Publication und
dessen letzter zusammenfassender Darstellung^^) keine andere bahn-
brechende Arbeit erschien, so glaube ich hier auch nur die endlichen
geläuterten Anschauungen unseres Autors zu Grunde legen zu dürfen.
Ein einfach mit einer Membran auf einer Seite verschlossenes Glas-
rohr, im wesentlichen die schon von Nollet und Fischer benutzte
Zusammenstellung, bildete Dutrochet's Endosmometer, auf welchem
im Princip auch die später zu osmotischen Versuchen benutzten Appa-
rate fussen. VonDutrochet wurde wesentlich nur die Volumänderung
des Zellinhaltes, sowie die von gegebenen Lösungen erzeugte Druck-
1) Da ich nur die historische Entwicklung unserer Keuntniss über Osmose
skizziren will, so werde ich natürlich nur auf die Arbeiten Rücksicht nehmen,
welche in einer hier zu behandelnden Richtung wirklich fördernd waren.
2j Eine ausführliche Zusammenstellung der älteren Literatur bis auf Brücke
tincl.) hat Vier or dt (Archiv f. physiol. Heilkunde von Roser und Wunderlich
V. Jahrg., 1846. p. 479 ff.) gegeben, aufweiche ich hiermit verweise. — Ferner ist
die Literatur bis zum Jahre 1859 ausführlich, doch nicht sehr kritisch behandelt
von Jagielski , im Programm des Gymnasiums zu Trzemeszno für 1859. ^
.'{) M^moires p. servir ä l'histoire anatomique et physi«)logique d. vegötaux et
d. auimaux. 1837. — Meine Citate beziehen sich auf die Brüsseler Ausgabe. \ —
Ueber frühere Publicationen Dutrochet's gibt Vierordt's citirte Abhandlung
Aufschluss.
97
höhe g£messen . dagegen eine quantitative Bestimmung der in die
AussenflUssigkeit übertretenden Menge des gelösten Körpers unter-
lassen. Wohl aber erkannte Dutrochet wie die Natur der Membran
für die diosmotische Bewegung sowohl des Wassers, wie auch des ge-
lösten Körpers massgebend, wie ferner dieser Austausch von Concen-
tration und Temperatur abhängig ist.
Werfen wir jetzt, indem wir zunächst von theoretischen Erklärungen
absehen, einen Blick auf die experimentellen Bestrebungen, welche sich
nach Dutrochet geltend machten. Nachdem die Untersuchungen
vonJerichau, Kürschner, sowieMattcucci undCima zwar man-
nigfache Thatsachen, aber wesentlich neues weder in principieller noch
methodischer Hinsicht beigebracht hatten, wurde von Vierordt") der
Austausch des gelösten Stoffes und des Wassers quantitativ gemessen
und zwar mit einem Apparate, welcher wohl grössere Genauigkeit zu-
liess, als die in der nächstfolgenden Zeit benutzten Endosmoraeter.
Während aber bei Vierordt die Messung als solche, und namentlich
die der Wasserbewegung als Hauptsache hervortritt, legte Jolly'^) den
ganzen Werth auf die Bestimmung des Verhältnisses zwischen den sich
austauschenden Mengen und bezeichnete bekanntlich den Quotienten aus
Salz in die gleichzeitig übergehende Wassermenge als endosmotisches
Aequivalent, dessen Ermittelung von nun ab fast ausschliesslich den
Vorwurf zahlreicher Arbeiten bildete, Jolly's Ansicht, das endosmo-
tischc Aequivalent sei ein namentlich auch von der Concentration unab-
hängiges Maass, wurde freilich baldigst von Ludwig 3) widerlegt, wie
denn auch andere Untersuchungen, so die von Fick, Schmidt^) Jiud
E c k h a r d t in dieser und anderer Hinsicht aufklärend waren. Auf das
endosmotische Aequivalent und damit zusammenhängende Fragen ein-
zugehen, ist hier nicht geboten, da jenes aus früher mitgetheilten Grün-
den in dieser Arbeit keine besondere Berücksichtigung fand. Die
specicll auf den osmotischen Wasserstrom hinzielenden Versuche haben,
so weit als nöthig , an geeigneter Stelle Erwähnung gefunden , wie
denn auch schon angegeben wurde, dass spätere Untersuchungen über
1) Poggendorff s Annalenl848, Bd. 73, p. 519.
2) Zeitschrift f. rationelle Medtcin von Henle und Pfeufer 1848, Bd. VII,
p. 83.
3) Ebenda 1849, Bd. VIII, p. 1.
4) Poggendorff's Annalen 1857, Bd. 102, p. 122. Die Arbeiten der anderen
Autoren habe ich mehrfach citirt. Weiter wurden z. B. Untersuchungen ange-
stellt von Cloetta , Buchheim, Adrian, Iloffmann, Harzer, Schuh-
ma eher u. a.
Pfeffer, Osmotische UutersuuUungeu. <
98
die Druckhöhe, welche die schon von Dutrochet gewonnenen Resul-
tate erweitern, nicht vorliegen.
Graham , dessen erste Arbeit über Osmose wenig wirklich neues
und förderndes bringt'.), bahnte dann aber mit der Unterscheidung kr}^-
stiilloider und colloidaler Körper und der Feststellung der geringen
Diosraose dieser letzteren einen erheblichen Fortschritt an 2) . Man muss
sich in der That wundern, das» gestützt hierauf, nicht si)cciell der Fall
aus Ausgangspunkt der Theorie ins Auge gefasst wurde, wo der osmo-
tisch wirkende Körper nicht diosmirt. Thatsächlich wurde letzteres
erst von Traube 3) gethan, dessen Entdeckung der Niederschlagsmem-
branen einer der wichtigsten , wenn nicht überhaupt der wichtigste
Fortschritt seit Entdeckung der Osmose ist.
Die nach vielen Schwankungen endlich geläuterten Anschauungen
Dutrochet' 8 über Osmose und deren Ursache, bieten zwar nicht eine -
tiefere Zergliederung des Phänomens, bringen aber allgemeine Prin-
cipien zum Ausdruck, deren Gültigkeit wir noch heute anerkennen. Als
uuerlässliche Vorbedingung für mögliche Diosmose fordert Dutrochet*):
1) dass mindestens eine der beiden getrennten Flüssigkeiten Verwandt-
schaft zur Membran habe und 2) dass sieh zwischen beiden Flüssig-
keiten Verwandtschaften, welche zur Mischung führen, geltend machen.
Weiter, namentlich geleitet durch das entgegengesetzte osmotische Ver-
halten von Alkohol und Wasser gegen Thierblase und Kautschuk, hebt
Dutrochet hervor, dass deijenige Körper in grösster Menge eine
Membran durchwandere, welcher die grösste Affinität zur Substanz dieser
habe, ferner, dass die sich austauschenden Körper in der Membran nicht
etwa getrennt, sondern gemischt enthalten seien.
Das mehr als einmal über Dutroc het 's osmotische Untersuchun-
gen gefällte harte Urtheil ist durchaus unbegründet, wenn wir nur die
nackten Thatsachen oder auch die zuletzt so klaren Anschauungen
dieses Gelehrten zum Maassstab nehmen ; das Hin- und Herschwanken
von einer Theorie zur anderen steht aber in diesem Falle nicht isolirt,
sondern hängt innig mit Dutrochet's geistiger Beanlagung zusam-
men. Dem gewandten Experimentator und guten Beobachter wurde
sein Reichthum an Ideen für nüchternes Zurechtfinden in der Welt der
Erscheinungen, bei den osmotischen, wie bei so manchen anderen For-
1) G laham , Philosoph, transact. 1854, Bd. 144, I. p. 178.
2) Aiinalen d Chemie u. Pharmacie 1862. Bd. 121, p. 1.
3) Archiv f. Anatomie u. Phyaiologie von du Bois-Rey mond u. Reichert
1867, p. 87. — Botan. Zeitung 1875, p. 50.
4) L. c, p. 58.
99
schlingen, öfters ein Hinderniss. Begeistert von einer Idee, welche ihm
das Endziel seiner Forschungen und seiner auf das Allgemeine hinaus-
gehenden Gedanken in greifl)are Nähe zu rücken schien, eilt der sonst
gelegentlich so scharfe Denker öfters über Fragen hinweg, deren kriti-
sche Erwägung seinem Gedankenfluge Halt geboten haben würde und
wiederholt thatsächlich in späterer Zeit ihn auf den rechten Weg
führte, nachdem zuvor richtig Gesehenes in einen unnatürlichen Rahmen
gezwängt worden war. Unter solchen Umständen verdient Dutrochet
im Einzelnen thatsächlich oft herben Tadel, doch nicht nach diesem
Einzelnen, sondeni nach den Leistungen im Grossen und Ganzen
beurtheilt, wird man in Dutrochet, und ganz speciellin dem Pflanzen-
physiologen Du troch^t einen Gelehrten ersten Ranges zu feiern haben.
Nachdem die auf Capillarität fussenden Erklärungen von Poisson
und von Magnus') sich baldigst als unzureichend erwiesen hatten,
wurde zuerst eine tiefer eindringende und auch noch heute für concrete
Fälle ausreichende Theorie von Brücke 2) aufgestellt. Es ist diese
Theorie, wie wir früher holten, auf eine mit dem Abstand von der Poren-
wandung variable Grenzschicht gegründet, deren Bildung aus Ge-
mischen von Tei-pentinöl und Baumöl von Brücke in einem geeigneten
Apparate nachgewiesen wurde. Für einfach poröses, nicht quellendes
Material gilt auch heute diese Theorie noch ungeschmälert, nur müssen
wir hinzufügen, dass die Grenzschicht mit der Concentiatiou variabel,
nicht constant ist, wie Brücke und andere nach ihm es anzunehmen
scheinen. Dagegen hat Brücke die mit Quellung unvermeidliche
Durchmesseränderung des Porus vernachlässigt, namentlich aber die
Diosmose durch die Membrantheilcheu selbst (die diatagmatische Dios-
mosej gar nicht in Betracht gezogen.
Ludwig'^) lieferte dann den Nachweis, dass thierische Blase aus
Salzlösung verdünntere Lösung imbibirt, was allerdings für eine aus
diluirter Lösung bestehende Grenzschicht (im Sinne Brücke's) spricht,
jedoch kein geradezu zwingender Beweis ist, wie Ludwig und andere
nacli ihm annahmen , da ja Aufnahme von Wasser oder verdünnter
Lösung in die Membrantheilchen selbst einen gleichen Erfolg haben
würde (p. 40). Ludwig wies bereits auf einige Folgerungen aus der
Brücke 'sehen Theorie hin und bestätigte durch das Experiment die
1) Vergl. Vierordt, 1. c, p. 507.
2) Pog^endorff s Annalen 1843, Bd. 58, p. 77. — Dieselbe Arbeit erschien
als Dissertation 1842.
3) L. c, p. 15. — Bestätigt wurde dieses auch von Cloe tta. Diffasionaver-
suche. Inauguraldissertation. Zürich 1851, p. 21.
7*
1 00
theoretisch geforderte Aenderung des endosmotischen Aequivalents mit
der Concenti'atiou.
Später deducirte dann Fick') ausführlich die Consequeuzen der
Brücke "sehen Theorie und wenn auch die von ihm gefundenen Wider-
sprüche zwischen theoretischer Schlussfolgerung und experimentellem Be-
funde wesentlich auf nicht ganz zutreffender Interpretation beruhen, so hat
doch Fi ek das hohe Verdienst, vielfach Klarheit geschaffen und zuerst die
Diosmose durch die Membrantheilchen selbst, neben derDiosmose durch
capillare Räume hervorgehoben zu haben 2) . Weshalb wir die solchem
verschiedenem diosmotischen Durchgang entsi)rechendc Unterscheidung
von Endosmose und Porendiffusiou , welche Fick vorschlug, nicht
adoptirteii, ist früher dargethan worden. Endlich hatFick^) auch zu-
erst auf die Bedeutung des Bewegungszustandes der Salz- undWasser-
molecUle hingewiesen, jedoch diese Bedeutung überschätzt, da die os-
motische Bewegung wesentlich durch die zwischen heterogenen Massen-
theilchen wirkenden Anziehungskräfte und nur ganz untergeordnet
durch die lebendige Kraft der Molecüle bedingt ist.
Nachdem die an Brücke's Theorie anknüpfenden und aus dieser
hervorgegangenen Anschauungen dargelegt sind, wenden wir uns zu
abweichenden Auffassungen zurück, welche Jolly^), Liebig^y und
GrahaTu''') vertreten, die darin übereinstimmen, dass eine variable
Grenzschicht und überhaupt ungleiche Zusammensetzung der imbibitteu
Lösung in einer parallel zur Membranfläche genommenen Schicht nicht
gefordert wird. Eine solche homogene Imbibition könnte thatsächlich
erreicht sein, wenn nur in die Membrantheilchen Wasser oder auch
Salzlösung aufgenommen würde. Da aber wohl alle permeable Mem-
branen anderweitige Interstitien besitzen und speciell allen Membra-
nen , welche die genannten Autoren im Auge hatten, Zwischenräume
Ij Poggendorff's Annalen 1855, Bd. 1»4, p. 74 ff.
2) Fick, Moleschott's Untersnchungon zur Naturlelire 1S57, Bd III, ]).
2f»C. - Hinsichtlich einiger Einwände Eck hardt's vgl. p. 57. Schuhmacher
Die Diffusion in ihren Beziehungen zur Pflanze. 1861) bringt in theoretischer Be-
ziehung nichts, was specielle Hervorhebung erforderte.
3) Medicinische Physik 1866, II. Aufl., p. :<6.
4) L. c, p. 145.
5) Untersuchungen über einige Ursachen der Säftebewegung im thierischen
Organismus 1848, namentlich p. 51. — Liebig's Darlegung des osmotischen Be-
wegungszustandcH geht die Klarheit ab, welche man sonst bei dem grossen Gelehr-
ten gewohnt ist. Ich hoffe aber Liebig's Ansicht richtig verstanden zu haben,
indem ich mich namentlich an das hielt, wasLiebig selbst als wesentlich in einer
Nachschrift zu Graham's Arbeit wiedergibt.
ü) Aunal. d. Cliem. u. Pharm. 1862, Bd. 121, p. 75.
101
von erhehliclierer Weite znkomnie)i. so sind auch die von JoUy, Lie-
big nnd Graham angenommenen Theonen unzureichend, weil sie
einen , hei realer Existenz auch mitwirkenden Factor , die variable
(rrenzschicht, vernachlässigen.
Im übrigen weichen die theoretischen Auffassungen von Jolly,
Liebig und Graham mehr in der Form, als im Princip von einander
ab. Was letzteres anbelangt, so kommen die Theonen dieser Forscher
im wesentlichen darauf hinaus, dass nach Massgabe der wechselseitigen
Affinitäten die Membranen Salz und Wasser imbibiren und wenn die
Membran Salzlösung und W^asser trennt, die Relation der beiden ent-
gegengesetzten Ströme von dem Imbibitionszustand und der Anziehung
zwischen Salz- und Wassertheilchen abhängt. Ein einseitig liber-
wiegender Wasserstrom wird also immer dann zu Stande kommen,
wenn beim Eintauchen in Salzlösung eine verdUnntere Lösung imbibirt
wird. Ob Jolly nur von Anziehung spricht, Lieb ig und Graham von
chemischer Affinität reden, ist natürlich ganz unwesentlich. Hervorzu-
heben ist aber, dass J ol 1 y nicht die Co:ntraction quellungsfähiger Körper
in Salzlösung namhaft macht, während Lieb ig und Graham gerade
den ungleichen Contractionszustand auf den beiden Seiten einer Mem-
bran, welche eine Scheidewand zwischen Salz und W^asser bildet, als
Motor ansehen. Als Ausdruck für den difterenten Salzgehalt existirt
allerdings in quellungsrähigem Materiale ein derartiger Contractions-
zustand, durchaus nothwendig ist derselbe für die osmotische Bewegung
aber nicht, da diese auch in nicht quellungsfähigen Scheidewänden zu
Stande kommt. Die auf das Verhalten der Colloide sich stutzende An-
nahme Grab am 's, Diosmose scheine die einseitige osmotische Wasser-
bewegung (Osmose Grab am 's) herabzudrücken, war übrigens schon
längst als eine Consequenz derBrücke' sehen Theorie erkannt, welche
sowohl von Liebig, wie von Graham nicht beachtet ist.
Der Umstand, dass durch alle bis dahin angewandten Membranen
wenigstens die Krystalloide diosmirten, ist wohl der Grund, Avarum als
Ausgangspunkt für die Theorie nicht der einfachste Fall gewählt
wurde, nämlich der, wo der osmotisch wirkende Körper die Membran
nicht zu durchwandern vermag. Dieses ist ja auch hinsichtlich der
Colloide mit Thierblase und ähnlich wirkenden Membranen gegeben,
auch schwebte ein solches Verhalten Graham bei Betrachtung der
Osmose vor, ohne dass dasselbe indess von diesem Autor richtig und
ausreichend zur Erklärung des Vorganges verwandt wurde. Erst mit
der Entdeckung der Niederschlagsmembranen durch Traube lag die
102
unbedingte Kotliwendigkeit vor, die osmotische Leistung nicht diosmi-
render Stoffe näher ins Auge zu fassen. Mit diesen Niederschlagsmem-
branen waren auch zuerst Häute gewonnen , welchen bei gleichartiger
Beschaffenheit zugleich osmotische Eigenschaften zukamen, die ausser-
halb des Organismus bis dahin keine andere Membran dargeboten hatte
Bildung und Wachsthum der Niederschlagsmembranen wurde der
Hauptsache nach in klarster Weise von Traube') sogleich erledigt,
der auch verschiedene Membranen auf ihre Durchlässigkeit für bestimmte
Stoffe prüfte und hierbei schon auf die relativ geringe Wasserbewegung
aufmerksam wurde, welche Colloide hervorrufen. In der theoretischen
Erklärung des factisöhen diosmotischen Verhaltens hat aber Traube 2)
wesentlich gefehlt. Indem er die zwischen Membran einerseits und
gelöstem Körper und lösendem Medium andererseits wirkenden Mole-
cularkräfte vernachlässigte, kam dieser Gelehrte zu der unrichtigen
Anscliauung. die Membran wirke einfach wie ein Sieb und demgemäss
könne aus Durchtritt und Nichtdurchtritt verschiedener Stoffe ein rela-
tives Maass für die Grösse der in Lösung bestehenden Molecüle gewon-
nen werden •"*) . Die Vernachlässigung der fraglichen Molecularkräfte
bringt auch eine nicht zutreffende Ansicht über die osmotische Leistung
mit sich, welche zwar, wie es Traube annimmt, durch Anziehung zwi-
schen lösendem Medium und gelöstem Körper bedingt ist, aber ihrer
Ausgiebigkeit nach, was Traube übersieht, von der Constitution der
Diffusionszone wesentlich abhängt.
17. Experimentelle Belege.
Im Folgenden sind diejenigen Versuche zusammengestellt, von
welchen im Text dieser Abhandlung nur das endliche Ergebniss mit-
getheilt wurde. Alle Versuchsreihen von Nr. I bis Nr. XV (incl.) sind
mitFen'ocyankupfermembranen angestellt; bei den folgenden Nummern
ist die Qualität der Membran speciell angegeben worden.
1) L. c. 1867, p. 131 ff.
2) L.C., 1867, p. 147. — Die gänzliche Vernachlässigung der von der Membran
ausgehenden Molecularkräfte muss um so mehr Wunder nehmen, als Traube
(p. 150 Anmerkung) auf das Verhalten des Kautschuks hinweist, das ja gegenüber
den diosmotischen Eigenschaften von Thierblase den Einfluss der Membran in so
schlafender Weise demonstrirt.
:j) Moleculargewicht und Moleculargrösse (Traube sagt unrichtig Atom-
gewicht und Atomgrösse) gelöster Körper stehen übrigens bei verschiedenen Kör-
pern auch deshalb nicht in demselben VerhUltniss, weil sich Molecüle zu Tagmen
aggregiren können.
103
Messungen des osmotischen Wasserstromes.
Die angewandte Methode ist früher (p. 14) dargelegt worden und
theile ich hier nur das zur näheren Erläuterung der Versuche Nothwen-
dige mit. Ob die Experimente ohne, wie es meist der Fall war, oder
mit Membranogenen angestellt wurden, ist bei den einzelnen Versuchs-
reihen bemerkt. Ebenso ist hier die wirksame Fläche der Niedei-
schlagsmembran angegeben, wenn diese bestimmt wurde, was einfach
durch Berechnung aus Durchmesser und Höhe der von der Membran
bedeckten Fläche geschah. Ich konnte mich mit diesem allerdings nur
ganz annäherndem Maasse vollkommen begnügen, da ja Dicke der
Membran und andere auf die Wasserbewegung influirende Factoren un-
bestimmt blieben.
Die Angaben der beiden, am oberen und unteren Ende der Zelle
(incl. der VerschlussstUckej endenden Thermometer, diflferirten bei den
verschiedenen Versuchsreihen um 0,1 bis 0,30C., doch wurde auf Gon-
stanz dieser Differenz in einer einzelnen vergleichenden Versuchsreihe
genau geachtet. Der Einfachheit halber ist im Folgenden immer nur das
Mittel aus diesen beiden Temperaturen angegeben worden.
Da in jeder Versuchsreihe die Temperatur constant war und die
Relation der osmotischen Wasserströrae bei nicht weit auseinander-
liegenden Wärmegraden jedenfalls nur in unmerkbarer Weise sich
ändert, so sind die bei nicht ganz gleicher Temperatur gewonnenen
Resultate commensurabel, sobald sie auf dieselbe Einheit reducirt wur-
den. Die Versuche wurden, wie auch die Druckmessungen, in stark
diffusem Licht oder in Dunkelheit ausgeführt.
Bei der geringen Menge des in einem Versuche in die Zelle geführ-
ten Wassers, nimmt die Concentration des Inhaltes nicht in zu beach-
tender Weise ab und, trotz gleichzeitiger Diosmose, konnte für Sal-
peter keine Erniedrigung des specifischen Gewichtes der Lösung ge-
funden werden. Es ist deshalb in den Tabellen die Bestimmung des
specifischen Gewichtes nicht weiter erwähnt worden.
Zum Schluss einer Versuchsreihe wurde eine Controlbestimmung
mit gleicher Lösung, wie zu Anfang, gemacht und hatte sich die Inten-
sität der Wasserbewegung geändert, so ist (gewöhnlich) das Mittel aus
beiden Bestimmungen als Maass für die Vergleicnung mit den für
andere Lösungen gefundenem Werthe genommen worden. Dieses an
sich nicht ganz correcte Verfahren bietet jedoch, der geringen Differenzen
halber, eine für unsere Messungen ausreichende Genauigkeit dar und
104
dies um so mehr, als bei vergleichenden Versuchen mit verschiedenen
Lösungen die Experimente öfters in gerade umgekehrter Reihentblgc
angestellt wurden. Wenn diese nicht zusaniraenfällt mit der von oben
nach unten gezählten Zusammenstellung der Versuchsresultate, so ist
die umgekehrte Richtung in welcher die Experimente angestellt wur-
den, durch einen neben der tabellarischen Zusammenstellung stehenden
Pfeil angedeutet (z. R. Nr. I, B.i.
In Columne c ist die Concentration nach Gewichtsproceüten an-
gegeben. In z ist die Zeitdauer eines Versuches verzeichnet, aus wel-
chem die unter // stehenden pro Stunde berechneten Werthe gewonnen
sind, welche die in Mm. ausgedrückte Erhebung der Flüssigkeitssäule
im Messrohr angeben. In e sind die Mittelwerthe der Columne h auf
diejenige Einheit reducirt, welche in der lleberschrift der Verticalreihe
angegeben ist. — Mit — ist der entai)rechende Quotient aus Concen-
tration inGew.-Proc. in die auf eine Einheit reducirtenEinstromswerthe
bezeichnet. Endlich steht unter ^- der analoge auf Volumprocente
bezogene Quotient, denn c. n [s = specif. Gewicht der Lösung) ergibt
ja die Concentration einer Lösung nach Volumprocenten.
Nr. L
Versuche mit Rohrzucker.
Sämmtliche Versuchsreihen A — D sind mit verschiedenen Zellen
angestellt.
Concentratiun
in Gew.-Proc.
J Proc.
2 -
6 -
10 -
20 -
1 -
Temperatur 15,10 c. .
16,1 Qu.-Ctm.
Versuchsdauer
Berechnet
pr. Stunde
1,8+ 1,6
~~2
= 1
3 Std.
l'/2 -
1
V* -
3/4 -
2V2 -
l,SMm.
3,(> -
10,1 -
19,8 -
4.3,4 -
1,6 -
2.1
5,9
11,6
25,5
Ohne Membranogeue. — Grösse der Membranfläche
B.
Concentration
in Gew.-Proc.
1 Proc.
2 -
6 -
1 -
Versuchsdauer
Berechnet
pr. Stunde
3 Std.
2'/? -
1
VI. -
2,0 Mm.
3,5 -
10,7 -
1,8 -
'2+ 1,8
= 1
1,8
5,6
Temp. =^ 17,60C. — MitMembranogenen. — Meiubranfläche = 16,9 Qu.-Ctm.
105
Cuncentration
in Gew.-Proc.
Versuchsdaucr
h
Peroclinet
pr. Stunde
1.8 = 1
1 Proc.
6
1
W Stil.
l'/2 -
3t/2 -
1,8 Mm.
10,5 -
1.8 -
5,8
Temp. 17,30C. — Ohne Membranogene.
D.
Concentr&tiun
in Gew.-Proc.
2 Proc.
16 -
32 -
2 -
Ver.5uch.sdauer
3 Std.
1
■'U -
2
Berechnet,
pr. Stunde
2,1+2,0
2,1 Mm.
20.5 -
49.6 -
2,0 -
20,0
48.4
Temp. 15,2" C. — Ohne Membranogene.
E.
Membranfläche = 15,1 Qu.-Ctm.
Die unter »e Mittelwerthe« stehenden Zahlen sind die ans den Ver-
suchsreihen A bis D abgeleiteten Mittelwerthe.
c
e
e
e
Concentration
in Gew.-Proc.
Mittelwerthe
c
C. 8
1 Proc.
1
1
1
2
1,95
0,98
0,97
6 -
5,77
0,96
0,94
10 -
11,6
1,16
1,11
16 -
20,0
1,25
1,17
20 -
25,5
1,27
1.17
32 -
48,4
1,54
1,35
Das specif. Gew. d. Zuckerlösung bei 17,50C. ist für; 1%= 1,004; 20/^^1,008
60/o = 1,024 ; 100/o= 1,0404; ]60/o = l,0657 ; 200/o= 1,0832; 320/o= 1,1391.
Nr. n.
Versuche, mit Gummi arabicani.
Bei 100" C. getrocknetes arabisches Gummi wurde auf Lösung von
bestimmten Gehalt gebracht, aus welcher dann die Lösungen von der
untcu verzeichneten Concentration dargestellt wurden. Die benutzten
Zellen waren solche, die bei relativ grosser Membranfläche möglichst
dünne Niederschlagsmembran besassen. Beide Versuche wurden ohne
Membranogene ausgeführt.
106
Concentralion
in Oew. Proc.
Versuchidauer
Berechnet
pr. Stunde
0.6 = 1
1 Proc.
6 -
6 Std.
2</j -
1
0,6 Mm.
2,25 -
10,3 -
1
3,7
17.2
Terap. 15, IOC. — Membranfläche = 17,1 Qu.-Ctm.
Concentrat.ion
in Gew. -Proc.
18 Proc
6 -
1 -
18 -
Verauch.sdauer
Berechnet
pr. Stunde
0,65 = 1
1 Std.
2V2 -
5V2 -
1
10,2 Mm.
2,3 -
0,65 -
10,4 -
15,7
3,5
1
Temp. 15,50c. — Membranfläche = 17,5 Qu.-Ctm.
C.
Mittelweithe aus A und B.
c
Concentralion
in Gew. -Proc.
e
Mittelwerthe
ans A und B
e
c
e
CS
1 Proc.
6 -
18 -
1
3,6
16,45
1
0,60
0,91
1
0,58
0,84
Das specifische Gewicht dieser Gummilösungen ist: lo/o= 1,004; 60/o= 1,025;
180/o= 1,078.
Aus 2 Versuchen mit denselben Zellen mit Iprocentigen Lösungen
ergab sich, dass, die osmotische Wasserbewegung des Zuckers = 1 ge-
setzt, die des Gummis = 0,1 4 ist.
Nr. III.
Versuche mit Salpeter.
A.
c
Concentralion
ii^ Gew -Proc.
Versuchsdauer
h
Berechnet
pr. Stunde
e
4,6 + 4,2 ,
2 -^
1 Proc.
2 -
4 -
1 -
2 Std.
1'/-, -
1
2
4,6 Mm
7,5 -
15,0 -
4,2 -
1,75
3,41
Temp. 13,90c. — Mit Membranogenen.
107
B.
Concentration
in Gew.-Proc.
Versuchsdauer
Berechnet
pr. Stunde
^1 PlOC.
l -
2 Std.
IV2 -
1
2
4,9 Mm.
8,2 -
16,5 -
5,1 -
4,9 + 5,1
= 1
1,64
3,3
Temp. 14,10c. — Ohne Membranogene. — Membranfläche = 15,4 Qu.-Ctm.
Conceatration
in Gew.-Proc.
1 Proc.
2 -
4 -
8 -
18 -
1
Versuchsdaucr
Berechnet
pr. Stunde
lV2Std.
1
1
3/4 -
V2 -
IV2
7,2Mm.
14
25,1 -
45,9 -
83,0 -
7,0 -
7,2-t-7,0__ j
1,97
3,53
6,46
11,69
Temp. 17,40c. — Ohne Membranogene. — Membranfläche = 17,1 Qu.-Ctm.
D.
Mittelwerthe aus A — C.
c
e
e
e
Concentration
in Gew.-Proc.
■ Mittel
aus A bis C
c
CS
1 Proc.
2 -
1
1,79
1
0,89
0,99
0,88
4 -
8 -
18 -
3,41
6,46
11,69
0,85
0,81
0,66
0,83
0,77
0,59
Die specif. Gew. der Lösungen sind : 10/«= 1,006; 20/o= 1,013; 40/0= 1,025;
80/o= 1,051; 180/o=l 123.
Nr. IV.
Versuch mit Kalisulfat.
c
Concentration
in Gew.-Proc.
Versuchsdauer ^^^1^^'. 7,0=1
e
c
1
4
1
IV2 Std.
1
IV2 -
7,0 Mm.
23,2 -
7,0 -
1
3,31
1
0,83
Temp. 15,80C. — Ohne Membranogene.
iLiJ
LIBRARY
-^•'^
v-fc^^
lOS
Nr. V.
Versuche mit IpioceutiijenLösnn.ifen von Zucker, Kalisnlfat und Salpeter.
VerRuch B uurde mit Kalisnlfat begonnen und beendet und aus
den p:cfundenen Werthen 9,S und \)^(\ der verzeichnete Werth 9,7 Mm.
als Mittel genommen. — Die V'^ersuchsdauer war bei Kalisulfat und
Salpeter 1 V2 Stunde, bei Zucker 2 und Vj-i Stunde,
A. B.
Berechnet
pr. Stunde
Zucker — 1
Rerechnet
pr. Stunde
Zucker = I
Mittel
au.« A und B
Zucker
Kalisnlfat
Salpeter
Zucker
1,9 Mm.
'^.a -
8,7 -
1.9 -
4,3/
4,.^)J
10,2
T 2,2
Mm.
4,41
4,01
1
4,39
4,01
TiMup. I5,7f('. — Ohue
Meuibrauogene.
Tcrap. 15, IOC. — Ohne
Meuibranogeue.
Filtration unter Druck.
Hinsichtlich der angewandten Methode vgl. p. 17. An diesem
Orte sind auch die Correctionen bezeichnet, unter deren Beachtung aus
dem mittleren Stand der Quecksilbersäule der in d verzeichnete wirk-
same Mitteldruck berechnet wurde. In Columne h stehen die Zeiten,
innerhalb welcher die unter r in Mm. angeführte Senkung der Queck-
silbersäule im Druckrohr beobachtet wurde. Aus dieser Senkung wurde
mit Hülfe der entsprechenden Galibrirungswerthe die Filtrationsmenge
berechnet, welche auf 1 Stun.de reducirt und in Oub.-Mm. ausgedrückt
in /angeführt ist. Der Quotient ^-, sowie die in Columnem vorgenom-
mene Rednction sind durch die Ueberschriften gekennzeichnet. Die bei-
den folgenden Versuchsreihen sind mit verschiedenen Zellen ausgeführt.
Nr. VI.
A.
d
Mitteldruck
h
Versuchsdauer
r
Senkung des Hg.
/
Filtrationsnienge
pr. Stunde
d
m
0,0942 -»-0,0927
2
= 1
111,5 Ctm.
71,3 -
37,8 -
112,2 -
2Std.
3 -
0 -
2 -
9,5 Mm.
9,5 -
8,7 -
9,3 -
10,5 Cb.-Mm.
0,54
3,52
10,3
0,0942
0,0917
0,0934
0,0927
1,009
0,982
1,000
0,992
Teinp. d. Flüssigkeit in der Cüvette 14,0<iC. — Temp. der Luft neben dem
Steigrohroben = 15,1 bis 15, "OC., unten 14,7 bis 15,20 C. — Barometer schwankte
während der Versuchsdauer nur um 1 Mm. — Membranfläche = 16,5 Qu.-Ctm.
Ohne Membranogene.
109
B.
d
h
r
/
Filtrationsmenge
pr. Stunde
/
d
m
0,0680 + 0,0841
Milteldruck
Versuchsdauer Senkunj: des Hg.
2
= 1
210,2 Ctni.
85,1 -
208,0 -
lV2Std.
5
1V-. -
15,9 Mm.
18,3 -
15,0 -
18,5 Cb.-Mm.
7,56
17,5
0,0880
0,0888
0,0841
1,023
1,033
0,9-78
Terap. der Cüvettenfliissigkeit 13,50C. — Lufttemperatur neben Steigrohr
oben = 14,6 bis 15,00C., Hntenl4,2 bisl4,"üC. — Barometerschwankung während
des Versuches 0,5 Mm. Membranfläche = 15,4 Qu.-Ctm. Ohne Membranogene.
Aus A und B sind die in Tabelle 6 auf Seite 71 zusammengestell-
ten Zahlen combinirt (aus Columne d und m) .
Messungen der Druckhöhe.
Die angewandte Methode und Berechnung ist Seite 20 mitgetheilt.
Es ist hier auch die Bedeutung von ü", V, S und 0 nachzusehen ; von
v" habe ich in der folgenden Zusammenstellung den Briggischen
Logarithmus angegeben. Die Temperatur von V wurde, wie auch an
dem angegebenen Orte zu ersehen ist, durch das Thermometer gemessen,
dessen Quecksilbergefäss in der Cüvettenfliissigkeit in mittlerer Höhe
des lufterfUllten Theiles des Manometers eingestellt war. Die Tempe-
raturangabe dieses Thermometers differirte gewöhnlich um 0,1 — 0,3<>C.
gegenüber dem tiefer eingesenkten, gegen das untere Ende der Zelle
hin endenden Thermometer. Da indess diese Differenz während der
endliehen massgebenden Ablesungen constant erhalten wurde und da
gelinge Temperaturunterschiede auf die osmotische Druckhöhe keinen
messbaren Einflüss haben, so war eine specielle Angabe der an dem
tiefer eingesenkten Thermometer abgelesenen Grade unnöthig und kann
die Temperatur der im Manometer eingeschlossenen Luft auch als Tem-
peratur des Zellinhaltes ohne weiteres angesehen werden.
Die einzelnen Versuche sind in einer Versuchsreihe immer in der-
selben Ordnung angeführt, wie sie ausgeführt wurden.
Nr. VIL
Druckhöhe für liohrzuckeiiösnng verschiedener Concenlration.
Die beiden Versuchsreilien A und B sind mit verschiedenen, jede
aber mit derselben Zelle durchgeführt. Die Einzelversuche sind in der
Reihenfolge verzeichnet, wie sie angestellt wurden.
110
Die Membranogenlüsung enthielt, wie immer, 0,1 Pioc. Ferrocyan-
kalium und 0,09 Proe. Kupfernitrat (j). 25 , nur in Versuch 2 hatte die-
selbe doppelte Concentration, al8o0,2re8p. 0,18 Proe. In Versuch 4 war
durch ein Versehen eine Zuckerlösung von unl)ekannter Concentration,
aber mit dem üblichen Gehalt an Ferrocyankalium genommen worden.
Auf optischem Wege (p. 30) und durch Ermittlung des sjiecifischen Ge-
wichts, wurde der Gehalt der benutzten Lösung zu 2,74 Proe. Rohr-
zucker bestimmt. Das s}»ecifische Gewicht der Zuckerlösung ergab sich
nach Beendigung der Versuche als uöverändert, nur bei dem Experi-
mente mit der Gprocentigen Lösung war eine Verminderung um 2 in der
4. Decimale eingetreten, was iudess nicht weiter berücksichtigt wurde.
Nr.
c
Concentration
in Gew. -Proe.
log. v"
V
Temp. von
V
S
0
Druckböhp
1
1 Proe.
4,10489
108,1 Mra.
13,7*0.
69,9 Ctm.
53,8 Ctm.
(2
1
-
107,7 -
13,6 -
70,9 -
53,2 -
3
2
-
79,4 -
14,0 -
67,0 -
101,6 -
(4
2,74 -
-
61,6 -
13,5 -
65,1 -
151,8 -
5
4
4,10519
49,2 -
13,8 -
63,8 -
62,4 -
208,2 -
6
6
-
. 36,3 -
14,7 -
307.5 -
7
1
108,8 -
14,6 -
69,8 -
53,5 -
Membranfläcbe = 17,1 Qu. -Ctm.
B.
Das specifische Gewicht wurde für beide Lösungen nach dem Ge-
brauche unverändert gefunden.
e
Concentration
in Gew.- Proe.
l0J>-. V<^
V
Temp. von
V
S
0
Druckhöhe
1 Proe.
6 -
4,12026
119,3 Mm.
42,1 -
16,1° C.
15,4 -
69,9 Ctm.
63,1 -
47,2 Ctm.
267,9 -
Aus A und B ist Tabelle 9 auf Seite 81 combinirt. indem die für
Iprocentige Zuckerlösungen gefundene Druckhöhe (oder derMittelwerth
dieser) sowohl in A als in 5 = 1 gesetzt wurde. Als Mittel dieser auf
commeiisurable Einheit reducirten relativen Werthe wurde die Colunme
M. () genannter Tabelle gewonnen.
Nr. Vin.
üruckhöhe für Gummi arabicum.
Die benutzten Lösungen waren gleichzeitig, aus demselben Materia le
und in ganz gleicher Weise dargestellt, wie diejenigen, welche zur
111
Bestimnrung der osmotischen Wasserbewegung dienten (Nr. II) . Beide,
mit 2 verschiedenen Zellen angestellte Versuchsreihen Ä und B, wur-
den in üblicher Weise mit Merabranogenen durchgeführt, bis auf die
eingeklammerten mit ISproeentiger Lösung angestellten Versuche, bei
denen die Membranbildner ganz weggelassen waren. — Das specif.
Gewicht änderte sich im Laufe eines Versuches nicht. — Die mit offe-
nem Manometer angestellten Versuche sind durch die Ueberschrift ge-
kennzeichnet.
A.
Concentration
in Gew -Proo.
log. ü*
Tenip. von
V
o
Druckhöhe
Zucker
Gummi
i - -
Zucker
IProc.
1 -
6
18
18
1
4,11492
4.12089
4.11492
111,6 Mm,
168.2 -
142.3 -
75,9 -
75,6 -
112.6 -
15,2»
16,1
16,1
15,7
15,6
16.6
Mit offenem Manometer.
1 Proc.
6 -
O
Temp.
7,1 Ctm.
2«^, 7 -
Membranfläche = 16,9 Qu.-Ctm.
B.
70,6 Ctm.
75,9 -
72,0 -
64,3 -
64,3 -
70,0 -
15,00 C.
1^,7 -
52.6 Ctm.
7,2 -
26,3 -
119,7 -
120,4 -
52.7 -
Concentration
in Gew.-Proc.
log. fO
T'
Temp. von
V
o
DruckUöhe
Zucker
Gummi
1 Proc.
6 -
18 -
18 -
4,12089
4,11492
l17,0Mm.
143,6 -
74,6 -
75.0 -
15,80C.
15,9 -
15.5 -
15.6 -
7l,3Ctm.
71,4 -
65,7 -
65,6 -
48,1 Ctm.
24,6 -
118,9 -
118,0 -
Mit offenem Manometer.
1 Proc.
6 -
Temp.
6,7 Ctm.
24,0 -
15,40C.
15,3 -
Membranfläclie = 17,0 Qu.-Ctm.
Aus A und B ist Tabelle 10 (p. 81) in ganz analoger Weise zu-
sammengestellt, wie Tabelle 9 aus A und B in Nr. VII.
Setzt man in A und B die Druckhöhe Iprocentiger Gummilösung
= 1 . so stellt sich die Iprocentiger Zuckerlösuug nach ^auf 7,41 , nacli
112
B auf 7,18. Im Mittel ist also das Verhältniss der durch Iproceutige
Lösungen erzeugten Druckhöhe :
Gummi = 1
Zucker = 7,21)
oder
0,138
1,00.
Nr. IX.
Versuche mit Zucker, Dextrin, Kalisulfat und Salpeter.
Diese Versuche sind zur Ermittlung der durch Iprocentige Lösun-
gen genannter Stoffe erzeugten Druckhöhe angestellt. Von dem dios-
mirenden Salpeter wurde einmal eine Lösung von 1 ,()5Proc., das andere-
mal von 1,07 Proc. Gehalt eingefüllt und die C(mcentiation am Ende des
Versuches aus dem specif. Gewicht ermittelt. Die zur Füllung benutzten
Lösungen von Kalisulfat enthielten 1, resp. 1.01 Proc. dieses Salzes
Bei den anderen Körpern ti'at im Laufe des Versuches eine Venniu-
derung des si)ecif. Gewichtes nicht ein. Da wo die Endconcentration
nicht 1 Procent betrug, ist für diese die Druckhöhe unter Annahme von
Proportionalität zwischen Druckhöhe und Concentration berechnet und
in der letzten Columne verzeichnet worden. Da das beiderseitige Ver-
hältniss allerdings ein anderes, aber nicht genau bekanntes ist, so wurde
freilich bei dieser Berechnung ein Fehler begangen, der iudess bei der
geringen Abweichung von 1 Proc. nur gering sein kann.
Das Dextrin war als chemisch rein von der Fabrik bezeichnet. Da
ich es aber nicht einer speciellen Reinigung unterwarf, so kann ich nur
sagen, dass Traubenzucker, wenn überhauptdarin vorhanden, jedenfalls
nur in minimaler Menge zugegen wai*.
Der dur(!h 4procentige Zuckerlösung erzeugte osmotische Wasser-
strom wurde vor Beginn dieser Versuchsreihe und gleich nach Herstel-
lung der Zelle p. Stunde zu 11,6 Mm., nach Beendigung der verzeich-
neten Versuche zu 5.1 Mm. gefunden, hatte sich also, wahrscheinlich
zum gutenTheil durch Versto])fung, um mehr als die Hälfte vermindert,
ohne dass die mit Zuckerlösung gemessene Druckhöhe eine Aenderung
erfahren hatte. Die Versuche wurden zwischen 2. u. 14. /3. 76 ausgeführt.
Concentraf.
log. fO
Temp. von
s
O
0
in (iew.-
Proc.
V
V
Ctin. Hg.
Driickhölic
ticrccbnet f.
Iproc. Lösg.
R.-Zncker
1 ,0ü Proc.
4,12011
117,3 Mm.
15,90C
71,8Ctm.
47,lCtm.
Dextrin
1,00 -
-
152,2 -
15,6 -
75,0 -
16,0 -
Salpeter
0,98 -
-
58,2 -
l.'>,8 -
G4,7 -
174,9 -
178,4CtiM.
Kaiisnlfat
0,98 -
-
55,1 -
1«),1 -
04,0 -
188,8 -
192,6 -
Salpeter
1,0! -
4,i41!»7
5S,H -
lt>,l -
03,3 -
175,0 -
173,3 -
Kalisulfat
1,00 -
1,1 von
54,9 -
I5,r) -
02,1 -
191. 9 -
Zucker
1 ,00 -
- -
119,3 -
lt),0 -
09,9 -
47,2 -
McmbraiiHiiche = 17,0 Qu.-Ctui.
113
Die Tabelle 8 (p. 75) ist gewonnen, indem das Mittel aus den für
1 procentige Lösungen bestimmten Druckhöhen genommen wurde. Dieser
Tabelle ist ausserdem noch die relative Druckhöhe des Gummis nach
dem in Versuchsreihe VIII gefundenen Werthe eingereiht, nach wel-
chem diese Druckhöhe = 47,1 .0.138 = 6,5 Ctm. zu setzen ist.
Nr. X.
Versuche mit Salpeter.
In diesem Falle wurden Lösungen von resp 1, 2 und 4Proc. Gehalt
eingefüllt und dann die durch Diosmose verminderte Concentration aus
dem specifischen Gewichte ermittelt. Die ungleiche Abnahme der Con-
centration erklärt sich zum guten Th^il aus der verschiedenen Zeitdauer
der einzelnen Versuche. Ausgeführt wurde diese Versuchsreihe zwi-
schen 9. und 19. /l. 1876.
c
Concentration
in Gew.-Proc. ,
log. ro
V
Temp. von
V
S
0
Druckhühe
0,8ü Pvoc.
1,43 -
3,3
0,86 -
4,10489
67,4 Mm.
46,9 -
26,7 -
62.1 -
13,20C.
12,9 -
13,0 -
12,6 -
67.6 Ctm.
65.7 -
62,7 -
66,9 -
130.4 Ctm.
218.5 -
436,8 -
147,5 -
Aus obigen Werthen ist Tab. 1 1 auf Seite 82 abgeleitet.
Druckhöhe bei Temperaturschwankungen.
Die einzelnen Versuchsreihen, welche in Nr. XI bis XV verzeich-
net sind, wurden ausgeführt, indem die Zelle, resp. die ganze Cüvette,
erwärmt oder abgekühlt und die den Temperaturen entsprechenden
Druckhöhen in üblicher Weise berechnet wurdeil. Durch Bestimmung
des specifischen Gewichtes der Lösung wurde auch hier die eventuelle
Veränderung der Concentration ermittelt, welche durch Diosmose wäh-
rend der Dauer einer Versuchsreihe eingetreten war.
Nr. XI.
Versuche mit Iprocentiger Rohrzuckerlösung.
Die Constanz des specifischen Gewichtes und der Rückgang der
Druckhöhe auf die anfängliche Grösse (mit Herstellung gleicher Tem-
peratur) zeigen, dass Zucker im Laufe der 5 bis 12 Tage, welche eine
einzelne Versuchsreihe in Anspruch nahm, nicht merklich diosmirte.
Pfeffer, Osmotiscke Untersuchungen. 8
1t4
A.
Temperatur 13,5 bis 32,00C.
log. tjO
V
Temp. von
V
1 — --- ■
S
O
Dnickhöbe
4,15130
120,8 Mm.
125,6 -
122.6 -
13,50C.
32,0 -
14,8 -
72,0 Ctm.
71,6 -
70,9 -
51,1 Ctm.
54,4 -
50.9 -
Temperatur 6,8 bis 22,0oC.
log-. h'O
V
Temp. von
V
S
0
Druckhöhe
4,10489
107,8 Mm.
107,8 -
108.0 -
108.1 -
108,3 -
13,20C.
22,0 -
13,8 -
6,8 -
14,2 -
71.7 Ctm.
72.8 -
71,6 -
70,2 -
70,6 -
52.1 Ctm.
54,8 -
52.2 -
50,5 -
53,1 -
c.
Temperatur 15,1 bis 36,00C.
log. wO
V
Temp. von
V
S
O
Druckhöbe
4,11751
113,0 Mm.
116,3 -
113,2 -
15,90C.
36.0 -
15.1 -
70,5 Ctm.
70,8 -
70,2 -
52,1 Ctm.
56,7 -
52,0 -
Die Resultate dieser mit 3 verschiedenen Zellen angestellten Ver-
suchsreihen sind in Tabelle 12 (p. 85) znsammengestellt.
Nr. XII.
Versuchsreihe mit 14procentiger Lösung von arabischem Gummi.
Da diese Gummilösung nicht aus derselben Waare hergestellt war,
welche zu den unter Nr. II und Nr. VIII mitgetheilten Versuchen diente,
so sind auch die dort und hier gewonnenen Werthe nicht comraensurabel.
Diese Versuchsreihe wurde zwischen 13. und 19./4. 1876 ausgeführt.
Temperatur 13,3 bis 36,70C.
log. vO
V
Temp. von
V
S
0
Driickhöhe
4,12059
98,3 Mm.
105,2 -
100,7 -
13,30C.
30,7 -
13,3 -
70,9 Ctm.
69,9 -
68,9 -
69,9 Ctm.
72,4 -
68,6 -
115
Nr. Xm.
Versuch mit gesättigter Weinsteiiilösung.
Vgl. Seite 88.
Temperatur 13,0 und 29, 20C.
log. t)0
r
Temp. von
V
S
0
Druckhöhe
4,12171
100,2 Mm.
79,7 -
13,0OC.
29,2 -
70,0 Ctm.
68,0 -
68,3 Ctm.
115,8 -
Nr. XIV.
Versuche mit Tartaros
natronatus.
Siehe Seite 91.
A.
Eingefüllt wurde eine Lösung, welche 1 Proc. von obigem Salze
enthielt. Bei Schluss des Experimentes 'nach 8 Tagen) war die Cou-
centration auf 0,94 Proc. gesunken.
log. ü"
V
Temp. von |
0
Druckhöhe
4,14877
69,2 Mm.
72,0 -
13,30C.
36,6 -
65,8 Ctm.
65.5 -
147,6 Ctm.
156,4 -
B.
Die eingefüllte Lösung enthielt 0,6 Proc. Tartar. natronatus. Die
Concentration bei Schluss des Versuches (nach 7 Tagen) wurde nicht
direct bestimmt, kann sich aber, wie die Druckhühe zeigt, nicht viel
vermindert haben.
log. wO
V
Temp. von
r
s
0
Urutkhöhe
4,12171
85,4 Mm.
' 89,6 -
87,3 -
Zucl
12,40 c.
37,3 -
14,2 -
Nr. XV.
ter-Chloruati
70.4 Ctm.
69,6 -
69.5 -
ium.
91,6 Ctm.
98,3 -
90,0 -
Siehe Seite 92.
Von beiden Stoffen wurden der Zusammensetzung des kiystallisiren-
deu Doppelsalzes (C'^H^^O'^ + NaCl) entsprechende Mengen aufgelöst,
so dass die Lösung in 100 Gramm enthielt 1 Grramm Rohrzucker und
0,171 Gramm Kochsalz. Die Ausführung des Experimentes nahm 3 Tage
in Anspruch : das specif. Gewicht wurde nach Beendigung nicht bestimmt.
116
log. t'O
V
Temp. von
V
S
0
Druckhöhe
4,11751
_
72,4 Mm.
76
74,1 -
14,50C.
37,9 -
15,0 -
67.0 Ctm.
67.1 -
65,9 -
123,6 Ctm.
129,2 -
r20,7 -
Versuche mit Membranen aus Berlinerblau und Caiciumphosphat.
Nr. XVI.
Messung der Druckhöhe in Berlinerblaumembran für Iprocentige
Lösungen von Rohrzucker.
Die beiden hier zusammengestellten Versuche sind mit zwei ver-
schiedenen Zellen ausgeführt, lieber die Concentration der Membrano-
gene vgl. p. 28. Das specifische Gewicht der Lösung hatte sich wäh-
rend eines Versuches nicht geändert.
log. »0
V
Temp. von
V
S
0
Druckhöbe
Mittel
4,11751
125,3 Mm.
122,3 -
13,20C.
13,9 -
72,4 Ctm.
72,4 -
37,3 Ctm.
40,2 -
1 38,7 Ctm.
Nr. XVn.
Messung der Druckhöhe in Calciumphosphatmembrau für Iprocentige
Rohrzuckerlösung.
Die zum osmotischen Gleichgewicht nöthige Concentration der
Membranbildner-Lösung wurde nur relativ, d. h. mit Bezug auf Lösun-
gen bestimmt, deren Gehalt nicht genau ermittelt war. Uebrigens sind
für 0,1 Proc. Chlorcalcium nahezu 0,4 Proc. gewöhnliches phosphor-
saures Natron noth wendig. Das specifische Gewicht der eingefüllten
Lösung änderte sich während des Versuches nicht.
log. «0
F
Temp. ron '
0
Druck höhe
4,12171
127,7 Mm.
15,20C. 73,3 Ctm.
36,1 Ctm.
Mit derselben Zelle wurde für eine mit etwas Kali hergestellte
'iprocentige Conglutinlösung mit offenem Manometer eine Druckhöhe
von 3,8 Ctm. bei 17,90C. gefunden. Vgl. p. 74.
Versuche mit Pergamentpapier und Thierblase.
Die Ausführung der Versuche geschah mit dem auf Seite 13 an-
gegebenen Apparat und wurden die Druckhiihen mit offenem Manometer
gemessen. Um bei Schluss des Versuclies nahezu Oprocentige Lösungen
117
im Apparate zu haben, wurde entsprechend concentrirtere Lösung ein-
geftillt. Der Endgehalt wurde, wie auch sonst, aus dem specifischen
Gewicht ennittelt und in Columne c verzeichnet. Ausführlichere Angaben
unterlasse ich , da es ja überhaupt nur in diesem Falle auf ganz an-
nähernde Werthe ankommen kann Vgl. übrigens p. 73). Die Membran-
fläche mass in beiden Fällen 5,3 Qu. -Ctm. ; der ganze Apparat fasste
ungefähr 34 Cub.-Ctm. Lösung.
Nr. XVin.
Versuchsreihe mit Pergamentpapier.
Das Pergamentpapier war eine ziemlich dichte, übngens massig
dicke Waare.
c
Concentration
in Gew.-Pi-oc.
0
Druckliöhc
Temp.
0
berechnet für
6proc. Lösung
Gummi arabicum
Rohrzucker
Flüssiger Leim
Salpeter
Gummi arabicum
6,08 Proc.
5,92 -
5,83 -
6,00 -
6,18 -
18,0 Ctm.
28.6 -
20.7 -
20,4 -
18,7 -
24, IOC.
24,7 -
23.3 -
24,1 -
24,3 -
17,7 Ctm.
29.0 -
21.3 -
20.4 -
18.1 -
Nr. XIX.
Versuchsreihe mit Thierblase (Herzbeutel vom Rind) .
c
O
0
Concentration
Temp.
berechnet für
in Gew. -Proc.
ßproc. Losung
Gummi arabicum
6,01 Prot.
14,2 Ctm.
21,40C.
14,2 Ctm.
Rohrzucker
6,2
15,0 -
21,5 -
14,5 -
Flüssiger Leim
5,81 -
15,1 -
21,1 -
15,4 -
Salpeter
5,73 -
8,5 -
21,3 -
8,9 -
Gummi arabicuu»
5,9
12,1 -
21,6 -
12,3 -
Die in Nr. XVIII und XIX für öprocentige Lösungen berechneten
Werthe sind in Tabelle 7 (p. 73) zusanmiengestellt. — Die osmotische
Leistung ftir flüssigen Leim in Ferrocyankupfermembran wurde für
öprocentige Lösung desselben Präparates, welches zu obigen Versuchen
diente, mit offenem Manometer gemessen. Auch ist das hier benutzte
Gummi dieselbe Waare, welche zur Bestimmung der Druckhöhe in
FeiTOcyankupfermembran diente.
n.
Physiologischer Theil.
18. Die Plasmamembran.
Seitdem Nägeli^) auf die Wichtigkeit der diosmotischen Eigen-
schaften des Protoplasmas hinwies, ist meines Wissens immer an-
genommen, dass der gesammte Protoplasmakörper, nicht etwa ein Theil
dieses, diosmotisch massgebend sei. Wie aber schon aus bekannten
Thatsachen gefolgert werden kann, muss eine peripherische Schicht
über Nichtaufnahme oder Aufnahme eines Körpers entscheiden. Denn
wenn ein gelöster Stoff durch die relativ ruhende peripherische Schicht
seinen Weg in strömendes Protoplasma findet, in welchem sogar feste
Körper mechanisch durcheinander geworfen werden, so muss er sich in
diesem noth wendig verth eilen. Natürlich setzen wir hier voraus, dass
chemische Bindung oder anderweitige Vorgänge nicht störend eingreifen.
Die Nichtaufnahme gewisser Körper, welche durch die früher zu Expe-
rimenten verwandten Häute leicht diosmiren, hat aber aufgehört eine
ausschliessliche Eigenschaft des Protoplasmakörpers zu sein, seitdem
Traube die Niederschlagsmembranen und deren diosmotisches Ver-
halten kennen lernte.
lieber Aufnahme oder Nichtaufnahme eines Stoffes muss in qualita-
tiver Hinsicht der physikalische Aufbau der peripherischen Schicht des
Protoplasmas entscheiden, denn jeder Gedanke das Ausschliessungs-
vermögen aus mit der Lebensthätigkeit zusammenhängenden Prozessen
erklären zu wollen, fällt damit, dass lebloses und lebensthätiges Proto-
plasma in allen diosmotischen Eigenschaften übereinstimmen, welche
bis jetzt verfolgt wurden. Weil aber selbst leicht diosmirende Krystal-
loide nicht durch die fragliche, von Wasser durchtränkte peripherische
Schicht dringen, müssen in dieser notii wendig die constituirenden Theil-
chen dicht gelagert sein, denn der Durchmesser der Zvrischenräume
könnte ja höchstens gleich sein dem doppelten Radius der Wirkungs-
1) Pflanzenphysiol. Unters, von Nageli und Gramer 1855, Heft I, p. 5.
122
Sphäre der Theilchen Plus dem Dui'chmesser eines krystalloiden Mole-
cüls. Will man mit dem Princip der Causalität nicht brechen, so ist
diese Forderimg ganz imab weislich, um Stoffen den Durchtiitt zu ver-
wehren, welcher durch moleculare Anziehungen zwischen gelöstem Kör-
per und Wasser (eventuell auch Theilchen der peripherischen Schicht ,
mit bestimmter Energie angesti'ebt wird. Durch solche Anziehungen
muss aber ebenso nothwendig eine osmotische Druckhöhe erzeugt wer-
den, welche durch den pliysikalischen Aufbau der peripherischen Schicht
und die Qualität der eonstituirenden Theilchen bestimmt wird.
Hinsichtlich des diosmotischen Austausches und der osmotischen
Druckhöhe ist es gleichgültig, ob die fragliche peripherische Schicht
des Protoplasmas für sich nach ihrem Cohäsionszustand als Membran
anzusprechen ist oder nicht. Auch kann die Dicke dieser Schicht nur
für Quantität des diosmotischen Austausches, nicht aber für osmotische
Druckhöhe Bedeutung haben (p, 77) . Ob diese peripherische Schicht
eine Membran ist, oder nicht, ist eben eine neue Frage. In keinem
Falle aber kann diese diosmotisch bestimmende Schicht nur ein sog,
Flüssigkeitshäutchen sein, und würde auch ein solches natürlich dann
nicht sein, wenn ihre Entstehung eine Folge der veränderten Molecular-
wirkung an der freien Oberfläche eines flüssigen Körpers sein sollte.
Sehr dünn kann die diosmotisch bestimmende Schicht thatsächlich
sein, wie die unter Umständen geringe Dicke der peripherischen Um-
kleidung sti'ömenden Protoplasmas und die entsprechende Umkleidung
sich nicht aufßillig bewegenden Protoplasmas zeigen. Theoretisch ge-
nommen könnte ja die diosmotisch massgebende Schicht aus nur einer
Lage kleinster Theilchen bestehen und die directe Beobachtung zeigt
wenigstens so viel, dass gelöste Farbstoffe schon in die äussersten Par-
tien der Protoplasmaumhüllung nicht eindringen. Unter solchen Um-
ständen kann man auf Grund xon xVufnahme oder Nichtaufnahme ge-
löster Stofteaus der äusseren Umgebung nicht sagen, ob dem hyalinen
Saum, der Hantschicht, in allen concentrischen Schichten gleiche dios-
motische Eigenschaften zukommen. Es muss dieses wenigstens zunächst
da unwahrscheinlich erscheinen, wo, wie z. B. bei Myxomyceten, die
Hautschicht grössere Mächtigkeit erlangt und die mikroskopische Wahr-
nehmung für eine von aussen nach innen abnehmende Diclite spricht,
da (ceteris paribus) mit abnehmender Dichte eine Verminderung des
diosmotischen Ausschliessungsvermögens zu erwarten ist. Den exacten
Beweis hierfür kann ich freilich nicht liefern, doch spreclicn dafür auch
gewisse diosmotische Beobachtungen an Myxomyceten , welche ich
indess nicht mitzutheilen wage, da sie nicht mit genügender Exactheit
123
verfolgt wurden. Es kam eben für meine physiologischen Zwecke gar
nicht darauf an , welche Mächtigkeit die die Stoifaufnahme regelnde
Schicht besitzt.
Nennt man aber die ganze hyaline Umkleidung- des Protoplasma-
körpers Hautschicht, Hautplasma oder wohl am besten Hyaloplasma, so
ist da, wo dieses eine dickere Schicht bildet, wahrscheinlichst nur eine
äussere Zone massgebend für die diosmotischen Vorgänge, welche wir
am Protoplasma beobachten. Um dieses auszudrücken, habe ich mich
entschlossen diese diosmotisch bestimmende Schicht als »Plasmahaut'»
oder «Plasmamembran« zu bezeichnen, und es ist natürlich möglich,
dass eventuell das ganze Hyaloplasma, »Plasmamembran« ist, beide
Begriffe also zusammenfallen. Das körnige Protoplasma werde ich mit
Strasburger \) Kömerplasma nennen und eben um die sichtbare Diffe-
renzining sogleich mit dem Worte auszudrücken, scheint es mir besser
die hyaline Umkleidung als »Hyaloplasma« zu bezeichnen. Uebrigens
ist die Plasmamembran ein Theil des Protoplasmakörpers und die mem-
branartige Umkleiduug eines nicht zum Protoplasma gehörigen Körpers,
wie z. B. der im Zellsaft befindlichen Gerbsäuretropfen , wird nicht als
Plasmamembran zu bezeichnen sein, wenn diese Umkleidung auch in
physikalischer und chemischer Hinsicht mit einer Plasmamembran iden-
tisch sein sollte.
Die obige Unterscheidung einer Plasmamembran ist nur mit. Rück-
sicht auf diosmotisches Verhalten vorgenommen und in morphologischer
Hinsicht vielleicht überhaupt nicht geboten. Ich befand mich eben, da
ich eine präcise Bezeichnung für die diosmotisch massgebende Schicht
haben musste . in der unangenehmen Lage , den Begriff von Hyalo-
plasma, Hautschicht oder Primordialschlauch in einem engeren Sinne
zu nehmen 2) , oder die fragliche Schicht mit einem besonderen Namen
1) Zellbilduug und Zelltheihmg 1876, II. Aufl., p. 286. — Unter Protoplasma
verstehe ich dann, wie es jetzt meist üblich ist, den ganzen Protoplasmakörper.
Mit Zellsaft bezeichne ich, wie es schon von Mehl geschah, die Flüssigkeit, welche
sich in den vom Protoplasmakörper umschlossenen Räumen findet. Vgl. Sac h s ,
Lehrbuch, IV. Aufl., p: 2.
2) Das war meine frühere Absicht und dem entsprechend bezeichnete ich in
einer vorläufigen Mittheilung (Sitzungsb. 4.. niederrhein. Gesellschaft 5./7. 1875)
unsere jetzige Plasmamembran als Primordialschlauch. Mohl bemerkt (Botan.
Zeitung 1855, p. 7l)l), der Primordialschlauch (d. h. das Hyaloplasma) sei vielleicht
noch von einer besonderen membranartigen Schicht bekleidet, wie sie unser Autor
als Umgrenzung der Chlorophyllkörner vermuthet. Die für solche Schicht vor-
geschlagene Bezeichnung »pellicula« zur Benennung der Piasmamembran zu adop-
tiren, schien nicht geeignet Mohl verwahrt sich übrigens an der citirten Stelle
gegen eine solche Einschränkung des Begriffes »Primordialschlanch«, wie ich sie
früher beabsichtigte.
124
zu belegen, welches letztere mir schliesslich vortheilhafter erschien.
Ich sehe Übrigens selbst die Bezeichnung »Plasmamembran« als einen
Nothbehelf an und würde dieselbe mit Freude fallen lassen , sobald
die Kenntniss von Structur und Qualität des Hyaloplasma solches erlau-
ben sollte. Eine bestimmte Abgrenzung der Plasmamembran gegen
innere Schichten des Hyaloplasmas ist ohnedies nicht wahrscheinlich.
Die Bedingungen für Entstehung der Plasmamembran sind, gleichviel
welche Ursachen massgebend sind, unter Umständen überall gege-
ben, wo Protoplasmamassen freie Oberfläche darbieten. Andererseits
vertheilen sich aber die Theilchen der Plasmamembran in dem Proto-
plasma, wenn jene allseitig von Protoplasma umgeben wird und so sind
zwei entgegengesetzte Vorgänge thätig, von welchen der eine auf Bil-
dung, der andere auf Zerstörung der Plasmamembran hinarbeitet. Als
Resultante dieser antagonistischen Vorgänge kann die Plasmamembran
nach innen unbestimmt begrenzt sein, ja muss dieses im allgemeinen
sein, wenn der Vertheilung im Protoplasma ein Aufquellen vorausgeht').
Eine nach dem Innern zu abnehmende Dichte wäre dann selbstverständ-
lich und die ganze Schicht von Hyaloplasma könnte auf diesem Wege
zu Stande kommen. Damit will ich nicht gesagt haben, was ich aus-
drücklich bemerke, dass alles Hyaloplasma so entstehen muss, habe
vielmehr gute Gründe zu glauben, dass die zuweilen relativ mächtigen
Schichten hyalinen Protoplasmas bei Myxomyceten einer anderen Ur-
sache ihre Entstehung verdanken.
So lange Bildungsmaterial zugegen ist und die Bedingungen für
Bildung (Wachsthum) gegeben sind, kann der Erfolg dehnender Kräfte
über die Cohäsion der isolirten Plasmamembran ebensowenig Aufschluss
geben, wie über die Festigkeit von Niederschlagsmembranen, welche,
in Folge einer Dehnung in die Fläche wachsen. Richtig ist allerdings,
dass sich die hautai-tige Schicht um Protoplasma unter normalen Ver-
hältnissen gegen Druck und Zug etwa wie ein zähflüssiger Körper ver-
hält, aber dieses muss nicht der Cohäsionszustand der isolirt gedachten
Plasmamembran sein, weil Fläch envergrössening^ durch Wachsthum
und Flächenverminderung umgekehrt durch Auflösung so sei hier der
Kürze halber gesagt) möglich ist. In der That werde ich zeigen, wie, nach
Veniichtung der Wachstliumsfähigkeit, das dann allerdings coagulirte
Protoplasma mit einer resistenten Membran umkleidet erhalten werden
kann, welche diosmotische Piigenschaften wie zuvor das lebende Proto-
1 Die unbestimmte Abgrenzun}^ des Hyaloplasma gegen das Körnerplasraa
war schon Mohl (Bot. Ztg. 1844, p. 294j und Nägeli (Zeitschrift für wiss. Bo-
tanik 1844, I., p. 95] bekannt.
125
plasma besitzt und durch die allein das Eindringen gelöster Körper in
das todte Protoplasma verhindert wird. In wie weit (rrtinde dafür
sprechen, dass die lebensfähiges Protoplasma umkleidende peripherische
Schicht, im isolirten Zustand gedacht, als resistente Membran anzu-
sprechen ist, wird später erwogen werden. Hier sei aber noch darauf
hingewiesen, wie innere Partien des Hyaloplasmas zwar in Dichte und
diosmotischen Eigenschaften von der äussersten Schicht abweichen,
aber dennoch den Cohäsionszustand einer zweifellosen Membran haben
könnten, um zu zeigen, ein wie mangelhafter Nothbehelf unsere vor-
läulSge Unterscheidung der Plasmamembran ist. Es war ja meine Ab-
sicht ganz und gar nicht, speciell die Gliederung des Protoplasraa-
körpers und seiner Theile zu studiren, sondeni diese Gliederung nur
so weit zu verfolgen, als es zum Verständniss der osmotischen Vorgänge
absolut nothwendig erschien. So übergehe ich denn auch gewisse un-
vollständige Beobachtungen, welche bei genauerem Verfolg vielleicht
einigen Aufschluss über die Constitution verschiedener Zonen im Hyalo-
plasma geben könnten *) .
Bei Discussion über die Eigenschaften der peripherischen Umklei-
dung des Protoplasmas sind diosmotisches Verhalten und Wachsthums-
fähigkeit dieser Umkleidung bisher nicht gewürdigt worden. Die
Cohäsion der nicht wachsthumsfähigen (isolirt gedachten) Plasmamem-
bran kommt zwar unter normalen Verhältnissen nicht in Betracht, weil
unter diesen die Bedingungen für Wachsthum gegeben sind, doch muss
man natürlich den Cohäsionszustand der wachsthumsfähigen und nicht-
wachsthumsfähigen peripherischen Schichten wohl auseinander halten.
Unter normalen Verhältnissen verhält sich das Hyaloplasma (also auch
die Plasmamembran), wieNägeli'^) mit Recht hervorhebt, wie zäh-
flüssiger Schleim und diejenigen, welche den peripherischen Schichten
unter diesen Umständen eine weit grössere Festigkeit und Widerstands-
fähigkeit zuschreiben, dieselben also als eine resistente Membran an-
sehen, treten mit den thatsächlichen Beobachtungen in Widerspruch.
Auf -den wachsthumsfähigen Zustand beziehen sich aber alle bisherigen
Discussionen, doch wurde eben die Bedeutung der Wachsthumsfähig-
keit für Widerstandsfähigkeit der peripherischen Schichten des Proto-
plasmas übersehen.
1) AuB Literaturangäben sei erwähnt, dass de Bary (Mycetozoen, II. Aufl.,
p. 51) Randschicht und Hülle unterscheidet. Ich lasse übrigens dahin gestellt,
ob diese Hülle nicht vielleicht etwas anderes, als die eigentlich diosmotisch
massgebende Schicht ist.
2) Pflanzenphysiol. Untersuchungen lS5f), I., p. 19. — Niigeli und Schwen-
de ner, Mikroskop. 1867, p. 403.
126
Nach obigem glaube ich nun nicht speciell die Auffassung ver-
schiedener Autoren beleuchten zu sollen, welche sich hinsichtlich des
Aggregatzustandes des Hyaloplasmas der von MohP) oder der von
Pringsheim^j verti'etenen Anschauung anschliessen oder eine mittlere
Stellung zwischen diesen beiden Anschauungen einnehmen. H. v. Moh 1
war eher geneigt das Hyaloplasma, den Primordialschlauch, als Mem-
bran anzusprechen, während Tri ngsheim das von ihm Hautschicht
genannte Hyaloplasma als eine schleimige Masse ansah. Manche
Autoren 3) bezeichneten das Hyaloplasma auch einfach als die äussere
dichtere Schicht des Protoplasmas, und Hessen damit natürlich über den
Aggregatzustand überhaupt in Zweifel. Uebrigens war d^ Sti-eit, ob
das Hyaloplasma Membran sei oder nicht, wie schonNägeli^) hervor-
hob, zum guten Theile gegenstandlos, da eine Definition von »Mem-
branu nicht gegeben wurde und dieser Begriff eben verschieden gefasst
wer4en kann.
M 0 h 1 und P r in g s h e i m hatten nur die äussere Begrenzungsfläche
des Protoplasmakörpers im Auge, während schon Hartig^i das Proto-
plasma (den Ptycliodesaft) als einen nach aussen und innen von Mem-
bran (der Ptychode) begrenzten Körper ansah, freilich aber unrichtige
Vorstellungen über die weitere Bedeutung der Ptychode hatte. Ganz
allgemein sprach dann Nägeli^) aus, dass überall wo an Proteinstoflfen
reiche Zellinhalte, also auch wo Protoplasma mit anderen wässerigen
Medien in Contact. kommen , sich eine membranartige Schicht durch
einen, der Gerinnimg von Eiweissstoffen zu vergleichenden Vorgang an
der ganzen Berührungsfläche bilde. Als specieller Fall ist hiernach
das Protoplasma auch gegen den Zellsaft von einer membranartigeu
Schicht abgegrenzt, was fernerhin auch theilweise angenommen zu sein
scheint") und in jüngerer Zeit von Haustein^) energisch vertreten
1) Bot. Zeitung 1844, p. 273; 1846, p. 73; 1855, p. 689. — Mohl hat wenigr-
stens späterhin das Hyaloplasma als Primordialschlauch bezeichnet, in seinem
ersten Aufsatz aber auch das eine dünne Sclücht bildende gesamnite Wandproto-
plasma mit diesem Namen belegt.
2) Bau und Bildung der Pflanzenzelle 1854, p. 5.
3) Z. B. M. Schnitze, Kühne, Hofmeister.
4) Pflauzeuphysiol. Uutereuchungen 1855, I., p. 19.
5; Die erste ausführliche Darstellung in Hartigs »Beitrügen «ur Entwick-
lungsgeschichte der Pflanzenzelle 184.S'. steht mir nicht zu Gebote. Ausführliche
Darstellung gab Hartig auch in »Leben der Pflanzenzelle 1844 p. S ft'..< und »Ent-
wicklung des Pflanzenkeims 1858, p. 1 u. 23«.
6) Prtanzenphysiol. Untersuchungen, I. c, p. It u. 10. — Mikroskop, p. 552.
7) Vgl. z. B. Hofmeister, Pflanzenzelle 1867, § 4 u. 8.
8) Sitzungsb. der uiederrheiu. (Jesellschaft 19. Dec. 1870.
127
wurde. Die allseitige Abgrenzung des an wässrige Flüssigkeit stossen-
den Protoplasmakörpers durch die diosmotisch massgebende Plasma-
membran wird übrigens durch das diosmotische Verhalten, speeiell
durch das Verhalten gegen gelöste Farbstoffe sogleich angezeigt i).
Dass sich um Protoplasmamassen in Wasser allgemein eine mem-
branartige Schicht bildet, wurde, wie soeben bemerkt ist, von Nägeli
constatirt, welcher auch feststellte, dass lebensthätige Protoplasma-
körper und beliebige kleine aus Protoplasma gebildete Vacuolen in
gleicher Weise Farbstoffe nicht diosmiren lassen. In beiden Fällen
bleibt da^Protoplasma ungefärbt und ein Austausch von Farbstoffen ist
überhaupt nicht zu bemerken, sowohl wenn diese in der äusseren Flüs-
sigkeit, als auch wenn sie in der vom Protoplasma umschlossenen Flüs-
sigkeit gelöst sind.
Will man mit Vacuolen operiren, so bildet man diese am besten,
indem man Protoplasmamassen in geeigneten Lösungen von Zucker
oder anderen indifferenten Stoffen zerdrückt, um die weitgehende Aus-
dehnung und endliche Zersprengung der Vacuole zu vermeiden, welche
durch osmotische Wirkung der Inhaltsstoffe in reinem Wasser leicht her-
beigeführt wird. Wenn man Protoplasma in gefärbter Flüssigkeit zer-
drückt, so erhält man auch hier und da Vacuolen mit gefärbtem Inhalt.
Ich habe vielfach Vacuolen auf ihr diosmotisches Verhalten geprüft,
namentlich solche , welche aus Protoplasma der Vaucheria geminata
Walz 2) , der Wurzelhaare von Hydrocharis morsus ranae , der rothen
Rübe und des Plasmodium von Aethalium septicum in 2 bis lOprocen-
tiger Zuckerlösung entstanden waren. Zuweilen erhielten sich Vacuolen
während 8 Tagen in intensiv gefärbter und auf gleicher Concentration
gehaltener Flüssigkeit, ohne dass eine merkliche Spur von Farbstoff in
das Protoplasma eingedrungen wäre, wie namentlich dann entscheidend
beurtheilt werden konnte, wenu die gefärbte Flüssigkeit schnell durch
1) Strasburger 's »Studien über Protoplasma 1876«, welche erst nach Ab-
schluss dieses Manuscriptes erschienen, geben mir keine Veranlassung meine An-
schauungen in irgend einem Punkte zu ändern. Die diosmotischen Verhältnisse
hat Strasburger gar nicht berücksichtigt und was S tr a s b u r g e r gegenExistenz
einer Membran geltend macht, bedarf nach den von mir hier gegebenen und noch
zu gebenden Auseinandersetzungen einer besonderen Widerlegung nicht. Einige
wenige Anmerkungen Über Anschauungen Strasburg er 's werde ich au geeig-
netem Orte anbringen.
2) Wo ich in Folgendem 3infach von Vaucheria spreche, meine ich diese
Species.
128
eine übrigens gleich concentrirte Zuckerlösung verdrängt wurde. End-
lich gehen die Vacuolen zu Grunde und mit dem immer plötzlichen
Zusammenfallen dringt auch Farbstoff sogleich ein, resp. heraus und
wird zugleich in bekannter Weise in dem Protoplasma aufgespeichert.
In besagter Weise habe ich mit in Wasser löslichem Anilinblau,
Carmin, Haematoxylin (mit Spur von Ammoniak aufgelöst) und gefärb-
teu Fruchtsäften experimentirt und das Eindringen einer Spur von
Farbstoff ebenso wenig an Vacuolen, wie an lebensthätigem Proto-
plasma bemerken können. Das diosmotische Verhalten beider zeigte
sich auch in anderer Hinsicht, wie erst späterhin mitgetheilt werden
soll, übereinstimmend. Diese Uebereinstimmung gilt auch für Vacuolen,
welche von möglichst dünner Schicht von Protoplasma umgeben wurden,
und in gleicher Weise für die Vacuolen, welche aus Hyaloplasma oder
Körnerplasma entstanden waren.
Au isolirten Massen von Kömerplasma bildet sich schliesslich die
hyaline Umgrenzung in üblicher Weise aus, ob aber solche allein aus
Körnerplasma gebildete Massen auch lebensfähig sein können, habe ich
nicht in genügender Weise festzustellen versucht. Für Myxomyceten
scheint dieses wohl wahrscheinlich, ohne weiteres behaupten kann man
es aber nicht. Das Heilen von Wundflächen, wie es für Vaucheria und
andere Objecte bekannt ist'), kommt theilweise durch Zusamraenneigen
der Wundstellen zu Stande und wenn auch Hyaloplasma partiell aus
Kömerplasma gebildet sein sollte, so waren doch immer noch Kömer-
plasma und vor der Verwundung vorhandenes Hyaloplasma in dem fort-
lebenden Objecte vereint geblieben.
Für meine physiologischen Zwecke war es ausreichend zu wissen,
dass die Plasmamembran an der freien Obei^fläche von Protoplasma-
massen, welche sich in wässriger Flüssigkeit befinden, immer entsteht
und aus diesem Grunde habe ich die hinsichtlich der Bildung sich auf-
1) Siehe Nägeli in Zeitschrift f. wissenschaftl. Botanik von Schieiden n.
Nägeii 1844, Heft I, p. 91 und Pflanzenphysiol. Unters. 1855, Heft I, p. 9. — Fer-
ner Hofmeister, Pflanzenzelle 18fi7, p. 76; Hanstein, Sitzungsb. der uieder-
rhein. Gesellschaft 4. Nov. 1872. — Auch Strasburger, Studien über Proto-
plasma 187ß, p. 26. Die Thatsache, welche hier Strasburger hinsichtlich des
Körnei-plasraas und Hyaloplasmas von Vaucheria mittheilt, war mir selbst bekannt
und ich könnte sogar noch einige weitere bezügliche Facta bringen. Die Schluss-
tolgerung aber, welche Strusburger zieht, aus Kömerplasma allein könne ein
Celluk>8e bildender Körper nicht entstellen, zog ich nicht, weil mir diese zu vor-
eilig schien und auch jetzt noch scheint.
129
drängencleu Fragen niclit uacU allen Seiten verfolgt. Eben weil die
Plasmamembran auch Hyaloplasma; sich erst au der freien Überfläche
bildet, muss mit dieser auch die Ursache zur Bildung hergestellt sein.
Es wäre nun zunächst zu entscheiden, ob es hierzu einer äusseren Ein-
wirkung bedarf, oder ob unabhängig hiervon, mit und in der freien
Oberfläche schien die Bedingungen für Entstehung der Plasmamembran
gegeben sind. Das Verhalten in Wasser und ebenso in anderen Medien
würde in dieser Richtung erst entschieden sein, wenn ohne die Einwir-
kung dieser Medien die Plasmamembran nicht entstände und für gewisse
Fälle fehlt auch noch der Nachweis, dass sie thatsächlich vorhanden
ist. iSo umkleiden sich Protoplasmamassen in fettem Oele und in Luft ^j
mit hyalinem Baume , aber ohne dass mindestens die diosmotischen
Eigenschaften ermittelt sind, wird man nicht i)usitiv behaupten können,
dass hier auch Plasmamembran entstanden ist. Die Wahrscheinlichkeit
spricht ja wohl dafür uiul wenn nicht, so ist »locli wenigstens Hyalo-
plasma an der freien Oberfläche gebildet ; die oben aufgeworfene Frage
wird aber so allein niclit entschieden, da immer noch äussere Einflüsse
im Spiele waren. Man vergesse hier nicht, wie z. B. auch ^'erdunstung
und damit zusammenhängende Vorgänge, sowie die Ansammlung von
einer dünnen Wasserschicht, etwa zwischen Gel und Protoplasma wir-
kende Factoren sein könnten. Dieser und anderer Umstände halber
ist aber die vorliegende Frage schwierig zu entscheiden . falls nicht
unter bestimmten Verhältnissen die Bildung der Plasmamembran (oder
des Hyaloplasmas; unterbleibt.
Jedenfalls kann die hyaline Umkleidung des Protoplasmas nicht,
wie es Hofmeister 2; will, der unmittelbar sichtbare Ausdruck der
PMgenschaft flüssiger Körper sein, sich mit einer Oberfläche veränderter
Dichte zu umgeben. Allerdings befinden sich ja die Theilchen an der
freien Oberfläche einer Flüssigkeit in einem andern Zustand der Dichte
und Beweglichkeit als die Theilchen im Inneren der Flüssigkeit, aber
die Voraussetzung, welche den Theorien von Laplace und Poisson
zu Grunde liegt, dass die massgebenden Molecularkräfte nur auf mini-
male Entfernung wirken, ist mit der obigen Auffassung unvereinbar,
da die hyaline Umkleidung immerhin messbare Dicke erreicht. Bei-
läufig sei hier bemerkt, dass nach der Theorie von Laplace und
Poisson Verdichtung an der Adhäsionsfläche, d. h. da wo die Molecular-
I ^ Die diosmotischen Eigenschaften von in Oel liegenden Protoplasmamassen
konnten vielleicht durch Anwendung geeigneter in Oel und in Wasser löslicher
Körper ermittelt werden. Für in Luft liegende Protoplasmaraassen wären Schluss-
folgerimgen vielleicht aus dem diosmotischen Verhalten gegen Gase abzuleiten,
2) Pflanzenzelle 1>>67, p. 3.
Pfeffer, Osmotische Untersuchungen. 9
130
>\'irkuiig zwischen flüssigem und festem Körj)er überwiegt, eintreten
muss ') . während im entgegengesetzten Falle, also an der freien Ober-
fläche von Flüssigkeiten, eine unmessbare dünne Schicht von geringerer
Dichte entstehen muss 2) . Letzteres ist zwar noch nicht experimentell
erwiesen, doch spricht auch nichts gegen diese Consequeuz der Theorie
und jedenfalls kann für das Protoplasma nicht eine dichtere Oberfläche
auf Grrund einer Eigenschaft flüssiger Körper angenommen werden,
nach welcher gerade eine minder dichte Oberfläche zu erwarten ist.
Dass übrigens das diosmotische Ausschliessungsvermögen der periphe-
rischen Schicht protoplasmatischer Massen nicht durch eine, nach Ana-
logie des sog. FlUssigkeitshäutchens veränderten Schicht erklärt werden
kann, ist so leicht einzusehen, dass ich eine besondere Beweisführung
hier für unnöthig halte ^) .
Eine ganz andere Frage ist es, ob die veränderte Molecularwirkung
an der Obei-flächengrenze protoplasmatischer Massen die Bildung von
Plasmamembran, resp. Hyaloplasma herbeiführen kann. Es fehlt ja
nicht an Beispielen, dass schon durch einen minimalen Anstoss z. B. die
Ausscheidung gewisser Stoffe veranlasst wird und man wird hier mit
seinem Urtheil vorsichtig sein müssen, so lange über Qualität des Bil-
dungsmateriales für Plasmamembran, resp. Hyaloplasma nichts be-
stimmtes bekannt ist, um so mehr, als ja das Verhalten eiweissaiüger
Stofle noch in so mancher Beziehung räthselhaft ist. Dazu kommt,
dass selbst an der Oberfläche ganz reiner und homogener Flüssigkeiten
unter Umständen Erscheinungen sich abwickeln, welche bislang noch
nicht genügend aufgeklärt sind*) .
Bei der derzeitigen Sachlage kann nur durch das Experiment ent-
schieden werden, ob schon veränderte Molecularwirkung an der Ober-
fläche die Entstehung von Plasmamembran, resp. Hyaloplasma herbei-
führt oder ob dazu äussere Einflüsse irgend welcher Art nothwendig
sind. Letzteres scheint wohl wahrscheinlicher, und eine Reihe von
1) Vgl. diese Abhandlung p. 38.
2) Poisson, Poggendorff s Aunalen 1833, Bd. 27, p. 193. — Fernerz. B.
Mousson, ebenda 1871, Bd. 142, p. 405 und dessen Physik, II. Aufl., Bd. I,
p. 258.
3) Durch ein solches »physikalisches Oberflächenhäutchen« dürften, so meint
Strasburger (Studien über Protoplasma p. 38), auch Vacuolen gewöhnlich allein
abgegrenzt sein. Des diosmotischen Verhaltens halber geht dieses aber nicht an.
4) Siehe z. B. B. du Bois-Reymond , Poggendorff s Anualen 1870, Bd.
139, p. 262 und Bd. 104. — Quincke, Poggendorff s Annalen 1870, Bd. 139,
p. 1 flf. — Andere Anschauungen macht C inte soll geltend, die im Naturforscher
1876. p. 299, referirt wurden.
131
Wahrscbeinlichkeitsgrtinden liessen sich allerdings anführen, doch
unterlasse ich eine Discussion. welche zu definitiver Entscheidung doch
nicht fuhren würde. Wenn ich nun trotzdem die Entstehung der Plasma-
membran in Wasser unter der Voraussetzung behandle, dass äussere
Einwirkungen nothwendig sind, so geschieht dieses mit dem Bewusst-
sein., dass meine Schlussfolgerungen zusammenfallen, wenn die ge-
machte Voraussetzung nicht zutrifft. Ich glaube aber die mir vorliegen-
den Beobachtungen nicht zurückhalten zu sollen, weil sie selbst dann
einiges brauchbare Material liefern dürften, wenn allein schon die ver-
änderte Molecularwirkuug in der Oberfläche des Protoplasmas mass-
gebend ist. Uebrigens ist Folgendes immer nur als Fragment aufzu-
nehmen, weil die Entstehung der peripherischen Umkleidung des Proto-
plasmas unter anderen Bedingungen als in wässriger Flüssigkeit nicht
hehandelt wird >) .
Zur Bildung der Plasmamembran (und des Hyaloplasmas) müssen
entweder schon unlösliche Körpertheilchen zusammengeführt oder ge-
löste Körper aus ihrer Lösung ausgeschieden werden. Letzteres scheint
nothwendig. um die Einschiebung neuer Theilchen beim Wachsthum
durch Intussusception zu ennöglichen, welches in ausgedehntester
Weise möglich ist. indem z. B. die hyaline Schicht, welche das eine
Vacuole umgebende Protoplasma überzog, um mehr als das 40fache an
Fläche gewann, ohne dass ihre Dicke merklich abgenommen hatte. Auch
wird weiterhin gezeigt werden, dass mit gewissen Ausscheidungen inner-
halb des Protoplasmas die Wachsthum sfähigkeit in der Plasmamembran
erlischt. Müssen wir hiemach die Existenz einer Lösung des Membranbild-
nere im Protoplasma fordern, so ist damit natürlich nicht ausgeschlossen,
dass zur Bildung der Plasmamembran auch schon ungelöste Theilchen
zusammengeführt werden, welche durch Ausscheidung zuvor gelöster
Theilchen gleichsam verkittet werden könnten. Falls aus minder dich-
ten Schichten von Hyaloplasma durch einfache Verdichtung Plasma-
membran entstehen sollte, so ist auch dieser Fall schon unter obigen
Oesichtspunkten mit inbegriffen. Es scheint mir in der That wahr-
scheinlich, dass etwas derartiges stattfindet, was ja für schnelles
Flächenwachsthum der Plasmamembran auch nur vortheilhaft sein
könnte. Thatsächlich habe ich einigemal beobachtet, wie bei sehr
schneller Flächenvergrösserung die hyaline Schicht an Dicke merklich
abnahm, nach einiger Zeit aber die frühere Mächtigkeit wieder gewann.
1) Es ist z. B. auch eine noch offene Frage, ob Kiystalle und andere Körper
schon innerhalb der Zelle mit membranartiger Plasmaraasse umkleidet sind oder
diese Schicht erst mit Tödtung der Zelle entsteht.
9*
132
Sobald irgend eine menibranartige Schicht durch Fällung, d. h.
durch Ausscheidung eines Körpers aus einer Lösung zu Stande kommt,
kann man diese als Niederschlagsmembrau, entsprechend dem Sinne
dieses Wortes, ansehen, dagegen würde keine Niederschlagsmembran
vorliegen, wenn nur ungelöste Theilchen zusammentreten. Sind dieser
Vorgang und Ausscheidung zugleich thätig, so wird man von Nieder-
schlagsmembran immer noch reden dürfen, insofern die Fällung ein
integrirender Factor ist ; eine besondere Bezeichnung in solchem Falle
einzuführen, scheint mir vorläufig nicht geboten. Wie die Fällung zu
Stande kommt und welcher Qualität das Material ist, das ist für den
Begriff »Niederschlagsmembran« vollkommen gleichgültig und deshalb
gelten die oben bezüglich der Plasmamembran angestellten Erwägungen
auch z. B. für den Fall, dass diese in Folge der veränderten Molecular-
wirkung in der obei*flächlichen Schicht entstehen sollte ') .
Unter der oben gemachten Voraussetzung muss also durch die Ein-
wirkung des Wassers auf das Protoplasma die Plasmamembran (resp.
das Hyaloplasma) entstehen, da thatsächlich schon reines Wasser zur
Erzeugung der Plasmamembran ausreicht. Lassen wir nun den Fall
ausser Acht, dass vielleicht die Zusammenlagerung ungelöster Theilchen
bei der Bildung der Membran mitwirkt und richten unser Augenmerk
speciell auf die Ausfällung des gelösten Membranbildners, so bieten sich
hier zunächst zwei Möglichkeiten dar; entweder wird diese Fällung eine
Folge der Verdünnung mit Wasser oder der Entziehung eines Lösungs-
mediums sein. Dass letzteres für sich allein Membranbildung bewirken
kann, ergibt sich bei Anwendung wasserentziehender, übrigens indiffe-
renter Lösungen. Zerdrückt man nämlich Protoplasmamassen in Zucker-
lösung, welche genügend wasserentziehend wirkt lich wandte Lösung
von 10 bis 30 Proc. Gehalt an;, so ist Verdünnung mit Wasser an der
Contactfläche ausgeschlossen, dessenungeachtet bildet sich aber eine
hyaline Umkleidung und das Verhalten gegen Farbstoffe zeigt die
Existenz der Plasmamembran an, welche auch in normalerweise, d. h
ohne Unterbrechung der Continuität, in die Fläche wächst, wenn man
die concentrirtere durch verdUnntere Zuckerlösung ersetzt. Darnach
1) So entsteht auch die Zellhaut als Niederschlagsmembran, weil die couati-
tuirenden Theilchen nur in gelöster Form durch die peripherischen Schichten des
Protoplasma dringen können. Wie Strasburger den Begriif »Niederschlags-
membran« fassen wiH, wenn die Zellhaut keine solche sein soll (wie p. 37 in Stu-
dien über Protophisma ausdrücklich bemerkt wird , weiss ich nicht. Unter allen
Umständen unrichtig ist aber S trasburger's Meinung (p. 37;, aus dem Vorhan-
densein gewisser Structurverhältnisse in der Hautschicht einiger Objecte gehe her-
vor, dass diese keine Niedersehlagsmembran sein könne.
133
kaun man wohl sagen, dass alleinige Entziehung des Lösungsmediums
zur Ausfällung und Membranbildung ausreicht, aber es ist damit nicht
ausgeschlossen, dass in gleicher Weise schon einfache Verdünnung der
Lösung des Membranbildners eine Ausscheidung dieses und Bildung von
Plasmamembran herbeiführen kann.
Wie eine Niederschlagsmembran durch einfache Berührung mit
Wasser entstehen kann, wurde bereits von Traube^) gezeigt. Con-
centrirtere , nicht aber verdünnte Lösung von Gerbsäure löst gerbsauren
Leim auf und wenn ein Tropfen einer solchen Lösung in Wasser ge-
bracht wird, scheidet sich deshalb an der Berührungsfläche gerbsaurer -
Leim und zwar als Membran aus. Hier bringt Verdünnung mit Wasser
thatsächlich Ausfällung hervor, ob auch in diesem speciellen Falle die
Entziehung des Lösungsmediums, der Gerbsäure, allein schon zur Mem-
branbildung führen kann, müsste das Experiment entscheiden. Eine
Membranbildung auf diesem Wege würde übrigens unschwer zu erzielen
sein, wenn man auf Herstellung geeigneter Lösungen ausginge.
Um sicher zu sein, dass reines Wasser die Ausfällung des gelösten
Membranbildners herbeiftihre, l)edurfte es besonderer Versuche. Zu-
nächst ist leicht festzustellen, dass die Plasmamembran in normaler
Weise weiter wächst, wenn das Wasser ausser Zucker oder Dextrin
keine festen Körper enthält, indem man Vacuolen sorgfältig mit reinen
Lösungen der genannten Stoffe abwäscht und dann durch Verdünnung
dieser Lösungen die Volamzunahme tfer Vacuole herbeiführt. Diese
Vergrösser ung, durch osmotische Wirkung- der gelösten Inhaltsstoffe
hervorgebracht, ist an sich schon ein Beweis für die Existenz der
Plasmamembran, welche auch dadurch sich kenntlich macht, dass sie
indifferenteii Farbstoffen den Eintritt verwehrt. Ein ganz gleiches
Verhalten wurde auch beobachtet, wenn die Zuckerlösung Sauerstoff
und Kohlensäure 2j nicht enthielt. Zur Ausführung dieser Versuche
brachte ich einzelne, in einem Tröpfchen reiner Zuckerlösung liegende
Vacuolen in den ein wenig erweiterten Raum eines Glasröhrchens, durch
welches nun einige Stunden lang ein Strom von reinem, namentlich von
Sauerstoff und Kohlensäure freiem Wasserstoffgas geleitet wurde. In
1) Archiv f. Anatomie und Physiologie 1867, p. 129. — Auf die möglicherweise
analoge Entstehung der Plasmamembran (des Primordialschlauches) habe ich be-
reits bei früherer Gelegenheit hingewiesen in »Physiolof. Untersuchungen 1873,
p. 134, Anmerkung«.
2) In gewissen Lösungen von Proteinstoffen erzeugt Kohlensäure einen Nieder-
schlag. Siehe z. B. Heynsius, Pflüger's Archiv 1874, Bd. IX, p. 544. — An
eine Wirkung des Sauerstoffes könnte man aus nahe liegenden Gründen denken.
134
einem zweiten etwas erweiterten Räume befand sich ein klein wenig
Wasser , welches durch Neigung der Glasröhre zur Zuckerlösang ge-
bracht werden konnte. Die mikroskopische Beobachtung ergab das
schon namhaft gemachte Resultat.
Wahrscheinlich ist der Membranbildner, wie noch gezeigt werden
soll, ein Proteinstoff, welcher Art das lösende Vehikel ist, kann ich
aber nicht sagen. Nur das kann man auf Grund noch mitzutheilender
Thatsachen behaupten , dass weder Membranbildner , noch lösendes
Vehikel in erheblicher Menge durch die Plasmamembran diosmiren.
Obige Darlegungen zeigen, wie die Entstehung der Plasmamembran
durch Berührung mit reinem Wasser sehr wohl möglich ist ; ob unsere
bezüglichen Schlussfolgerungen richtig sind, kann aber, wie ich dar-
that, erst nach Erledigung bestimmter anderer Fragen beurtheilt werden.
Ganz allgemein wird man wohl sagen dürfen, dass die Plasmamembran
entsteht, resp. wächst, wenn die Lösung des Membranbildners an der
Oberfläche einer Protoplasmamasse zersetzt wird.
Die Art und Weise der Entstehung der Plasmamembran ist von
keiner wesentlichen Bedeutung für folgende Untersuchungen und Fol-
gerungen, durch Avelche gezeigt werden soll, in wie weit Gründe dafür
vorliegen, dass die diosmotisch massgebende Schicht den Aggregat-
zustand einer Membran besitzt.
Schnitte aus rother Rübe unter Deckglas in 20procentige Zucker-
lösung gebracht, deren Concentration fortwährend constant erhalten
wurde, zeigten nach 4 bis 5 Tagen noch ziemlich viele Zellen, in wel-
chen das contrahirte Protoplasma, den anscheinend ebenso intensiv, wie
zu Beginn des Versuches gefärbten Zellsaft umschloss. Bei ganz all-
mäliger Verdünnung- der Zuckerlösung ergab sich aber jetzt eine par-
tielle oder totale Vernichtung der Fähigkeit des ProtoplaBmas sich wieder
auszudehnen und der Zellwand anzulegen. In manchen Zellen trat
bei Verdünnung der Zuckerlösung der Farbstoff schnell aus der Proto-
plasmahülle in die umgebende Flüssigkeit über, noch ehe der contrahirte
Körper merklich an Volumen zugenommen hatte, in anderen Zellen ge-
schah jener Austritt nach zuvoriger geringerer oder erheblicherer Ver-
grösserung des Protoplasmakörpers. Dieses Verhalten, welches in ganz
analoger Weise auch an anderen Objecten beobachtet- wurde, ist da-
durch bedingt, dassdasWachsthumsmaterial für die Plasmamembran fehlt
oder nur in geringer Menge vorhanden ist und demgemäss diese, die
diosmoti.schen Eigenschaften bedingende Plasmamembran durch den
135
steigenden osmotischen Druck des Inhaltes sogleich oder nach gewissem
Flächenwachsthum zersprengt wird.
Ganz analoge Erscheinungen wurden beobachtet am Inhalt der
Blumenblattzellen vonPulmouaria officinalis, welcher mit 1 4procentiger
Zuckerlösung contrahirt war und ferner an Vacuolen, welche sich aus
Protoplasma von Vaucheria oder Aethalium in 3 oder 6procentiger Zucker-
lösung gebildet hatten, die mit in Wasser löslichem Anilinblau gefärbt
war. Der Eintritt dieses FarbötoiFes in das ungefärbte Protoplasma und
in die zuvor ungefärbte Vacuolenflüssigkeit zeigte hier die Zersprengung
der Plasmamembran an.
Schneller ist die Ausdehnungsfähigkeit der Plasmamembran und
damit des ganzen umschlossenen Protoplasma durch Salzsäure zu ver-
nichten, welche ich in solcher Verdünnung anwandte, dass auf 15 bis
35Cub.-Ctm. des zu benutzenden Mediums 1 Tropfen käufliche Salzsäure
kam. Bringt man so angesäuertes Wasser in Berührung mit Zellen der
rothen Rübe, der Blumenblätter von Pulmonaria oder anderer geeigneter
Objecte, so zeigt die oft fast augenblickliche Röthung des Zellsaftes das
sofortige Eindringen der Säure, welche, wie die mehr oder minder voll-
ständige Rückkehr des ursprünglichen Farbentones beim Auswaschen
mit Wasser ergibt, auf diosmotischem Wege aucli wieder aus der Zelle
entfernt werden kann.
Wurde der Zellinhalt an Schnitten aus rother Rübe zunächst mit
20procentiger Zuckerlösung conti'ahirt, dann diese unter Deckglas durch
gleich concentrirte, aber Salzsäure in angegebenem Verhältniss enthal-
tende Lösung verdrängt, so war gewöhnlich schon nach 2 bis 5 Stunden
die Ausdehnungsfähigkeit des Protoplasmas theilweise oder total ver-
nichtet •) . Bei Zutritt verdünnterer Zuckerlösung wurde der gefärbte
Zellsaft aus schon angegebenen Gründen schnell entfernt, während,
wenn die Concentration der umgebenden Zuckerlösung sorgfältig cou-
stant erhalten wird, Zellen Tage lang nichts von ihrem Farbstoff abzu-
geben scheinen. Namentlich dann, wenn die salzsäurehaltige Zucker-
lösung nach mehrstündiger Einwirkung durch eine gleich concentrirte
Zuckerlösung ersetzt wird, kann man wohl noch nach 5 oder 6 Tagen
Zellen mit Zellsaft von unveränderter Färbung finden. Endlich freilich
sind alle Zellen entfärbt, aber nicht etwa ganz allmälig, sondern immer
1) Die Vernichtung des Membranbildungsmaterials kann bei rothen Rüben
dadurch beschleunigt werden, dass einzelne Zellen in Schnitten absterben und
nun die in die Aussenflüssigkeit tretende Säure des Zellinhaltes wirkt. Uebrigens
zeigt das Verhalten einer isolirten Vacuole, dass auch ohne äusseren Zutritt von
Säure die Lösung des Membranbildners mit der Zeit zerstört wird.
136
ziemlich schnell geht die Entfärbung der Zellen vor sich, also sicher
erst dann, wenn die Plasmamembran zerriss oder eine ihre diosmotischen
Eigenschaften modificirende Veränderung erfuhr, und Zersetzung des
wahrscheinlich eiweissartigen Membranmateriales ist ja nach Vernich-
tung des Lebens endlich zu erwarten. Uebrigens führt Behandlung
mit salzsäurehaltigem Wasser zu gleichem Resultate, indem sich die
Zellen nach mehrstündiger Einwirkung nicht mehr durch Zuckerlösung
contrahiren lassen und der Farbstoff bei einem solchen Versuche aus
ihnen heiTortritt.
Analoge Resultate wurden durch Behandlung mit Salzsäure von
angegebener Verdünnung in Blumenblattzellen von Pulmonaria officina-
lis und Anchusa officinalis (in 1 4i)rocentiger Zuckerlösung) , sowie mit
Vacuolen aus Protoplasma von Vaucheria, Aethalium und Wurzelhaaren
von Hydrocharis (in 2 bis 6procentiger Zuckerlösung) erhalten, welche
letzteren, wie schon mitgetheilt ist, in mit Anilinblau oder auch mit
Cochenille gefärbter Zuckerlösung beobachtet wurden. Auch war der
Erfolg mit rother Rübe und mit Vacuolen aus Vaucheria-Protoplasma ein
ähnlicher, als an Stelle der Salzsäure Essigsäure oder Schwefelsäure in
ungefähr gleicher Verdünnung zur Anwendung kamen.
Bildet das Protoplasma genügend mächtige Schichten und ist es
ausserdem zur Beobachtung geeignet, wie an jüngeren Wurzelhaaren
von Hydrocharis- und an grösseren aus Vaucheria ausgetretenen Proto-
plasmamassen, so kann man die durch eingedrungene Salzsäure bewirk-
ten, sichtbaren Veränderungen im Protoplasma verfolgen, welche sich
an in Zuckerlösung liegenden und an nicht contrahirten Objecten in
gleicher Weise abspielen. Die Strömungen im Protoplasma von Hydro-
charis-Haaren werden bald nach Zugabe des salzsäurehaltigen Wassers
sistirt und oft sieht man schon ein wenig später das Protoplasma sich
allmälig trüben und in kürzerer Zeit, oder auch erst nach 1 Stunde, ist
das Protoi)lasma in eine ähnliche trübe und granulirte Masse verwandelt,
wie sie für getödtetes Protoplasma bekannt ist. Dessenungeachtet
dringen Farbstoffe wie Anilinblau, Cochenille und Hämatoxylin so
wenig wie zuvor in das lebende Protojilasma ein und es ist ja auch
schon berichtet, dass gefärbter Zellsaft in mit Salzsäure behandelten
Zellen zurückgehalten wird, äü denen gleichfalls der granulirte Zustand
des farblos bleibenden Protoplasmas constatirt werden kann. Natürlich
muss die umgebende Flüssigkeit durchaus auf gleicher Concentration
gehalten werden, denn mit Zen'eissen der Plasmamembran steht den
Farbstoffen Eintritt und Austritt offen und nun speichert auch das bis
137
dahin farblose Protoplasma die Farbstoffe in gleiclier Weise, wie todtes
Protoplasma in sich auf.
Die mitgetheilteu Thatsacheu können keinen Zweifel darüber
lassen, dass die allseitige peripherische, hautartig erscheinende Um-
hüllung des nach Aussehen und Verhalten todten Protoplasma, den
Farbstoffen den Eintritt verwehrt. Dieses konnte ich denn auch durch
directe Beobachtung in augenfälligster Weise verfolgen. Wird durch
Verdünnung der umgebenden Lösung der osmotische Druck in einem
Contrahirten Protoplasmakörper, dessen Ausdehnungsfähigkeit veraich-
tet ist, gesteigert, so reisst die Plasmamembran zuweilen an nur einer
Stelle ein. Dem entsprechend sieht man an einem Punkte den gefärb-
ten Zellsaft z. B. aus einer Zelle der rothen Rübe hervordringen und
sich in der umgebenden Zuckerlösung verbreiten. Weniger gut ist an
diesem Objecte der Eintritt von Farbstoff in das Protoplasma zu ver-
folgen, was mir indess einigemal sehr schön an jungen Wurzelhaaren
von Hydrocharis gelang, deren Protoplasmakörper mit Zuckerlösung
contrahirt und durch Salzsäure seiner Expansionsfähigkeit beraubt war.
Hier drang dann von der durch osmotischen Druck erzeugten Rissstelle
aus der Farbstoff iiicht nur in den Zellsaft . sondern verbreitete sich
auch von jener Rissstelle aus allmälig in dem zwischen den Plasma -
membranen eingeschlossenen todten Protoplasma. In einem Falle war
dieses fast schon ganz gefärbt, ehe Farbstoff in den Zellsaft trat, offen-
bar, weil zunächst nur in der äusseren Plasmamembran ein Riss ent-
standen war, welcher freilich hier, wie überhaupt in den meisten Fällen,
nicht direct sichtbar war, dessen Existenz aber nach dem schon Gesag-
ten keiner besonderen Beweisführung bedarf. Es ist in der Natur der
Sache begründet, dass solche Experimente, selbst bei Anwendung aller
Vorsicht, doch nur vereinzelt ein günstiges Resultat ergeben können.
Die mitgetheilteu Beobachtungen liefern zunächst den exacten Be-
weis, dass die peripherische, membranartig erscheinende Schicht,
welche das getödtete (coagulirte) Protoplasma umkleidet, diosmotische
Eigenschaften wie das lebende Protoplasma zeigt, während in dem
umschlossenen coagulirten Protoplasma die Farbstoffe sich leicht ver-
breiten. Dass diese peripherische Schicht eine zweifellose Membran
ist. d. h. die Cohäsion eines festen Körpers besitzt, zeigt eben ihr Zer-
reissen bei Steigerung des osmotischen Druckes. Da dieses Zerreissen
eintreten kann, ehe der Protoplasmakörper an Grösse merklich gewann,
so ist damit die jedenfalls nur sehr geringe Dehnbarkeit dieser Plasnui-
membran dargethan. denn wirkliche Flächenzunahme der Membran ist
offenbar eine Folge davon, dass die allmälige Vernichtung des Membran-
138
bi>dimg8material8 noch nicht vollendet und eben deshalb gewisses
Wachsthnm der Membran möglich war. Näheres über Dehnbarkeit und
Elasticität dieser Plasmamembran vermag ich aus meinen Beobach-
tungen" nicht zu folgern, doch genügt ja das Obige, um einen anderen,
als festen Aggregatsustand auszuschliessen.
Lebendes Protoplasma ist ohne Bildungsmaterial für Plasmamem-
bran undenkbar und da Entfernung oder Unschädlichmachen dieses
ohne Vernichtung des lebenden Zustandes bisher unmöglich war und
vielleicht überhaupt unmöglich ist, so konnte die Cohäsion der noch
mit lebensfähigem Protoplasma verbundenen peripherischen Schicht
nicht bestimmt und auf diesem Wege nicht entschieden werden, ob die
isolirt gedachte Plasmamembran eine zweifellose , feste Membran ist.
Zieht man nun die diosmotischen Eigenschaften des lebenden Proto-
plasmakörpers in Betracht, so kann zunächst darüber kein Zweifel sein,
dass schon die peripherische Schicht diejenigen Stoffe nicht passiren
lässt, welche unfähig sind in lebendes Protoplasma einzudringen. Bei
Farbstoffen ist dieses unmittelbar zu sehen, für andere Körper ist es als
eine Nothwendigkeit zu folgern. Denn wenn ein gelöster Köi*per in die
inneren strömenden Partien eines Protoplasmakörpers, gelangt, dann
muss er auch in diesem vertheilt werden, so gut oder vielmehr weit
eher als feste Körper, welche mechanisch durcheinander geworfen
werden; natürlich sind hier solche Fälle ausser Acht zu lassen, wo
durch Bindung an bestimmte Theile des Protoplasmas ein neues Ver-
theilungsmoment hinzutritt. Ausserdem ist ja in lebensthätigen Zellen
das Protoplasma, mag nun sein Aggregatzustand und seine Structur sein
welche auch immer, jedenfalls kein wirklich fester, vielmehr ein wasser-
reicher und verhältnissmässig an fester Substanz armer Körper und für
einen solchen ist es in der That undenkbar, dass ein leicht diosmirender
und sonst indifferenter Köi*per sich nicht verbreiten sollte. In sehr
schleimigen und in gelatinösen Kör])ern diffundiren und diosmiren er-
fahrungsgemäss Krystalloide mit grösster Leichtigkeit') und um die
Diosmose dieser zu verhindern, müssen ja nothwendig alle mit Wasser
erfüllten Käume zwischen den constituirenden Theilchen eines Körj)er8
von entsprechend geringer Weite sein Vgl. p. 121,.
I) Vgl. Graham, Ann.il. d. Cheni. u. Pliarmacie 1862, Bd. 121, p. 30. Ganz
richtig dürfte (Jraham s Angabe nicht sein, nach welcher dieDiflfusibilität durch
Kintiuss der CoUoide gar niclit vermindert wird. Denn nach Marignac wird in
Lösungsgemischen die Diflfusionsschnclligkeit jedes einzelnen Körpers venniu-
dort, doch ist diese Verminderung nur eine geringe tür den diffusibelsten Körper.
Marignac, Annal. d. Chim. et de Phy.sique 1874, V ser., Bd. II. p. 561.)
139
Die factisch beobachteten diosmotischen Eigenschaften •) des leben-
den Protoplasmas sind aber thatsächlich nur solche, welche auch gewisse
vonTraube's Niederschlagsmembranen darbieten, mit deren Kennt-
niss somit jene Eigenschaften unbedingt nicht mehr als ausschliessliche
EigenthUmlichkeit des lebenden Organismus angesprochen werden
konnten. Von vornherein lag es jetzt nahe, in der peripherischen
Schicht, welche ja thatsächlich über Aufiiahme oder Nichtaufnahme
eines Stoffes entscheidet, eine Membran zu vennuthen, die natürlich
ohne Beeinträchtigung des qualitativen diosmotischen Verhaltens, so gut
wie eine Niederschlagsmembran, sogar von minimaler Dicke sein
könnte. Zu Gunsten einer Membran spricht auch der schon erwähnte
Umstand, dass durch schleimige und gelatinöse Massen krystalloide
Stoffe leicht diosmiren, welche die peripherische Schicht des Proto-
plasmas nicht zu durchdringen vermögen. Da ferner die peripherische
Schicht aus einem an sich (in wasserfreiem Zustand) festen Körper ge-
bildet wird und die mit Rücksicht auf die diosmotischen Eigenschaften
nothwendig engen Interstitien eine dichte Lagerung der die peripheri-
sche Schicht constituirenden Theilchen (Tagmen) fordern, so wird auch
aus diesem Gesichtspunkt der feste Aggregatzustand für diese diosmo-
tisch bestimmende Schicht wenigstens wahrscheinlich. Weiter ist in
vorhin erörterter Weise getödtetes Protoplasma von einer zweifellosen
Membran umkleidet, welche in ihren diosmotischen Eigenschaften mit
der peripherischen Umhüllung des lebenden Protoplasma übereinstimmt.
Auf Grund dieser gesammten Erwägungen ist es aber im höchsten
Grade wahrscheinlich, dass auch schon der lebende Protoplasmakörper
allseitig, gegen Zellhaut und Zellsaft hin, von einer wirklichen, im
nicht wachsthumsfähigen Zustand widerstandsfähigen Membran um-
geben ist— über deren vielleicht nur geringe Dicke und unbestimmte
Abgrenzung gegen das Hyaloplasma schon das Nöthige gesagt wurde.
Zur Beurtheilung der diosmotischen jVorgänge in lebenden Zellen
ist es übrigens gleichgültig, ob die peripherische Umkleidung des Proto-
plasmas als resistente Membran oder als zähflüssige Schleimschicht be-
trachtet wird, jedenfalls folgt ja diese Umhüllung vermöge ihrer Wachs-
tliumsfähigkeit einer mechanischen Dehnung wie ein zähflüssiger Körper.
Darüber kann aber bei gesunder Erwägung derThatsachen kein Zweifel
sein, dass die bekannten diosmotischen Eigenschaften des Protoplasmas
l) Hierzu gehött auch die ansehnliche Druckhöhe, welche in Pflanzenzelleu
trotz geringer Concentration der wirkenden Lösung zu Stande kommt. Auch
in dieserHinsicht wirkt diePlasinaniembran analog wie eineNiederschlagsniembran
mit engen Interstitien. Mehr darüber bringen spätere Kapitel.
140
durch die peripherische Schicht bestimmt werden. Gleiches Aussehen,
gleiche Entstehung, soA^ie Uebereinstimmung in diosmotischen und
anderweitigen Eigenschaften lässt kaum Zweifel darüber zu . dass die hya-
line membranartige Schicht um lebensfähige Protoplasmakörper und zu
Lebensäusserungen unfähige Vacuolen, wie sie in Wasser tretendes Proto-
plasma bilden kann, ihrem physikalischen Aufbau nach gleich werthig
ist \ . Für solche Gleichwerthigkeit. auch deijenigen Plasmamembran
welche coagulirtes und zur Vermittelung des Wachsthums unfähiges
Protoplasma umschliesst. sprechen noch andere diosmotische Eigen-
schaften, welche in Folgendem dargelegt werden sollen. Freilich ver-
mag eine Anzahl übereinstimmender diosmotischer Beobachtungen
physikalische und chemische Identität zweier Membranen nicht zu
zweifelloser Gewissheit zu erheben und unmöglich ist es ja in unserem
Falle nicht, dass eben dieselben Ursachen, welche in dem umschlosse-
nen Protoplasma Zersetzungen bewirken, auch au der Membran nicht
spurlos vorübergehen, ohne doch solche Structuränderungen herbeizu-
führen, welche eine auffallende Aenderung der diosmotischen Eigen-
schaften mit sich bringen. Zu endgültiger Entscheidung über Zweifel
dieser Art fehlen thatsächliche Anhaltspunkte.
Das Verhalten gegen verdünnte Säuren und Alkalien, sowie gegen
Quecksilberchlorid und Jod , wurde ganz übereinstimmend gefunden,
sowohl für die Plasmamembran , welche lebendes , als die , welche
todtes Protoplasma umkleidet. Es wurde schon bei anderer Gelegen-
heit (p. 135) mitgetheilt, wie Aenderung der Färbung in gefärbten Zell-
säften das rapide Eindringen selbst äusserst verdünnter Salzsäure —
und gleiches gilt für Essigsäure und Schwefelsäure — anzeigt, wie
weiter die Säure wieder diosmotisch entfernt und der alte Farbenton
restaurirt werden kann. Analoges gilt nun auch für Ammoniak, das
ich in sehr grosser Verdünnung (1 Tropfen Liqu. Amm. caust. auf 15
bis 30 Cub.-Ctm. Flüssigkeit) auf Pflanzenzellen einwirken Hess. Röth-
licher Zellsaft in Blumenblättern von Pulmonaria und Staubfadenhaaren
von Tradescantia 2) bläut sich sogleich , um mit weiterem Zutritt von
Ij Diejenigen, welche annehmen wollen, dass die Plasinamembran zwar um
Vacuolen sich bilde, um lebendes Protoplasma aber nicht bestehe , müssen das in
diosmotischer und anderer Hinsicht identische Verhalten, d. h. ein Factum, er-
klären, ehe solche Annahme Berechtigung hat, welche auch nicht einmal in den
optischen Wahrnehmungen eine Stütze findet. Es kommt bei diesen Fragen über
physikalische Constitution der oberflächlichen Protoplasmabegrenzung natürlich
gar nicht darauf an, welche besonderen Functionen während der Lebensthätigkeit
in der Plasmamembran und vermittelst dieser ausgeführt werden.
2) Säuren und Ammoniak dringen nur äusserst langsam durch die Cuticular-
141
Ammoniak allmälig grünliche und grauliche Färbung anzunehmen i) .
Doch kehrt auch hier, wenn das Ammoniak nicht zu lange einwirkte,
die blaue Färbung bei Auswaschen mit Wasser langsam zurück. Dabei
wurde das Protoplasma während dieses diosmotischen Austausches nicht
getödtet, denn die Protoplasmaströmungen in den Staubfadenhaaren
von Tradescantia, welche die Einwirkung des Ammoniaks aufgehoben
hatten, werden mit Entfernung dieses allmälig wieder in normalerweise
hergestellt^). Ganz ähnlich wie Ammoniak wirken auch verdünnte
Lösungen von Kali und Kalicarbonat.
Wenn verdünnte Säuren und Alkalien die diosmotischen Eigen-
schaften der Plasmamembran nicht ändern, so geschieht dieses doch in
auffallender Weise durch Jod und Quecksilberchlorid. Ganz verdünnte
Lösungen beider (ich wandte Sublimatlösung von Ys und Y2 Proceut
(xehalt und durch Jod schwach gefärbtes Wasser an) dringen schnell in
Protoplasma und Zellsaft, wie die Färbung von Proteinstoflfen und even-
tuell von Stärkekörnem durch Jod und die sehr entschiedene Farben-
änderung anzeigt, welche Sublimat in gefärbten Zellsäften hervorruft.
Bald beginnt dann eine nur allmälige diosmotische Entfernung des
Farbstoifes, und eben dieses beweist, dass es sich hier nur um molecu-
lare Aenderungen in der Plasmamembran, nicht um Zerreissung dieser
handelt. Die zur Entfärbung nöthige Zeit kann auf Stunden ausge-
dehnt werden, wenn man die genannten Reagentien nach kurzer Ein-
wirkung auswäscht und in diesem Falle ist es auch klar, dass der Farb-
stoff nicht durch Zerstörung, sondera durch Diosmose verschwindet. Ob
nun Jod und Sublimat schon durch die normale Plasmamembran dios-
miren oder erst eindringen, nachdem sie moleculare Veränderungen in
dieser hervorriefen, kann ich zur Zeit nicht entscheiden '^) .
schiebt der Staubfadenhaare von Tradescantia, wohl aber schnell durch die die
Zellen trennende Querwand. Infolge dessen verbreiten sich diese Stoffe von einer
durchschnittenen Zelle aus und die Reaction ist in den aneinandergereihten Zellen
in entsprechend verschiedener Intensität zu finden.
1) Diese AVirkung von Ammoniak wurde schon von de Vries beobachtet.
De Vries, Öur la permeabilite du protoplasma des betteraves rouges p. 8 des
Separatabdruckes undSur la mort des cellulesvegetalesp. 36 d. Separatabdruckes.
Beide Arbeiten finden sich in Archives Neerlandaises 1871, Bd. VI.
2) Vgl. auch Hof meister, Pflanzenzelle p. 53, wo gleiches für Kalilösuug
iiiitgetheilt wird.
3) Auf das Protoplasma können Stoffe natürlich nur dann wirken, wenn sie die
Plasmameml)ran zu durchdringen vermögen. Ob sich der Indifferentismus gegen
entschiedene Gifte, wie gegen Veratrin so erklärt, oder ob diese Körper für das
Protoplasma nicht schädlich sind, uiuss durch dasE.\periment entschieden werden.
Kühne Untersuchungen über das Protoplasma 1864, p. JOO fand das Protoplasma
in Stanbfadenhaaren von Tradescantia noch in strömender Bewegung, nachdem das
142
Aus schon mitgetheilten Thatsachen lässt sich ganz allgemein um-
leiten, das8 im Protoplasma und Zellsaft enthaltene Stofte auch durch
die coagulirtes Protoplasma umkleidende Membran nicht in erheblicher
Weise diosmiren. Denn eine Verminderung oder Vermehrung osmo-
tisch wirkender Stofte innerhalb des Protoplasmas oder Zellsaftes mlisste
auch eine veränderte osmotische Dnickwirkung, im negativen oder posi-
tiven Sinne, zur Folge haben und hierdurch würde die nicht mehr
wachsthumsfähige und einer Widerlage nicht angepresste Plasmamem-
bran zersprengt werden, was erfahnmgsgemäss nicht zutriffst. That-
sächlich reicht aber zu solcher Zersprengung, sobald die Wachsthums-
fähigkeit total vernichtet ist, der durch geringe Concentrationsdifferenz
bewirkte osmotische Ueberdruck aus. indem die Plasmamembran der
Zellen in rother Rübe schon zerriss. wenn die zur Contraction ange-
wandte Zuckerlösuug durch eine andere, V4 Procent Zucker weniger
enthaltende verdrängt wurde. Das soeben Gesagte ist zur Beurtheilung
solcher Versuche wohl ins Auge zu fassen, in welchen die Bedingungen
zur Wachsthumstahigkeit der Plasmamembran aufgehoben werden.
Denn durch Coagulation von ProteinstoflFen und ebenso durch andere
chemische Processe, wird der osmotische Druck des Zellinhaltes variiren
und Zersprengung der Plasmamembran herbeiführen können, wenn
diese Drucksch wankungen eintreten, nachdem die Plasmamembran nicht
mehr wachsthumsfähig ist. In dieser Hinsicht sind natürlich specifische
Verschiedenheiten an ungleichen Objecten möglich und es ist auch nicht
undenkbar, dass deraiüge Druckverhältnisse bei der endlichen Entfär-
bung der von mir zu Experimenten benutzten Objecte eine Rolle mit-
spielten.
Die einmal ausgeschiedene Plasmamembran ist gegen Reagentien
auffallend widerstandsfähig. Massig verdünnte Säuren und Alkalien
lassen bei längerem Stehen in gewöhnlicher Temperatur, wie auch
beim Kochen, die allerdings zuweilen in Stücke gerissene Plasmamem-
bran ungelöst zurück ; so fand ich es wenigstens für Staubfadenhaare
Object wälirend 1 7 Stunden in wiissriger Veratrinlösung gelegen hatte. Dagegen
sollen nach demselben Autor (1. c, p. 86) Myxoniyceten in wässriger Veratrin
lösung absterben. — An mikroskopischen Schnitten aus rothen Rüben, welche in
eine gesättigte (ungefähr Sprocentige) Lösung von Morphiumacetat gelegt waren,
fand ich noch nach 10 Tagen einzelne Zellen mit normal gefärbtem Zellsaft erhal-
ten. Näheren AufschluBs über die Art und Weise der Wirkung dieses und anderer
Gifte zu bekommen, habe ich nicht versucht.
143
von Tradescantia, Wiirzelhaaie von Hydrocharis und auch für die eben
erst aus Vaucheria-Protoplasma gebildeten Vacuolen. In allen diesen
Fällen waren übrigens auch gewisse Partien des übrigen Protoplasma-
körpers ungelöst geblieben, wie namentlich nach Färbung mit Jod zu
übersehen war. Trotz dieser Resistenz gegen die genannten und auch
andere Reagentien vermag das Protoplasma die Plasmamembran zu
lösen oder wenigstens in einen erweichten Zustand überzuführen, der
eine Vertheilung der Substanz im Protoplasma ermöglicht.- Es geht
dieses aus dem Verschmelzen von Plasmodien, Schwärmsporen und
anderen Objecten hervor und thatsächlich war ich nicht im Stande in
der Masse , welche durch Vereinigung ganz winziger Plasmodien von
Aethalium gebildet worden wari), weder direct, noch nach Behandlung
mit Kali und Säure eine Spur von Membranstücken zu entdecken.
Uebrigens habe ich auch an zwei Vacuolen, welche sich aus Proto-
plasma der Wurzelhaare von Hydrocharis in Sprocentiger Zuckerlösung
gebildet hatten, eine Verschmelzung der nur dünnen Protoplasmaschicht
verfolgen können. Es geht hieraus hervor, dass die Auflösung der
Plasmamembran nicht unmittelbar von der Lebensthätigkeit des Orga-
nismus abhängt, sondern, wie ja auch nicht anders zu erwarten, durch
die Existenz eines specifischen Lösungsmediums bedingt ist.
Vermag aber das Protoplasma die Substanz der Membran zu lösen 2) ,
so wird diese nothwendig nur eine bestimmte Dicke erreichen können,
welche aus dem Widerstreit der Auflösung von Innen her und der Neu-
bildung durch Fällung bei Contact mit Wasser resultirt (vgl. p. 124).
Die Beachtung dieses Vorganges ist unerlässUch , wenn es sich um
Deutung der bekannten Erscheinungen handelt, welche bei Contraction
von Protoplasmakörpem durch wasserentziehende Mittel beobachtet
werden. Contrahirte Protoplasmakörper zeigen bekanntlich, auch wenn
die Volumabnahme sehr ansehnlich war, doch keine gefaltete Ober-
fläche und dieser Umstand würde ein schlagender Beweis gegen die
Existenz einer resistenten und nur wenig elastisch gedehnten Membran
sein, wenn nicht dasselbe Phänomen, in Folge der auflösenden Wirkung
1) Es wurden diese Plasmodien zuvor einmal in Wasser getaucht, um die
Existenz der Plasmamembran ausser Zweifel zu setzen. An contractilen Vacuolen
kann die Plasmamembran unter den obwaltenden Umständen vorhanden sein, auch
wenn jene vorübergehend vollkommen verschwinden. — Vgl. Strasburger,
Studien über Protoplasma p. 37.
2) Ich spreche hier der Kürze halber von »lösen«, obgleich einfache Auflocke-
rung und Vertheilung derMembrantheilchen möglich ist. Hieriiber ist übrigens an
einer früheren Stelle gesprochen worden.
144
des Protoplasmas, bei Vorhandensein einer dünnen Niederschlagsmeni-
bran herbeigeftihrt werden könnte '' .
Eine minimale elastische Spannung ist für eine Niederschlags-
membran, auch bei Gegenwart der Membranogene, zuzugeben und die
dann mit nachlassender dehnender Kraft unausbleibliche minimale Ver-
dickung der Membran wird in unserem Falle durch die auflösende oder
auflockernde Wirkung des Protoplasmas ausgeglichen, welche, ceteris
paribus, die Membran auf die anfängliche Dicke reduciren muss. Mit
partieller oder totaler Auflösung einzelner Membrantheilchen Tagmen)
ändern sich die Resultanten der die relative Lagerung der Tagmen be-
stimmenden Molecularkräfte und mit dem Uebergang in eine neue
Gleichgewichtslage ist auch in fester Membran natürlich eine Verschie-
bung der Tagmen möglich . Bei Continuität dieser Vorgänge kann dann
aber eine beliebige Flächenabnahrae der auf gleicher, geringer Dicke
verharrenden Membran zu Stande kommen.
Ich muss dahin gestellt sein lassen, ob die unregelmässige Gestal-
tung der Oberfläche, welche Protoplasmakörper, während sie sich con-
trahiren, nicht selten zeigen, in Beziehung zu dem fraglichen Auf lösungs-
vorgang steht, da dieser Erscheinung ebensowohl andere Ursachen zu
Grunde liegen können. Jedenfalls fordert aber, eine an sich resistente
Membran zugegeben , die verhältnissmässig schnelle Abrundung der
Oberfläche eine verhältnissmässig schnelle Abwicklung des soeben
seinem Principe nach entwickelten Vorganges. Indess vermag dieses
Postulat kein Bedenken zu erwecken, da schliesslich die Entfernung con-
stituirender Tagmen ebenso schnell möglich sein kann, als der umge-
kehrte Vorgang, die Einschiebung neuer Tagmen bei dem eventuell Ja
sehr rapidem Flächenwachsthum der Membran 2) . Eine Reihe von Fra-
gen, welche sich an dieses hier behandelte Thema knüpfen, übergehe
ich, da es mir wesentlich nur darum zu thun war, zu demonstriren, dass
die Contractionserscheinungen am Protoplasma nicht ohne weiteres als
-Argument gegen .das Vorhandensein einer an sich widerstandsfähigen
Membran zu Felde geführt werden können.
1) Nach Vernichtung der Wachsthuinsfähigkeit wurde diePlasmainembran bei
versuchter Contraction zu leicht zersprengt und so konnte nicht verfolgt werden,
wie sich die Faltung in diesem Falle gestalten würde. — Eine künstliche Nieder-
schlagsmenibran wird natürlich Falten bilden, wenn nicht analoge Vorgänge wie
die hier in Betracht gezogenen im Spiele sind.
"i) Gleich schnelles Flächenwachsthum durch Intussusceptifm nicht durch
Eruption ist übrigens an anorganischen Zellen aus gerbsaurem Leim möglich.
145
lieber die chemische Zusammensetzung der Plasmamembran kann
ich zwar kein endgültiges Urtheil fällen, doch spricht die Wahrschein-
lichkeit dafür, dass, wie auch schon M oh l*) für den Primordialschlauch
annahm, Proteinstoffe mindestens am Aufbau der Plasmamembran Theil
nehmen, falls diese nicht ganz aus diesen Körpern besteht. Eine gelb-
braune Färbung mit Jod glaube ich, soweit an dünnen Objecten über-
haupt ein Urtheil möglich ist, in dem ganzen hyalinen Saum und auch
da noch wahrnehmen zu können, wo dieser eine so geringe Dicke be-
sitzt, dass er wohl nur Plasmamembran sein dürfte. Gleiche Reactiou
gibt auch Chlorzinkjod, sowohl bei directer Anwendung, wie auch nach
zuvoriger Behandlung der Objecte mit Kali und Säure. Auch Anilin-
blau scheint aufgespeichert zu werden, dagegen bin ich nicht im Stande
zu sagen, ob mit Millon's Reagens und mit Salpetersäure die für
eiweissartige Stoffe bekannte Reaction eintritt.
Wie die vorgenannten Reactionen spricht auch das früher (p. 141)
mitgetheilte Verhalten der Plasmamembran gegen Quecksilberchlorid,
welches auf eine chemische Verbindung des Quecksilbers mit einem
Membranbestandtheil entschieden hinweist, für Anwesenheit eiweiss-
artiger Körper. Wenigstens ist es Thatsache, dass diese mit Sublimat
chemische Verbindungen eingehen, während gleiches für Kohlehydrate
und Pectinstoffe , welche man ausserdem zunächst als Constituanten
der Membran vermuthen könnte, nicht bekannt ist.
Die Unlöslichkeit der Plasmamembran in massig verdünntem Kali
stimmt allerdings nicht mit dem Verhalten derjenigen Proteinstoffe,
welche bis dahin aus vegetabilischen Organismen dargestellt wurden.
Allein sich ähnlich verhaltende, scheinbar eiweissartige Stoffe, wie
Chitin, Elastin u. a. sind aus dem Thierreiche längst bekannt, und aus
Pflanzen konnten diese Körper bei der bisher üblichen Darstellung der
Proteinstoffe überhaupt nicht erhalten werden. Thatsächlich scheint
aber Protoplasma sehr gewöhnlich, wenn nicht immer, bei Behandlung
mit massig concentrirten Alkalien und Säuren, auch noch ausser der
Plasmamembran unlösliche Stoffe zurückzulassen, welche die gewöhn-
lichen Reactionen von Proteinstoffen zeigen ^j . Ehe aber diese unlös-
lichen Stoffe chemisch untersucht worden sind, kann man keine sicheren
1) Bot. Zeitung 1844, p. 305 u. 1855, p. 694.
2) Solche Proteinstoflfe könnten im lebenden Protoplasma eventuell gelöst sein
und erst mit der Tödtung ausgeschieden werden. Dann würde auch die Art und
Weise der Behandlung lebender Zellen auf die Löslichkeit der Proteinstoffe Ein-
fluss haben können. — Siehe auch de Vriee , Sur la mort des celhiles veg^tales
p. 18 u. 31 des Separatabdruckes aus Archiv. N6erlandaises Bd. VI, 1871,
Pfeffer, Osmotische Untersuchungen. Iv
146
Schlussfolgerungen auf Grund des Verhaltens gegen die genannten
Reagentien ziehen und so kann z, B. auch das Vorhandensein von
Pektinstoffen nicht deshalb negirt werden, weil alle bis jetzt bekannten
Körper dieser in chemischer Hinsicht noch so dunklen Gruppe durch
Kali in lösliche Form übergeführt werden.
So lange die chemische Beschaflfenheit der Plasmamembran und
des Membranbildners nicht sicher gestellt sind, wird sich über das im
Protoplasma vorhandene lösende Vehikel kaum Aufschluss erhalten
lassen. Das Verhalten der Plasmamembran gegen Kali und andere
Reagentien kann natürlich hinsichtlich der Existenz einer Lösung des
Membranbildners und der lösenden Wirkung des Protoplasmas auf die
Plasmahaut kein Bedenken erwecken *). Die Frage nach den Mitteln,
durch welche jene Lösung bewerkstelligt wird, muss offen bleiben, doch
wird man, falls es sich um Proteinstoffe handelt, an Pepsin oder ähnlich
wirkende Stoffe zunächst denken, da jenes ja thatsäcblich unter be-
stimmten Bedingungen coagulirte Eiweissstoffe ziemlich schnell löst,
welche durch verdünntes Kali kaum in Lösung gebracht werden.
Die Aufhebung der Bedingungen zur Bildung der Plasmamembran
dürfte auf chemischer Zersetzung der Lösung des Membranbildners,
ohne diosmotische Entfernung des lösenden oder des gelösten Stoffes, in
dem Falle beruhen, wo ohne Aenderung der diosmotischen Eigenschaf-
ten der Plasmamembran die AVachsthumsfähigkeit dieser Vernichtet
wird. Es spricht jedenfalls hierfür die schnelle Wirkung von Salzsäure
im Vergleich zu der verhältnissmässig langen Zeitdauer, welche ohne
Znthun von Reagentien zur Erreichung des fraglichen Znstandes noth-
wendig ist und es liegt die Annahme nahe, dass unter den durch Salz-
säure im Protoplasma ausgeschiedenen Stoffen auch der zuvor gelöste
Membranbildner sich befindet. Anwesenheit von etwas Kali oder Am-
moniak und ebenso das gleichzeitige Vorhandensein von Kochsalz in
der umgebenden Flüssigkeit hebt weder die Wachsthumsfähigkeit der
Plasmamembran auf, noch wird dadurch die Bildung dieser verhindert,
wie sich bei Zerdrücken von Protoplasmamassen in einer Flüssigkeit er-
gibt, welche jene Köqier gelöst enthält. Zu diesen Versuchen ver-
anlasste mich die Thatsache, dass im Hühnerei weiss eine kleine Menge
eines Proteinstoffes durch Salze gelöst erhalten wird und sich sowohl
1) Auch Zellhaut würde durch die genannteu Reagentien nicht gelöst werden,
während sie doch durch und in vegetabilischen Organismen gelOst wird. Solches
kommt z. B. vor beim Eindringen von Pilzen, bei gewissen Keimungsprocessen
und beim Uebergang von Sclerotien der Myxomyceten in bewegliche Plasmodien.
147
*
beim Verdünnen mit Wasser, als auch bei dipsmotischer Entziehung der
lösenden Salze mehr oder weniger vollständig ausscheidet *) .
Nach den empirischen Erfahrungen wird eine Plasmamembran
überall vorhanden sein, wo Protoplasma an eine andere wässrige Flüs-
sigkeit stösst, aber wir können, wie früher gezeigt wurde, nicht behaup-
ten, dass allein unter dieser Bedingung Plasmamembran gebildet wird.
Dieses ist auch zu beachten, wenn wir uns die Frage vorlegen, ob inner-
halb des Protoplasmakörpers vorkommende und selbst aus protoplasma-
tischer Masse bestehende Gebilde, wie z. B. Zellkern und Farbstoff-
körper von einer Plasmamembran begrenzt sind, eine Frage, welche,
wie aus Folgendem zu ersehen ist, in mehrfacher Hinsicht bedeutungs-
voll ist.
, Wird ein Zellkera oder ein Chlorophyllkorn isoliii; in solche Zucker-
lösung gebracht, welche eine eben bemerkliche Abhebung des Proto-
plasmakörpers von der Zellhaut zu bewirken vermochte, so ist Gestalt
und Aussehen wesentlich dasselbe, wie es die im Protoplasma liegenden
Gebilde darboten. Bei Verdünnung der Zuckerlösung nimmt das Volu-
men dieser Gebilde zu und in reinem Wasser ist Desorganisation in
bekannter Weise das endliche Resultat '^j. Das Vorhandensein der
Plasmamembran folgt aus dem zu beobachtenden diosmotischeu Verhalten
und aus der soeben bezeichneten osmotischen Wirkung der Inhalts-
Btoffe; zugleich zeigt das so bewirkte Flächenwachsthum, dass verwend-
bares BilduDgsmaterial für die Plasmamembran vorhanden ist. Ob die
Plasmamembran sobon innerhalb des Protoplasmas besteht, kann natür-
1) Vgl. Aronstein, Pflüger 's Archiv 1873, Bd. VIII, p. 82, undHeyn-
sius, ebenda 1874, Bd. IX, p. 528. — Saugt man etwas Hühnereiweiss in eine
Glascapillare und taucht dann die Spitze dieser in Wasser, so bildet sich um den
hervortretenden Tropfen scheinbar eine Membran, welche aber thatsächlich keine
geschlossene Membran, sondern ein loses Aggregat von Stücken der Häute ist,
welche dae Eiweiss von Vogeleiern durchsetzen. So bilden sich auch beim Ein-
tragen von Eiweisstropfen in Wasser Aggregate von Häutchen, welche Monoyer
irrigerweise als eine das Eiweiss umgebende geschlossene Membran anzusehen
scheint (Bullet, d. 1. soc. chim. d. Paris 1866, p. 444). Enthäutetes Eiweiss zeigt
denn auch diese Erscheinung nicht mebr, sondern es trübt sich einfach der in Was-
ser übertretende und sich darin diosmotisch vertheilende Tropfen, weil aus dem
im Text angegebenen Grunde eine nur kleine Menge eines Eiweissstoffes ausge-
schieden wird. — Das Enthäuten desEiweisses ist schneller, als durch anhalten-
des Zerschneiden mit der Scheere (Kühne, Physiol. Chemie 1868, p. 352), durch
kräftiges Zusammenschütteln mit kleinen Glasscherben zu erreichen.
2) Ueber die Veränderung der Chlorophyllkörner vgl. Nägeli u. Schwen-
dener, Mikroskop 1867, p. 553.
10*
148
«
lieh aus diesen Beobachtungen niclit sicher entnommen weiden und zur
Zeit vermag ich diese Frage nicht zu beantworten. Wie hier besondere
Schwierigkeiten entgegenstehen, wie namentlich auch aus der Beschrän-
kung von an sich vielleicht in Wasser löslichen Farbstoffen auf gewisse
Farbstoffkörper kein Schlus« hinsichtlich der Plasmamerabran gezogen
werden kann, ist ja ohne weiteres ersichtlich.
Ein Bestehen der Plasmamembran würde a1)er nicht möglich sein,
wenn im Zellkern, resp. Chlorophyllkorn und dem umgebenden Proto-
plasma Bildungsmatcrial und Lösungsmedium für jene in ganz identischer
AVeise vorhanden wären und eben mit Rücksicht hierauf verdient die
aufgeworfene Frage ganz besondere Beachtung. Allerdings sind ja
jene difierenzirte Gebilde sicher nicht qualitativ identisch und mit der
Differenzirung selbst könnte möglicherweise die Ursache zur Abgren-
zung durch eine besondere peripherische Umkleidung gegeben sein, wie
dem aber auch sei, eine Reihe offener Fragen bietet sich jedenfalls hier
dar, welche ich nicht speciell ausmalen will. Thatsächlich ist ja auch
hinsichtlich der causalen Entstehung der Plasmamembran (resp. des
Hyaloplasmas . wie ich schon früher darlegte, noch mancher dunkle
Punkt zu erledigen und ich möchte deshalb nachdrücklich davor w-ar-
nen. das Auftreten membranartiger Schichten bei Zellbildung und Zell-
theiluug voreilig causal erklären zu wollen. Auf unsere Erfahrungen
gestützt können wir nur behaupten, dass Plasmamembran (vielleicht
auch Hyaloplasma dann entstehen muss . wenn durch irgend welche
vitale Vorgänge eine Sonderung herbeigeführt wird . in Folge derer
Protoplasmamassen in eine andere wässrige Flüssigkeit eingebettet
werden, welche nicht auflösend auf die Plasmamembran wirkt, aber
wir können nicht sagen, dass eine Sonderung dieser Art zur Erzeugung
einer Plasmamembrau noth wendig ist.
Finden sich membranartige Schichten um in Zellsaft befindliche
Körper, so darf man diese, gemäss unserer früheren Definition, nicht
als Plasmamembran bezeichnen, auch wenn sie mit dieser in chemischer
und physikalischer Hinsicht übereinstimmen sollten. Solches könnte
sehr wohl dann möglich sein, wenn farblose Vacuolen im Zellsaft
herumschwimmen '; . Eine zweifellose Niederschlagsmembran . über
deren Entstehungsmodus freilich Untersuchungen erst noch Licht schaf-
fen müssen, umkleidet die Gerbsäuretropfen, welche sich in den Gelenk-
zellen von Mimosa pudica besonders schön finden -] . Ob die Oelköiiier
1) Siehe z. B. Nügeli, Pflanzenphysiol. Untt'isiichuu{?en 1S55, I, p. 'J.
2) Pfeffer, Physiol. Unter.siu'luinj>en 1873. p. 12. — Nach llildebrandt
(Jahrb. f. wiss. Bot. Bd. III, p. Ol, finden sich im Zeilsaft der Blüthen vonStrelitzia
149
der Lebermoose , Proteinkörner und andere Gebilde im Zellsaft der
lebenden Zelle mit einer diosmotiseh massgebenden Membran umkleidet
sind, lasse ich dahin gestellt. In dem wässrigen Zellsaft sind begreif-
licherweise Bedingungen für Bildung einer Niederschlagsmembran nicht
in der Weise, wie im Protoplasma gegeben, ob dieses aber dann der
Fall ist, wenn der Zellsaft reicher an ProteinstoflFen wird, wie in reifen-
den Samen, muss erst noch entschieden werden. Positiven Falles wür-
den hier ähnliche Fragen aufzuwerfen sein, wie hinsichtlich der Ab-
grenzung von Gebilden, welche innerhalb des Protoplasmas liegen.
Es muss sich nothwendig die Frage aufdrängen, ob die in und um
Protoplasma und ebenso die im Zellsaft sich findenden Niederschlags-
membranen physikalisch und chemisch identisch sind. Hinsichtlich der
chemischen Zusammensetzung fehlt jeder Anhaltspunkt für ein Urtheil
und einen physikalischenUnterschied haben die bis dahin beobachteten
diosmotischen Eigenschaften nicht zu Tage gefördert. Allein dieses
will wenig sagen, da die Beobachtungen kleine Differenzen übersehen
lassen mussten und weil ferner die diosmotische Ungleichwerthigkeit
zwar durch ein einziges positives Resultat bevdesen , durch einige
negative Resultate aber nicht ausser Frage gestellt wird. In der That
muss man diosmotische Differenzen eher für wahrscheinlich, als fiir un-
wahrscheinlich haltien, schon deshalb, weil unsere Membranen in ver-
schiedenen Fällen an ungleich zusammengesetzte Medien stossen, welche
die Eigenschaften möglicherweise schon dadurch modificiren könnten,
dass sie Quellung oder Schrumpfung der Membran bewirken oder auch
indem sie zur Entstehung einer in ihrem molecularen Aufbau abweichen-
den Membran Veranlassung geben. Es ist ja möglich, dass ein nicht
in allen Fällen vorhandener Köi*per eine chemische Vereinigung mit
dem Membranbildner eingeht und weiter ist zu berücksichtigen, dass
Infiltration, d.h. Einschiebung fremdartiger Theilchen, wie Traube i)
zeigte, das diosmotische Verhalten von Niederschlagsmembranen ver-
ändern kann.
19. Bemerkungen über Molecularstructur.
Sehen wir die Plasmamembran als Niederschlagsmembran an, so
werden wir jener auch einen analogen Aufbau zuerkennen, d. h. die
Regina und Tillandsia amoena Farbstoffkörper mit einem in Wasser löslichen
Farbstoff. Ob dieser durch eine umkleidende Membran oder anderweitig zurück-
gehalten wird, müsste erst entschieden werden.
1) Archiv f. Anatomie u. Physiologie 1867, p. 141.
150
Plasmamembian als Syntagma ansprechen. Hierfür spricht ja auch
die Wahrscheinlichkeit, indem Proteinstoffe, aus welchen die Plasma-
merabran zu bestehen scheint, sicher Colloide* sind und angeflihrt
könnte wohl auch werden, dass Niederschlagsmembranen bis dahin nur
für colloidale Körper bekannt sind, für welche wir nach früherer Dis-
cussion eine Zusammenlagerung der Molecüle zu Tagmen anzunehmen
haben (vgl. p. 33). Ob nun die constituirenden Tagmen an sich wasser-
haltig sind oder ob sich nur intertagmatisches Wasser in der imbibirten
Niederschlagsmembran findet, lässt sich zur Zeit nicht mit einiger Ge -
wissheit folgern und ebenso muss die Gestalt der Tagmen dahin gestellt
bleiben , deren chemische Qualität ja auch noch endgültig zu ermit-
teln ist.
Eine künstliche Niederschlagsmembran ist auch ein »organisirter
Körper«, dessen molecularer Aufbau, wie ihnNägeli erschloss, nur
einen speciellen Fall eines Syntagmas ausmacht. Syntagma haben wir
einen aus Tagmen aufgebauten Körper genannt , gleichviel ob er
quellungsfähig ist oder nicht (siehe p. 34), wenn aber ein Syntagma
in begrenzter Weise quellungsfähig ist, dann liegt ein organisirter Kör-
per im Sinne N ä g e 1 i ' s vor.
Nägeli hat in die Definition organisirter Substanz, wie er sie
späterhin aufstellte 2) , krystallinische oder wenigstens polyedrische
Form der Tagmen aufgenommen, kommt damit aber in Widerspruch
mit seinen eigenen scharfsinnigen Erwägungen, nach welchen in jugend-
lichen Stärkekömern und Zellmembranen die Tagmen Kugelgestalt
haben müssen^) , und thatsächlich sind ja auch begrenzte Quellungsfähig-
keit und andere wahrnehmbare Eigenschaften der organisirten Körper
mit jeder Form der Tagmen verträglich. Auch die Forderung, Wasser
solle nur intertagmatisch, nicht aber in die Tagmen selbst aufgenommen
werden, muss man fallen lassen. Dass Wasser in die Constitution eines
Tagmas eintreten kann, ist ja fraglos (vgl. p. 35) und Nägeli^) selbst
1) Graham, Annal. d.Chem. ti. Pharm. 18G2, Bd. 121, p. 61.
2) Botanische Mittheilungen I, p. 203 (Sitzungsb. der Münchener Academie
8./3. 1862) und Mikroskop 1S07, p. 420. — Nach Absclduas dieses Manuscriptes er-
schien die 2. Auflage des Mikroskopes von Nägeli und Schwenden er, in wel-
cher die näheren Bestandtheile der organisirten Substanz Micellen genannt sind
fp. 424). Demgemäss wird hiermit nur eine besondere Art von Molecülverbin-
dung (Tagma) bezeichnet und in der Chemie wird man schwerlich das an Zelle
erinnernde Wort in erweitertem Sinne für Moleciilverbindung einführen wollen.
3) Die Stärkekörner 1858, p. 336 u. 361.
4) Ebenda, p. 353.
151
hat diese Möglichkeit früher erwähnt, später aber nicht mehr discutirt.
Constitutionswasser zugegeben, werden aber Körper beim Trocknen
jenes oder einen Theil jenes verlieren und bei Wasserzutritt wieder
aufnehmen, was ja bei manchen Hydraten colloidaler Körper thatsäch-
lich zutrifft. Kehrt ein solcher Körper bei erneuerter Wasseraufnahme
wieder auf den ursprünglichen Zustand zurück, dann ist kein Grund
vorhanden, ihn nicht organisirt zu nennen, wenn er solches nach seinen
anderen Eigenschaften ist. Natürlich ändert sich mit solchem schwan-
kenden Wassergehalt vorübergehend die Constitution des Tagmas und
absolute Constauz dieser Constitution unter variablen Bedingungen darf
nicht in der Definition der organisirten Substanz aufgenommen werden.
Der Aufbau orgauisirter Körper aus zwei chemisch differenten Stoffen ist
vonNägeli selbst nur als eine den bisherigen Erfahrungen entsprechende
Eigenthümlichkeit hingestellt worden und bedarf deshalb hier keiner
besonderen Berücksichtigung.
Der Zusammenhalt eines Syntagmas, in welches Flüssigkeit ein-
dringt, ist eine Function der wechselseitigen Anziehung der Tagmen
unter sich und dieser zur Flüssigkeit, Mit diesen Grössen kann der
Zusammenhalt sich ändern und in einem bestimmten Medium werden
sich die Tagmen so veitheilen können, dass eine Lösung entsteht, wäh-
rend derselbe Körper in einer anderen Flüssigkeit nur begrenzt auf-
quillt. Es ist dieses zu selbstverständlich, um es durch besondere Bei-
spiele zu erläutern, doch möchte vielleicht Gummi oder Dextrin gegen-
über Wasser, resp. wasserhaltigem Alkohol ein Demonstrationsobject
abgeben. Es wird also ein Körper in Bezug auf eine Flüssigkeit orga-
nisirt sein können, während er solches gegenüber einer anderen Flüssig-
keit nicht ist und dieses muss auch ins Auge gefasst werden, wenn es
sich um Beurtheilung der Structur innerhalb des Organismus befindlicher
Köi-per handelt, \velche ja meist in Lösungen, nicht in reinem Was-
ser liegen.
Mit Rücksicht auf eine bestimmte Flüssigkeit ist also ein »orgauisir-
ter Körper« ein Syntagma, welches begrenzter und rückgängig zu
machender Quellung fähig ist und hierbei Flüssigkeit jedenfalls in
inteitagmatische Räume, eventuell auch noch in die Tagmen selbst auf-
nimmt, resp. aus diesen und den intertagmatischen Räumen abgibt.
Abgesehen von etwas erweiternden oder beschränkenden Bestimmungen
ist dieses übrigens wesentlich Nägeli's Definition der organisirten
Substanz. Diese ist im Sinne dieses Forschers jedenfalls nur durch
bestimmten molecularen Aufbau, nicht aber durch den Ort ihres Vor-
kommens charakterisirt und es ist keine Forderung a priori, dass alle
152
geformten organischen Körperbestandtheile eines Organismus auch or-
ganisirt sind. Dagegen verknüpft Brücke i; keine ganz bestimmte
physikalische Vorstellung mit der Bezeichnung »»Organisation«, welche
im Gegentheil nur aussagen soll, dass im lebenden Organismus eine
diesem specifische, noch unbekannte Structur vorliegt und in diesem
Sinne ist auch vielfach der lebende Organismus (resp. dessen Theilej
als ein organisirter Körper bezeichnet worden. Ich nehme hier von
einer Discussion Abstand, ob es nicht vortheilhafter ist, diese letztere
Bedeutung der Bezeichnung »Organisation« beizulegen und bemerke nur,
dass ich vorläufig »organisirter Körper« im Sinne Nägeli's und als
synonym »quellungsfähiges Syntagma« gebrauchen werde.
Die Frage, ob das Protoplasma organisirt ist oder nicht, fordert die
Berücksichtigung des umgebenden Mediums, freilich auch noch anderei
Verhältnisse , welche mit der Existenz der umschliessenden Plasma-
membran zusammenhängen. Vermöge dieser bringen osmotisch wirk-
same Stoffe einen Druck hervor, welcher bei vielen frei in Wasser ge-
brachten Protoplasmakörpem zur Ausdehnung dieser und zur endlichen
Zerstörung der Molecularstructur führt, während solches unterbleibt,
wenn die umgebende Flüssigkeit entsprechend concentrirt ist. Die
Plasmamembran verhindert aber auch die Entfernung gelöster Stoffe
aus dem Protoplasma, welche eine weitgehende Structuränderung des
Protoplasmas nach sich ziehen würde. Ist, so muss nun die Frage
lauten, das Protoplasma unter den in der lebensfähigen Zelle gebotenen
Bedingungen ein organisirter Körper? Diese rein physikalische Frage
hat natürlich zunächst nur einen statischen Zustand ins Auge zu fassen,
wie er ja auch im leblosen oder lebensfähigen Protoplasma thatsächlich
vorliegen kann, denn die mit der Lebensthätigkeit verknüpfte rastlose
Veränderung ist in jedem Falle nur eine Folge der stetigen Aufhebung
des Gleichgewichtszustandes durch ein noch dunkles Spiel von
Kräften.
Sachs 2) hat wohl zuerst die Ansicht Nägeli's über den molecu-
laren Aufbau der organisirten Substanz auf das Protoplasma, resp. auf
die Grundsubstanz des Protoplasmakörpers zu übertragen versucht.
Diejenigen Argumente, welche auf scharfe Abgrenzung des Proto-
plasmas gegen andere Medien und auf diosmotische Eigenschafte n gebaut
r Sitzungsberichte der Wiener Academie 1861, Bd. 44, Abth. 2, p. 386.
2) Experimentalphysiologie 1665, p. 443.
153
wurden, sind jetzt, wie ich nicht speciell darzuthun brauche, unhaltbar
und darüber ob Tagnien vorliegen oder nicht, kann auch die Cohäsion
des Protoplasmas nicht entscheiden. Existenz von Tagmen macht der
Umstand wahrscheinlich, dass die Grundmasse des Protojilasmas augen-
scheinlich aus Proteinstoffen besteht, welchen wir, weil sie colloidale
Körper sind , zu Tagmen aggregirte MolecUle zuerkennen werden ^] .
Die durch reichliche Wasserzufuhr veranlasste Entstehung ^ on Yacuo-
len spricht dafür, dass der von Plasmamembran umkleidete Proto-
plasmakörper Wasser nur in beschränktem Maasse aufnehmen kann,
ohne übrigens, was ich hier nicht speciell zeigen will, ein zweifelloses
Argument zu sein. Unter den in der Zelle gegebenen Bedingungen ist
die Aufnahme von Wasser in das Protoplasma thatsächlich durch osmo-
tische Wirkungen in bestimmte Grenzen gewiesen, wie dieses weiterhin
dargelegt werden soll. Hiernach wird man den Protoplasmaköi*per,
resp. die Grundmasse dieses, weil er aus Tagmen aufgebaut und unter
gegebenen Bedingungen begrenzt quellungsfähig ist, einen organisirten
Körper nennen, falk für einen solchen nicht ein wirklich fester Aggre-
gatzustand gefordert wird. Denn wirklich fest ist das wasserreiche
Protoplasma unbedingt nicht, welches dehnenden Kräften höchstens
einen Widerstand wie ein etwas gelatinöser Köi-jicr entgegensetzt. Man
darf sich hier aber nicht auf die höhere Cohäsion berufen , welche
manche geformte protoplasmatische Körper zeigen, da ja der Begriff
'organisirt« nicht an chemische Qualität des Materiales, sondern an
physikalischen Aufbau geknüpft ist und derselbe chemische Körper, je
nach dem Zusammenhalt der Tagmen, organisirt oder nicht organjsirt
sein könnte. Ich selbst möchte übrigens auch einen nicht wirklich
festen Körper, sofern er nur tagmatisch aufgebaut ist und in begrenztem
Maasse (unter gegebenen Bedingungen) Wasser aufnimmt, und dem-
gemäss auch das Protoplasma, organisirt nennen.
Die Sachlage hinsichtlich der Organisation bleibt im Princip die-
selbe, wenn nur irgend ein Theil des Protoplasmas, sei dieses nun
1) Nach Pflüger's (Archiv 'f. Physiologie 1875, Bd. X. p. 307, 342 und 344)
Auffassung würde der eigentliche lebensthätige Theil des Protoplasmakörpers,
analog wie die wirksamen Theilo eines Nerven, als ein einziges Riesenraolecül von
sog. lebendigein Eiweiss, oder als ein aus netzartiger Verkettung solcher Riesen-
molecüle entstandener Körper aufzufassen sein. Soweit es sich einfach um den
molecularen Aufbau handelt, besteht zwischen dieser Anschauung und derjenigen,
welche tagmatische Structur annimmt, kein wesentlich anderer Unterschied, als
ihn die für conerete Fälle noch unerledigte Streitfrage bietet, ob bei chemischer
Verbindung atomistische oder moleculare Verkettung stattfand.
154
Grundsubstanz •) oder Hyaloplusiua oder ein anderes abgegrenztes Gebilde
ins Auge zu fassen ist. Sichtbare Structurverhältnisse , wie sie zu-
weilen im Hyaloplasma beobachtet wurden 2) , können nur zu Gunsten
der Organisation und zugleich wohl auch für j)olyedrische Tagmen
sprechen. Es ist Übrigens bei solchen Erwägungen nicht immer be-
achtet worden, dass eine sichtbare Structur auch möglich ist, wenn
nicht Tagmen, sondern MolecUle die näheren Körperbestandtheile sind,
also dass aus der Structur allein der orgauisiite Aufbau nicht folgt.
Im Anschluss an das über Plasmamembran Gesagte schien mir
obige Darlegung geboten, doch glaube ich die Discussion nicht weiter
ausführen zu sollen und auch die Frage, welche nähereu Beziehungen
zwischen Plasmamembran, Hyaloplasma und Grundsubstanz des Proto-
plasmas bestehen, will ich nicht an der Hand unzureichender That-
sachen beleuchten ') . Absolut, d. h. auch physikalisch identisch mit der
Plasmamembran kann die eventuelle Grundsubstanz des Protoplasmas
mit Rücksicht auf die diosmotischen Vorgänge nicht sein. Beachtet
man nun weiter, dass das Baumaterial für die Plasmamem])ran als
Lösung in dem Protoplasma enthalten sein dürfte, so ergeben sich hier-
aus schon eine Reihe von Gesichtspunkten, welche im Vereine mit
anderen Erwägungen wohl im Stande sind, Beurtheilungsmomente und
Angriffspunkte zur Aufhellung der soeben aufgeworfenen Fragen ab-
zugeben.
20. Diosmose durch die Plasmamembran.
Die im physikalischen Theil mitgetheilten Untersuchungen wurden
angestellt, um Gesichtspunkte zur Beurtheilung der osmotischen Vor-
gänge in der lebenden Zelle zu gewinnen, deren Protoplasmakörper,
wie gezeigt ist, mit einer Plasraamembran ^] umkleidet ist, welcher
1) lieber netzförmigen Bau in manchen Protoplaamakörpern vgl. Strasbur-
ger, Studien über Protoplasma 187G, p. 20.
2) Hofmeister, Pflanzenzelle p. 24 u. 360; Strasburg er, Zellbildung u.
Zelltheilung II. Aufl., p 287. — Solche Structurverhältnisse in dem Hyaloplasma
(oder der Plasmamembran) und ebenso besondere Gestaltungen, wiez.B. die Wim-
pern an Scliwärmsporen, hatte ich natürlich nicht nöthig speciell ins Auge zu fas-
sen, während ich die Entstehung der Plasmamembran im allgemeinen verfolgte.
Eine Anzahl thatsächliche Beobachtungen theilt Strasburger in »Studien über
Protoplasma« mit.
3; Sachs (Lehrb. IV. Aufl., p. 41) hält die Hautschicht für die körnchenfreie
Grundsubstanz des Protoplasmas. — Vgl. Strasburger , Studien über Proto-
plasma p. 24.
4; Ich bemerke hier nochmals ausdrücklich, dass es für die osmotischen Vor-
gänge und Leistungen gleichgültig ist , ob das Protoplasma von einer wirklichen
Membran oder von einer peripherischen Schicht anderer Cohäsion umkleidet ist.
155
ähnliche diosmotische Eigenschaften wie gewissen künstlichen Nieder-
schlagsmembranen zukommen. Nach diesen fundamentalen Vorarbeiten
wird es nun die Aufgabe künftiger Forschungen sein, die osmotischen
Vorgänge im Organismus zu verfolgen, um die davon abhängigen Er-
scheinungen auf die causalen Bedingungen zurückzuführen. Zahlreiche
und oft recht schwierige Fragen sind hier zu lösep" welche die wichtig-
sten Probleme der Physiologie berühren, da ja Osmose bei Ernährung,
Wachsthum und noch anderen Vorgängen eine hervorragende KoUe
spielt.
Die Aufgabe der folgenden Abschnitte ist es nun Weit weniger
neue empirische Untersuchungen zu bringen, sondern vielmehr zu
zeigen, in wie weit bekannte Thatsachen eine Erklärung zulassen
und ferner noch offene Fragen zu beleuchten, um so hoffentlich den An-
stoss zu geben, dass auch andere auf einem Gebiete thätig eingreifen,
dessen Ausdehnung die Arbeitskraft eines Einzelnen übersteigt.
Zunächst wollen wir den diosmotischen Austausch von Stoffen ins
Auge fassen und diesen Betrachtungen eine von Zellhaut umkleidete
Zelle zu Grunde legen, in welcher das Protoplasma eine einfache Wand-
schicht bildet. Ein gelöster Körper kann natürlich nur dann in das
Protoplasma gelangen, wenn er durch Zellhaut und die anliegende
Plasmamembran zu diosmiren vermag und um in den Zellsaft zu kom-
men, muss dieser Körper sich im Protoplasma vertheilen und auch die
Plasmamembran durchwandern können, welche das Protoplasma gegen
den Zellsaft hin begrenzt. Diese Abgrenzung ist immer eine ganz voll-
ständige, gleichviel ob das Protoplasma eine einfache Wandschicht bil-
det, in Strängen oder Bändern den Zellraum durchsetzt oder ob der
Zellsaft in zahlreichen Vacuolen vertheilt ist und es bleibt die Sache
deshalb im Princip stets dieselbe, welche Gestaltung der Protoplasma-
körper auch besitzt. Die diosmotischen Eigenschaften der mit Wasser
imbibirten Zellhaut sind erfahningsgemäss derart, dass diese sicher
alle diejenigen Stoffe durchlässt, welche die Plasmamembran zu durch-
wandern vermögen und so gilt hinsichtlich der diosmotischen Aufnahme
in das Protoplasma für eine mit Zellhaut umkleidete Zelle und für eine
Primordialzelle wesentlich dasselbe. Man muss hier übrigens cuticula-
risirte, verkorkte und überhaupt solche Zellhäute ausschliessen, welche
sich mit Wasser kaum oder nur in sehr untergeordneter Weise imbibiren,
denn diese werden allerdings Körpern den Durchtritt verwehren können,
welche durch die Plasmamembran diosmiren.
Die Beweise, dass die Plasmamembran die diosmotischen Eigen-
156
Schäften des Protoplasmas bestimmt, sind früher beigebracht und ebenso
sind schon die Gründe angegeben, warum ein gelöster Körper, falls er
durch die IMasmamembran diosmirt, sich auch im Protojjlasma verbrei-
ten muss, wenn nicht etwa eine chemische Bindung die V^erbreitung
hemmt. Es folgt solches, wie gezeigt wurde, aus den sichtbaren Be-
wegungserscheinungen im strömenden Protoplasma , in welchem auch
indifferente feste Körper durcheinander geworfen werden und ferner aus
dem Umstand, dass der Aggregatzustand des Protoplasmas die diosmo-
tische Ausbreitung von Krystalloiden — und solche allein vermögen die
Plasmamembran zu durchwandern — höchstens bis zu ein^m gewissen
Gpade verzögern . aber nicht aufheben kann. Diese Erwägungen
können durchaus keinen Zweifel lassen, dass gelöste Stoffe, welche
durch die Plasmahaut diosmiren, sich auch nothwendig im Protoj)lasma
verbreiten müssen. Gelöste Farbstoffe, welche durch ihre Vertheilung
solche Ausbreitung direct demonstriren könnten, sind mir als Bestand-
theile des Protoplasmas nicht bekannt. Vielleicht gelingt es aber, was
ich zu versuchen versäumte, Körnchen löslicher Farbstoffe in grössere
Protoplasmakörper, ohne Beschädigung dieser, zu bringen, indem ja
eine erzeugte Verwundung sogleich wieder durch Plasmamembran ge-
schlossen wird. Möglicherweise kann die Art und Weise der Verthei-
lung des Farbstoffes auch anderweitige Aufschlüsse über Aufbau des
lebenden Protoplasmakörpers geben , weil nur ungelöste Proteinstoffe
Farbstoffe aufzuspeichern vermögen. Aus dem Factum, dass Körper,
welche , wie Ammoniak und Salzsäure , die Plasmamembran durch-
dringen, sich auch im Protoplasma sogleich verbreiten, ist eine zwin-
gende Schlussfolgerung in der uns vorliegenden Frage nicht abzuleiten,
da Verbreitung auch dann stattfinden würde, wenn die diosmotischen
Eigenschaften von Plasmamembran und Proto])lasma einfach identisch
wären.
Vielleicht ist es nicht ganz überflüssig hier nochmals hervorzuheben,
dass die todtes und lebendes Protoplasma umschliessende Plasmamem-
branen, soweit Beobachtungen vorliegen, identische diosmotische Eigen-
schaften besitzen und dass diese Identität auch zwischen lebensthätigem
und leblosem Protoplasma besteht. Denn gleiches diosmotisches Ver-
halten zeigen lebende Protoplasmakörper, wie auch aus Protoplasma-
theilen gebildete Vacuolen in jedem beliebigen Zustand der durch
osmotischen Druck bewirkten Ausdehnung und ebenso bleiben die dios-
motischen Eigenschaften unverändert, wenn die Lebensthätigkeit in
irgend einer Weise, z. B. durch Ausschluss von Sauerstoff sistirt wurde.
So weit es sich einfach um Aufnahme oder Nichtaufnahme eines Stoffes
157
in (las Protoplasma liandelt . kommt nur der specifische Aufbau der
riasmamembran und die Lebeusthätigkeit nur insofern in Betracht, als
durch sie der physikalische Aufbau der Plasmamembran Modificationen
erfahren könnte.
Aus Erwägungen, wie sie oben angestellt wurden, folgt mit aller
Strenge, dass das Protoplasma jeden Stoff aufnehmen muss, welcher
durch die Plasmamembran diosmirt und dass weiter ein jeder Köiijer.
falls er im Protoplasma nicht durch Bindung zurückgehalten wird, auch
in den Zellsaft übergehen muss. wenn die diesen begrenzende Plasma-
membrau die Diosmose gestattet. Diese Aufnahme (resp. Abgabe) muss
so lange andauern , als in der Concentrationsdifferenz innerhalb und
ausserhalb der Zelle eine Ursache zu einseitiger diosmotischer Bewegung
gegeben ist. Die Grenze der Aufnahme ist hiermit für einen sich in-
different verhaltenden Körper ebensowohl bestimmt, wie für einen Stoff,
welcher in der Zelle in unlösliche Form gebracht wird, oder überhaupt
geeignete Metamorphosen erfährt, denn für einen solchen Körper muss
die Aufnahme so lange fortdauern, als die Erreichung eines osmotischen
Gleichgewichtszustandes verhindert wird.
Flir obige streng logische Forderungen ist der experimentelle Be-
weis noch nicht erschöpfend geführt worden. Immerhin kann hervor-
gehoben werden , dass erfahrungsgemäss eine Anzahl unorganischer
Stoffe, welche die Pflanze nicht bedarf, in diese aufgenommen werden
und für die keine unlöslichen Salze bildenden Alkalien, wie Caesium.
Rubidium und Lithium kann man mit Gewissheit annehmen, dass sie
sich auch innerhalb der Zelle und nicht nur in der Zellhaut finden.
Auch ist für gewisse Stoffe, welche durch die Plasmamembran diosmiren.
ihre Verbreitung innerhalb der Zelle erwiesen , so für Salzsäure und
für Ammoniak und wie für letzteres, ist auch die Aufnahme des für die
Pflanze entbehrlichen Lithiumcarbonates durch Bläuung rother Zellsäfte
zu constatiren. Freilich sind dieses, wie auch Sublimat und Jod, keine
indifferenten Stoffe, doch vernichten Sehr verdünnte Lösungen der Alka-
lien das Leben nicht, indem Protoplasmaströmung erst gewisse Zeit nach
der Aufnahme dieser Stoffe stille steht und mit deren diosmotischen Ent-
fernung auch baldigst wiederkehrt.
Abgesehen von Farbstoffen und den Körpern, welche ihren Eintritt
durch Keaction im gefärbten Zellsaft kenntlich machen, ist über die
diosmotischen Eigenschaften der Plasmamembran sehr wenig bekannt
und um den Uebertritt kleiner Mengen anderer Stoffe direct feststellen
zu können, reichen auch bisher angewandte Methoden nicht aus. Wäh-
rend längerer Zeitdauer wird aber auch eine geringe Diosmose grössere
158
Mengen eines gelösten Körpers in eine Zelle Schäften können und dieses
um so mehr, als die Fläche der Plasmamembran gegenüber dem gerin-
gen Volumen der Zelle verhältnissmässig gross ist. Die ganze Fläche
der Plasmamembran, soweit diese von der die Zellhaut imbibirenden
Lösung umspült wird, kommt aber flir diosmotische Aufnahme in lebende
Zellen in Betracht. Die Aufnahme anorganischer und organischer Kör-
per in die Zelle ist ja gewiss, aus der Art des Vorkommens ist aber
natürlich nicht zu entnehmen, in welcher Form die Körjjer diosmirten.
Um die Durchlässigkeit des Protoplasmakör])ers in den Zellen der
rothen Rübe gegenüber gewissen Salzen zu prüfen, contrahirte deVries'j
mit Salzlösungen geeigneter Concentration und beobachtete , ob der
Contractionszustand des Protoi)lasmakörpers unverändert blieb. Posi-
tiven Falles wird entweder gar kein diosmotischer Austausch statt-
gefunden haben oder dieser musste zwischen Salzlösungen und Inhalts-
stoflfen der Zelle derart geregelt sein , dass die osmotische Wirkung
beiderseits unverändert blieb. Denn in jedem anderen Falle müsste
sich natürlich der Contractionszustand des Protoplasmas ändern und
eine Volumenzunahme dieses würde immer eine Aufnahme von Salz in
die Zelle anzeigen. Bei erheblicher Aufnahme des Salzes würde der
Protoplasmakörper siiüh endlich wieder der Zell wand anlegen, was in-
dess bei Anwendung verschiedener Salze des Magnesiums. Kaliums und
Natriums de Vries nicht eintreten sah. Da der Zellinhalt lebender
Zellen rother Rüben an Wasser, wenn überhaupt, nur geringe Mengen
seiner Inhaltsstoffe abgibt, so ist soviel nach den Beobachtungen des
genannten Forschers gewiss, dass höchstens geringe Mengen der ange-
wandten Salze diosmotisch in die Zellen drangen. Um hierüber zu
entscheiden, müssten sehr genaue Messungen angestellt werden, welche
de Vries nicht ausführte und die auch thatsächlich verschiedener
Schwierigkeiten halber nicht im Stande sein dürften eine sehr geringe
Aufnahme eines Stott'es in die Zelle zu ermitteln. Die im Princip durch-
aus richtige Methode ist natürlich bei genügendem diosmotischen Aus-
tausch brauchbar und wenn zur Contraction Lösungen colloidaler Körper
angewandt werden . welche die Plasmamembran sicher nicht durch-
dringen, so könnte auch entschieden werden, ob derProtoj)lasmakörper
Inhaltsstoff'e diosmotisch nach aussen abgibt.
Um genau zu prüfen , ob thatsächlich aus rother Rübe gar kein
Zucker diosmirt 2), wurde aus dem Inneni einer zuckerreichen rothen
1) Sur Ia perm^abilit^ du protoplasma des betteravea rouges. Separatabdruck
aus Archives Neerlandaises 1871, Bd. VI.
2) Vgl. Hofmeister, Pflanzeuzeile p. 4.
159
Rttbe ein cylindrisches, etwa 10 Qu.-Ctm. Oberfläche bietendes StUck
herausgeschnitten. Nachdem dieses im Laufe einer Stunde durch
wiederholte Erneuerung des timgebenden Wassers sorgfältigst abge-
waschen war, blieb dieses Stück während 6 Stunden in 100 Cub.-Ctm.
Wasser liegen, welche nach dem Eindampfen auf 4 Cub.-Ctm. und
Aufkochen mit etwas Salzsäure mit Fe h ling'scher Lösung keine Spur
von Zuckerreaction ergaben. Sicherlich kann also Zucker in der Form,
wie er in der Zelle enthalten ist ') , durch die Flasmamembran höchstens
in äusserst geringer Menge diosmiren.
Mit einem solchen negativen Resultate, wie es für Zucker erhalten
wurde , ist die Tödtung von Zellen während der Versuchsdauer aus-
geschlossen und mit richtiger Würdigung der Thatsachen und der Ge-
nauigkeit analytischer Methoden, kann eine solche Controle dazu dienen,
um eine beobachtete diosmotische Ausgabe eines Stoffes über die Zweifel
zu erheben, welche, der möglichen Verletzung von Zellen halber, einem
solchen positiven Resultate ausserdem nothwendig ankleben müssen.
Indem ein Object zunächst in die Lösung eines Stoffes und nach dem
Abwaschen in reines Wasser gebracht wird, kann auf diesem Wege, bei
richtiger Leitung der Experimente, wohl auch über Aufnahme oder
Nichtaufnahme entschieden und wo die Reactionen es erlauben, auch
eventuell eine nur geringe Diosmose festgestellt werden.
Uebrigens sind auch die mikroskopischen Methoden zur Entscheidung
über Stoffaufnahme noch keineswegs erschöpft. Solche werden all-
gemein dann anwendbar sein , wenn ein Körper seinen Eintritt direct
durch eine sichtbare Reaction anzeigt oder auch, wenn dessen Vorhan-
densein in der lebenden Zelle durch nachherigen Zutritt eines anderen
Körpers ermittelt werden kann. Wenn z. B. saue^ reagirender Zellsaft
durch Ammoniak alkalisch gemacht wird, was ohne Vernichtung des Le-
bens möglich ist, so muss sich nothwendig ein Niederschlag bilden, falls
Körper vorhanden sind, welche in saurer, nicht aber in ammoniaka-
lischer Flüssigkeit löslich sind. Doch genug mit diesem Hinweis, da
ich allein das Princip von Methoden andeuten wollte, die, falls sie aus-
führbar sind, bei geschickter Combination und richtiger Auswahl der
Objecte, auch über Vertheilung gelöster Stoffe innerhalb der Zelle, so-
wie über chemische Constitution des Protoplasmas und Zellsaftes gewisse
Aufschlüsse geben dürften.
1) Vgl. Pfeffer, Wanderung organischer Baustoffe in: Landwirthschaftliche
Jahrbücher , 1876, Bd.V, p. 125. — Uebrigens diosmirt Zucker auch durch Ferro-
cyankupfermerabran nur in sehr geringer Menge. Siehe diese Abhandlung p. 48.
160
Die diosmotisclien Eigenschaften sind natürlich von dem jeweiligen
Zustand der Plasmamembran abhängig und es kann nicht a priori be-
hauptet werden, dass dieser immer derselbe ist. Schon bei früherer
Gelegenheit (p. 149) habe ich daraufhingewiesen, wie möglicherweise
die Berührung mit verschieden zusammengesetzten Medien durch Quel-
lung i; oder Schrumpfung, oder wie Infiltrationen modificireud eingreifen
konnten, lieber diese Fragen, welche für Stoffaufnahme und Stoff-
wanderung in concreten Fällen vielleicht von Bedeutung sind, ist eben-
sowenig etwas bekannt, wie über den Einfluss der Temperatur auf die
diosmotischeu Eigenschaften der Membran. Ebenso muss es unent-
schieden bleiben , ob Plasmamembranen verschiedener Zellen immer
identische Eigenschaften besitzen und ob Innen- und Aussenseite an
derselben Membran gleichwerthig sind '^) .
Die Dicke der Plasmamembran, welche nicht in allen Fällen eine
gleiche sein mag. wird zwar nicht in qualitativer, wohl aber in quanti-
tativer Hinsicht auf den diosmotischeu Austausch Einfluss haben und
hierdurch für Aufnahme und Wanderung von Stoffen unter Umständen
in Betracht kommen können. Direct ohne Bedeutung für den dios-
motischeu Austausch wird aber ein stationärer osmotischer Druck in
der Zelle sein, während Schwankungen dieses, falls sie Aufnahme und
Abgabe von Wasser mit sich bringen, vermöge dieser Wasserströmung
etwas fordernd oder hemmend eingreifen können 3) ,
Natürlich sind für Stoffaufnahme und alle damit zusammenhängen-
den Fragen nicht nur die diosmotischeu Eigenschaften der Membran,
sondern auch die Eigenschaften der in Lösung befindlichen Stoffe von
Bedeutung und chemische Metamorphosen dieser Körper, wie sie auch
immer zu Stande kommen, werden die Diosmose einleiten, aufheben
oder modificiren können.
Die Eigenschaften der Plasmamembran, Wunden sogleich wieder
zu schliessen, machen Aufnahme fester Körper in die lebende Zelle
möglich, wie solches ja auch an den Plasmodien von Myxomyceten und
1) Bei gleichzeitiger Behandlung mit etwas Ammoniak und Anilinblau oder
Lakmus drangen diese Farbstoffe, so wenig wie sonst, in die aus Protoplasma von
Yaucheria oder Hydrocharis gebildeten Vacuolen.
2) "Vgl. p. 46. Es könnten auch (ventilartige) Vorrichtungen bewirken, dass
durch Druck Flüssigkeit in einer Richtung, nicht aber in entgegengesetzter Rich-
tung durch eine Membran getrieben wird. Etwas derartiges soll nach Meckel
(citirt in Ranke's Physiologie des Menschen 1872, p. 122; für die Poren im
Schalenhäutchen der Eier zutreffen, indem Flüssigkeit leicht von Schalenseite zur
Eiweissseite, nicht aber umgekehrt filtrire.
3) Vgl. den vorhin citirten Aufsatz in den Land wirthschaftl. Jahrbüchern p. 121.
161
an anderen Objecten beobachtet wurde'). Auch innerhalb der Zelle
dürfte analoges vorkommen, wenigstens scheinen nach Beobachtungen
z. B. Kry stalle und Stärkekörner aus dem Protoplasma in den Zellsaft
und umgekehrt befördert zu M^erden, doch ist noch zu ermitteln, ob
solche Vorgänge eine beachtenswerthe Rolle bei der »Stoffbewegung
innerhalb der Zelle spielen. In dem Protoplasmakörper, welcher mit
Zellhaut umkleidet ist, können durch diese natürlich feste Körper nicht
gelangen, doch wäre es denkbar, wenn es auch unwahrscheinlich er-
scheint, dass ein in Lösung die Zellhaut durchdringender Körj)er, zwi-
schen dieser und der Plasmamembran in unlösliche Form überginge und
in solcher von dem Protoplasma aufgenommen würde.
Im Vorausgehenden wurden die wichtigsten Gesichtspunkte ent-
wickelt, welche für Aufnahme und Ausgabe von Stoffen in Pflanzeu-
zellen in Betracht kommen werden. Diosmotische Bewegung, welche
Erreichung eines Gleichgewichtszustandes anstrebt und Störung dieses
G:^leichgewichtes durch Metamorphosen 2) der diosmirenden Körper, end-
lich specifische diosmotische Eigenschaften von Zellhaut und Plasma-
membran sind im Princip Motoren und Regulatoren der Bewegung und
Ansammlung von Stoffen innerhalb der Pflanze. Die Gesammtheit aller
bekannten physiologischen Thatsachen bietet keine Beobachtung, welche
mit diesen Principien nicht in Einklang zu bringen wäre und das schon
längst erkannte Gesetz '■^) , dass Verbrauch und chemische Metamorpho-
sen die Ursachen der Stoff bewegung sind, ist ja in obigem Ausspruch
eingeschlossen.
Im Speciellen können freilich die bezüglich Stoffwanderung und
Stoffansammlung vorliegenden Thatsachen sehr gewöhnlich nur partiell
oder auch noch gar nicht auf causale Bedingungen zurückgeführt wer-
den, doch sind bis dahin präcis genug gestellte Fragen der Ausgangs-
punkt von Untersuchungen in dieser Richtung noch nicht gewesen und
wesentliche Momente, wie sie durch Aufbau und specifische Eigen-
schaften der Pflanzenzelle gegeben sind, wurden noch nicht genügend
in Rechnung gezogen. In wie weit concrete Fälle eine bestimmte Er-
klärung zulassen, will ich hier nicht erwägen und verweise ich in
dieser Hinsicht auf einige Skizzen in einem anderen Aufsatze *) . Nur
1) Vgl. Hofmeister, Pflanzenzelle 1867, p. 77.
2) Ich nehme dieses Wort hier im weitesten Sinne und verstehe z. B. auch
Fällung durch Entziehung des Lösungsmediums u. s. w. darunter.
3) Siehe Sachs, Experimentalphysiologie 1865, p. 388.
4) Pfeffer, Wanderung organischer Baustoffe in »Land wirthschaftliche Jahr-
bücher« 1876, Bd. V, p. 111 ff.
Pfeffer, Osmotische Untersuchungen. 11
162
einige ganz allgemein gehaltene GrundzUge glaube ich hier mittheilen
zu sollen.
Alle gelösten Körper, welche durch die Plasmamembran diosmiren.
dringen auch durch eine für Wasser imbibitionsfiihige Zell wand, aber
das umgekehrte trifft nicht in allen Fällen zu. In dem Zellhautgerllste
wird sich also ein Körper verbreiten und so in alle Theile einer Pflanze
gelangen können , ohne jemals in das Innere einer Zelle zu dringen
oder, falls nur in einzelnen Zellen die Plasmamembran dem fraglichen
Körper den Durchtritt gestattet, wird dieser auch nur in diese einzelnen
Zellen aufgenommen werden. Wie sich mm ein Körper in der Zelle
oder auch an beliebigem anderen Orte anhäufen kann« wenn die durch
Diffusion undDiosmose angestrebte gleichmässigeVertheilung gehindert
wird, mag ein Beispiel versinnlichen, welches ich schon bei anderer
Gelegenheit zu demselben Zwecke benutzte.
Man bringe ein Zinkblech in eine etwa ans Pergamentpapier ge-
bildete Zelle und tauche diese dann in eine Kupfervitriollösung, so wird
endlich alles Kupfer in der Zelle in metallischer Form enthalten sein
und dieses natürlich auch dann, wenn gleichzeitig andere mit Kupfer-
lösung gefüllte, aber Zink nicht enthaltende Zellen in dasselbe Gefäss
gestellt wurden. Während Kupfer sich ausscheidet entsteht Zinksulfat,
welches durch Diffusion und Diosmose endlich in Aussenflüssigkeit und
den anderen eintauchenden Zellen gleichmässig vertheilt sein muss. So
zeigt dieses Beispiel zugleich, wie ein chemischer Process zur Zurück-
haltung nur eines Theiles der diosmirenden, Verbindung führen kann\i
und es ist klar, dass auch dann die chemische Umwandlung eine totale
werden muss, wenn innerhalb einer Zelle durch chemische Metamorphose
nur solche lösliche Producte entstehen, welche auf diosmotischem Wege
die Zelle wieder verlassen können. Vorgänge, wie sie soeben im Prin-
cip angedeutet wurden, spielen sich auch, das kann aus bestimmten
Thatsachen abgeleitet werden, im pflanzlichen Organismus ab und zwar
in viel complicirterer Weise, als in dem obigen einfachen Beispiele.
Sollen aber Stoffwauderung und die damit zusammenhängenden Erschei-
nungen causal erklärt werden, so muss die Gesammtheit der Vorgänge
innerhalb und ausserhalb der Zellen ins Auge gefasst werden und nicht
minder ist das Zusammenwirken verschiedener Zellen zu beachten, ja
vielleicht kann in derselben Zelle ein endliches Resultat nur durch
Zusammenarbeiten von Zellsaft und Protoplasma erzielt werden. Hier
1) Natürlich wird auch innerhalb der Wandung oder im beliebiger Stelle eine
solche Anhäufung irgend eines Körpers möglich sein.
163
bietet sich ein grosses und mannigfaltiges Gebiet schwieriger, aber
auch höchst wichtiger Fragen dar, deren Beantwortung erst durch zu-
künftige Forschungen möglich sein wird.
Bei allen in der Pflanzenzelle sich abwickelnden Vorgängen ist
wohl zu beachten, dass sie unter besonderen Bedingungen verlaufen,
welche eventuell auf das Resultat von wesentlichem Einfluss sein
können. Ich beschränke mich hier darauf im allgemeinen zu zeigen,
wie speciell Diosmose für chemische Processe bedeutungsvoll werden
kann, ohne auch diesen Punkt nach allen Seiten zu beleuchten. Schon vor
73 Jahren(1803)sprachBerthollet in seinem classischen «Versuch einer
chemischen Statik« die Ansicht aus, dass eine zunächst nur partiell ein-
tretende Reaction bei Entziehung eines der Producte zu einer totalen
Zersetzung führe. Eine solche Entziehung wird nun in manchen Fällen
durch Diosmose möglich sein und dann wird mit Hülfe dieser eine sonst
nur partielle Umsetzung eine vollkommene Zerlegung bewirken können.
So zerlegt, um an einen concreten Fall anzuknüpfen, nach Emmer-
ling') Oxalsäure in wässriger Lösung eine kleine Menge Salpeter und
setzen wir nun den Fall, dass allein die Salpetersäure die Membran pas-
sire, so wird schliesslich nur Kaliumoxalat in der Zelle vorhanden sein,
wenn die Menge der Oxalsäure ausreichend ist und die Salpetersäure
ausserhalb der Zelle in eine relativ unendlich grosse Menge Wasser
diffundirt oder auf irgend eine Weise entfernt wird.
Es ist nun aber wahrscheinlich, dass ganz allgemein in Folge der
Concurrenz der Molecüle — um mich Pfaundler's^) Ausdrucksweise
zu bedienen — eine stärkere Säure partiell durch eine schwächere,
wenn eventuell auch nur in minimaler Menge, aus einem Salze ausge-
trieben wird und es bedarf keiner besonderen Illustration, um einzu-
sehen, wie bedeutungsvoll ein solcher Vorgang innerhalb und mit Hülfe
1) Berichte d. ehem. Gesellschaft 1872, p.78o u. Emmerling's Habilitations-
schrift, Kiel 1874. — Emmerling bestimmte die partielle Austreibung der Sal-
petersäure durch eine auf Diffusion gegründete Methode, andere Forscher wandten
7M analogem Zwecke Ausschüttelmethoden an. Durch solche Methoden, welche
eine Trennung der gelösten Körper herbeiführen, kann natürlich nicht entschieden
werden, wie viel Säure beim einfachen Vermischen der Lösungen ausgetrieben
wird. Um einfach die Existenz solcher Austreibung festzustellen, würden in ge-
gebenen Fällen diosmotische Methoden sicher mit Erfolg angewandt werden
können.
2) Der Kampf ums Dasein unter den Molecülen. Poggendorff's Annalen,
Jubelband, 1874, 182.
11*
164
der Pflanzenzelle werden könnte. Es sei liier daran erinnert, dass
gewisse Säuren, wie Salzsäure und Essigsäure relativ leicht durch die
Plasmamembran diosmiren, doch ist zu erwarten, dass andere Säuren
und namentlich solche mit hohem Moleculargewicht diese Fähigkeit
nicht besitzen. So ist es also auch denkbar, dass freie anorganische
Säuren ') in der Pflanze vorkommen und wirken und solches kann nicht
deshalb als unmöglich erklärt werden, weil Salzsäure lebloses Proto-
plasma coagulirt, da eben mit und durch die Lebensthätigkeit der Ein-
fluss der Säure eliminirt werden könnte, auch wenn diese in das Proto-
plasma eintreten sollte.
Auch schon beim einfachen Auflösen in Wasser tritt paiüelles oder
sogar totales Zerfallen mancher Verbindungen ein und es ist wahr-
scheinlich, dass die meisten Salze, wenn auch manche wohl nur in ver-
schwindender Menge, dissociirt in wässriger Lösung enthalten sind 2) .
Ich habe auch schon in dieser Abhandlung (p. 93) erläutert, wie das
relativ stark dissociirende Eisenchlorid in geeigneter Niederschlags-
membran durch Entfernung von Salzsäure endlich in colloidales salz-
säurehaltiges Ferrihydroxyd verwandelt werden dürfte. In anderen
Fällen vdrd freilich , auch wenn nur eines der Dissociationsproducte
diosmotisch entfernt wird, die Dissociation eines Salzes nur eine be-
schränkte sein können, wenn nämlich mit Anhäufung des in der Zelle
zurückbleibenden Productes die dissociirten Salzmolecüle sich verrin-
gern und endlich zu existiren aufhören. Zu den Körpern, deren Dis-
sociation beim Auflösen so weit geht, dass die Existenz unzerlegter
Molecüle in der wässrigen Lösung sogar fraglich sein kann ■^) , gehören
die sauren Salze, welche ich ihres Verhaltens gegen Pflanzenzellen hal-
ber erwähne. Durch verdünnte Lösungen von Kaliumbioxalat und
ebenso von Kaliumbisulfat werden nämlich blaue Zellsäfte lebender
Zellen schnell geröthet , woraus aber, da ja freie Säure in der Salz-
1) Vielleicht sind Spuren von Lösung, welche ich an Krystallen von Calcinm-
oxalat beobachtete durch kleine Mengen von anorganischen Säuren hervorgebracht.
Ob Calciumoxalat auch in grösserer Menge in der Pflanze aufgelöst wird, muss
erst noch entschieden werden. Vgl. Pfeffer, Proteinkörner u. s. w. in Jahrb. f.
wiss. Bot. Bd. VIII, p. 528. — Freie Salzsäure kommt übrigens im Magensaft der
Thiere vor, wo deren Entstehung übrigens meines Wissens noch nicht genügend
aufgeklärt ist.
2) Vgl. z. B. Naumann, Allgemeine Chemie (Gmelin-Kraut's Handbuch) 1876,
p. 544 flf.
3) Berthelot et St. Marti n in Aunai. d chim. et d physique 1872, IV. ser.,
Bd. 2«. p. 45Ü.
165
lösung besteht, nicht auf diosmotische Aufnahme von Kali geschlossen
werden kann ^) .
Alle äusseren Einflüsse, welche chemische Metamorphosen be-
schleunigen oder- gar erst hervorrufen, können natürlich auch für Stoff-
wandemng und überhaupt für diosmotische Vorgänge bedeutungsvoll
werden und die Wirkung von Wärme und Licht auf Stoffwanderung ist
ja zur Genüge bekannt. Indem diese Imponderabilien den Bewegungs-
zustand der Molecüle und der Bestandtheile dieser erhöhen, werden sie
zunächst auf ein Zerfallen zusammengesetzterer Molecüle hinarbeiten
und unter Mitwirkung der Diosmose wird natürlich Ausgiebigkeit und
Erfolg einer solchen Dissociation in besonderer Weise verlaufen können.
Ohnedies kann eine solche Dissociation schon zu weitgehenden Reactio-
nen Veranlassung werden. So ist, wie schon erwähnt wurde (p. 94),
die im Licht unter Explosion stattfindende Vereinigung von Chlor und
Wasserstofl^ eine Folge der durch Licht bewirkten Zerspaltung einer
Anzahl Chlormolecüle und die Entwicklung von Kohlensäure aus
einem Gemenge von Eisenchlorid und Oxalsäure kommt unter Bil-
dung von Eisenchlorür zu Stande , indem abgespaltene Chloratome
sich mit Wasserstoff verbinden, während der Sauerstoff des zersetzten
Wassermolecüls die Oxalsäure oxydirt^). Diese Beispiele sollten nur
1) Die verhältnissmässig leichte Diosmose vieler Säuren und Alkalien ist be-
achtenswerth, wenn es sich um Aufklärung der Ursache für rothe, resp. blaue
Färbung im Zellsaft handelt.
2) A. Mayer hat in jüngster Zeit behauptet, grüne Pflanzen könnten im Son-
nenlichte auch aus anderem Material als aus Kohlensäure Sauerstoff abspalten
(Landwirth. VersuchsstationenBd. XVIII, 1875, p.438). Unmöglich ist nun freilich
etwas derartiges nicht, indess ist eine andere Deutung derThatsachen, aufweiche
Mayer seine Behauptung stützt, nicht nur näher liegend, sondern hat auch in
diesem Falle eine weit grössere Wahrscheinlichkeit für sich. Es könnte nämlich
der Sauerstoff doch auch von Kohlensäure abstammen, welche nicht als solche im
Gewebe vorhanden war, sondern durch Zerspaltung irgend eines Körpers am Son-
nenlicht gebildet und gleich nach Entstehung im Chlorophyllapparat verarbeitet
wurde. Dass eine solche Sauerstoffbildung auch mit gleichzeitiger Entsäuerung,
welche Mayer beobachtete, verträglich ist, geht aus der im Text erwähnten, vom
Licht abhängigen Oxydation der Oxalsäure zu Kohlensäure hervor. (Vgl. Bec-
querel, La lumi^re 1868, Bd. II, p. 60 und Ar. Müller, Einwirkung des Lichtes
auf Wasser 1874, p. 25, Letztere Schrift erwähne ich, weil sie auch die Literatur
über Einwirkung des Lichtes auf andere Säuren angibt.) Ich wollte hier nur zei-
gen, wie die thatsächlichen Beobachtungen Mayer 'is nicht zu den von ihm gezo-
genen Schlussfolgerungen berechtigen und unbedingt nicht eher berechtigen kön-
nen, bis zweifellos erwiesen ist, dass im Untersuchungsobjecte keine Kohlensäure
durch Sonnenlicht producirt wird. Ein solches negatives Verhalten kann, wie
ich wohl nicht ausdrücklich darlegen muss, auf Grund der mit anderen Pflanzen
angestellten Beobachtungen jedenfalls nicht behauptet werden und ebensowenig
166
demonstriren. wie auf ir^eud eine Weise bewirkte Dissociatiou, selbst
wenn yie an sich nur wenig auspebig- ist, doch weitgehende und ver-
wickelte Zersetzungen herbeizuführen vermag, welche unter den in
wild man sich darauf berufen dürfen, dasa Blätter von Oxalis kein Sauerstoffgas
am Lichte bilden, obgleich sie reich an Oxalsäure sind. Ueberhaupt würde ja in
physiologischer Hinsicht erst in zweiter Linie in Betracht kommen, aus welchem
Materinle die Kohlensäure abstammt und unter welchen Bedingungen die Zerspal-
tuug des fraglichen Stoffes durch Sonnenlicht möglich ist. Man vergesse auch nicht,
dass Kohlensäurebildung durch Zerspaltuug organischer Körper bei der inneren Ath-
mung thatsächlich stattfindet und vermehrt oder auch erst eingeleitet werden könnte,
wenn durch Lichtstrahlen die intramoleculare Bewegung eines Stoffes vergrössert
wird.— Uebrigens ist auch schon einmal vonSchultze (Compt. rend. 1844, Bd. 19,
p. 524) behauptet worden , dass Pflanzen aus verschiedenen organischen Säuren
Sauerstoff produciren könnten, allerdings jedenfalls auf Grund sehr mangelhafter
Versuche, wie Boussingault (ebenda p. 945) leicht darthun konnte.
Anschliessend an die Bedeutung von Dissociationsvorgängen sei mir erlaubt,
einige Worte hinsichtlich der Production organischer Substanz im Chlorophyll-
apparat zu sagen. Reifliche Erwägungen, welche ich hier nicht darlegen will,
machen es mir wahrscheinlich, dass die Sauerstoffentwicklung bei Assimilation die
Folge eines durch Licht bewirkten Dissociationsvorgauges ist und dass der so ent-
standene reducirte Körper unter Oxydation die Bildung organischer Substanz aus
Kohlensäure und Wasser vermittelt. Es scheint mir wahrscheinlich, dass das
Chlorophyll selbst, oder wenigstens ein damit in Zusammenhang stehender Körper,
der dissociirt werdende Stoff ist, welcher sogleich wieder Sauerstoff aus Kohlen-
säure und Wasser an sich reisst und durch die Continuität dieses, vielleicht sehr
verwickelten Vorganges für Production organischer Substanz eine analoge Rolle
spielt, wie die Schwefelsäure bei Production von Aether aus Alkohol. Die Zer-
störung von Chlorophyll bei intensiver Beleuchtung wird so gleichfalls verständ-
lich und wenn diese Zersetzung nicht eine totale wird, so findet dieses seine Ana-
logie darin, dass viele Dissociationsvorgänge nur bis zu einem gewissen Grade
fortgeführt werden.
Die auch jüngst wieder von Sachsse (Chem. Centralblatt 1876, p. 55(») aus-
gesprochene Ansicht, das Chlor( phyll selbst sei Product der Assimilation und aus
der Substanz dieses gingen durch weitere Veränderung und Reduction Kohle-
hydrate hervor, ist mit gewissen physiologischen Thatsacheu unvereinbar. Uebri-
gens ist mit dieser Auffassung in keiner Weise erklärt, wie Licht in chemische
Spannkraft umgesetzt wird und gerade hierin liegt ein wesentliches Moment des
Assimilationsvorganges, das eventuell auch bei der derzeitigen unvollkommenen
chemischen Kenntniss der in Betracht kommenden Körper aufgeklärt werden
kann. Man muss hier wohl beachten, dass nach unserer Auffassung nur ein Pro-
cess, die Dissociatiou, durch das Licht nothwendig bewirkt wird und solche Dis-
sociatiou unter Sauerstoffabspaltung kommt auch zu Stande, indem z. B. Licht
Quecksilberoxyd durch Abspaltung von Sauerstoff partiell zersetzen kann (Bec-
(juerel , La lumiere II, p. 09). Mit Hülfe des so reducirten Körpers (Hg* 0?) wür-
den aber wohl organische Verbindungen, so gut wie mit Hülfe anderer oxydablcr
Körper, aus anorganischen Kohlenstoffverbindungen und Wasser darstellbar sein.
So können wir wenigstens das Princip des Assimilationaprocesses durch bekannte
chemische Vorgänge uns versinnlichen.
167
der Pflanze gegebenen Bedingungen noch weit complicirter ausfallen
mögen. Nicht nur sind in der Pflanze ihrer Structur nach complicirte
und, wie die Erfahrung lehrt, leicht veränderliche Molecüle organischer
Verbindungen vorhanden, sondern es treten noch besondere Verhältnisse
hinzu, unter welchen die specifischen diosmotischen Eigenschaften wohl
auch eine wichtige Rolle spielen dürften. Unter Mithülfe der Diosmose
ist nicht nur eine ausgiebige Zersetzung durch eine an sich unbedeutende
Dissociation möglich, sondeni es ist auch die Möglichkdt gegeben, dass
ein Dissociationsproduct vielleicht erst in einer anderen Zelle zur Wir-
kung kommt und diese Wirkung kann, auch wenn die Quantität des
wirkenden Körpers nur sehr gering ist, doch eventuell eine sehr aus-
gedehnte sein, wie z. B. gewisse Fermente zeigen, welche eine unver-
hältnissmässig grosse Menge eines Körpers chemisch umwandeln kön-
nen .(vgl. p. 94).
Ob und in wie weit der in Pflanzenzellen unter Umständen hohe
hydrostatische Druck die Ausgiebigkeit eines Dissociationsvorganges
beeinflusst, ist nicht bestimmt vorauszusagen und entscheidende Ver-
suche, welche eine Beurtheilung gestatten könnten, liegen nicht vor.
Gestützt auf die von der Theorie geforderte und durch das Experiment
bestätigte Beziehung zwischen Schmelztemperatur und Druck *), dürfte
man wohl erwarten, dass im allgemeinen die dissociirte Menge mit
wachsendem Drucke abnehmen wird, wenn die Dissociation sproducte
ein grösseres Volumen einnehmen als der unzersetzte Körper, während
im umgekehrten Falle die dissociirte Körpermenge mit dem Drucke sich
vermehren würde. Abgesehen von gewissen Bedenken, könnten die
Zersetzungen bei Dissociation mit anderweitigen molecularen Um-
lagerungen verbunden sein, welche ein anderes, als das sonst zn erwar-
tende Resultat herbeiführen. Uebrigens ist wohl anzunehmen , dass
der, gegenüber den Molecularkräften ja immer nur geringe Druck von
einigen Atmosphären, für die Dissociationsvorgänge nicht gerade von
sehr grosser Bedeutung sein dürfte'^) .
1) Siehe Clau sius, DFe mechanische Wännetheorie 1876, Bd. I, p. 172.
2) Auch über den Einäuss eines hydrostatischen Druckes auf die Löslichkeit
fester Körper ist noch nichts bekannt und der hier in Betracht kommenden com-
plicirten molecularen Wirkungen halber, ist auch nicht wohl das zu erwartende
Resultat vorauszusagen. Die Absorption eines Gases wird hingegen nach Henry-
Dalton'schem Gesetz zu beurtheilen sein, falls das Gas in der Zelle producirt
wird. Nur in diesem Falle ist eine grössere Anhäufung gelösten Gases zu erwar-
ten und der diosmotische Austausch mit der an dem Protoplasmakörper stossen-
den gasärmeren Aussenflüssigkeit wird fortwährend dahin zielen, die im Zellinhalt
168
21. Druckverhältnisse in der Zelle.
Die osmotischen Leistungen der Zellinhaltsstoffe werden, wie schon
gezeigt wurde, durch die Plasmamembran, nicht durch die Zellhaut be-
stimmt. Dieses folgt ja mit Nothwendigkeit aus der Ueberlegung, dass
die nicht diosmirenden luhaltsstoffe nur mit der Plasmamembran in Con-
tact kommen und die Osmose nur durch auf unmessbare Entfernung
wirkende Molecularkräfte hervorgebracht wird. Die Erfahrung zeigt
denn auch, wie derTurgor einer Zelle sofort sinkt, wenn durch Tödtung
der Zelle die Continuität der Plasmamembran unterbrochen wird, eben
weil die Inhaltsstoffe in der Zellhaut nur sehr geringe osmotische Druck-
höhe bewirken ') . Die trotz der stark verdünnten Lösungen in Pflanzen-
zellen unter Umständen sehr hohen hydrostatischen Druckkräfte waren
deshalb auch ganz unverständlich, so lange man, wie es bislang aus-
nahmslos geschah, die Bedeutung der Plasmamembran übersah und nur
die osmotischen Druckversuche im Auge hatte, welche mit Zellhaut oder
ähnlich wirkenden Membranen angestellt waren.
Wie in unseren Apparaten die Thonzelle, so ist in der Pflanzen-
zelle die Zellhaut Widerlage für die Plasmamembran, welche den Proto-
plasmakörper nach aussen abgrenzt und welche so im Verbände mit
der widerstandsfähigen Zellhaut hohe hydrostatische Druckkräfte ent-
wickeln kann. Wo Zellsaft vorhanden, trennt diesen eine Plasma-
membran vom Protoplasma, welches auch hier seine osmotische Wirkung
geltend macht, der jedoch eine gleiche, aber entgegengesetzte Druck-
kraft durch osmotische Leistung des Zellsaftes entgegentritt. In rein
formeller Hinsicht würde dieses Einschachtlungssystem einer Thonzelle
mit aufgelagerter Niederschlagsmembran gleichen , innerhalb welcher
eine zweite kleinere Zelle mit anderem Inhalt frei schwebt. Würde
dieser höhere osmotische Wirkung hervorbringen, so muss die Nieder-
schlagsmembran — Bedingungen zur Membranbildung vorausgesetzt
— so lange in die Fläche wachsen, bis durch Verdünnung ihres Inhal-
tes und gleichzeitige Concentrirung der sie umgebenden Flüssigkeit
innerhalb und ausserhalb der frei schwebenden Zelle ein gleicher osmo-
gelöste Gasmenge zu vermindern und den üblichen diosmotischen Gleichgewichts-
zustand herzustellen. — Auch mit der Verdünnung einer Lösung ändert sich die
procentische Menge des im dissociirten Zustande befindlichen Körpers. Das bis
dahin bekannte ist von Naumann zusammengestellt. Siehe dessen Allgemeine
Chemie 1876, p. 547 flf.
1) Vgl. z. B. Pfeffer, Physiol. Untersuchungen 1873, p. 140.
169
tischer Druckzustand hergestellt ist und ganz dasselbe gilt auch für die
Zellsaft und Protoplasma trennende Plasmamembran. Ganz analog
verhält es sich aber auch mit anderen Gebilden, die wie z. B. die Gerb-
säurekugeln von einer wachsthumsfähigen Niederschlagsmembran um-
kleidet sind, gleichviel ob solche abgegrenzte Gebilde im Protoi)lasma
oder im Zellsaft liegen.
Was soeben bezüglich des Zellsaftes und anderer durch eineNieder-
schlagsraembran innerhalb der Zelle abgegrenzter Theile gesagt wurde,
ergibt sich aus früheren Erörterungen so bestimmt, dass eine sjjecielle
Beweisführung hier nicht mehrnöthig ist. Uebrigensmüssteja auch der
Zellsaft d\irch den Druck , welchen eine elastische gespannte Zellhaut
auf den Protoplasmakörper ausübt, durch das für Wasser leicht per-
meable Protoplasma nothwendig hindurchgepresst werden, wenn dieses
nicht durch entsprechenden Gegendruck verhindert würde und ein solcher
Druck kann im Zellsaft natürlich nur durch osmotische Wirkung erzeugt
werden. Die im Protoplasma gelöst enthaltenen Stoife müssen natürlich
auch einen ihrer Leistung innerhalb der Plasmamembran entsprechen-
den osmotischen Druck zu Stande bringen, doch muss hier auch in Er-
wägung gezogen werden, ob und in wie weit der Protoplasmakörper
vermöge seiner specifischen Structur und Eigenschaften andere als os-
motische Druckkraft zu entwickeln vermag. Solches ist in der That
der Fall, doch sind diese Druckkräfte, wie in Folgendem gezeigt wer-
den wird, gegenüber den hydrostatischen Druckkräften nur gering und
kommen wohl für Gestaltänderung des Protoplasmakörpers, nicht aber
für den unter Umständen sehr hohen Druck in Betracht, welchen der
Zellinhalt gegen die Zellhaut ausübt. Im voraus sei hier bemerkt, dass
auch die wachsthumsfähige Plasmamembran, selbst wenn sie gekrümmte
Flächen von sehr geringem Radius bildet, doch Druckkräften keinen
erheblichen Widerstand entgegenzusetzen vermag.
Ein gegen wasserreiches Protoplasma ausgeübter Druck wird, wie
der Erfolg zeigt, jedenfalls ziemlich gleichmässig fortgepflanzt und dass
in dieser Hinsicht sich Protoplasma annähernd wie ein zähflüssiger
Körper verhält, ist wohl nie angezweifelt worden. Einem leichten,
mit einem Haar bewirkten Druck geben z. B. Plasmodien von Myxomy-
ceten nach und der sofortige Rückgang auf die zuvorige Gestalt, sobald
der Druck aufgehoben wird, zeigt, wie trotz derPressungdieim lebcns-
thätigen Protoplasma wirksamen gestaltenden Kräfte fortdauerten.
Das Fortströmen des Protoplasmas von der gepressten Stelle nach Orten
geringeren Widerstandes demonstrirt zugleich die hydrostatische Fort-
pflanzung des Druckes. Analoge Erscheinungen sind aber auch am
170
ProtO[)Iasni;i andover l'fian/en als Folge einer beliebigen Druckwirkung
zu beobaditeii. Auch das Hinstreben zur Kugelform, welches sich im
Trotoplasma allgemein geltend macht, zeigt, wie nicht nur ein Druck
hydrostatisch fortgepflanzt wird, sondern auch, dass weder das Innere
des Protoplasmas, noch seine pcrij)heri8che Umkleidung einen Wider-
stand entgegensetzen, welcher dem Cohäsionszustand eines festen Kör-
pers entsprechen würde.
Der Aggregatzustand und die Widerstandsfähigkeit einer wirk-
lichen Gallerte kann dem Protoplasma, wie u. a. die Strömung in Folge
eines Druckes zeigt, nicht zukommen, sicher wenigstens nicht seiner
ganzen Masse nach. Sollte aber eine relativ consistentere Hubstanz ein
Balkennetz im Protoplasma bilden, so kann dieses Netz, der namhaft
gemachten Thatsachen halber, erhebliche Festigkeit jedenfalls nicht
besitzen und demgemäss auch nicht durch Quell ung oder auf andere
Weise Druckkräfte von mehreren Atmosphären entwickeln, wie sie im
Protoplasma thatsächlich gefunden werden. Es kommt hier, wie auch
im Folgenden, nur das Verhalten des lebenden Protoplasmakörpers in
Betracht und es ist für die hierauf zu bauenden Schlussfolgerungen ohne
Bedeutung, wenn irgend eine Orundmasse des Protoplasmas für sich
zwar festere Consistenz besässe , im lebenden Protoplasma aber,
etwa aus analogen Gründen wie die Plasmamembran, jedem Zuge und
Drucke nachgeben würde. Aus den gesamniten geltend geraachten
Thatsachen folgt mit Noth wendigkeit, dass ein irgend erheblicher Druck
im Protoplasma nur auf osmotischem Wege zu Stande kommen kann.
Feste und quellungsfähige Körper werden eine Rolle mitspielen können,
wenn sie nur Wasser imbibiren und so eine Concentration der osmotisch
wirksamen Lösung herbeiführen. Auch dann können solche feste Kör-
per für locale Druckwirkungen in Betracht kommen, wenn sie z. B. im
wenig mächtigem Wandprotoplasma zwischen die beiden Plasmamem-
branen eingezwängt sind.
Die obigen Erwägungen siud für die gezogenen Schlussfolgerungen
zwingend genug, um hier auf anderweitige Argumentation verzichten
zu können. Auch ist mit dem Hinweis auf das Hinstreben zur Kugel-
form eigentlich schon gesagt , warum nicht der Cohäsionszustand des
Protoplasmakörpers, also auch nicht der der Plasmamembran ausreicht,
um selbst bei sehr starker Krümmung erheblichen Widerstand leisten zu
können, welcher, ceterisparibus, demliadius umgekehrt proportional ist').
1) Pfeffer, Peiiudiache Bewegungen 1875, p. 114.
171
Die möglichste Anuäherimg- au die Kugelgestalt, welche nicht lebens-
thätiges Protoplasma ergibt, sowohl wenn es eine continuirliche Masse
als auch wenn es eine Mantelschicht um Zellsaft bildet, beweist eben,
dass weder Protoplasma, noch Plasmamembran erheblichen Dehnungs-
widerstand leisten , denn sonst würde eine Gleichgewichtsfigur erreicht
sein, ehe für jeden Punkt der Oberfläche die Summe der reciprocen
Werthe der Hauptkrümmungsradien dieselbe, d. h. ehe der Körper in
diesem Falle eine Kugel wurde'). Uebrigens kann unsere Schluss-
folgerung bezüglich des Dehnungswiderstandes auch aus Ausdehnung
und Zusammenziehung von Protoplasmakörpern bei nur geringem Wech-
sel in der Concentration des umgebenden Mediums abgeleitet werden
und für die Plasmamembran ist ja schon früher gezeigt, wie eine nur
geringe dehnende Kraft Flächenwachsthum hervorruft. Der Gedanke,
es möchte eine Wandschicht aus Protoplasma, ähnlich wie ein Gewölbe,
einem darauf lastenden Druck Widerstand leisten, resp. durch Quellung
höheren Druck erzeugen, wird, soweit es sich um anderen als osmoti-
schen Druck handelt, sofort durch obige Erörterungen widerlegt.
Uebrigens gibt es auch Objecte, bei denen das Protoplasma von ebenen
Flächen begrenzt wird , mit welchen parallel oder gegen welche der
Druck elastisch gespannter Zellhaut wirkt.
Geringe Druckwirkungen müssen allerdings im Protoplasmaköi-per
auf andere Weise als durch osmotische Wirkung entstehen, wie aus
Gestaltänderungen des Protoplasmas gefolgert werden kann. Mecha-
nische Ursachen für Entstehung irgend einer Hervorragung am Proto-
plasmakörper kann entweder eine örtlich gesteigerte Druckwirkung
oder ein verminderter Widerstand der peripherischen Schicht sein, wel-
cher sowohl durch ungleiche Mächtigkeit oder Qualität, als auch durch
local begünstigte Wachsthumsbedingungen der Plasmamembran (resp.
des Hyaloplasmas) zu Stande kommen könnte. Die Erfahrungen über
das Streben des Protoplasmas kugelige Form anzunehmen, machen es
von vornherein höchst unwahrscheinlich, dass, wenigstens an in Wasser
liegenden Objecten, ungleiche Widerstandsfähigkeit der peripherischen
Schicht Veranlassung zum Hervortreiben von Hügeln oder zu anderen
Gestaltsänderungen am Protoplasmakörper werde. Eher möchte viel-
leicht eine local verschiedene Widerstandsfähigkeit der peripherischen
Schicht bei in Luft befindlichen Plasmodien der Myxomyceten in Be-
tracht kommen, aber falls solches zutreffen sollte, die wesentliche Ur-
sache der gestaltlichen Aenderung dieser Objecte liegt nicht in solchem
1) Vgl. z. B. WüHuer, Physik II. Aufl., Bd. I, p. 275.
172
differenten Widerstände. Es ist dieses aus verschiedenen Thatsachen
bestimmt abzuleiten, von denen ich hier nur das Fortströmen von
bewegungslahigem Protoplasma aus den consistenteren peripherischen
Schichten erwähne, welche dabei entleert zurückbleiben können.
Ich unterlasse es , weitere Thatsachen beizubringen , welche in
gleicher Weise zeigen, dass Ausbauchungen u. s. w. durch im Proto-
plasma entwickelte und local wirkende Druckkraft hervorgetrieben
werden. Eine solche Druckkraft muss übrigens nur sehr gering sein,
denn sie hat ja wesentlich nur die von der peripherischen Schicht des
Protoplasmas ausgehenden Widerstände (Cohäsion, Hinstreben zur
Kugelform) zu überwinden ; im übrigen aber reicht ein ganz geringer
einseitiger Ueberdruck aus , um auch gegen Zellsaft , welcher unter
hohem Druck steht, Protuberanzen hervortreiben zu können, indem ja
zu beiden Seiten der Plasmamembran fortwährend gleicher osmotischer
Druck bestehen bleibt. Solche Druckkräfte dürfen vermöge der Struc-
tur des Protoplasmas, etwa durch einseitig geförderte Quellung zu
Stande kommen, ohne in Widerspruch mit der früheren Schlussfolgerung
zu treten, welche osmotische Entstehung ja nur für etwas erheblichere
Druckwirkung fordert. Uebrigens wird auch eine gegen einen Punkt
gerichtete Protoplasmaströmung die zu gewisser Ausbauchung an dieser
Stelle nöthige Arbeit leisten können.
Protoplasmaströmungen, gleichviel wie sie entstanden sind, müssen
natürlich eine gewisse mechanische Wirkung ausüben, welche übrigens
in allen Fällen einem nur sehr geringen Drucke gleichkommt, wie uns
eine einfache Betrachtung zeigen kann. Nach Toricelli's Theorem
ist die Höhe {/i) einer Flüssigkeitssäule , welche eine bekannte Aus-
flussgeschwindigkeit [v] erzeugt /*=-s — und durch diese Höhe wird
natürlich auch der Druck bestimmt, welcher entstehen würde, wenn die
ganze lebendige Kraft eines Flüssigkeitsstromes in mechanische Arbeit
verwandelt würde.
Nach der von Hofmeister') gelieferten Zusammenstellung er-
reicht nun keine Protoplasmaströmung eine Geschwindigkeit von 1 Mm.
in der Sccunde und wenn wir diesen zu hohen Werth annehmen, ergibt
sich h = ^^qt^ = 0,000051 Mm. , d. h. mit der angenommenen 6e-
schwindigkeit strömendes Protoplasma würde im höchsten Falle einen
1) Pflanzcnzelle l%7. p. 48. Die grösstc Schnelligkeit ergab Didymium Ser-
pula mit 10 Mm. in der Minute; die Bewegungen in den Staubfadenhaaren von Tra-
descantia erreichen nicht einmal 1 Mra. pro Minute.
173
Druck hervorbringen können gleich dem Drucke einer 0,00005 Mm.
hohen Fltissigkeitssäule aus Protoplasma, welcher ein ungemein gerin-
ger ist, selbst wenn das specifische Gewicht des Protoplasmas wesent-
lich höher, als das des Wassers sein sollte. Thatsächlich fällt die
durch Strömung mögliche Druckwirkung immer noch weit geringer aus
und so hat es denn auch keinen Werth durch Rechnung zu zeigen, wel-
chen Druck z. B. eine rotirende Protoplasmaströmung von bekannter
Schnelligkeit und bekannter Krümmung der Bahn gegen die Zellwand
ausübt. Bemerkenswerth ist aber, dass selbst der durch verhältniss-
mässig langsame Strömung hervorgebrachte Druck im Stande ist, erheb-
liche Aussackungen am Protoplasma zu erzeugen, wie nicht selten da
zu beobachten ist, wo eine Stauung, z. B. durch sehr starke Krümmung
der Strombahn, veranlasst wird. Es zeigt dieses evident, wie eine un-
gemein geringe Druckkraft zur Formänderung eines Protoplasmakörpers
ausreicht.
Gleichviel ob nun das Protoplasma eine einfache Wandschicht bil-
det, in Strängen und Bändern den Zellraum durchsetzt oder sonst irgend
eine Form besitzt, das Princip der Gleichheit von Wirkung und Gegen-
wirkung muss nothwendig immer gewahrt sein und welcher Art auch
bewegende Kräfte und Widerstände sind, für den statischen Zustand
muss die Resultante der nach den drei Raumdimensionen genommenen
Componenten für jeden Punkt der Oberfläche Null als Summe ergeben.
Meine Absicht ist es nicht zu beleuchten, in wie weit sich die Mechanik
von Gestaltungsvorgängen im Protoplasmakörper nach diesem Princip
erläutern lassen und ebensowenig liegt es in meinem Plane, die gestal-
tenden Kräfte selbst und die Ursachen von Protoplasmaströmungen einer
Discussion zu unterziehen, welche bei der heutigen Saclilage doch zu
keinem befriedigenden Resultate führen könnte.
Die Discussion über mechanischen Widerstand und mechanische
Leistungendes Protoplasmas wurde absichtlich, so weit als möglich, ohne
bestimmte Vorstellung über die Structur geführt. Was den Aggregat-
zustand anbelangt, so kann dieser, wie auch andere Autoreu schon fol-
gerten, sicher nicht der einer Flüssigkeit sein, welche einen Druck voll-
kommen hydrostatisch fortpflanzt. Andererseits bedarf es aber nur
einer in geringem Grade von einer Flüssigkeit abweichenden Cohäsion.
um auf einen Punkt einen so geringen Ueberdruck ausüben zu können,
wie er nöthig ist, um gestaltliche Aenderungeu des Protoplasmas zu
Staude zu bringen : der Aggregatzustand eines nur ein wenig gelatinösen
174
Körpers würde in dieser Hinsicht Genüge leisten können ') . Mit sol-
chem Aggrepit/ustand ist sowohl die Senkung speeifisch schwerer Kör-
per vertriiglich '^ , wie auch die .Suspension im specifischen Gewichte
nicht zu sehr abweichender Körper. Letztere hält übrigens auch schon
in zähflüssigem Schleim sehr lange an und kann dann dauernd werden,
wenn Bewegungsvorgänge, wie sie im Protojjlasma thätig sind, immer
von neuem Vertheilung bemrken.
Ob nun der Protojjlasmakörper, abgesehen von der peripherischec
Umkleidung, eine wesentlich homogene Masse darstellt oder immer von
einem Balkennetze einer Grundmasse durchzogen ist ^) , lässt sich noch
niclit sicher entscheiden, jedenfalls besitzt aber eine schwammige Ge-
staltung der Protoplasmakörper da, wo in demselben nicht unmittelbar
zum Protoplasma gehörige Körper vertheilt sind. Doch auch ohne
Entscheidung über diese Frage folgt aus den thatsächlichen Beob-
achtungen , dass weder dem ganzen Protoplasmakör])er , noch einer
eventuellen Grundmasse in diesem dieWiderstandsfähigkeit eines wirk-
lich festen Körpers zukommen kann *) . Freilich ist damit noch nicht
ausgeschlossen, dass die Grundraasse an sich zwar ein fester Körper
ist, aber im lebenden Protoplasma eine leichte Verschiebbarkeit con-
stituirender Theilchen aus analogen Gründen gestattet, wie wir sie für
die Plasmamembran kennen lernten.
Bewegungsvorgänge können wohl zu Schlüssen hinsichtlich der
Structur des Protoplasmas dienen, die Structur selbst aber wird in
unserer Vorstellung an einen statischen Zustand im Protoj)lasma ge-
knüpft sein. Es ist dieses öfters von Autoren bei Argumentationen über
die Structur des l'rotoplasmas vernachlässigt worden, ebenso wie auch,
dass wechselnde Gestaltung des Protoplasmakörpers ohne Vaiiation der
Resultanten aus Triebkraft und Widerständen unmöglich ist. So ist
z. B. auch jüngst wieder diesen fundamentalen Principien beiBeurthei-
lung der Kugelgestaltung des Protoplasmas von Veiten (1. c.) keine
1) Hpcciclle Untersuchungen würden wohl über den Cohiisionsznatand des
lebenden Protophisma besseren Aufschluss geben können. Ich erinnere z. B.
daran, dass in Primordialzellen eine gewisse Cohäsion unvermeidlich ist, wenn der
Widerstand der peripherischen Schichten als verschwindend und zujifleich die
Kxisteuz einer gewissen (»snintisclien Wirkung nachgewiesen wird.
2) Vgl. Nägeli u. Seh wendeuer, Mikroskop, IStiT, p. ;}S2.
3) Solcher net/IVinnige Bau ist vereinzelt beobachtet worden. Siehe Stras-
burger, Zellbildnng und Zelltheilung. II. AuH., p. 2(» und Studien über Proto-
plasma 1870, p. 2(1.
4) Veiten (Bot. Ztg. 1876, p. 327) nimmt einen Körper von festem Aggregat-
zustand im Protoplasma an. In der mir allein bekannten vorläufigen Mittheilung
hat der Autor die (gründe für diese Annahme nicht dargelegt.
175
Rechnung getragen, so weit sich wenigstens nach der mir vorliegenden
Notiz beurtheilen lässt. Wie wir die Eigenschaften des wasserreichen
Protoplasmas kennen, ist das Hinstrehen zur Kugelform stets ebenso
sicher vorhanden, als zwischen den constituirenden Theilchen Molecular-
kräfte thätig sind, die jeweilige Fonn des Protoplasniakörpers ist ja
aber das Resultat aus diesen Bestrebungen und anderen Wirkungen.
Kehren wir nun zur Betrachtung der Druckzustände innerhalb der
Zellen zurück. Es ist früher gezeigt, wie und warum in unseren
Niederschlagsmembranen, bei gleicher Concentration der Lösungen,
Krystalloide eine ganz unverliältnissmässig höhere Druckkraft hervor-
brachten als Colloide (p. 73) und so muss natürlich , um osmotisches
Gleicbgemcht zwischen Körpern beider Kategorien herzustellen, die Lö-
sung eines Colloides viel concentrirter genommen werden, als die Lösung
eines Krystalloides. Die nöthige Concentrationsdifferenz ist nicht allein
von der Natur der angewandten Körper und den specifischen diosmoti-
s eben Eigenschaften der Membran, sondern auch von dem Concentrations-
grade der Lösungen abhängig, da dieser und die Druckhöhe nicht in
einem einfachen Verhältnisse stehen. Wahrscheinlich nimmt im all-
gemeinen, von einer gewissen Dichte der Lösung ab . die Druckhöhe
schneller zu als die Concentration, während unterhalb dieser Dichte
sich die Sache gerade umgekehrt verhalten kann, wie in auffallender
Weise die Versuche mit arabischem Gummi in Membran aus Ferrocyan-
kupfer ergaben.
Der Zellsaft ist meist eine verdünnte Lösung von Salzen, welche
aber eine gleiche osmotische Wirkung wie das substanzreiche Proto-
plasma hervorzubringen hat. In diesem sind nun |*roteinstoffe verhält-
nissmässig reichlich enthalten, Colloide, welche, nach ihrer auffallend
langsamen Diffusion zu urtheilen, immer nur geringe osmotische Druck-
höhen erzeugen werden, wie es auch Versuche mit flüssigem Leim und
Conglutin ergaben (p. 74) . Es werden demgemäss gelöste Proteinstoflfe
in erheblicher Concentration im Protoplasma enthalten sein können,
selbst dann noch, wenn andere im Protoi)lasma gelöst enthaltene Stoife
eine osmotische Leistung hervorbringen, welche nicht allzuviel hinter
der des Zellsaftes zurückbleibt. Weil aber unbekannt ist, in wie weit
andere osmotisch wirksame Körper sich im Protoplasma finden, kann
natürlich nicht gefolgert werden, dass die eiweissartigen Stoffe im Proto-
plasma eine concentrirte Lösung bilden müssen. Uebrigens sprechen
176
Beobachtungen, wie die Erscheinungen bei Coagulation, dafür, dass in
der 'l'hnt gehiste Proteinstoffe im Pr(»toplasma in erhe})licher Menge ent-
halten sind. In gleicher Weise ist es nun ohne weiteres verständlich,
warum die colloidale Gerbsäure in denGerbsäurekugeln in relativ hoher
Concentratiou enthalten ist') und umgekehrt folgt {^^^ diesem Factum,
dass die osmotische Wirkung der Gerbsäure in der sie umkleidenden
Membran nur gering ist und femer, dass der Gerbsäure krystalloide
Körjjer nicht in erheblicher Menge beigemengt sein können. Ebenso
wird eine erhebliche Beimischung von Colloideu zum Zellsaft die osmo-
tische Leistung dieses vielleicht nur wenig steigern'^;. In Ferrocyan-
kupfermembrau wurde z. B. durch eine 6procentige Lösung von ara-
bischem Gummi ein osmotischer Druck von 26 Ctm. Quecksilber
erzeugt, während eine nur Iprocentige Lösung von Kalisulfat eine
osmotische Leistung von 192 Ctm. ergab.
Wenn zwei oder mehrere Körper sich nicht zersetzen, so wird die
osmotische Leistung einer Lösung wohl nicht viel geringer sein, als
die Summe der Wirkungen, welche die einzelnen Körper im isolirten
Zustand ergeben (p. 67). Solches gilt natürlich nicht mehr, sobald
chemische Umsetzungen ins Spiel kommen, und wenn z. B. ein Kry-
stalloid zu einem Colloide würde, so könnte die osmotische Leistung
der gemischten Lösung vielleicht sich in sehr hohem Maasse vermin
dem. Ob solches z. B. bei Verbindung gewisser Salze mit Eiweiss-
stoffeu eintritt, kann ich nicht sagen, wie dem aber auch sei, aus der
einfachen qualitativen und quantitativen Kenntniss der Aschenbestand-
theile des Protoplasmas wird man nicht auf die osmotische Leistung
dieser im Protoi)lasma schliessen dürfen. Wohl aber würde eine Kennt-
niss aller gelösten Stoffe, ihrer osmotischen Einzelwirkung und der os-
motischen Leistung der gemischten Lösung eventuell zu Schlüssen über
Constitution der Körper in der Lösung führen können. Eine von solchen
Gesichtspunkten geleitete Forschung könnte wohl zunächst unter Zu-
hülfenahme unseres osmotischen Apparates zur Entscheidung rein che-
mischer Fragen Verwendung finden.
Den höchsten osmotischen Druck übt der Inhalt einer Zelle gegen
die Zellwandung natürlich dann aus, wenn diese mit reinem Wasser
1) Pfeffer, Physiol. Untersuchungen 1873, p. 12.
2) In nianchon butanischen Schriften zieht sich die Annahme, die Colloide er-
zeugten hohen Turgor, wie eiii Dogma hin. Beweise dafür sind aber niemals boi-
gobraclit wurden.
177
imbibirt ist. Tritt an dessen Stelle eine Lösung , so vermindert sieh
entsprechend der auf der Zellwand lastende osmotische Druck und wird
Null, wenn die die Zell wand imbibirende Lösung in Contact mit der
Plasmamembran gleiche osmotische Wirkung wie die Inhaltsstoffe des
Protoplasmas hervorbringt. Weitere Concentration der Aussenflüssigkeit
contrahirt dann in bekannter W^eise den Zellinhalt bis zu dem Grade,
wo wieder osmotisches Gleichgewicht in Folge der durch Volumabnahme
bedingten Concentration des Protoplasmas und des Zellsaftes hergestellt
ist. Protoplasma und Zellsaft, und ebenso innerhalb dieser in einer
Membran eingeschlossene Lösungen müssen ihr Volumen immer derart
verändern, dass sich die zu beiden Seiten der Membran thätigen osmo-
tischen Wirkungen im Gleichgewicht befinden. Da aber Concentration
und Druckhöhe nicht in einem einfachen Verhältnisse stehen, so kann
die Volumabnahme eine ungleiche sein und falls im Protoplasma eine
Lösung von hoher Concentration vorliegt, so ist nach dem vorhin Ge-
sagten einige Wahrscheinliclikeit vorhanden , dass das Volumen des
Protoplasmas in geringerem Grade als das des Zellsaftes abnimmt. Wie
der rasche Verlauf der Contraction zeigt, bewegt sich Wasser mit
Schnelligkeit durch die Plasmamembranen, jedoch anscheinend nicht
schneller als durch künstliche Niederschlagsmembranen ; wenigstens
schrumpfen mikroskopische Zellen aus gerbsaurem Leim in Zucker-
lösung mit grosser Schnelligkeit. Die vollkommen freie Fläche der
Membran wird allerdings die Wasserbewegung begünstigen (vgl. p. 59),
doch muss man auch wohl beachten wie an diesen kleinen Objecten
das Verhältniss zwischen Rauminhalt und Oberfläche zu Gunsten dieser
letzteren gestaltet ist.
Eine Lösung, welche eine gerade bemerkliche Abhebung des Proto-
plasmas von der Zellwaud bewirkt, wird in der Plasmamembran eine
nur um ein geringes höhere Druckwirkung hervorbringen, als sie der
Inhalt der Zelle gegen die mit Wasser imbibirte Zellwandung ausübte.
Vorausgesetzt ist hierbei, dass der von der Zellwandung umschlossene
Raum bei der Contraction des Protoplasmas unverändert blieb, beide
Seiten der Plasmamembran osmotisch gleichwerthig sind und Stoffe
durch die Plasmamembranen nach keiner Richtung diosmiren, was z. B.
bei Anwendung von Zuckerlösung mindestens äusserst annähernd er-
reicht ist. Auf solche Weise lässt sich nun freilich der in einer Zelle
bestehende Druck nicht ermitteln, so lauge wir von keinem Stoffe seine
osmotische Leistung in einer Plasmamembran kennen und es wird des-
halb vielmehr die Aufgabe sein, diese Leistung für einen Körper zu
Pfeffer, Osinotiscbe Uiiteisiiehungen. 12
178
bestimraen, indem der Druck des Zellinhaltes gegen die Zellwandung
und die zur Aufhebung dieses Druckes nöthige Concentration einer
Lösung von Zucker oder einem anderen Stoffe festgestellt wird.
Um 80 vorzugehen fehlen zunächst noch genügend exacte Bestim-
mungen des von der Zellwand getragenen osmotischen Druckes. Ist
aber die osmotische Leistung eines Körpers in der Plasmamembran in
der angegebenen Weise einmal ermittelt, dann wird es möglich den in
einer Zelle herrschenden osmotischeij Druck durch Feststellung der zur
beginnenden Contra ction des Protoplasmas nöthigen Concentration der
fraglichen Lösung zu bestimmen. Freilich muss dann für diesen Kör-
per noch die Beziehung zwischen Concentration und Druckhöhe bekannt
sein und ausserdem müssten sich die Plasmamembranen verschiedener
Zellen identisch verhalten. Beides dürfte wohl durch Ausdehnung der
zur Ermittelung der osmotischen Leistung geeigneten Experimente auf
eine grössere Zahl vonObjecten bis zu einem gewissen Grade festgestellt
werden können.
Da gleiche Contraction an demselben Objecto gleiche osmotische
Leistung des angewandten Mediums anzeigt, so wird durch die zu glei-
cher Contraction nöthige Concentration der Lösungen verschiedener
Körper, die relative Menge dieser bestimmt, welche in der Plasmamem-
bran denselben osmotischen Druck erzeugt ') . Die so gefundene Relation
wird aber nicht dieselbe bleiben müssen, wenn die Dichte der Lösungen
verändert wird, da ja Concentration und Druckhöhe nicht in einem ein-
fachen Terhältniss und bei verschiedenen Körpern in, ungleicher Weise
zunehmen. Wenn aber die an einem Objecte ermittelte Scala bei einer
anderen Pflanze ebenfalls gleiche Contraction hervorbringt, so wird da-
durck in hohem Grade wahrscheinlich werden, dass die osmotischen
Leistungen dieser Plasmamembranen überhaupt identische sind, üebri-
göns ist es an sich wahrscheinlich, dass die von derselben Lösung in
dea Plasmamembranen verschiedener Zellen bewirkten Druckhöhen
Äicht sehr wesentlich verschieden ausfallen werden.
1) De Vries (Sur la perm^abilite du protoplasma u. s. w. Archiv N6erlandai-
868 1871, Bd. VI., Separatabdruck p. 7) hat an Zellen der rothen Rübe für eine Reihe
von Salzen die Concentration der Lösung bestimmt, welche nöthig ist, um die-
selbe Contraction hervorzubringen. Ob diese Lösungen, welche gleiche Wirkung an
der Pflanzenzelle hervorbringen, z. B. in Membran aus Ferrocyankupfer auch
gleiche Druckhöhe erzeugen würden oder nicht, kann ich nach den mir vorliegen-
den Daten nicht genügend beurtheilen, doch scheint es mir nach nicht vorwurfs-
freien Erwägungen, dass in der Plasmamembran der Concentrationsunterschied der
Lösungen von Salpeter und Rohrzucker, welche gleiche osmotische Wirkung
haben, geringer tat, als in Membranen aus Ferrocyankupfer.
179
Um die soeben eröflFneten Gesichtspunkte praktisch verwerthen zu
können, fehlen noch die nöthigen Untersuchungen. Immerhin zeigen
die mit künstlichen Niederschlagsmembranen gewonnenen Resultate,
im Vergleich mit der zur Aufhebung des Turgors in Pflanzenzellen
nöthigen Concentration einer Ijösung, wie in den Pflanzenzellen hohe
osmotische Druckkräfte zu erwarten sind. So wurde in den Parenchym-
zellen der Staubfäden von Cynara Scolymus beginnende Contraction des
Protoplasraakörpers durchschnittlich durch eine Rohrzuckerlösung von
8 bis 10 Procent Gehalt erzielt und eine solche würde in einer Membran
aus Ferrocyankupfer eine Druckhöhe von etwa 5 Atmosphären bewir-
ken ') . In den Blattstielgelenken von Mimosa pudica wurde der osmo-
tische Druck gewöhnlich durch eine 6procentige Zuckerlösung aufge-
hoben, welche freilich in Membran aus Ferrocyankupfer nicht solche
Druckhöhe erzeugen würde, wie sie in activen Parenchymzellen des
Gelenkes bestehen muss, in denen schon eine theilweise Aufhebung des
Turgors durch eine Reizung, eine Erniedrigung des Druckes von 5 At-
mosphären nach sich ziehen kann 2) . Allein die osmotische Leistung
des Zuckers in Ferrocyankupfermembran ist ja auch kein Maass für
dessen osmotische Leistung in einer Plasmamembran, welche thatsäch-
lich erheblich höhere Werthe ergeben muss, weil eben der in den
Gelenkzellen von Mimosa bestehende hohe Druck osmotisch zu Stande
kommt.
Die von mir an bewegungsfähigen Objecten über die Kraft dieser
Bewegungen ausgeführten Messungen konnten der Natur der Sache
nach kein genaues Maass für die in einzelnen Zellen bestehende Druck-
kraft abgeben, sondern nur zeigen, welches Minimum von Druckhöhe
mindestens in gewissen activen Zellen bestehen muss, wenn die bewe-
gende Kraft osmotischen Ursprunges ist. So ist es denn auch voll-
kommen unzulässig, die so gewonnenen Zahlen und die zur Contraction
des Protoplasmas nöthige Concentration zu vergleichen , um etwa gar
1) Der osmotische Druck in Zellen der Filamente von Cynara Scolymus ist
sicher höher als 1 Atmosphäre (Pfeffer, Physiol. Unters. 1873, p. 124). Die Re-
duction des durch directe Messung gefundenen weit höheren Druckes auf obiges
Maass ergab sich aus am a. 0. nachzusehenden, auf die Volumzunahme der gewalt-
sam gedehnten Zellen basirte Erwägungen. Diese bestehen allerdings zu Recht,
und eine Senkung des Turgors mit der Dehnung ist nothwendig, wenn nicht wäh-
rend und nach dieser der osmotische Druck durch Wasseraufnahme wieder steigt.
Solches wird thatsächlich wohl der Fall sein, da die imbibirten Zellwände Wasser
liefern können und die Aufnahme dieses schnell von Statten geht. Es dürfte des-
halb wohl der Turgor nicht in dem Maasse bei der Dehnung der Filamente sinken,
wie ich es früher annahm.
2) Pfeffer, Periodische Bewegungen 1875, p. 112.
J2*
180
hiernach benrtheilcn zu \v()neii. ob derselbe StoH' in I'lasinameinbranen
verschiedener Zellen gleiche oder ungleiche Druckhöhe bewirkt. Ich
beschränke mich deshalb auch auf die obigen kurzen Angaben und
weise nur noch darauf hin. welche ungeheuer hohe osmotische Druck-
kraft unter Umständen in Zellen herrschen niuss, da z. B. Zellen sehr
zuckerreicher rother Rüben erst durch eine 27procentige Zuckerlösung
beginnende Contraction des Inhaltes ergeben. Dass und warum die
Zellhaut sehr hohem hydrostatischen Druck Widerstand zu leisten ver-
mag, habe ich an einem anderen Orte auseinander gesetzt ') .
Form und Volumen einer frei liegenden Zelle sind stets Resultante
aus Elasticität und Dehnbarkeit (resp. Wachsthumsfähigkeit) der Zell-
haut einerseits und dem auf dieser lastenden Druck des Inhaltes ander-
seits. Variirt einer dieser Componenten ihrer Intensität nach, so muss
auch das Volumen der Zelle sich ändern und zwar um so mehr, je er-
heblicher die Dehnbarkeit der Zellhaut ist. Hier aber wollen wir
annehmen, Volumen und Form des von der Zellhaut umschlossenen
Raumes bleibe unverändert, um uns zunächst den Erfolg klar zu machen,
welchen Vermehrung oder Verminderung der osmotisch wirksamen
Stoffe haben muss, wenn hiervon allein das Protoplasma oder allein der
Zellsaft betroffen wird. Wir setzen weiter voraus, dass kein osmotisch
wirkender Stoff die Zelle verlässt und auch nicht zwischen Protoplasma
und Zellsaft diosmotisch ausgetauscht wird, die Plasmamembran selbst
aber ihre osmotischen Eigenschaften unverändert beibehalte. Es sei
hier ijoch daran erinnert, dass ein gelöster Körper in einer Membran die
maximale osmotische Druckhöhe erzeugt, sobald der Körper nicht durch
die Membran diosmirt.
Mit chemischen Metamorphosen kann natürlich der osmcttische Druck
sich ändern und dass chemische Processe sowohl im Protoplasma, als im
Zellsaft vor sich gehen, ist ja eine bekannte Sache. Nehmen wir zunächst
an , es finde eine Steigerung der osmotischen Wirkung iler Inhaltsstoffe
im Zellsaft statt, dann wird dieser dem Protoplasma Wasser entziehen.
I, 13ei llohlgefiisscn aus festen Körpern wird die Widerstandsfälligkeit gegen
Druek bei gewisser Wandst:iri<e ein Maxiuunn erreichen können, wie solciies auch
Mendeljeff für (Ilasröhren fand (Berichte d. ehem. (Gesellschaft 1S74, p. 12(51.
Ein solches Maximum gibt es aber nicht für solche Wandungen, in denen die durch
Beugung entstehende Spannung in irgend einer Weise, sei es durch die speci-
fische Molecularstructur oder durcli Wachsthuni, bis auf ein geringes Maass ausge-
glichen wird.
. 181
bis durch Verdünnung des Zellsaftes und der gleichzeitigen Concen-
trirung des Piotojdasmas zu beiden Seiten der Membran wieder osmo-
tisches Gleichgewicht besteht. Während hier das Volumen des Zell-
'saftes zunahm, das des Protoplasmas sich dagegen verringerte, wird
es sich gerade umgekehrt gestalten, wenn eine Verminderung der osmo-
tischen Leistung des Zellsaftes eintritt. Ebenso muss Druckzunahme
im Protoplasma das Volumen dieses vergrössern, das des Zellsaftes ver-
mindern, eine Druckabnahme im Protoj)lasma aber gerade zu dem um-
gekehrten Resultate führen.
In allen Fällen steigt der gegen die Zellhaut ausgeübte Druck,
wenn im Protoplasma oder im Zellsaft die osmotische Leistung zunimmt,
und sinkt im umgekehrten Falle. Weiss man, ob der Druck gegen die
Zellhaut sinkt oder steigt') und kennt man zugleich die relative Volum-
änderung von Protoplasma und Zellsaft, so ist damit auch festgestellt,
in welchem dieser beiden die osmotische Leistung variirte und ob dieses
im positiven oder negativen Sinne geschah. Sind im Zellsaft oder Proto-
plasma von einer wachsthumsfähigen Niederschlagsmembran umkleidete
Gebilde (z. ß. Gerbsäuretropfen) vorhanden, so muss jede Volumände-
rung des Protoplasmas und Zellsaftes auch auf diese Gebilde rück-
wirken und zwar derart, dass der Rauminhalt derselben mit Concen-
trirung des umgebenden Mediums sinkt und mit Verdünnung steigt.
Findet eine solche Volumänderung statt und ist ausserdem bestimmt,
entweder wie sich der Druck gegen die Zellhaut oder wie sich das Vo-
lumen von Zellsaft und Protoplasma ändert, so ist in beiden Fällen der
Ort und der Sinn der osmotischen Variation ermittelt, vorausgesetzt,
dass in den fraglichen Gebilden selbst die osmotisch wirksame Substanz
dieselbe blieb.
Wie sich die Verhältnisse gestalten müssen, wenn eine Schwan-
kung in der osmotischen Wirkung sich gleichzeitig im Protoplasma und
Zellsaft geltend macht, ist aus obigem leicht abzuleiten ; eine Volum-
änderung, als Resultante der beiden in gleichem oder entgegengesetztem
Sinne ausfallenden Wirkungen, ist nach den Regeln der Wahrschein-
lichkeit natürlich fast immer zu erwarten. Ist nun eine solche Raum-
veränderung Thatsache, so kann man selbstverständlich nicht wissen,
ob jene nur vom Protoplasma oder nur vom Zellsaft oder von beiden
gleichzeitig ausgeht. Dieses ist auch nicht zu entscheiden, wenn zu-
1) Es würde unter obigen Voraussetzungen auch eine Senkung dieses Druckes
anzeigen, wenn eine verdünntere Lösung eines Stoffes zu gleicher Contraction aus-
reichte.
182
gleich die Aenderung des von der Zellhaut getragenen Druckes und der
Raumverhältnisse anderer von Niederschlagsmembran umkleideter Ge-
bilde (Gerbsäurekugeln, Vacuolen u. s. w.) bekannt ist, wenigstens
würde nur dann eine bestimmte Schlussfolgerung möglich sein, wenn
gewisse quantitative Bestimmungen vorlägen, welche zur Zeit nicht
ausführbar erscheinen. Allerdings wird z. B, eine Zunahme des Druckes
gegen die Zellhaut und gleichzeitige Volumzunahme des Protoplasmas
bestimmt anzeigen, dass im Protoplasma jedenfalls die osmotische Wir-
kung stieg, jedoch es eben fraglich lassen, ob gleichzeitig im Zellsaft
eine geringere Zunahme oder Abnahme der osmotischen Wirkung vor
sich ging. Derselbe Zweifel wird auch in allen andern Fällen bleiben,
wenn z.^. der Zellsaft an Volumen gewinnt oder verliert, während der
Druck gegen die Zellwand steigt oder fällt. Wenn aber zufällig eine
Zunahme der osmotischen Wirkung in Protoplasma und Zellsaft in glei-
chem Verhältniss stattfände, so dass die beiderseitigen Volumina con-
stant blieben, so würde doch diese Dnickzunahme einmal aus der
Pressung gegen die Zellhaut und ausserdem auch aus derRaumvermin-
demng von Gerbsäurekugeln oder anderen eingeschlossenen Gebilden
folgen und dann zugleich die relativ gleiche Aenderung der osmotischen
Wirkung in Protoplasma und Zellsaft feststehen.
Der Erfolg von osmotischen Druckschwankungen an Zellen, welche
mit elastischer und dehnbarer Zellhaut umkleidet sind, sowie auch an
Zellen , welche eine Zellhaut nicht besitzen, ist leicht vorauszusagen.
Bleiben die osmotisch wirksamen Stoffe ganz unverändert, während sich
das Volumen der Zelle durch vermehrten Druck von aussen vermindert,
so werden sich bei Ausgabe von Wasser Protoplasma und Zellsaft in
wesentlich gleicher Weise betheiligen, wie bei Contraction mit einem
wasserentziehenden Medium.
Wenn, entgegen unsrer bisherigen Voraussetzung, die diosmotischen
Eigenschaften der Plasmamembran sich derart ändern sollten, dass die-
selbe Lösung nun in dieser eine andere Druckhöhe erzeugt, so könnten sich
auch Schwankungen der relativen Volumina von Protoplasma und Zellsaft
abspielen, deren Verlauf unter gegebenen Bedingungen leicht voraus-
zusagen ist. In zweierlei Weise könnte die Plasmamembran Steigerung
oder Senkung des osmotischen Dnickes herbeiführen, entweder indem
sie einem zuvor nicht diosmirenden Stoffe Durchtritt gestattet, oder in-
dem sie, ohne eine solche Aenderung, derartig ihre Eigenschaften
modificirt, dass dieselbe Lösung nunmehr eine andere Druckhöhe her-
vorbringt, gleichviel in welcher Weise eine solche Aenderung erzielt
wird. Um die Druckhöhe in der zuletzt erwähnten Weise erheblich
183
fallen oder steigen zu machen, mtisste jedenfalls die Substanz der Mem-
bran wesentliche Modification erfahren (gewisse Infiltration wüide kaum
ausreichen), für welche die bis dahin bekannten Eigenschaften der
Plasmamembran , ihr diosmotisches Verhalten , ihre Entstehung und
Fortbildung keineswegs sprechen. Wenn aber die Diosraose eines zu-
vor nicht diosmirenden Stoffes eingeleitet wird — falls solches durch
Aenderungen in der Membran überhaupt vorkommt — so bleibt zunächst
die durch die nicht diosmirenden Stoffe erzeugte Druckhöhe unverändert
und ausserdem weicht diese bei sehr geringer Exosmose eines Körpers nur
wenig von der maximalen Druckhöhe ab, welche mft Aufhebung der Dios-
mose derselbe Körper in derselben Membran erzeugen wtirde . Ei nc j eden-
falls nur langsame Exosmose der wirkenden Körper folgt aber daraus,
dass die Inhaltsstoffe lebender Zellen, in der Form und Verbindung in
welchen sie in den Zellen enthalten sind, erfahrungsgemäss nicht er-
heblich durch die Plasmamembran diosmiren. Die Wahrscheinlichkeit
spricht also dafür, dass durch Veränderungen in den Piasmamembranen
sehr erhebliche Schwankungen der Druckhöhe nicht hervorgerufen wer-
den; freilich kann ich dieses zur Zeit nicht durch einen zwingenden
Beweis zur Gewissheit erheben. — Darauf mache ich hier noch auf-
merksam, dass die Dicke der Membran keinen Einfluss auf die Druck-
höhe hat.
Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass die Oonsequenzen,
welche soeben auf Grund der Eigenschaften der Plasmamembran und
der osmotischen Wirkung in dieser entwickelt wurden, während des
Lebens der Pflanzenzelle in den relativen Volumina von Protoplasmar
und Zellsaft, sovde der von Plasmamembran umschlossenen Ge-
bilde ihren Ausdruck finden werden, freilich oft complicirt durch
Aenderung des Gesammtvolumens der Zell,e und noch durch andere
Verhältnisse. Bildet sich z. B. Stärke oder Oel aus Glycose, so
muss, wenn sich solches im Zellsaft abspielt, die osmotische Wirkung
dieses ja nothwendig, eventuell sogar in hohem Grade sinken und Pro-
cesse von analoger osmotischer Bedeutung ftir Zellsaft oder Protoplasma
Hessen sich nach bekannten Thatsachen vielfach anführen. Es ist ja
aber auch in derThat bekannt, dass der Wassergehalt des Protoplasmas
in verschiedefien Entwicklungsphasen der lebensthätigen Zelle äugen-
scheinlich ein verschiedener ist. wie es auch nach unseren Darlegungen
unter gewissen Bedingungen nothwendig der Fall sein muss. Nach
obigem und nach dem was über Bildung der Plasmamembran bekannt
ist, können wir auch voraussagen, unter welchen Umständen Vacuolen
im Protoplasma auftreten müssen und wenn und wodurch die Vacuolen
184
sich vergrössem. Freilich wird es noch ausgedehnter Untersuchungen
hedlirfen, um diese und andere Fragen bestimmter auf ihre causalen
Bedingungen zurückführen zu können, umgekehrt werden aber auch
die entwickelten Gesichtspunkte, im Verein mit anderweitigen That-
sachen , benutzt werden können , um die Ait und Weise chemischer
Metamorphosen innerhalb der Zelle näher zu verfolgen.
Mit neuen Waffen wird man nun auch an die sich schneller ab-
wickelnden Bewegungs- und Wachsthumsvorgänge Reizbarkeit, periodi-
sche Bewegungen u. s. w.) herantreten können, sowohl um zu ermitteln,
ob die Bewegungsursache in osmotischen Druckkräften liegt, als auch
um positiven Falles die Fragen zu j)rüfen. ob die maassgebende Action
sich im Protoplasma oder im Zellsaft abspielt. Aus den relativen Volu-
mina dieser würde letzteres natürlich nur mit den vorhin geltend ge-
machten Einschränkungen festzustellen sein. In der Praxis wird frei-
lich die Ermittlung solcher relativer Volumänderung mit erheblichen
und eventuell unüberwindlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben,
auch dann, wenn Rauminhalt und Form der Zelle annähernd constant
erhalten werden und dasObject andei^weitige Hindernisse einer Messung
nicht entgegenstellt. Selbst wenn das Protoplasma eine einfache Wand-
schicht bildet, wird doch, der gestaltlichen Aenderungen dieses Körpers
halber, eine Controle des Volumens von Protoplasma und Zellsaft durch
directe Achsenmessung nicht leicht mit genügender Genauigkeit aus-
führbar sein und noch weniger ist ein Erfolg dann zu hoffen, wenn der
Protoplasmakörper eine complicirtere Gestalt besitzt.
Jedenfalls wird man an solche Achsenmessungen überhaupt nur
dann denken können , wenn die Volumschwankungen sehr erheblich
sind, was allerdings bei gewissen Reizbewegungen und periodischen
Bewegungen zu erwarten ist, wo der Druck um mehr als die Hälfte und
um viele Atmosphären sinken kann. Denn an sich verdünnte Lösungen,
wie sie der Zellsaft bietet, müssen, damit ihre osmotische Leistung so
weit herabgedrückt wird, jedenfalls durch Wasseraufnabme sehr erheb-
lich, vielleicht proportional der Druckabnahme verdünnt werden, wäh-
rend für concentrirte Lösungen, wie sie vielleicht für Colloide im Proto-
plasma vorliegen, in Betracht kommt, dass von einer gewissen Ooncen-
tration ab die Druckhöhen schneller als die Concentration zunehmen
können.
Zur Beurtheilung der uns hier beschäftigenden Fragen können
aber, wie vorhin gezeigt wurde, auch von wachsthumsfähiger Membran
umkleidete Gebilde benutzt werden, wie sie u. a. inVacuolen und Gerb-
säurekugeln, vielleicht auch im Zellkern, Chlorophyllkorn u. s. w. vor-
185
liegen und an solchen Gebilden wird, wenn sie die Kugelgestalt bewah-
ren, eine Volumänderung, durch eine nur 2 Achsen bestimmende Mes
sung, mit grösserer Genauigkeit und mit grösserer Hoffnung auf Erfolg
zu controliren sein. Letzteres ist wohl sicher zu ei*warten, wenn das
Volumen um Y4 und mehr schwankt, obgleich natürlich die Radien nur
im Verhältniss der Cubikwurzeln aus den Volumina zunehmen oder ab-
nehmen. Das Volumen solcher Körper ändert sich nach Maassgabe der
osmotischen Wirkung des sie umgebenden Mediums und ist diese
Schwankung Thatsache, so kann auch dann noch eine bestimmte Ent-
scheidung unserer Fragen möglich sein, wenn sich das Volumen der
Zelle gleichzeitig vergrössert oder verkleinert. Wäre aber für die frag-
lichen Gebilde die Volumänderung bei constantem und variablem Raum-
inhalt der Zelle ermittelt, so würde eventuell die Grösse der Druck-
änderung selbst zu bestimmen sein und auch noch weitere Schluss-
folgerungen dürften im Vereine mit anderweitigen Beobachtungen ge-
zogen und auf sicheren Fuss gestellt werden können.
Wahrscheinlich dürften die gewöhnliche Ursache osmotischer Druck-
schwankung nicht Modificationen in der Plasmamembran, sondern Vor-
gänge im Zellinhalt sein, welche letzteren wir insgesammt als chemische
Processe bezeichnen dürfen, da es sich ja immer um Aenderungen der
Eigenschaften eines Körpers handelt. Im allgemeinen wird eine jede
chemische Reaction, sofern sie osmotisch wirkende Stoflfe betrifft, Sen-
kung oder Steigerung der Druckhöhe bewirken, denn gleiche osmotische
Wirkung eines Körpers und der aus ihm hervorgegangenen Produete
hat ja wenig Wahrscheinlichkeit für sich. Mit dem Stoffwechsel muss
deshalb der osmotische Druck in einer Zelle sehr gewöhnlich schwan-
ken und Eingriffe, welche auf den Stoffwechsel wirken, kommen auch
für den osmotischen Druck in Betracht. Wie sich dieser senken muss,
wenn z. B. aus Glycose Oel oder Stärke entsteht, liegt auf der Hand,
ebenso wenn aus einem Krystalloid ein Colloid hervorgeht und der unter
Umständen ungeheure Unterschied in der Wirkung beider wird sehr
grosse osmotische Druckdifferenzen bewirken können, ohne dass ein
unlöslicher Körper entsteht.
Causale Erklärung der Druckschwankungen wird somit gewöhnlich
an die Aufhellung chemischer Processe geknüpft sein, für deren Beginn
und Verlauf der specifische Aufbau der Pflanzenzelle in hohem Grade
maassgebend sein kann. So ist z. B. schon an einem Beispiel, dem
Eisenchlorid, gezeigt worden, wie mit Hülfe der Diosmose aus einem
krystalloiden ein colloidaler Köi-per gebildet werden kann p. 93) und
186
nicht minder werden osmotische Processe für solche Vorgänge in Be-
tracht kommen, welche nur indirect, d. h. auslösend auf osmotische
Druckhöhe, resp. die diese erzeugenden Körper wirken'). Eine kleine
Menge eines Stoffes kann ja, wie Fermente lehren, eventuell chemische
Zersetzung einer grossen oder gar unbegrenzten Quantität eines anderen
Stoffes vermitteln. Analogien, welche im Princip die in der Pflanze
sich abspielenden chemischen Vorgänge begreiflich erscheinen lassen,
fehlen zwar in keinem Falle, wenn auch die nächste causale Erklärung
der in der Pflanze wirklich verlaufenden chemischen Metamorphosen
fast überall noch mangelt, wie auch diese Metamorphosen selbst erst
zum geringsten Theile bekannt sind. Plötzliche Senkung des osmoti-
schen Druckes, welche z. B. bei Reizbewegungen vorkommt, fordert
eine rapid verlaufende Keaction, wie wir ja auch solche ausserhalb des
Organismus unter Umständen durch einen seinem Arbeitsmaasse nach
verschwindend geringen Auslösungsvorgang, irgend einen kleinen An-
stoss von aussen, veranlasst finden ; so z. B. bei der fast augenblick-
lichen Ausscheidung gelöster Körper aus übersättigten Lösungen und
dem plötzlichen Uebergang gelöster Colloide in den sog. pectösen Zu-
stand , Processe , die ja noth wendig eine Senkung des osmotischen
Druckes mit sich bringen müssen.
Wo die osmotische Druckhöhe wiederholte Schwankung zulässt,
wie z. B. bei Reizbewegungen, muss jene entweder durch Eingreifen
neuen Materiales oder durch Rückkehr desselben Stoffes auf seinen Aus-
gangspunkt regenerirt werden, welches letztere u. a. bei Reizbarkeit
wohl sicherlich stattfindet. Aber auch in diesem Falle müssen immer
zwei antagonistische und wohl zi\ trennende Leistungen thätig sein,
natürlich auch dann, wenn u. a. durch die der Materie innewohnenden
Molecularkräfte die Rückkehr auf den anfänglichen Zustand herbei-
geführt werden sollte, welcher ja nur durch einen anderen Eingriff auf-
gehoben werden konnte. Anders, als durch im entgegengesetzten Sinne
thätige Kräfte, kann auch innerhalb des Organismus unmöglich eine
Regeneration von Stoffen zu Stande kommen und wenn wir sachgemäss
nicht das Bild einer einfachen, sondern einer doppelten Reaction ins
Auge fassen, so sind auch in zahlreichsten Fällen die Mittel geboten,
um ausserhalb des Organismus einen chemischen Process wieder rück-
gängig machen zu können.
1) Auch elektriBche, capillare u. a. Kräfte können natürlich auslösend hin-
sichtlich der osmotischen Wirkung sein, insofern sie z.B. chemische Processe her-
vorrufen.
187
Gleichviel ob im Protoplasma oder im Zellsaft die den osmotischen
Druck regulirende Reaction verläuft, die Fragen, mit denen die For-
schung an diese Vorgänge treten muss, bleiben im Princip dieselben.
Chemische Processe spielen sich aber bekanntermassen sowohl im Zell-
saft, als im Protoplasma ab und a priori kann deshalb jedenfalls nicht
als wahrscheinlich angesehen werden, dass die nächste Ursache der
osmotischen Druckschwankung etwa im Protoplasma zu suchen ist und
dieses auch aus naheliegenden Gründen dann nicht, wenn die Anschau-
ung, welche im Protoplasmakörper den eigentlich lebensthätigen Theil
des Organismus siebt, vollkommen begründet ist.
Schwankungen und Leistungen des Druckes, die sichtbaren und
messbaren Symptome osmotischer Wirkung, können wohl den Ort an-
geben, an dem ein chemischer Vorgang verläuft, ohne weiteres aber nie
den sich chemisch ändernden StoflF und die Art und Weise der Reaction
näher kennen lernen. Im Vereine mit anderweitigen Thatsachen wer-
den aber die Volumen- und Druckschwankungen Anhaltspunkte bieten,
um chemische Metamoi-phosen innerhalb der Zelle und deren Verlauf
näher verfolgen zu können. Mit alleiniger Beachtung der Druek- und
Volumverhältnisse kann freilich die physiologische Forschung schon in
Gebiete dringen, welche bis dahin meist unangreifbar erschienen. So
kamen z. B. die Untersuchungen über die Ursache der Bewegungs-
vorgänge nicht über die Frage hinaus, ob eine Veränderung in der Zell-
haut oder im Zellinhalt bestimmender Factor sei, während wir nun zu
der HoflFuung berechtigt sind, den morphologisch gegliederten Zellinhalt
in physiologischer Hinsicht als einen complexen osmotischen Apparat in
allen den Fragen mit Erfolg behandeln zu können, welche sich auf os-
motischen Austausch und osmotische Leistungen beziehen.
Die Volum- und Druckschwankungen sind immer nur das conse-
cutive Glied chemischer (resp. physikalischer) Vorgänge . die Frage
nach diesen ist mit jenen aufgeworfen und wenn diese Frage nicht so-
gleich in weiterem Umfang beantwortet Averden kann, so wird doch jede
wahrnehmbare Reaction entweder über den chemischen Process selbst ge-
wisses Licht verbreiten, oder wenigstens als Contiole für osmotische und
andere Vorgänge werthvoll sein können. Farbenänderung. Ausscheidung
von Stoffen und Lösungserscheinungen an Körpern sind u. a. auch mikro-
skopisch wahrnehmbare Reactionen, welche der Aufklärung chemischer
Vorgänge dienstbar gemacht werden können, sei es nun, dass für solche
und andere Reactionen die Bedingungen schon in der Zelle gegeben
sind, oder erst durch vorausgehende Operationen geschaffen werden
müssen und dann sind ja auch mikroskopisch wahrnehmbare Reactionen
durchaus nicht die einzigen Mittel, um die in der Zelle sich abwickeln-
den Processe zu verfolgen.
Welche methodischen Wege jetzt und fernerhin' geboten sind, ihr
Ziel vereint sich in dem Streben, Stoffvk'echsel und Leistungen der Zelle
auf die bedingenden Ursachen zurückzuführen. Graduell und specifisch
verschieden thätige Zellen sind aber im Organismus vereinigt: Stoff-
wechsel und Leistungen der einzelnen Organe und des ganzen Organis-
mus sind Resultante aus den Vorgängen und Wirkungen der einzelnen
Zellen, natürlich mit Berücksichtigung von Hemmungen und Wider-
ständen durch j)assive Gewebe und andere Verhältnisse. Alle chemi-
schen und physikalischen Vorgänge in der Pflanze werden von dem im
weitereu Sinne genommenen Begriff von Stoffwechsel und Kraftwechsel
(Leistungen im Organismus umschlossen und da es sich hierbei in
letzter Instanz um Wirkungen molccularcr Kräfte und die durch diese
erzeugten Bewegungsvorgänge handelt, so darf man von Mechanik der
Zelle sprechen, deren Ziel es ist, Stoffwechsel und Kraftwechsel causal
zu erklären.
22. Zellmechanik von Bewegungsvorgängen.
Bei Wachsthum und Bewegung , bei Saftausfluss , überliaupt bei
den mannigfachsten Vorgängen spielen in der Pflanze osmotische Druck-
kräfte eine mehr oder minder hervorragende Rolle und kommen deshalb
die vorausgegangenen fundamentalen Untersuchungen für eine grosse
Zahl physiologischer Fragen in Betracht. Freilich wird es ausgedehn-
ter Arbeiten bedürfen, um die gewonnenen allgemeinen Gesichtspunkte
auszubeuten. Wenn mir nun in dieser Richtung noch keine abschlies-
senden Forschungen zu Gebote stehen, so ist es doch geboten einige
mit osmotischem Druck zusammenhängende physiologische Vorgänge
zu beleuchten, um die derzeitige Sachlage zu klären. Ich beginne mit
den Reizbewegungen, welche mir selbst den ersten Anstoss zu meinen
osmotischen Untersuchungen gaben, indem ich einsah, dass ich ohne
diese in die Mechanik der Zelle nicht tiefer eindringen konnte.
Durch meine früheren Untersuchungen ') an den Staubfaden von
T-ynareen und den Gelenken vonMimosa pudica stellte ich fest, dass bei
einer Reizbewegung aus den Zellen dieser Objecte eine erhebliche Menge
Wasser austritt Diese Wasserabgabe konnte an den Schnittflächen der
Gelenke von Mimosa und der zuvor mit Wasser injicirten Filamente von
1) Pfoffor, Pliysiologisclic lliitersuchimp,»'!! 1873.
189
Cynara uninittelbai- wahrgenommen werden, wurde aber für die Fila-
mente von Cynara auch noch durch die aus Messungen an den cylindri-
schen Zellen sich ergebende Volumabnahme festgestellt. Während der
Reizbewegung nimmt nun. wie ich weiter zeigte, der von der gedehn-
ten elastischen Zellwand auf den Zellinhalt ausgeübte Druck nicht zu
und in keinem Falle kann also der Wasseraustritt durch eine Steigerung
des Druckes veranlasst werden, welchen die Zellhaut auf den Proto-
plasmakörper ausübt.
Auf Grund dieser Tbatsachen konnte ich als höchst wahrscheinlich
hinstellen, was jetzt, nach unseren osmotischen Untersuchungen, voll-
kommen erwiesen ist, dass nämlich nicht die Zellhaut, sondern der Zell-
inhalt irgend eine Aenderung erfährt, welche das Hervorpressen von
Flüssigkeit aus der Zelle durch den Druck der elastischen und gedehn-
ten Zellmembran herbeiführt. Denn wenn sich auch die Zellhaut der-
art ändern sollte, dass nun in ihr dieselbe Lösung eine geringere osmo-
tische Druckhöhe erzeugen würde — und dieser Einwand konnte früher
gemacht werden — so könnte solches doch in keinem Falle einen Austritt
von Wasser aus der Zelle veranlassen, so lange die Zellmembran mit
unveränderter Kraft auf den Inhalt presst, weil ja die osmotische Druck-
höhe von der Plasmamembran bestimmt wird. Und diese Druckhöhe
muss unter solchen Umständen ebensogut constant bleiben, als in der-
selben Niederschlagsmembran , welche auf verschieden poröse Thon-
zellen aufgelagert wird.
Bei der Reizbewegung wirkt also die Zellhaut nur. indem sie wie
ein elastisch gespannter Ballon aus dem Zellinhalt Wasser auspresst,
wenn der Druck, und sagen wir gleich der osmotische Druck, im Innern
sinkt. Der Wasseraustritt dauert so lange an, bis die mit der Verklei-
nerung der Zelle abnehmende elastische Spannung der Zellhaut und die
mit Concentrirung des Zellinhaltes zunehmende osmotische Wirkung
sich im Gleichgewicht befinden. Weiterhin wird dann die Zelle durch
die allmälig wieder steigende osmotische Druckhöhe auf das frühere
Maass ausgedehnt. Diese Druckschwankungen können an den reiz-
baren Zellen von Mimosa pudica 5 Atmosphären überschreiten ^J und
auch bei den Filamenten von Cynara Scolymus dürften sie grösser,
vielleicht erheblich grösser als 1 Atmosphäre sein 2) . In allen Fällen
aber sinkt der osmotische Druck bei einer Reizbewegung nur partiell,
"wie die weitere Verkleinerung der noch gedehnten elastischen Zell-
1) Pfeffer, Periodische Bewegungen 1975, p. 112.
2) Vgl. diese Abhandlung p. 1 79 Anmerkung.
100
wanduiigeu bei Aufhebung des Turgors zeigt. Deshalb bleibt die
Plasmamembiau der Zellwand immer angeschmiegt und auch dann wird
eine Abhebung nicht stiittfinden können, wenn eine Volumabnahme der
gereizten Zelle verhindert wird , was übrigens auch directe Versuche
mit Staubfäden von Centaurea Jacea bestätigten ^) .
An eine Zunahme osmotisch wirksamer Stoffe in der die Zellhaut
imbibirenden Flüssigkeit und eine hierdurch bewirkte Reizverkürzung
ist aus verschiedenen Gründen nicht zu denken. Ich begnüge mich
damit darauf hinzuweisen , dass mit Wasser injicirte und in Wasser
liegende Staubfäden von Cynareen wiederholt mit gleichem Erfolg ge-
reizt werden können, obgleich unter diesen Umständen sicher die in der
Zellwand vorhandenen löslichen Stoffe zum guten Theil entfernt worden
wären. Aus diesen und anderen Versuchen folgt auch, dass nennens-
werthe Mengen der Zellinhaltsstoffe bei einer Reizbewegung jedenfalls
nicht durch die Plasmamembran diosmiren. Erwähnen will ich nur.
was übrigens auch leicht zu ersehen ist, dass variable Capillarspannung
der Flüssigkeit in der an luftführende Räume grenzenden Obeifläche
der Zellhaut, eine Bedeutung für Wasseraustritt in Folge einer Reizung
nicht haben kann.
Das nächste Ziel meiner früheren Untersuchungen musste auf Ent-
scheidung der Frage gerichtet sein, ob Zellinhalt oder Zellhaut der reiz-
bare Theil sei und, wde ich voraussagen konnte, ist diese Frage mit der
Kenntniss der osmotischen Wirkung der Plasmamembran nunmehr defi-
nitiv entschieden. In welcher Weise im Zellinhalt die Druckschwan-
kung herbeigeführt wird, muss auf empirischem Wege ermittelt werden
und unlösbar erscheint diese Aufgabe jetzt nicht mehr. Ohne die von
uns gewonnenen Fundamente standen aber meine früheren bezüglichen
Erwägungen auf unklarem und unsicherem Boden und war auch mein
allgemeiner Schluss , durch die Reizung werden im Zellinhalt Veränder-
ungen geschaffen, welche eine Hervorpressung von Wasser unter dem von
der Zellhaut ausgeübten Druck herbeiführen (vgl. 1. c. p. 155), richtig,
so war ich doch auf unrichtigem Wege, als ich wahrscheinlich zu machen
suchte, dass die Reizbewegung durch eine Erweiterung der molecularen
Zwischenräume in der Plasmamembran (ich nannte diese Primordial-
schlauch! zu Stande komme 2) . Diese Anschauung wird dadurch wider-
1) Pfeffer, Botan. Zeitung 1875, p. 290.
2) Diesem Irrthum lag eine unrichtige Auflfaasung hinsichtlich des Zustande-
kommens der maximalen osmotischen Leistung zu Grunde. Auch in einer vor-
191
legt, dass eine diosmotische Entfernung von Inhaltsstoffen aus der Zelle
bei einer Reizbewegung jedenfalls nicht in bemerklicher Weise eintritt
und unter diesen Umständen kann sieb die Druckhöhe nicht durch Er-
weiterung der molecularen Zwischenräume in der Plasmamembran
senken. — Das kann auch nicht durch Austausch osmotisch wirksamer
Stoffe zwischen Protoplasma und Zellsaft stattfinden ') und in Folge
eines solchen Vorganges könnte die Druckhöhe ja auch nur dann sinken
wenn sie bei Verdünnung des Protoplasmas oder des Zellsaftes schneller
als die Concentration abnähme (vgl. p. 64). Die hohen Druckschwan-
kungen müssen aber in osmotischen Wirkungen ihren Grund haben, da,
wie früher gezeigt wurde, das Protoplasma nicht im Stande ist, ansehn-
liche Druckkraft etwa dadurch zu entwickeln, dass es wie ein auf-
quellender fester Körper wirkt.
Als nächste Ursache der ßeizbewegung bieten sich noch zwei Mög-
lichkeiten dar, entweder muss die osmotische Wirkung im Zellsaft oder
im Protoplasma sinken oder sich auch gleichzeitig in beiden verändern,
oder aber die Plasmamembran muss eine solche Modification erfahren,
dass dieselben Stoffe, ohne zu diosmiren, nun eine geringere osmotische
Wirkung hervorbringen, wie solches z. B. mit Erweiterung der Diffu-
sionszone ja erreicht werden könnte (p. 50) . Diese letztere Alternative
kann im Augenblick zwar noch nicht geradezu widerlegt werden, hat
aber jedenfalls wenig Wahrscheinlichkeit für sich, indem die von der
Plasmamembran ausgehende Molecularwirkung gewaltige Umgestaltung
erfahren müsste, um z. B. die Druckhöhe bei Mimosa unter die Hälfte
und «m mehr als 5 Atmosphären herabzudrücken, was nicht wohl anzu-
nehmen ist, wenn man erwägt, dass die übrigen diosmotischen Eigen-
schaften! der Plasmamembran, so weit sich beurtheilen lässt, während
der Reizbewegung unverändert bleiben.
Es muss hiernach als ziemlich gewiss erscheinen, dass die eigent-
liche Ursache der Druckschwankung in einer durch die Reizung her-
beigeführten Veränderung im Zellinhalt beruht, welche die osmotische
Wirkung dieses herai)8etzt 2) , Ob dieser Vorgang im Protoplasma
oder im Zellsaft, oder in beiden sich abspielt, kann nur empirisch
entschieden werden und es ist zu hoffen, dass gleichzeitig eine end-
läofigen Mittheilung war ich noch in Jener fehlerhaften Auffassung befangen und
demgemäss habe ich die überReizmechanik bekannten Facta uniichtig interpretirt.
Siehe diese Abhandlung p. 84 Anmerkung.
1) Ich meine hier einfachen diosmotischen Austausch, ohne dass irgend ein
chemischer Process in Folge dieses Austausches zu Stande konmit.
2) Die mechanische Ursache fiir Schwankung des Volumens in pulsirenden
Vacuolen dürfte wohl auch in veränderten osmotischen Wirkungen zu suchen sein
192
gültige Eutscheitluug bezüglich der veränderten osmotischen Wirkung
der Plasuiamenibrau zu erreichen sein wird ').
Wie si'ch an unseren Objecten die Reizbewegung im Näheren ab-
spielt, wohin das austretende Wasser seinen Weg nimmt und andere
Punkte können in meinen bezüglichen Arbeiten nachgesehen und hierüber-
gangen werden, da wir ja nur die fundamentalen mechanischen Vorgänge
in der reizbaren Zelle im Auge haben. Wenn nun auch die osmotischen
Vorgänge zur Zeit noch nicht innerhalb der Zelle localisirt und die
nächsten Ursachen der osmotischen Variation nur allgemein als chemi-
sche Vorgänge moleculare Umlagerungen) angesprochen werden können,
so ist doch über Art und Weise der Auslösung dieser molecularen Um-
lagerungen in den osmotisch wirkenden Stoffen eine gewisse Vorstellung
auf Grund von Erwägungen zu gewinnen, welche ich schon in meiner
Arbeit über Reizbarkeit entwickelte (1. c. p. 142 2).
Wird der auf Reiz reagirende Zustand durch Chloroform oder an-
haltende mechanische Erschütterung nach der Reizbewegung einer
Zelle sistirt, so nimmt diese doch die frühere Form wieder an, indem
der osmotische Druck wieder auf gleiche Höhe wie vor der Reizung
steigt. Wird dann mit chloroformiren oder Erschütterung aufgehört, so
kehrt die Reactionsfähigkeit des Organes zurück und zwar nicht plötz-
lich , sondern allmälig , so dass eine Reizung zunächst nur eine be-
schränkte und erst nach gewisser Zeit die volle Bewegungsamplitude
1) Auch die reizbaren Zellen sind contractile Organe, deren Contractions-
ursache eben erklärt wurde. Mehr, als die Existenz von Dimensionsänderungen
an relativ widerstandsfähigen Körpern, wird mit dem Worte Contractilität nicht
ausgedrückt, wenn man entsprechend dem ursprünglichen Begriffe, mit diesem
Worte einfach die Annäherung fester Theilchen bezeichuet. Eine causale Er-
klärung der Dimensiousänderung eines Körpers ist natürlich nicht gegeben, wenn
diesem Contractilität zugeschrieben wird, deren Ursachen eben erst aufgedeckt
werden müssen. Trotzdem und obgleich mehr als einmal der Irrthum liorvor-
gehoben ist (z. B. in Hofmeister s Pflanzenzelle p. til), begegnet man gelegent-
lich immer wieder Arbeiten, in welchen sich die Autoren dem Glauben hingeben,
sie hätten die mechanische Ursaclie gestaltlicher Aenderungen erklärt, indem sie
einem Organe Contractilität zuschreiben. — Ohne besondere Begründung scheinen
auch immer wieder Muskelcontraction und Reizmechanik als analoge Vorgänge
aufgefasst zu werden. Das unzutreffende solcher Auffassung wurde zuletzt von
Miink (Die "elektrischen und Bewegungserscheinungen bei Dionaea 1S76, p. 113)
gegen S anders on dargethan.
2) Ich nehme hier an, dass in der osmotisch wirkenden Lösung, resp. in deren
Veränderung die Ursache der Reizbewegung begründet ist. Die nachstehenden
Schlussfolgerungen können übrigens leicht übertragen werden, wenn die Plasma-
membran der variable Theil sein sollte.
193
hervorbringt. Wie aus diesen Beobachtungen hervorgeht, wird durch
die Reizung in der Zelle nur vorübergehend eine moleculare Umlagerung
bewirkt, welche, unabhängig von der Erregbarkeit, wieder auf den vor
der Reizung bestehenden Gleichgewichtszustand zurückkehrt. Gleich-
heit der osmotischen Wirkung in der reizbaren und nicht reizbaren
Zelle, sowie Rückkehr der Erregbarkeit ohne Schwankung des osmoti-
schen Druckes lassen eine andere Deutung nicht zu.
Nach obigen Thatsachen niuss, um die Erregbarkeit wieder herzu-
stellen, etwas zu dem schon Bestehenden hinzutreten, das für osmotische
Wirkung nicht wesentlich in Betracht kommt und die einfachste An-
nahme ist, da SS eine kleine Menge eines Körpers gebildet wird, wel-
cher, indem er sich bei Reizung zersetzt, auslösend wirkt, d. h. die
Umwandlung hervorruft, welche die Senkung des osmotischen Druckes
zur Folge hat. Die Rückkehr auf die frühere osmotische Druckhöhe
könnte dann vielleicht nurFolge der derMaterie inhärenten molecularen
Kräfte sein. Der auslösende Vorgang wirkt aber nicht etwa analog einem
Funken, der. in Pulver fahrend, die ganze Masse zur Explosion bringt,
sondern die auslösende Kraft kann immer nur eine begrenzte, wenn
auch vielleicht verhältnissmässig sehr grosse Menge der osmotisch wir-
kenden Stoffe umwandeln, da, wie schon erwähnt wurde, eine Reizung
zunächst eine nur beschränkte Bewegungsamplitude hervorruft, wenn die
Erregbarkeit allmälig zurückkehrt.
Die aus unserer Deduction gewonnene Anschauung ist eine Hypo-
these, welche iudess mit bekannten Thatsachen in Einklang steht.
Plötzliche Zersetzungen durch Stoss und überhaupt durch geringen An-
stoss sind ja zur Genüge bekannt und sowohl hinsichtlieh des auslösen-
den, wie des ausgelösten Vorganges Hessen sich Zusammenstellungen
ausführen, welche in rein formeller Hinsicht die osmotische Druck-
senkung in Folge eines Stosses veranschaulichen könnten (vgl. auch
p. 1 86) . Ich unterlasse hier solche Bilder auszumalen und ebenso näher
darauf hinzuweisen , in welcher Weise die sich hier aufdrängenden
Fragen vielleicht auf experimentellem Wege zu entscheiden sind •).
1) Einige nur ganz beiläufig angestellte Versuche führten zu keinem Resultat.
Ich erwähne hier, dass die Reizbarkeit der Cynareen bei Verdrängung des Sauer-
stoffs sogleich erlischt, aber leider ist mit diesem negativen Resultat die Existenz
eines ohne Sauerstoffverbrauch zerfallenden Stoffes nicht widerlegt. Weiter ver-
anlasste mich die Thatsache, dass Jodstickstoff durch hohe Violiutöne explodirt
(Champion u. Pellet, Poggendorff s Aimalen 1873, Ergänzungsband Nr. 6,
p. 174), Staubfäden von Centaurea an die Saiten der Violine zu befestigen, fand
aber, dass sie bei kräftigem Anstreichen nicht gereizt wurden. Indess könnten
Töne von grösserer Schwinguugszalil wohl ein positives Resultat liefern.
Pfeffer, Osmotische Uatersucbungeu. '^
194
Welche Bewe^iingsvorgiinge wir auch ins Auge fassen oder ihit
einander vergleichen wollen, gewisse übcreinstinunende Fragen werden
uns immer entgegentreten. Wenn wir v(»n äusserem oder innerem
Anstoss, sowie von der Form und dem zeitlichen \'erlauf der Bewegung
absehen, so wird dann zunächst immer zu entscheiden sein, ob in Zell-
haut oder in Zellinhalt die Bewegungsursache liege, (xesetzt nun diese
sei z. B. in osmotischen Druckverhältnissen gegeben, so könnten zwei
Bewegungen wohl in dieser nächsten mechanischen Ursache überein-
stimmen, indess hinsichtlich des Entstehungsortes des Druckes, oder
der osmotisch wirkenden Stofte oder Uberhaui)t in irgend einem Gliede
der Kette von Vorgängen untereinander abweichen, welche sich von der
durch einen äusseren oder inneren Anstoss unmittelbar erzeugten Wir-
kung bis zu den den osmotischen Druck regulirenden Processen hinzieht.
Streng genommen kann man die Zellmechanik zweier Bewegungs-
vorgäuge nur dann qualitativ identisch nennen, wenn alle Glieder dieser
Kette Übereinstimmen, aber wenn solches auch nicht zutrifft, so werden
docli einzelne Processe natürlich qualitativ identisch oder auch nur
analog sein können. Nach solchen Principien wird die Zellmechanik
von Bewegungsvorgängen zu beurtheilen sein, sowohl wenn es sich um
einen Vergleich der Bewegungsvorgäuge an denselben oder an ver-
schiedenen Objecten handelt. Hinsichtlich der Zellmechanik werden
aber möglicherweise zwei, der Erregungsursache und der habituellen
Erscheinung nach übereinstimmende Bewegungen ganz oder theilweise
von einander abweichen, während in einem anderen Falle vielleicht das
Umgekehrte zutrifft.
Unsere Kenntniss der inneren Ursachen Aon Bewegungs- und
Wachsthumsvorgängen ist zu mangelhaft, um die Zellmechauik ver-
schiedener Objecte einer Vergleichung unterziehen zu können. Wenden
wir unsere Blicke auf die durch Stoss auslösbareu Keizbeweguugeu, so
darf man hier nach dem bei der Bewegung stattfindenden Austritt von
Wasser aus den Filamenten von Berberis')und nach der Erschlaffung
in den Gelenken vonOxalis^) vermuthen, dass auch in diesen Objecten
1) Pfeffer, Physiolog. Untersuchungen 187;<, p. 157. — D'w Bemerkung
Nägeli's und öchwendener's (Mikroskop II. Aufl., p. .{74 , Wasser könne in
interstitienlosen Geweben nicht mit geuügeniler Schnelligkeit foitgeleitet werden,
wird durch die Beobachtungen an Filamenten von Berberia direct widerlegt,
indem bei diesen Wasser aus einer Schnittfläche rapid hervorschiessen kann. Frei-
lich sind hier die Zellwände ziemlich dick, doch liisst »ich zeigen, dass auch dün-
nere Zellwände Wasser so sclinell fortleiten können, wie es eine nicht /n eilig ver-
laufende Reizbewegnng fordert
2) Ebenda p. 74.
195
osmotische Driickschwankungen die nächste Bewegungsursache sind.
Dieses dürfte auch für andere analoge Reizbewegungen zutreffen, we-
nigstens ist keine Thatsache bekannt, welche dagegen spräche. Ob
freilich die ganze mit der Bewegung zusammenhängende Zellmechanik
in allen Fällen identisch verläuft, das möchte ich nicht behaupten. —
Für die reizbaren Ranken ist nicht bekannt, ob osmotische 'Druckschwan-
kung die Bewegungsursachen abgibt, wofür indess einige Walirschein-
lichkeitsgründe zu sprechen scheinen : Wachsthum in Folge der Bewe-
gung würde hier dann als ein neuer Factor ins S])iel kommen. Die
Erregung wird hier aber nicht durch einmaligen Stoss, sondern durch
anhaltende Berührung hervorgebracht und mit Rücksicht auf diesen
Auslösungsvorgang bedarf es specieller Untersuchungen, welche viel-
leicht einmal diese und andere Wirkungen des Contactes in ihrer Be-
deutung für Wachsthumserscheinungen auf einheitliche Gesichtspunkte
zurückführen werden.
Durch Darwin') haben wir zwei zu unterscheidende Bewegungs-
vorgänge auch für manche sog. fleischfressende Pflanzen kennen ge-
lernt, welche man mit M unk 2) als Reiz- und Resorptionsbewegungen
bezeichnen kann. Jene werden durch mechanische Stösse, diese durch
chemische Einwirkung erzielt und beide können wesentlich ungleich
verlaufen, wie z. B. bei Dionaea, wo eine Reizbewegung in kürzester
Zeit, eine Resorptionsbewegung erst nach 1 bis 2 Tagen die Schliessung
des Blattes herbeiführt und auch in anderer Hinsicht machen sich Unter-
schiede in der Art und Weise der Erregung und der Abwicklung beider
Bewegungen geltend. In wie weit der Mechanismus beider Bewegun-
gen tibereinstimmt oder verschieden ist, darüber lässt sich aber nach
den bis jetzt vorliegenden Untersuchungen kein Urtheil fällen. Auch
ist nicht bekannt, ob die Zellmechanik der Reizbewegungen bei diesen
Pflanzen dieselbe ist, wie beiMimosa undCvnareen, was wenigstens für
Dionaea 3) wahrscheinlich scheint.
Eigene Untersuchungen hat Darwin nicht über die Bewegungs-
mechanik selbst angestellt und seine Discussion über diese ist in hohem
Grade mangelhaft. Nach Darwin 's Auffassung^) dürften die Zell-
wände sich zusammenziehen, wobei etwas von der eingeschlossenen
Flüssigkeit nach aussen gedrängt würde oder falls dieses nicht zutrifft,
1) Insectenfresseiule Pflanzen, deutsch von Carus 1876.
2) Die elektrischen und Bewegunf^s-Erscheinungen am Blatte der Diunaea
nuiscipula 1S7«>, p. 97.
3 Munk. 1. c, p. 121.
4 L. ,■., p. 231. Auch p. 2S9.
13*
196
wäre es am wahrscheinlichsten, »dass der flüssige Inhalt der Zellen in
Folge einer Aenderung in seinem molecularen Zustand zusammen-
schrumpft, dem dann ein Zusammenschliessen der Wandungen folgt. «
Nun fährt Darwin fort, »wie dem auch sei, die Bewegung kann kaum
der Elasticität der Wandungen in Verbindung mit einem vorausgehen-
den Spannungszustande zugeschrieben werden» und mit dem Inhalt
dieses Satzes tritt er in unlösbaren Widerspruch mit seiner Anschauung
über Reizmechanik, wenn wenigstens Elasticität und Spannung in dem
in Physik und Physiologie stets gebrauchten Sinne genommen werden.
Uebrigens lassen Darwin 's Aussprüche die mechanischen Vorgänge
bei der Reizbewegung ziemlich unbestimmt und es würde die zuerst er-
wähnte Anschauung mit der von uns für gewisse Objecte nachgewiesenen
Reizmechanik übereinstimmen, wenn eben die Ursache der Zusammen-
ziehung der Zellwände in Senkung des osmotischen Druckes begründet
wäre. Eine weitere Kritik von Darwin's Argumentation kann ich um
80 mehr unterlassen, als auch schon Munk^) das fehlerhafte und un-
zureichende dieser dargethan hat.
In manchen Drüsenhaaren hat Darwin eine unter gewissen Um-
ständen eintretende Ausscheidung eines Körpers kennen gelernt, welche
zwar die nächste mechanische Ursache der Resorptionsbewegung bei
Drosera und anderen Objecteji nicht ist. indess als auslösender Vorgang
in irgend einem, wenn auch nur verwickeltem Zusammenhang mit den
Bewegungsvorgängen überhaupt stehen dürfte ^j. Ob und wie dieses
der Fall ist, kann ich hier aber ganz auf sich beruhen lassen, da ich
das Phänomen nur behandeln will, weil es mit Rücksicht auf gewisse
Fragen der Zellmechanik ein anschauliches und lehrreiches Bild vor-
führt. Ich beschränke mich hier auf die Drüsenhaare von Drosera
rotundifolia, an welchen auch Darwin hauptsächlich Beobachtungen
anstellte.
Im Stiele der Drüsenhaare von Drosera zeigen die Parenchym-
zellen in ganz normaler Weise Protoplasma und Zellsaft gesondert,
welch letzterer meist durch einen gelösten Farbstoff' roth gefärbt, jedoch
auch in manchen Haaren farblos ist. Das farblose, lebhaft strömende
Protoplasma bildet einfach eine Wandschicht oder durchzieht auch in
1) L. c, p. 111.
2) Mehr hierüber Darwin 1. c, p. 208 flf. — Auch Miink 1. c.
197
Strängen und Bändern den Zellraum , und besitzt, entgegen der nach-
drücklichen Behauptung vonFrancis Darwin^), einen ganz normalen
Zellkern, welcher nicht schwieriger als in manchen anderen Parenchym-
zellen zu finden und nach Färbung mit Jod absolut nicht zu übersehen
ist. Durch mechanische Reizung der Drüsen und auch durch Einwirkung
von Reagentien kann nun die schon erwähnte Ausscheidung eines Kör-
pers im Zellsaft hervorgerufen werden, welche sich von Zelle zu Zelle
in dem Stiele der Haare fortpflanzt. Hinsichtlich des Ausscheidungs-
vorganges selbst, habe ich der ausführlichen Beschreibung von Dar-
win, Vater und Sohn, nichts wesentliches hinzuzufügen. Indem ich
auf die Arbeiten dieser Forscher verweise, bemerke ich nur, dass zu-
nächst der Zellsaft sich trübt, dann die ausgeschiedenen Stoffe allmälig
sich zu grösseren Massen aggregiren, bis endlich eine Anzahl kugeliger
Körper gebildet ist'^).
Wie die in farblosen Zellen entstehenden ungefärbten Kugeln zei-
gen, ist der Farbstoff für den Ausscheidungsprocess nicht nothwendig,
in den gefärbten Zellen wird der Farbstoff aber von den sich ausschei-
denden Massen, welche, beiläufig bemerkt, Eiweissstoffe *) sind , in ganz
analoger Weise aufgespeichert, wie von anderen unlöslichen Protein-
stoffen. Meistens entfärbt sich der Zellsaft ganz , doch bleibt er bei
sehr farbstoffreichen Zellen wohl dann und wann auch schwach gefärbt,
offenbar weil die Menge der ausgeschiedenen Stoffe nicht ausreichte,
um allen Farbstoff zu binden. Der Protoplasmakörper erhält sich wäh-
rend und nach dieser Ausscheidung im wesentlichen unverändert und
nach wie vor findet man das ungefärbte Protoplasma in lebhafter Strö-
mung, welche freilich dann, wenn eine gewisse Menge Ammonium-
carbonat in die Zelle eindrang, aufgehoben wird, jedoch bei baldigem
Auswaschen dieses Salzes in einiger Zeit wiederkehrt. Wenn man mit
1) Francis Darwin The process of aggregation in the tentacles of Drosera
votiinditblia. Quarterly Journal of Microscopical Science 1867, new ser. Vol. XVI,
p. 310.
2) Die sich hierbei abspielenden Formänderungen, auf welche Darwin be-
sonderes Gewicht zu legen scheint, sind schliesalich keine anderen, als sie auch
bei Ausscheidung mancher amorpher Körper, wenn diese als zähflüssige Masse sich
ausscheiden, unter gewissen Verhältnissen verfolgt werden können.
3) Es geht dieses namentlich daraus hervor, dass diese ausgeschiedenen Mas-
sen beim Liegen in Alkohol in den coagulirten Zustand übergehen und nun in ver-
dünntem Kali unlöslich sind. Uebrigens muss diese unlösliche Modification auch
unter gewissen Umständen in Wasser leicht gebildet werden, doch sind mir die
Bedingungen hierfür nicht klar. Im übrigen geben die ausgeschiedenen Massen
mit den üblichen Reagentien Reactionen wie Eiweissstoflfe. Vgl. auch Fr. Dar-
win, 1. c, p. 315.
198
Zuckerlösuu^' eontrahirt, so kann man sich leicht überzeugen, dass der
Protoplasniakürper stets als ein der Zellhaut arigepresster Sack bestehen
blieb, wie solches, wenigstens hinsichtlich der Plasmamembran, der Um-
stand fordert, dass Turgor in den Zellen der Haare auch nach den Aus-
scheidungsvorgängen im Zellsaft noch besteht ') .
Obige, und ebensowenig der beiden üarwin's Darstellung lässt
irgend welchen Zweifel darüber, dass diese Zusammenballung im Zell-
saft sich abspielt. Wenn dennoch Darwin, Vater und Sohn, diese
Massen als Protoplasma ansprechen, so fehlten sie eben gegen den Be-
griff, der diesem Worte von seinem Autor beigelegt und fernerhin fest-
gehalten wurde, wonach wir mit Protoi)lasma einen morphologisch
distincten Theil des Zellkörpers bezeichnen, nicht aber dieses Wort als
Collectivbegriflf für Proteinstoflfe benutzen. Gegen S c h 1 e i d e n , wel-
cher )^Protoi)lasma« in diesem letzteren Sinne adoptiren wollte, hat
M 0 h 1 -) selbst sich entschieden verwahrt und den hier von M o h 1 ge-
rügten Fehler hat auch F. Darwin wieder begangen, indem er die Zu-
sammensetzung der Kugeln aus Proteinstoften als Argument dafür an-
spricht, dass sie aus Protoplasma bestehen müssteu'^). Mit Hinweis
auf diesen fundamentalen Irrthum ist diese Angelegenheit erledigt und
darf ich deshalb unterlassen, andere ebenso hinfällige Gründe zu wider-
legen, welche nach F. Darwin die ausgeschiedenen Massen als Proto-
plasma characterisiren sollen.
Die fragliche Ausscheidung wird, wie wir durch Oh. Darwin
wissen, durch mechanische und chemische Reizung der Drüsen bewirkt,
von denen aus sie dann von Zelle zu Zelle sich im Haare fortpflanzt. So
weit bekannt, können mechanische Reize nur durch Vermittlung der
Drüse wirken, Ammoniumcarbonat bringt aber auch ohne solche Ver-
mittlung, was Darwin nicht erwähnt. Zusammenballung zu Wege.
Wird ein einzelnes, seiner Drüse beraubtes Haar in eine L()sung von
kohlensaurem Ammonium gebracht (ich wandte eine Lösung aus 1 Theil
Salz und 150 Theilen Wasser an), so beginnt baldigst die Ausscheidung
in den an beide Schnittflächen grenzenden Zellen und schreitet von
diesen aus in der Längsrichtung des Haares fort. In einer halben Stunde
1; Ich gehe hioniiif mehr als eigentlich nöthig ein, weil beideDarwin 8 über
das Fortbestehen des Protoplasniakörpers nach definitiver Zusaiumenballung keiuo
ganz bestimmten Aussagen machen und weil C h. Darwin (1. c, p. 37) meint,
Hecke 1 habe bei Berberis vielleicht eine ähnliche Erscheinung beobachtet, wäh-
rend dieser ausdrücklich unrichtigerweise das Protoplasma sich contrahiren lässt.
Siehe hierüber Pfeffer, Botan. Zeitung 1875, p. 289 u. 1876, p. 10.
2) Botan. Zeitung 185.5, p. 690. Anmerkung.
3) F. Darwin, 1. c, p. 315.
199
ist dann wohl gewöhnlich die Ausscheidung in allen Zellen vollendet,
während geköpfte Haare in reinem Wasser in dieser und selbst in noch
längerer Zeit keine Veränderung im Zellsaft zeigen ') . Die Ausschei-
dung beginnt und setzt sich in der angegebenen Weise fort, weil das
Aramoniumcarbonat leicht an den Schnittflächen in die Zellen dringt,
während die cuticularisirte Oberfläche des Haares dieses Salz nicht oder
doch sehr langsam diosmiren lässt. Wird die Outicula an irgend einer
Stelle verletzt, so macht sich deshalb auch das Eindringen des Amrao-
niumcarbonats durch die von dieser Stelle ausgehende Ausscheidung
baldigst bemerkbar. Einen ganz analogen Vorgang bezUglich der Auf-
nahme von kohlensaurem Ammonium kann man übrigens beobachten,
wenn man abgeschnittene Staubfadenhaare von Tradescantia in die er-
wähnte Lösung bringt. Die durch das Eindringen unseres Salzes be-
wirkte Farbenänderung schreitet dann von den verletzten Zellen aus in
den aneinandergereihten Zellen fort. An den unverletzten Haaren von
Drosera ist es eben die an der Spitze des Haares stehende Drüse, welche
das Ammoniaksalz aufnimmt und deshalb würde die Ausscheidung auch
dann von hier aus nach der Basis des Haares fortschreiten, wenn die
Drüse nur als Aufnahmestelle, nicht anderweitig in Betracht käme.
Auch an der Seite des Haares finden sich kleine Drüsen, welche Am-
moniumcarbonat, wenn auch anscheinend langsamer als dieHauptdrtise,
aufnehmen, denn der Inhalt dieser und wohl auch der der zunäclist an-
grenzenden Zellen kann schon die kugligen Massen enthalten, ehe die
von <ler Spitze des Haares ausgehende Ausscheidung bis zu dem frag-
lichen Punkte gelangte.
Nach Entfernung der Drüse kann also nicht ein mechanischer Beiz,
wohl aber Ammoniumcarbonat die Ausscheidung im Zellsaft bewirken
und es fragt sich nun, ob dieses thatsächlich leicht in die Zelle eindrin-
gende Ammoniaksalz direct ausfällend wirkt oder ob etwa im Proto-
l)lasma (oder Zellsaft) Zersetzungen hervorgerufen werden, welche aus-
lösend im Zellsaft wirken, nachdem die Zersetzungsproducte in diesen
auf diosmotischem Wege gelangt sind 2] . Ich kann zur Zeit nicht ent-
1) Nach Ch. Darwin (1. c, p. 37) kommt eine beschränkte Ausscheidung zu
Stande, wenn eine Köpfung der Haare dicht unterhalb der Drüsen vorgenommen
wird. Wenn ich die Drüsen ein wenig tiefer abschnitt, so fand gewöhnlich in
keiner Zelle eine Ausscheidung statt.
2) Ammoniak bringt im Protoplasmakörper auffallende gestaltliche Veränder-
ungen in ähnlicher Weise hervor wie niedere Temperatur und andere Einwirkun-
gen, ohne zunächst eine Tödtung herbeizuführen. Siehe hierüber Nägel i und
Schwendener, Mikroskop 1867, p. 398, vgl. auch Hofmeister, Pflanzenzelle,
p. 53.
200
scheiden, welche dieser Alternativen zutrittt. hin aber Überzeugt, dass
auf experimentellem Woge eine bestimmte Beantwortung möglich sein
wird. IJcbrigens ist zu beachten, dass, wegen des hohen Molecular-
gewichtes der Proteinstoffe, eine grosse Gewichtsmenge dieser durch
eine kleine Ammoniakmenge aus einer Lösung eventuell ausgefällt
werden kann. Um nun zu ennitteln wie und wodurch die Drüsen z.B.
bei mechanischem Heize wirken, würde es zunächst geboten sein, die
Wirkung gewisser Körper auf geköpfte und ungeköpfte Haare verglei-
chend zu Studiren, was ich bis dahin nicht ausführte. Bemerkenswerth
ist aber, dass verdünnte Salzsäure die Auflösung der durch Ammoniak
ausgeschiedenen Massen, und zM'ar an der Schnittfläche des Haares l»e-
ginuend, auflöst.
Beachtet man nun die Art und Weise, wie von der mechanisch ge-
reizten Drüse aus und in ganz analoger Weise von jeder Stelle aus,
an welcher Ammoniumcarbonat eindrang, die Ausscheidung von Zelle
zu Zelle fortschreitet, so kann man niclit zweifeln, dass in Folge der
Reizung irgend ein gelöster Stoff aus der Drüse in die angrenzenden
Zellen diosmirt. Dieses muss entweder veranlasst werden durch Stei-
gerung der Permeabilität in der Plasmamerabrau der Drüsenzellen oder
durch eine chemische Metamorphose im Inhalt der Zellen , welches
letztere mir wahrscheinlicher zu sein scheint. Dann läge aber hier
eine durch mechanischen Stoss hervorgebrachte Zersetzung vor, welche
auch einen Körper liefert, der, indem er in andere Zellen diosmirt, in
diesen wirkt, nämlich die Ausfällung von Eiweissstoffen im Zellsaft her-
beiführt. Hier darf man hoffen alle Glieder einer durch mechanischen
Stoss herbeiführbaren Reaction aufhellen zu können, welche auch zu
einer Schwankung des osmotischen Druckes führen könnte, aber natür-
lich nicht führen muss. Dem während z. B. Colloide ausgefällt wer-
den, könnten z. B. zuvor in colloidaler Verbindung festgehaltene Kry-
stalloide gleichzeitig in Freiheit treten und nun vermöge ihrer höheren
Wirkung den durch die substanzärmere Lösung hervorgebrachten osmo-
tischen Druck sogar steigen machen. Irgend eine Compensation mUsste
in der That bei Drosera nothwendig ins Spiel kommen, wenn der osmo-
tische Druck constant bliebe, trotz der massenhaften Ausscheidung von
Eiweissstoffen, welche freilich Colloide von geringer osmotischer Wir-
kung sind. Die fragliche Ausscheidung kann nun in der That bei Dro-
sera ohne Einkrümmung der Haare vor sich gehen, aber nach diesem
Factum kann noch nicht behau])tet werden, dass der osmotische Druck
durch die Ausscheidung ganz und gar nicht geändert wird.
An diesen Auslösungsvorgang schliessen sich aber eine ganze Reihe
201
voD Fragen an, welche der experimentellen Behandlung zugänglich zu
sein scheinen. So würde z. B. hier zu entscheiden sein, ob der von den
Drüsen abgegebene Körper nur direct ausfällend im Zellsaft wirkt,
oder ob auch in den Parenchymzellen der Haare Quantitäten des
die Reaction herbeiführeuden Stoffes erzeugt werden. Es ist dieses
eine principiell wichtige Frage, da im ersteren Falle die Menge des
au stall hären Stoffes von der Quantität des von der Drüse abgege-
benen Reagens abhängig ist, nicht aber im zweiten Falle, wo sogar
die Möglichkeit gegeben ist, dass die Reaction mit Fortschreiten von
Zelle zu Zelle lawinenartig anschwillt, wenn nämlich die zur Disposition
stehende Menge des auslösend wirkenden Stoffes von Zelle zu Zelle
zunimmt. So wächst ja die Intensität der Erregung bei der Fortpflan-
zung im Nerven und bei Mimosa pudica wird im allgemeinen die Fort-
pflanzung von Blättchen zu Blättchen beschleunigt, wenn das Endblätt-
chen eines Fiederstrahles gereizt wird. Hier wirkt die Wasserbewegung
im Gefässbüudel ') auslösend , deren lebendige Kraft von Gelenk zu
Gelenk einen Zuwachs erhält, bis endlich im primären Blattstiel und im
Zweige, d. h. beim Uebergang in breitere und längere Strombahn,
Schnelligkeit und in Folge überwiegender Hemmung auch die lebendige
Kraft der Wasserbewegung abnehmen. Wie sich nun bei Drosera die
Sache verhält, lässt sich aus den^schönen Untersuchungen Darwin's^)
über die Fortpflanzung der Ausfällung im Zellsaft allein nicht bestimmt
entscheiden. Man wird übrigens geneigt sein, wenigstens in einem ge-
wissen Sinne eine Anschwellung der Auslösung anzunehmen, indem die
Reizung einer Drüse die Ausfälhmg durch das Haar und das Blatt-
parenchym bis zum oberen Ende eines anderen Haares fortpflanzen und
also zur Ausfällung einer verhältnissmässig grossen Menge vonEiweiss-
stoffen Veranlassung geben kann.
Weiter ist es vielleicht möglich die Natur der sich in der Drüse
zersetzenden Stoffe und den Zersetzungsvorgang überhaupt ganz, oder
wenigstens bis zu einem gewissen Grade aufzuklären. So können z. B.
Anhaltspunkte aus einem vergleichenden Studium der Wirkung bestimm-
ter Stoffe auf geköpfte und ungeköi)fte Haare und aus Beachtung des
Secretionsvorganges gewonnen werden, welcher letztere eine Säure aus
der Fettsäurereihe liefern soll '^) . Freilich muss Experiment und Inter-
1) Den Gedanken an eine andere Uebennittlung des Keines musste ich auf
Grund specieller Untersuchung zurückweisen. Siehe Jahrbücher f. wiss. Botanik
1873—1874, Bd. IX, p. 308.
2) Ch. Darwin, 1. c, p. 208.
3) Vgl. Ch. Darwin, 1. c, p. 79.
202
pretation von gropser Umsiclit geleitet sein nnd wohl zu l)pacliten ist
dabei , dass die Flasmamembran vermöge specifischer diosmotischer
Eigenschaft die Scheidung zweier Körper herbeiführen kann. Unter
anderem kommt dieses auch bei Deutung der Wirkung von versciiiede-
nen Amnioniaksalzen auf geköpfte Haare in Betracht, da jene in Lösun-
gen partiell dissociirt enthalten sein können *) .
nie allgemeinen Gesichtspunkte, welche sich bei Betrachtung der
Reizbewegungen ergaben, gelten auch für andere gestaltliche Aender-
ungen der Zelle, insofern und insoweit Wachsthums- und Bewegungs-
vorgänge von Organen aus den Leistungen einzelner Zellen resultiren.
Bei Leistungen der Zelle nach" aussen und bei Formänderungen der Zelle
sind immer Druck von innen und Widerstand der Zellhaut wesentliche
Factoren und wenn die gestaltliche Aenderuug eine nicht rückgängig zu
machende ist, so sprechen wir von Wachsthum der Zellhaut, welches
wieder für sich, namentlich insofern es sich um Einschieb ung neuer
Massentheilchen handelt, ein besonderes Kapitel der Zellmechanik aus-
macht.
Wie und in wie weit Wachsthum und überhaupt dynamische Lei ■
stungen, also auch die Zellmechanik, der experimentellen Forschung
zugänglich ist, wurde von Sachs'^) klargelegt. Die Zelle ist, wie der
ganze lebende Organismus, mit erblichen Eigenschaften ausgestattet,
welche die Zellmechanik zur Zeit nicht behandeln kann und auch nicht
zu behandeln hat, wenn sie sich die Aufgabe stellt, die thatsächlichen
Leistungen, wie sie sich unter gegebenen Bedingungen abspielen, auf
die nächsten Ursachen zurückzuführen und in diesem Sinne causal zu
erklären. Es ist dieses eine analoge Aufgabe, als wenn die Leistungen
eines complicirt gebauten Apparates aus dem Zusammengreifen seiner
Theile erklärt werden soll, ohne dass über die Art und Weise, wie dieser
Apparat zu Stande kam, Rechenschaft gefordert wird.
Arbeitsleistung des Organismus wird durch Uebergang von Spann-
kraft in lebendige Kraft vermittelt und wie auch immer diese Umwand-
lung vor sich gehen mag, gewisser Molecularprocesse bedarf es stets
und diese zu erforschen ist Aufgabe der Zellmechanik. Die gesammten
Molecularprocesse fallen nun entweder unter den Begriö" »Stoffwechsel«
oder »Kraftwechsel«, wenn wir unter diesem letzteren die dynamischen
1) Vgl. Nauinann, Allgemeine Cliemie 1875, p. 546.
2) Lehrbuch d. Botanik IV. Aufl. p. 744.
203
Leistungen, unter Stoffwechsel alle niolecularen Umlagerungen, oder
sagen wir kurz die Statik derMolecuhirprocesse verstehen. »Auslösend«
ist aber jeder beliebige Anstoss, welcher zur Verwandlung von poten-
tieller in actuelle Energie Veranlassung gibt.
Wie äussere und innere Wachsthumsursachen ') , müssen auch
äussere oder iuducirte und innere oder autonome Auslösungsursachen
unterschieden werden, je naclidem ein äusserer Anstoss auslösend wirkt
oder die Ursache der Auslösung in dem erblichen Entwicklungsgang
des Organismus begründet ist und dem entsprechend in einer bestimm-
ten Entwicklungsphase eintritt. Bei einem inducirten Auslösungs-
vorgang ist die auslösende Kraft bestimmt und im günstigen Falle wird
die Gesammtheit der Molecularprocesse zu verfolgen sein, welche sich
an die Auslösung und ihren Verlauf knüj)fen, eine autonome Auslösung
hingegen, in dem erblichen Entwicklnngs- und Bildungsgang begrün-
det, würde nur mit und nach causaler Erklärung dieses specifischen
Entwicklungsganges auf ihre erste Ursache zurückgeführt werden kön-
nen. Damit ist nicht ausgeschlossen, dass eine bestimmte Kette von
einander abhäugiger Vorgänge des Stoffwechsels und Kraftwechsels-
rückwärts auf einen bestimmten Ausgangspunkt verfolgt werden kann,
welcher sich dann allerdings dieser Kette von Vorgängen gegenüber
auslösend verhält, aber selbst nur das Glied (z. B. ein chemisches Pro-
duct) einer Keihe von Molecularprocessen ist, welche von erblichen und
unerklärten Eigenschaften des Organismus abhängen. In welcher Lage
diesen erblichen Eigenschaften gegenüber die experimentelle Forschung
sich befindet, brauche ich nicht zu entwickeln, indem ich auf die von
Sachs gegebene klare Darlegung verweisen kann.
Jede Auslösung erfordert unter allen Umständen eine gewisse
dynamische Leistung, aber es liegt im Begriff der Auslösung, dass nicht
einfach eine gewisse Summe von lebendiger Kraft übertragen, sondern
dass Spannkraft in Action gesetzt wird und zwischen dem Arbeitsmaass
dieser so actuell werdenden Energie und dem der auslösenden Kraft
muss ein aequivalentes Verhältuiss nicht bestehen. So ist z. B. das
mechanische Aequivalent der auslösenden Kraft im Vergleich zur aus-
gelösten Kraft verschwindend gering, wenn durch einen Funken eine
grosse Pulvermasse entzündet wird, aber auch für den umgekehrten
Fall sind Beispiele leicht zu finden.
An den ersten Auslösungsvorgang kann sich unter gegebenen Be-
dingungen eine ganze Kqtte von Vorgängen knüpfen, indem der voraus-
1) Siehe Sachs, 1. c, p. 744.
204
gehende Process immer den folgenden bedingt, sei es nun, dasa wieder
ein Anslösungsvorgang:, oder eine einfache Ueberti"agung von Energie
von einem Massentheilchen auf ein anderes, die eonsecutiven Glieder
verknüpft. Es wird sich aber auch der Verlauf einer Reaction in zwei
getrennt nebeneinander fortschreitende, vielleicht auch in ferneren Glie-
dern sich wieder unterstützende oder bedingende Processe spalten kön-
nen, wenn z. B. die Producte eines bestimmten Vorganges nach zwei
verschiedenen Seiten auslösend oder übertragend wirken. Solche com-
plicirte Ketten spielen in der lebenden Zelle zweifellos eine Rolle und
hier wird ausserdem die Gliederung der Zelle Veranlassung werden
können, um die auf einen Auslösungsvor^ang folgende Reihe von Stoff-
wechsel und Kraftwechsel noch verwickelter zu gestalten. So ist es ja
z. B. denkbar, dass in dem Zellsaft das erste Glied einer Kette von
Processen seinen Anfang nimmt, welche in jenem in einer bestimmten
Richtung verlaufen, während, durch Uebertritt eines, von einem Gliede
dieser Processe derivirenden Stoffes in das Protoplasma, auch in diesem
eine Auslösung erregt wird, welche wieder in verwickelter Weise sich
abspielt und endlich kommt dann vielleicht noch der mit dem Wachs-
thum variable Widerstand der Zellhaut als mitspielender Factor in
Betracht.
Bei Beurtheilung der äusserlich wahrnehmbaren Leistungen der
Zelle ist wohl zu beachten, dass nur die Resultante des gesammten
Kraftwechsels zum Ausdruck kommt , welche natürlich eventuell bei
zwei Objecten in gerade entgegengesetztem Sinne ausfallen kann, wenn
die Einzelleistungen wohl in qualitativer , nicht aber in quantitativer
Hinsicht übereinstimmen. So gut, wie ein Körper, welcher von zwei
oder mehreren Kräften gezogen wird, sich nach der einen oder anderen
Seite bewegen kann, je nachdem die mit der Intensität der Kräfte
variable Resultante ausfällt, so gut können z. B. auch die bei positivem
und negativem Heliotropismus oder Geotropismus durch Licht oder
Schwerkraft ausgelösten Vorgänge der Qualität nach identisch sein,
wenn nur die Resultante der wirksamen dynamischen Leistungen bei
dem einen Objecte nach der positiven, bei dem anderen Objecte nach
der negativen Seite derAbscissenachse gerichtet ist. Die einfache That-
sache, dass zwei verschiedene Objecte, bei gleicher auslösender Kraft,
sich nach entgegengesetzter Richtung krümmen, kann unter allen Um-
ständen nicht darüber entscheiden, ob die ausgelösten Vorgänge nur
quantitativ diflferiren oder ob qualitativ verschiedene Processe ausgelöst
wurden.
Dieselbe Zelle wird aber mit der Zeit möglicherweise ihre specifischen
205
Eigenschaften derart ändern, dass zwei ungleiche Entwicklungsphasen
gegen dieselbe auslösende Kraft sich in ganz analoger Weise verhalten,
wie zwei von Haus aus verschiedene Objecte, so dass das, was hin-
sichtlich dieser soeben gesagt wurde, auch den Maassstab zur Beurthei-
lung der Leistungen derselben Zelle in verschiedenen Entwicklungs-
stadien abgibt. Dass zeitlich differentes Verhalten ins Auge gefasst
werden muss, zeigt u. a. die geotropische Krlimmung, welche bei man-
chen Pflanzen in verschiedenen Entwicklungsphasen in gerade entgegen-
gesetztem Sinne für dasselbe Organ ausfällt. Auch daran mag hier
noch erinnert werden, dass an demselben Object die ausgelöste Ge-
sammtleistuug mit der Intensität der auslösenden Kraft verschieden
ausfallen könnte, z. B. dann, wenn der eine Auslösungsvorgang in Folge
eines jeden Anstosses zu Ende geführt wird, während ein anderer Aus-
lösungsvorgang nur nach Maassgabe des mechanischen Aequivalents der
auslösenden Kraft stattfindet und also mit dieser steigt.
Wie verwickelt sich die Beziehungen zwischen auslösenden und
ausgelösten Kräften gestalten können^ dieses zu zeigen war der Zweck
obiger Auseinandersetzungen, welche sachgemäss nicht alle Möglich-
keiten erschöpfen, sondern nur gewisse principiell wichtige Gesichts-
punkte andeuten sollten. In concreten Fällen muss es Sache des For-
schers sein, Fragestellung und Experiment den Verhältnissen zu acco-
modiren ') . In Gewebecomplexen sind mit und durch den Verband der
Zellen Widerstände und Dehnungen und überhaupt Factoren eingeführt,
welche für die Resultante des Kraftwechsels in der einzelnen Zelle
wesentlich in Betracht kommen können. Um aber die Gesammtleistung
eines Organes erklären zu wollen, muss uothwendig auch der ganz
wesentliche Factor, die Leistung der isolirt gedachten Zelle aufgeschlos-
sen werden. Hier, wie auch für eine an sich freie Zelle, wird ein Vor-
gang bis zu einem gewissen Grade natürlich auch dann causal erklärbar
sein, wenn nicht gerade alle Processe bekannt sind, welche sich von
der Auslösung ab bis zu der zu erklärenden Leistung abspielten.
Die Zellmecbanik ist in keinem Falle für Dehnungs- und Wachs-
thumsvorgänge so weit sicher gestellt, wie für die durch eine Erschüt-
terung an gewissen Objecten ausgelöste Reizbewegung, denn in allen
1) Den Fall, dass gleichzeitig zwei »iislösejide Kräfte wirken hatte ich nicht
nöthig speciell hervorzuheben. Auch ist nicht hesonders bemerkt, dass Kraft-
wechsel auf Stoflfwechsel influiren kann und umgekehrt.
20«
anderen Fällen ist noch nicht definitiv entschieden, in wie weit Druck
des Zellinhaltes und Widerstandsfähigkeit der Membran die niassj^eben-
deu Factoreu sind. 8j)eciell für die von Heleuchtungsdifferen/. oder
auch Temperaturscbwankungen; abhängigen periodischen Bewegungen
ist die Sachlage wesentlich noch so, wie ich sie bei änderer Gelegenheit
darstellte 1), wenn auch jetzt methodische Wege eröffnet sind, weldie
wohl eine gewisse Entscheidung der Frage ermöglichen dürften. Wenn
sich z. B. zeigen lässt, dass bei einer Variationsbewegung der von der
Zellhaut auf den Inhalt ausgeübte Druck sich während einer ange-
strebten Bewegung nicht ändert, so ist damit rückhaltslos die Ursache
der Druckschwankung in den Zellinhalt verlegt und u. a. würden in
dieser Hinsicht auch Controle der Volumverhältnisse von Protoplasma
und Zellsaft entscheidend sein können. Ob diese und andere Methoden
ausfuhrbar sind, das wird namentlich auch davon abhängen, ob sich
geeignete Versuchsobjecte finden lassen.
Nach Wahrscheinlichkeitsgründen, welche ich hier nicht repro-
duciren und erweitern will, wird so leicht Niemand daran zweifeln, dass
die mechanische Ursache der periodischen Bewegungen in Druck-
sehwankungen beruht, welche im Zellinhalt durch Liclit oder Wärme
ausgelöst werden und zwar sowohl da, wo es sich nur um Dehnung
elastischer Membranen, als auch da, wo es sich um Wachstlium der
Zellhaut handelt. Gilt dieses für i*eriodische Bewegungen von Blatt-
organeu, so wird wohl die gleiclie Ursache auch den vSchwankungen
des Längenwachsthums zu Grunde liegen, welche durch gleiche äussere
Verhältnisse bedingt sind. Ohne Frage ist ja, wie Sachs zuerst nach-
drücklich hervorhob, die Grösse des Turgors ein wesentlicher Factor
für die Ausgiebigkeit des Flächenwachsthums der Membran, welches
natürlich auch von Widerstandsfähigkeit der Zellhaut, vom Wachs-
thumsmaterial, von der Leichtigkeit, mit welcher neue Zellhautmolecüle
eingelagert werden und noch anderen Umständen abhängt. So resul-
tirt die sog grosse Periode des Wachsens ohne Frage aus den eben
genannten und aus anderen Verhältnissen.
Ist auch über' die Art und den Verlauf der durch Licht oder Wärme
ausgelösten Vorgänge noch nichts näheres bekannt, so zeigen doch ge-
wisse Beobachtungen, dass es sich jedenfalls nicht immer um einen
ganz einfachen Process handelt. So habe ich z. B. für die durch Ver-
dunklung inducirten Variationsbewegungen gezeigt, wie die Aus-
dehnungskraft der Zellen ein Maximum erreicht, um dann wieder nicht
r, Pfeifer. Die |»erio»ii.selien Bewe^iiujieii l'^?.'). p. IKnV
207
unerheblich zurückzugehen *] . Irgendwie muss hier eine Wirkung eine
andere Wirkung wieder partiell aufheben, sei es nun, dass dieses in
dem zeitlichen Verlauf einer Kette von Processen bedingt i&t, welche
von dem Auslösungsvorgang ab, einer nach dem andern sich abspielen,
oder dass von vornherein durch die Verdunklung zwei ungleich schnell
verlaufende Auslösungen hervorgerufen werden, oder dass eine andere
Verwicklung zu Grunde liegt. Ebenso zeigt u. a. auch das Verhalten
der Crocusblüthen bei plötzlichem Temperaturabfall eine complicirte
Keaction an'^i. Denn der Temperaturabfall ruft vorübergehend eine
sehr ansehnliche Beschleunigung des Wachsthums hervor, während
thatsächlich bei constanter niederer Temperatur das Wachsthum lang-
samer verläuft, als bei höherer Temperatur und dem entsprechend mit
der niedereren Temperatur eine Hemmung des Wachsthums eintreten
muss. Natürlich wird hier auch Widerstand 3) und Wachsthum der
Zellhaut eine Rolle spielen können.
So wenig wie die eben erwähnten und andere Vorgänge, lassen
sich die Nachwirkungsbewegungen, welche auf eine durch Verdunklung
inducirte Bewegung folgen, aus ihren Factoren erklären ^j. Die Ursache
dieser Nachwirkungen haben wir aber in analogen Principien zu suchen,
aus denen ein Pendel nachschwingt oder eine Function aus mehreren
Variablen in der graphischen Darstellung eine periodische Cune*
ffeben kann.
23. Heliotropismus und Geotropismus.
Heliotropismus und Geotropismus zeigen, wie eine einseitig angrei-
fende Kraft convexe oder concave Krümmung gegen die auslösende
Kraft hin bewirken kann. Analoge Erscheinungen werden voraussicht-
lich allgemeiner durch entsprechenden Angriff einer auslösenden Wir-
kung erzielt werden und u. a. können Ablenkung von Wurzeln durch
Feuchtigkeit und der Erfolg eines dauernden Contactes an gewissen
Objecten als solche Phänomene genannt werden.
1) Pfeffer, Periodische Bewegungen p. 93.
2) Ebenda p. 132.
3) Ueber die Ausdehnung und Dehnbarkeit von Körpern bei verschiedenen
Temperaturen vgl. u. a. die allgemeinen Entwickhingeu bei Clausius (Mechan.
Wärmetheorie 1876, p. 199). Speciell hinsichtlich des auffallenden Verhaltens von
Kautschuk s. auch Pfaundler in Poggendorff 's Annal. 1874. Bd. 153, p. t»2).
4) Pfeffer, l. c, p. 39.
208
Wir wollen nun den Tleliotropisnms initRücksieht aufZellmechanik
beleuchten. Ich erinnere hier zunächst daran, dass in gewisHen Ob-
jecten die Ausdehnungskraft der Zellen mit steigender Helligkeit ab-
nimmt, indem wahrscheinlichst derTurgor sinkt, wie wir hier ruhig an-
nehmen werden. Bei einseitiger Beleuchtung muss dann gegen die Schat-
tenseite hin der Turgor in den Zellen zunehmen und eine positiv helio-
tropische Krümmung des Gewebecomplexes ist die nothwendige Folge,
wenn nicht andere Hindemisse im Wege stehen. Der positive Helio-
tropismus einzelliger Objeete kann aber auf solche Weise nicht entstehen
und so müssen wir zwei Arten des positiven Heliotropismus unterschei-
den*), nämlich den Heliotropismus durch graduell abnehmenden Zell-
turgor, Avelcher nur inZelleomplexen möglich ist und den Heliotropismus
einzelliger Organe, welcher wahrscheinlichst durch Einfluss des Lichtes
auf die Zellhaut zu Stande kommt. Es ist dabei möglich, dass in einem
(rewebe beide Arten positiv heliotropischer Krümmung vereint sind,
indem nebenbei jede einzelne Zelle bestrebt ist, sich aus gleichen Ur-
sachen zu krümmen, wie einzellige Organe. Deshalb ist eine Unter-
scheidung natürlich doch geboten, und wir werden von einem positiven
Heliotropismus der Gewebe und einem positiven Heliotropismus der
Zelle sprechen. Beiden ist vorläufig nur gemeinsam, dass dieselbe
Kraft auslöst , ob noch weitere Beziehungen im Verlaufe der aus-
gelösten Vorgänge bestehen, kann nur mit Kenntniss dieser entschie-
den werden. Ueber negativ heliotropische Krümmung liegt nichts
vor, was auf einen Unterschied zwischen Heliotropismus von Gewebe-
complexen und von einzelligen Objecten bestimmt hinwiese ; das Längen-
wachsthum der negativ heliotropischen Organe wird, soweit bekannt,
durch Licht in analoger Weise verlangsamt, wie dasWachsthum positiv
heliotropischer Organe '^) . Heliotropismus ohne Wachsthum^ , d. h.
durch einfache rückgängig zu machende Dehnung elastischer Zellhäute,
ist nur als positiver Heliotropismus vielzelliger Organe bekannt, es ist
aber bei unserer Unbekanntschaft mit den mechanischen Ursachen
heliotropischer Krümmung nicht zu sagen , ob solcher Heliotropismus
anderweitig möglich ist oder nicht.
In einzelligen Objecten kann zwar, wie ans bekannten Thatsachen
folgt, ein abwechselnd sinkender und steigender Turgor die mechanische
Ursache des Heliotropismus nicht sein, wohl al)er wird eine solche
Schwankung des hydrostatischen Druckes einen gewissen EinHuss auf
1) Siehe Pfeffer, Periodische Bewerbungen 1875, p. CS.
2) H. Müller. Flora 1876, p. 13.
3) Pfeffer, 1. c, p. 63.
209
die Ausgiebigkeit der Krümmung haben können. Gesetzt es seien die
beiden Längshälften der Membran eines cylindrischen Schlauches un-
gleich dehnbar, so wird sich ein gerader Schlauch mit steigendem Tur-
gor concav nach der weniger dehnbaren Membranhälfte krümmen, ein
zuvor concav nach der dehnbarem Längshälfte gebogener Schlauch aber
natürlich seine Krümmung mehr oder weniger ausgleichen. Bei voll-
kommener Elasticität der Membran würde dann mit dem oscillirenden
Turgor, je nach der Vertheilung der Dehnbarkeit, entweder eine ebene
oder eine gekrümmte Fläche von dem sich hin und her bewegenden
Schlauche beschrieben werden. Weiter muss beachtet werden, dass bei
vollkommen gleicher Dehnbarkeit und Elasticität der Wandung die
Krümmung eines Schlauches mit zunehmendem hydrostatischen Druck
im Innern vermindert werden muss, ein Vorgang, der dem Princip von
Bourdon's Federmanometer zu Grunde liegt *) . Vermehrte Dehnung
ruft aber an wachsenden Zellhäuten eine Steigerung des Wachsthums
hervor und so muss steigender Turgor eine gewisse Ausgleichung der
Krümmung einer Zelle anstreben. Ausserdem wird die Schwankung
des hydrostatischen Druckes in wachsenden Zellen die Ausgiebigkeit
von Krümmungen und oscillirenden Bewegungen der Zelle beeinflussen
können, wenn Bedingungen zu solchen Bewegungen in der zeitlichen
Vertheilung der Widerstandsfähigkeit und der Wachsthumsfähigkeit der
Zellhaut gegeben sind -) .
Aus obigem ergibt sich von selbst, wie Abnahme und Steigerung
des hydrostatischen Druckes in einer Zelle für positiven und negativen
Heliotropismus in Betracht kommt. Ursache der heliotropischen Krüm-
mung einzelliger Objecto kann der schwankende Turgor nicht sein,
denn dann müsste ja schon allseitige Helligkeitsabnahme eine Krüm-
mung hervorrufen, welche, ebenso wie der Modus der Krümmung, nur
durch einseitige Beleuchtung bestimmt wird.
Stärkere Dehnung und dieser entsprechend stärkeres Waehsthum
einer Längshälfte der Zellhaut könnte auch vom ProtoplasmakJU'per aus-
gehen, welcher ja thatsächlich vermöge seiner Structur gewisse, aber
freilich nur geringe einseitige Druckwirkung ausüben kann. Allerdings
würde schon ein geringer dauernder Dehnungsüberschuss in einer
Längshälfte der Membran mit der Zeit eine erhebliche Krümmung einer
Zelle herbeiführen können, wenn eben durch diese geringe, aber fort-
Ij Auf diesom Princip beruht Bourdon's Aneroidbarometer und Fick's
Pederkymographion.
2) Es ist solches auch als mögliche Ursache der Bewegungen von Oscillarien
u. s. w. ins Auge zu fassen.
Pfeffer, Osmotisolie Unttisuchuugen. 1*
210
(lauernde Mehrdehnung das Wachsthum der fraglichen Membranliälfte
fortwiihrend etwas beschleunigt wäre ') . Aber schon ein geringer Gegen-
druck würde dann ausreichen, um die Krümmung aufzuhalten, weil ja
der wasserreiche Protopla8makörj)er nach unseren früheren Erwägungen
nur geringe einseitige Druckkraft ausüben kann.
Mit welcher Kraft heliotropische Krümmungen einzelliger Objecte
ausgeführt werden ist noch nicht bekannt, ddch habe ich beobachtet.
wie durch die positiv heliotropische Krümmung der Internodien einer
Nitella ein verhältnissmässig erheblicher Druck überwunden wurde,
welchen die Spitze der Pflanze vor sich herzuschieben hatte, ohne dass
die sich krümmenden Internodien in ('ontact mit dem festen Körper
kamen. Wenn ich nun auch die Grösse des Druckes nicht angeben
kann, so war dieser doch jedenfalls viel zu erheblich, um ihn auf ein
entsprechendes Ausdehnungssti'eben des Protoplasmakörpers schieben
zu können und so muss ich die an sich unwahrscheinliche Annalune
zurückweisen, dass eine ungleiche Ausdehnungskraft des Protoplasma-
körpers die mechanische Ursache der heliotropischen Krümmung ein-
zelliger Objecte ist. Dann muss aber in ungleichem Widerstand oder
Wachsthum der Zellhaut die Ursache heliotropischer Krümmung gesucht
werden. Knüpfen sich unsere Erwägungen und Argumente auch nur
an positiven Heliotropismus, so zweifle ich doch nicht daran, dass sie
für negativen Heliotropismus in gleicher Weise ausfallen, d. h. in die
Zellhaut die Ursache verlegen würden. Um dieses absolut sicher zu
stellen, bedarf es freilich für beide Arten von Heliotropismus einzelliger
Objecte noch entscheidender Versuche.
Sollte nun thatsächlich positiver und negativer Heliotropismus zu-
nächst von Molecularprocessen innerhalb der Zellhaut abhängen, dann
muss dieselbe und in derselben Richtung wirkende auslösende Kraft,
das Licht, gerade entgegengesetzte sichtbare Leistungen auslösen.
Dieses ist aber da, wo es sich um mehrere variable Factoren handelt,
wie vorhin hervorgehoben wurde, schon möglich, wenn die ausgelösten
Processe wohl ihrer Qualität, aber nicht ihrem Arbeitsmaasse nach über-
einstimmen und ich will nochmals nachdrücklich hervorheben, dass
solche in entgegengesetzter Richtung stattfindenden Bewegungen, auf
Grund dieser habituellen Erscheinung allein, nun und nimmer darüber
eine Entscheidung zulassen, ob sie Resultante aus qualitativ oder nur
(juantitativ verschiedenen Leistungen sind. EinUrtheil über diese Frage
ist aus dem über Heliotropismus Bekannten nicht zu gewinnen.
1) Vfjl. Pfeffer. Periodische Be\vef>iinpren p. 14G.
211
Das Wachsthum setzt sich immer aus einer gewissen Zahl von Fac-
toren zusammen. Als nächste Factoren werden wir im allgemeinen
Zufuhr geeigneten Mateiiales und Verwendung dieses zur Einlagerung
neuer Zellhauttheilchen bezeichnen können, Factoren, welche aber selbst
schon Resultante einer ganzen Reihe näherer und fernerer Bedingungen
sind. Wie nun einseitige Beleuchtung auslösend wirkt, um dasFUichen-
wachsthum der Zellhaut in einem Falle auf der beleuchteten, im andern
Falle auf der beschatteten Seite relativ ausgiebiger zu .macheu, darüber
wissen wir zur Zeit nichts. Man könnte hier geltend machen, dass Be-
leuchtuug die Verdickung von Zellhäuten zu begünstigen scheint' ,
wodurch dann das Flächenwachsthum der Zellhaut vermindert würde,
weil dieses wesentlich von der Grösse der Dehnung abhängt. Ander-
seits ist aber auch bekannt, dass Beleuchtung, in freilich noch unbe-
kannter Weise, das Wachsthum in gewissen Objecten befördern kann 2)
und so ständen sich zwei in entgegengesetztem Sinne thätige Factoren
gegenüber, welche, wenn sie in zwei verschiedenen Zellen in ungleicher
Relation ausgelöst würden, eine positive und negative Krümmung wohl
veranlassen könnten. Damit will ich nicht eine Hypothese aufstellen,
sondern nur an einem Beispiel zeigen, dass sich Angriffspunkte schon
finden lassen, um nach den mechanischen Ursachen des entgegengesetz-
ten Heliotropismus experimentell forschen zu können. Die einseitige
Beleuchtung wird möglicherweise auch auf den Protoplasmakörper der-
art wirken, dass die durch diesen vermittelten Wachsthumsbedingungen
auf Licht- und Schattenseite der Zelle ungleich vertheilt sind •'■ . Ein-
zellige Objecte, welche heliotropische Krümmungen ohne Membran-
wachsthum ausführen, sind nicht bekannt ; wenn sie existiren sollten,
so würden sie aber für die Aufklärung der Ursachen des Heliotropismus
von unberechenbarem Werthe sein.
Wenn der positive Heliotropismus gewisser Pflanzen mit weiterer
Entwicklung einem negativen Heliotropismus Platz macht, so hat die
wirkende Resultante jedenfalls einen Umschwung erfahren, sei es nun.
dass sich mit fortschreitender Entwicklung des Organes das Verhältniss
zwischen den im positiven und negativen Sifine wirkenden Leistungen
1) Vgl. Kraus, Jahrb. f. wiss. Botanik ISC9— 70, Bd. VII, p. 232.
2) So kommen die Sporen mancher Gewächse und die Brutkuospen von Mar-
chantia im Dunklen nicht zur Weiterentwicklung. Auch ist zu erwähnen, dass die
Samenlappen mancher Pflanzen im Dunklen nicht weiter wachsen, obgleich sie mit
Nährstoffen gefüllt sind.
3) Bewegungen des Protoplasmas, welche durch einseitige Beleuchtung ver
anlasst werden, sind Ja bekannt. Siehe Sachs, Lehrbuch lA''. Aufl., p. 721.
14*
212
ändert oder dass eine Leistung neu hinzutritt. Die erblichen Eigen-
schaften der Pflanze bestimmen den Ort, an welchem der negative Helio-
tropismus sichtbar beginnt und dieses wird nach dem Gesagten sowohl
in der schnellst wachsenden, als auch in einer langsam wachsenden
Zone eintreten können. Deshalb kann ich aber auch die Unterscheidung
zweier Arten des negativen Heliotropismus, wie es H. Müll er i) will,
nicht billigen, wenn sie nur auf den Eintritt der negativen Krümmung
in verschiedenen Wachsthumszonen basirt ist, eine Erscheinung, die ja
als Resultante noth wendig ist, wenn in Organen gleichzeitig zwei Kräfte
in entgegengesetztem Sinne wirken, deren Relation in verschiedenen
Pflanzen für gleiche Entwicklungstadien eine ungleiche ist 2). Möglich
ist es ja freilich, dass der negative Heliotiopismus verschiedener Pflan-
zen nur der übereinstimmende habituelle Ausdruck für qualitativ un-
gleiche Vorgänge ist, zur Zeit sind aber keine Thatsachen bekannt, aus
welchen dieses zu folgern oder wahrscheinlich zu machen wäre.
Um auslösend zu wirken, muss ein Lichtstrahl jedenfalls eine ge-
wisse, wenn auch vielleicht äusserst geringe Moleculararbeit verrichten
und es kann nun die Frage gestellt werden, ob diese dieselbe ist, wenn
ein identischer Lichtstrahl unter gleichem Neigungswinkel von aussen
oder von innen her, also mit veränderter Reihenfolge in Zellhaut und
Protoplasma oder überhaupt an den Ort tritt, wo er auslösend thätig ist.
Wenn die Reihenfolge des Eintrittes gleichgültig ist, dann muss die
abweichende Wirkung auf der zuvor gleichwerthigen Schattenseite daher
rühren, dass hier Licht von gleicher Qualität, aber von anderer Intensi-
tät zur Wirkung kommt. Schwächung eines Lichtstrahles ist ja unver-
meidlich, wenn dieser auf der beleuchteten Seite einer Zelle eine Arbeit
leistet, und auf der Schattenseite wird der Lichtstrahl mit geringerer
Intensität (mechanischem Aequivalente) ankommen, wenn nicht der be-
sondere Aufbau der Zelle oder der Organe eine Concentration vonSti'ah-
len bewirkt ') . Falls nun ein Lichtstrahl thatsächlich ungleich aus-
giebige Leistungen hervorrufen sollte, wenn er von aussen oder innen
her z. B. in die Zellhaut gelangt, so muss gleichfalls zunächst entschie-
den werden , ob auch in beiden Fällen der Lichtstrahl mit gleicher
]) Flora 187«, p. 70 u. 93.
2; Hierher j^ehüreu auch Coiubinationen wie die von heliotropischen und geo-
trupischen Kriiiunuingen, auf welche ich hier und im Folgenden keine Rücksicht
genoinmeu habe.
.'*) Eine solche Annahme liegt einer Hypothese Wölk off '3 zu Grunde, welche
aber thatȊchlich nicht ausreicht, lun den entgegengesetzten Heliotropismus zu
erklären. — Siehe Sachs, Lehrbuch IV. Aufl., p. 810.
213
Intensität an dem Ort seiner Wirkung ankam, ehe man schlussfolgern
dürfte, dass der Lichtstrahl anders wirke, wenn er etwa auf ein Zell-
hauttheilchen von aussen oder von innen fällt. Weil es sich hier um
einen Auslösungsvorgang handelt, kann eine nur geringe Differenz in
der Wirkungsfähigkeit des Lichtes vielleicht schon einen gewaltigen
Effect bedingen.
Heliotropische Krümmung tritt auch dann ein, wenn ein Lichtstrahl
die Vorderwand und Rückwand der Zelle unter gleichem Neigungs-
winkel trifft, und auf diesen Fall muss noth wendig zunächst die Frage
bezogen werden, wie und wann Heliotropismus zu Stande kommt. Wie
Längenwachsthum, oder überhaupt dasWachsthum einer Zelle mit dem
Neigungswinkel des wirkenden Lichtstrahles verändert wird, ist eine
neue Frage, die zuerst durch Vergleich der Wachsthumsvorgänge in
einer Zelle entschieden werden muss, in welcher das einemal Licht-
strahlen parallel mit der Längsachse, das anderemal senkrecht gegen
diese, aber gleichmässig von allen Seiten, eintreten denn die Wirkung
anders geneigter Lichtstrahlen würde in diese Composanten zu zerlegen
sein. Gesetzt aber, parallel oder senkrecht zur I^ängsachse der Zelle
eindringende Lichtstrahlen wirkten thatsächlich wesentlich verschieden
auf das Wachsthum der Zelle, so würde damit allein der Heliotropismus
selbst doch nicht erklärt sein, während die Bedeutung der Neigung der
Lichtstrahlen für Ausgiebigkeit heliotropischer Krümmung vielleicht
vollkommen klar gelegt Werden könnte.
Diese Auseinandersetzungen schienen mir geboten, da H. Mül-
ler's') Ausspruch, es dürfte sich beim Heliotropismus weniger um die
Lichtdifferenz als um die Lichtrichtung handeln, die Fragen nicht prä-
cisirt und schon deshalb mehrdeutig ist, weil der Neigungswinkel des
Lichtes und die Richtung des Lichtes mit Bezug auf das Eindringen von
aussen oder innen nicht auseinandergehalten sind. Eine Entscheidung
kann freilich darüber nicht gefällt werden, ob ein Lichtstrahl bei helio-
tropischen Krümmungen nur vermöge seiner Intensität wirkt, oder ob
derselbe Lichtstrahl anders wirkt, wenn er auf Aussenseite oder Innen-
seite eines Zellhaut- oder Protoplasmatheilchens fällt. Uebrigens hat
erstere Alternative die grössere Wahrscheinlichkeit jedenfalls für sich,
doch scheint mir eine weitere Discussion über diese Fragen bei der der-
zeitigen Sachlage überflüssig. Darauf will ich aber noch aufmerksam
machen, dass, wenn der Turgor in der Zelle sinkt, eine andere Wirkung
eines Lichtstrahles, als vermöge seiner Intensität, nur dann möglich
1) Flora 1876, p. 92.
214
wäre, wenn die nüthige Auslösung durch die Wirkung des Lichtes auf
einen nicht flüssigen Körper stattfände.
Wird das Wachsthum verglichen, welches i)arallel oder senkrecht
zur Längsachse der Zelle einfallendes Licht hervorruft, so ist wohl zu
heachten, dass hier Orts Veränderungen, wie sie z. B. für Protoplasma
bekannt sind, und noch andere Umstände möglicherweise das Wachs-
thum der Zellhaut in entscheidender Weise beeinflussen. Diese und
andere Gesichtspunkte kommen auch fürlleliotropismus in Betracht und
es ist nicht einmal wahrscheinlich, dass das mittlere Wachsthum sich
heliotropisch krümmender und bei gleicher Lichtintensität gerade fort-
wachsender Organe übereinstimmend ausfällt.
Bis dahin ist sachgemäss ein Lichtstrahl gleicher Qualität voraus-
gesetzt worden , denn wie Lichtstrahlen ungleicher Wellenlänge und
ungleicher Schwingungsebene wirken, sind Fragen für sich , welche
natürlich sowohl für den parallel, als den senkrecht zur Zellachsc ge-
richteten Strahl in Betracht kommen. Hinsichtlich des polarisirten Lich-
tes ist mir nur ein Versuch von Askenasyi) bekannt, nach welchem
die Fruchtstiele von Pellia und Kressenpflanzen sich in gleicher Weise
positiv heliotropisch krümmen, wenn die Schwingungsebene des sie ein-
seitig trettenden Lichtes parallel oder senkrecht zur Längsachse des
Objectes steht. Da aber nicht festgestellt ist, ob das polarisirte Licht
nicht wieder depolarisirt wurde, so ist dieser Versuch nicht gerade ent-
scheidend, obgleich ich durchaus nicht zweifle, dass Licht jeder Schwin-
gungsebene heliotropische Krümmung hervorruft. Ich glaube , dass
man auch nach gewissen Erwägungen, die ich hier nicht darlegen Avill,
erwarten darf, dass ein parallel mit der Längsachse der Zelle eindringen-
der Lichtstrahl unabhängig von seiner Schwingungsebene wirkt.
Bezüglich der Mechanik der geotropischeu Krümmungen ergibt
sich eine wesentlich analoge F^ragestellung, wie für die heliotroitischen
Bewegungen. Die Existenz des positiven und negativen Geotro)>ismus
an einzelligen Objecten und ähnliche Erwägungen wie die beim ilelio-
tropismus angestellten, müssen uns zu dem Schlüsse fuhren, dass der
Geotropismus der Zelle zustande kommt, indem die Schwerkraft in den
gegen die Verticale geneigten Objecten Auslösungen hervorruft, welche
das Wachsthum der erdwärts und zcnithwärts gewandten Zellhautstücke
Ij Botan. Zeitung 1871, p. 237.
215
in ungleichem Maasse, wenn auch vielleicht in nur sehr indirecter Weise,
beeinflusst ^) .
In den ohne oder mit Wachsthum sich negativ geotropisch krüm-
menden Geweben nimmt die Ausdehnungskraft 2) , resp. das Wachsthum
der Zellen von der erdwärts gewandten zu der /enithwärts gewandten
Seite zu , während bei positivem Geotropismus umgekehrt die oberen
Zellen am schnellsten wachsen. Mit der Horizontalstellung muss also
zugleich eine Ursache eintreten, welche den Auslösungsvorgang in jeder
höheren Zeile anders gestaltet. Doch lasse ich dahin gestellt, ob, ana-
log wie bei positivem Heliotrop ismus, ein Geotropismus der Zelle und
der Gewebe zu unterscheiden sein wird, da die bis jetzt vorliegenden
Thatsachen eine solche Unterscheidung nicht unbedingt fordern.
Gegenüber der gewaltigen Ausdehnungskraft, welche manche Ob-
jecte bei der negativ geotropischen Krümmung entwickeln können, muss
die zur Auslösung nothwendige Arbeitsleistung der Schwerkraft eine
verschwindend geringe sein ^) Wie aber diese Auslösung zu Stande
kommt, ob ferner der Auslösungsvorgang bei positivem und negativem
1) Traube und nach ihm Andere haben versucht den Geotropismus aus den-
selben einfachen Ursachen zu erklären, welche gewissem Aufwärtswachsen anor-
ganischer Zellen zu Grunde liegen (Bot. Ztg. 1876, p. 67). Da meines Erachtens
eine genügende Bekanntschaft mit den über Geotropismus bekannten Thatsachen
sofort zeigen muss, dass diese einfache Erklärung absolut nicht ausreicht, so halte
ich es an diesem Orte nicht für geboten, solche Anschauungen speciell zu wider-
legen. — Ebenso kann ich hier nicht speciell eingehen auf eine Arbeit von C.
Kraus (Flora 1876, Nr. 28), welche ich erst nach Abschluss dieses Manuscriptes
erhielt. Die Erklärung der mechanischen Ursache des Geotropismus kommt im
wesentlichen darauf hinaus, dass vermehrtes Flächenwachsthura der Zellwände auf
der Unterseite eines Organes negativen Geotropismus, gesteigerte Widerstands-
fähigkeit, z. B. durch Verdickung der Zellwände auf der Unterseite , positiven
Geotropismus erzeugen soll. Neu ist dieser Gedanke überhaupt nicht und der
Wissenschaft wird nicht damit gedient, wenn jener kurzweg auf die Behauptung
gestützt wird. »Unzweifelhaft ruft die Schwerkraft in einer horizontal gelegten
Wurzel eine von oben nach unten zunehmende Concentration der Zellsäfte hervor,
ähnlich wie in einer künstlichen Traube 'sehen Zelle« (1. c, p. 440), denn, dass
etwas derartig ohne weiteres »unzweifelhaft« sei, ist einmal ganz und gar falsch
und dann ist die Concentration allein noch kein sicherer Maassstab für das Wach-
sen. Ausserdem gibt es auch negativen Geotropismus ohne Wachsthum und die
mächtige dehnende Kraft kann überhaupt nicht in der einfachen Weise zu Stande
kommen, welche Ursache des Aufwärtswachsens Traube 'scher Zellen ist. Die
gründlichen Verirrungen aufzudecken, welche sich C. Kraus in Interpretation
der Thatsachen und der physikalischen Auffassung gewisser Phänomene zu Schul-
den kommen lässt, würde hier zu weit führen.
2) Vgl. das entsprechende Kapitel im Lehrbuch von Sachs und Pfeffer,
Period. Bewegungen p. 141.
3) Pfeffer, Period. Bewegungen p. 146.
216
Geotropismus qualitativ identisch ist, oder ob zwei Auslösungsvorgäuge
im Spiele sind, hierüber und über ähnliche Sachen lässt sich noch nichts
bestimmtes sagen '). Es liegt freilich nahe daran zu denken, dass der
geringe Mehrdruck eine auslösende Rolle spielt, welcher in Zellen und
Geweben in tieferen Schichten durch das Gewicht der darüber stehen-
den Flüssigkeitssäule ausgeübt wird. Vielleicht ist aber die Ablenkung
von Wurzeln durch Feuchtigkeit eine Erscheinung, welche auf principiell
gleiche Gesichtspunkte bezüglich der Auslösung zurückzuführen ist 2).
Wie man sich dieses vorstellen kann, unterlasse ich auseinanderzu-
setzen, doch wollte ich auf die möglichen Beziehungen hinweisen, um
darauf aufmerksam zu machen, dass jedenfalls zunächst untersucht
werden muss, wie sich negativ geotropische Organe und ebenso wie sich
einzellige Objecte unter den Feuchtigkeitsbedingungen verhalten, welche
die positiv geotropischen Wurzeln zu einer nach der feuchteren Seite
hin concaven Ablenkung veranlassen.
Eine weitere Zergliederung der Frage, ob Richtung oder Intensität
der Gravitation für Geotropismus in Betracht kommt, will ich hier unter-
lassen, da sich aus dem bezüglich des Lichtes Gesagten die wesent-
lichsten Gesichtspunkte ergeben, nach welchen man hier vorzugehen
hätte. Uebrigens ist einleuchtend, wie auf zwei, um eine Zellhöhe
vertical von einander abstehende Punkte die Gravitation in so annähernd
gleicherweise wirkt, dass nicht in dieser Differenz, sondern in anderen,
mit der Schwerkraft zusammenhängenden Vorgängen die Ursache der
Auslösung zu suchen ist.
24. Einige Wachsthums- und Gestaltungsvorgänge.
Im Plane dieser Abhandlung kann es nicht liegen, alles zu behan-
deln, was sich schon zur Zeit über Zellmechanik sagen und vermuthen
lässt, doch glaube ich noch einige mit Wachsthumsvorgängen zusammen-
hängende Punkte beilihren zu sollen, welche sich im Vorausgehenden
nicht gut einreihen Hessen.
1 ) Es könnte hier auch Vertheilung von Körpern unter dem Einfluss der Schwere
ins Gewicht fallen. Ob dem Protoplasma bestimmte Bewegungen durch die
Schwerkraft indncirt werden, ist für von Zellhaut umkleidete Zellen noch nicht
untersucht. Nach Rosanoff (Sachs , Lehrbuch, IV. Aufl., p. 813) sollen frei-
lich die Plasmodien von Aethalium durch die Schwerkraft zu aufsteigender Bewe-
gung veranlasst werden, doch muss dieses jedenfalls sorgfältig nachuntersucht
werden, da das, was ich bei Aethalium gesehen habe, eine andere Deutung als
Beeinflussung durch Schwerkraft zulässt.
2) Sachs, Arbeiten des Würzburger Instituts 1872, Heft 2, p. 219.
217
Ist ein gewisser osmotischer Ueberdruck in der Zelle vorhanden,
so muss die die äussere Umkleidiing des Protoplasmakörpers bildende
Plasmamembran nothwendig der Zellhaut angepresst sein und die
Eigenschaften dieser Plasmamembran, wie überhaupt des Protoplasma-
körpers bringen es mit sich, dass auch die feinsten Tüpfelräume in der
Zellhaut ausgekleidet werden können *) . Der osmotische Druck sucht
nun die Zellhaut in die Fläche zu dehnen und wirkt ausserdem zu-
sammenpressend in transversaler Richtung, wenn die Zellhaut oder ge-
x^'isse Schichten dieser auf einer Widerlage ruhen. Denn wenn dieses
der Fall ist wird ja die Zellhaut, resp. ein innerer Theil dieser, in ana-
loger Weise zusammengepresst, wie eine in ein Tuch eingeschlagene
und in eine Presse gebrachte quellungsfähige Masse, die so lange Was-
ser abgibt bis der äussere Druck nicht mehr im Stande ist, das mit
grösserer Kraft zurückgehaltene Quellungswasser herauszupressen.
Meist wird die auf solche Weise erzielte Verminderung der Dicke
der Zellhaut nur sehr gering sein, doch muss diese Verminderung dann
erheblich werden, wenn Zellhaut zwar ihr Volumen durch Quellung
ansehnlich vergrössert, aber die Quellungsflüssigkeit nur mit solcher
Kraft festhält, dass ein gegebener osmotischer Druck eine grössere
Menge herauspressen kann. So ist es offenbar bei gewissen Algenfäden,
deren Zellhaut in Zuckerlösung oder nach Tödtung der Zelle , also
überhaupt nach Aufhebung des Turgors bis auf das Doppelte der ur-
sprünglichen Dicke anschwellen kann , ohne dass sich die Längen-
dimension beachtenswerth verändert'-). Hier bilden die äusseren wider-
standsfähigen und wenig dehnbaren Schichten der Zellhaut die Wider-
lage, gegen welche die inneren aufquellenden Zellhautschichten durch
die Plasmamembran, resp. den osmotischen Druck gepresst werden.
Analoge Erscheinungen werden sich zweifellos in Mehrzahl finden las-
sen, wenn man sein Augenmerk auf Objecte richtet, bei welchen Zell-
haut in quellungsfähige Massen verwandelt wird. Aber auch da, wo
Aenderungen des Durchmessers an der Zellhaut nicht merklich sind,
darf doch die erwähnte Zusammenpressung nicht ausser Acht gelassen
werden, da sowohl der jedenfalls ein klein wenig verminderte Wasser-
gehalt, wie auch der Druck selbst, bei Wachsthum und bei anderen
Vorgängen eine Rolle spielen könnte.
1) Niedcrschlagsmembranen werden durch die Maschen sehr dichter Gewebe
selbst bei sehr geringemDrucke durchgepresst und wachsen auf der anderen Seite
als Blasen hervor (vgl. p. 4). Es erinnert dieser Vorgang lebhaft an die Art und
Weise wie Tüllen entstehen.
2) Nägcli und Schwendener, Mikroskop 1867, p. 41)6.
218
Die mechanischen Ursachen der Neubildung und des Wachsthums
von Zellhaut können in allseitig zufriedenstellender Weise noch nicht
erklärt werden. Bei Neubildung einer Membran um einen Protoplasma-
körper muss das in gelöster Form aus der Plasmamembran hervoitretende
3Iembranbildungsniaterial unlöslich ausgeschieden werden. Es liegt
hier die Yermuthung nahe, dass in der Berührung mit wässriger Flüs-
sigkeit, mit Luft oder überhaupt mit einem anderen Medium die Ursache
für Zersetzung der Lösung des Membranbildners und die Entstehung
der Zellliaut zu suchen sei, sowohl da wo sich Zellhaut um einen frei
in AVasser liegenden Protoplasmakörper, als auch da wo sie bei Zell-
theilung zwischen zwei zuvor gesonderten Protoplasmakörpern ent-
steht'). Doch sind auch andere U-rsachen denkbar, welche eine Aus-
scheidung des Membranbildners aus der diosmirenden Lösung bewirken
könnten, auf deren Erörterung ich indess nicht eingehe, da thatsächlich
keine bestimmten Anhaltspunkte über die mechanische Ursache der
Zellhautbildung vorliegen.
Hinsichtlich der Wachsthumsursachen der Zellhaut in Fläche und
Dicke sind keine wirklich principiell neuen Gesichtspunkte zu denen
gekommen, welche Nägeli in seinen unvergleichlich scharfsinnigen
Untersuchungen und Folgerungen über das Wachsthum der Stärkekömer
erschloss und an deren Hand er auch das Wachsthum der Zellhaut be-
leuchtete'^) . Auch negative Spannung der Zellhaut hat Nägeli als
eine Wachsthumsursache sehr wohl erkannt, aber freilich der Dehnung
der Membran durch Turgor nicht die hohe Bedeutung für das Flächen-
wachsthum der Membran beigelegt, welche Sachs ^j mit Recht dafür
in Anspruch nahm. So wichtig es an sich war, die hohe Rolle hervor-
zuheben, welche der Turgor vermöge der Dehnung der Membran bei
dem Flächenwachsthum dieser spielt, so ist damit keine principiell neue
Wachsthumsursache eingeführt worden und solches ist auch nicht durch
Traube geschehen, welcher mit der wichtigen Entdeckung seiner
Niederschlagsmembrauen allerdings einige Wachsthumsursachen. und
Wachsthumsvorgänge augenfällig demonstriren konnte. Ohne weiteres
1) Rein ke (Bot. ZeitunglSTö, p. 4:t5) behauptet, Grundbedingung für Bildung
und Wach-sthum einer Niederschlagsnienibran sei das Zusaramentreflfen zweier ge-
löster Membranogene, resp. die Existenz dieser zu beiden Seiten einer Membran.
Traube hat aber schon in seiner ersten Arbeit (1867) gezeigt, wie auch Körper
sich in reinem Wasser mit einer Niederschlagsmembran umkleiden können (vgl.
diese Abhandlung p. 133). — Uebrigens bedarf die Zellhautbildung in ihrer Bezie-
hung zum Protoplasmakörper einer erneuten Untersuchung.
2) Nägeli , Die Stärkekörner 1858, p. 328 ff, p. 370 u. 8. w.
3) Lehrbuch 111. Aufl. p. 699.
219
folgt aber aus diesen Wachsthumserselieinungen an Niederschlagsmem-
branen noch nicht, dass auch die Zellhaut nur aus gleichen Gründen
wächst. So sehr z. B. auch mit sinkendem Turgor das Flächenwachs-
thum der Membranen verlangsamt wird, so ist doch auch heute noch
fraglich, üb nicht in gewissen Fällen Membranen ohne passive Dehnung
in die Fläche wachsen, indem etwa die Einlagerung neuer Membran-
theilchen durch andere in der Membran wirksame Molecularwirkungen
herbeigeführt wird. Ein derartiger Wachsthumsvorgang ist ja ohnehin
erforderlich, um die Membran in die Dicke wachsen zu machen, denn
die transversale Zusammenpressung durch den variablen osmotischen
Druck kann nicht Ursache des Dickenwachsthums sein, wenn dieses
auch in etwas durch diese Pressung beeinflusst werden muss.
Eine weitere Discussion über die Wachsthumsursachen der Zell-
haut lieg-t übrigens nicht in meiner Absicht und obiges wurde nur ge-
schrieben, um daran zu erinnern, dass, wie von Nägel i vor nun fast
20 Jahren schon dargethan wurde, eine ganze Reihe vonFactoren als Ur-
sache des Wachsthums in Betracht kommen. Unter diesen Factoren sind
auch diejenigen vonNägeli hervorgehoben, welche allein von Traube
als Wachsthumsursachen genannt werden, nämlich Vorhandensein der
Membranbildner und negative Spannung. Dass diese für sich und in
ihren Combinationen aber nicht ausreichen, um das specifische Wachs-
thum von Zellhäuten zu erklären, wird eine ruhige Reflexion an der
Hand bekannter Thatsachen leicht zeigen können ').
Zu den Factoren, welche fürWachsthum der Zellhaut und der Zelle
überhaupt in Betiacht kommen werden, gehören auch Entstehung und
Vertheilung der das Wachsthum vermittelnden Stoffe. In Folge der
besonderen Gestaltung solcher Vorgänge wird sowohl der Kraftwechsel
1) Wenn ähnliche Geetaltung anorganischer und lebender Zellen kurzweg her-
beigezogen wird, um die specifischen Wachsthumsvorgänge im Organismus damit
erklären zu wollen, so kehrt hier im wesentlichen nur wieder, was in verflossenen
Jahrhunderten schon da war, als die Alcliymisten die sog. metallischen Bäume
anstaunten, welche theilweise ja auch anorganische Zellen waren. (Vgl.p. 13, auch
z. B. Wiegleb, Geschichte des Wachsthums und der Erfindungen in d. Chemie
1790, I, p. 130 u. 8. w.) Wie über die Bestrebungen der Alchymisten, wird die
Geschichte auch über analoge Bestrebungen unserer Tage urtheilen. — Natürlich
ist es durchaus correct, wenn einzelne maassgebende'Factoren aus dem Verhalten
anorganischer Zellen demonstrirt werden, wie solches von Traube geschah.
220
durch den Stoffwechsel, als auch dieser durch jenen in vielfacher Weise
beeinflusst werden können. Hier will ich indess solche Wechselbezie-
hungen nicht ausmalen, sondern nur auf einige mögliche Ursachen für
Ortsveränderungen im Protoplasmakörper hinweisen. Dass solche, wie
z. B. die Ansammlung des Protoplasmas an bestimmten Stellen, eine
Rolle bei Wachsthums- und Auslösungsvorgängen spielen, wird wohl
eher wahrscheinlich, als unwahrscheinlich erscheinen. Wie die Sache
zur Zeit liegt, kann in Folgendem nur auf einige bisher nicht oder un-
genügend beachtete Ursachen aufmerksam gemacht werden, welche
möglicherweise bei sichtbaren Gestaltungsvorgängen im Protoplasma in
Betracht kommen.
Bis jetzt ist nicht viel darüber bekannt, wie äussere Einflüsse auf
Gestaltung im Protoplasma influireu. Licht kann gewisse Bewegungs-
vorgänge, höhere und niedere Temperaturen, sowie gewisse chemische
Reagentieji können gestaltliche Aenderungen hervorrufen und es scheint
wahrscheinlich, dass auch andere Agentien, wie Schwerkraft'), Elektri-
cität u. s. w. wirksam eingreifen, namentlich auch bei einseitigem An-
griff" Bewegungen im Protoplasma nach bestimmter Richtung hervor-
rufen. Hat z. B. der Zellsaft ein geringeres specifisches Gewicht als
das Protoplasma, so muss er auf dieses veiücal aufwärts einen ent-
sprechenden Druck ausüben und von der Intensität dieses, im Verhält-
niss zu entgegenstehenden Widerständen, wird es abhängen, ob ein
sichtbarer Efi"ect auf diese Weise zu Stande kommt. Ebenso muss
selbstverständlich die Schwerkraft bestrebt sein ungelöste Körper nach
Maassgabe des specifischen Gewichtes zu sondern"^).
Ausser diesen und anderen Bewegungsursachen glaube ich die
Aufmerksamkeit noch besonders auf Vorgänge lenken zu sollen, welche
durch chemische Actionen wohl zu Stande kommen könnten.
Findet in einer Lösung an irgend einem Punkte eine Zersetzung
des gelösten Körpers statt, so ist eine Diff"usionsbewegung gewiss, aber
auch Massenbewegung kann entstehen, wenn der unzersetzte Körper
und seine Zersetzungsproductc, wie ja das gewöhnlich der Fall ist,
nicht dasselbe Volumen einnehmen und um die Sache möglichst einfach
zu machen, kann man sich ja einmal vorstellen, es werde Wasser ab-
ge8i)alten , rcsp. unter Verdichtung in chemische Verbindung über-
geführt. Diffusionsströnmng und Massenbewegung halten so lange
an, als chemische Zersetzung sie erzeugt und können mit dieser dauernd
1) Ilinsichtlicli der An}?abe,n Koaanoff s vgl. diese Abhandlung p. 21H.
2) Nägcli u. Seil woiidcner, Mikroskop 1867, p. 381.
221
werden. Letzteres ist aber selbst bei nur geringem Materiale möglich,
wenn die zersetzende Kraft fortwährend an einem Punkte thätig ist,
während an davon entfernten Punkten eine Regeneration des fraglichen
Körpers irgendwie stattfindet. Dass solches in einer lebenden Zelle
möglich sein kann, muss man zugeben, und wie obiges selbst in ziem-
lich einfacher Weise erreichbar ist, lehren Körper, welche im Licht
dissociiren, im Dunklen aber sich "Wieder regeneriren. Wenn aber ein
solch continuirlicher Process thätig ist, dann wird die Massenbewegung,
welche z. ß. durch Volumzunahme erzeugt wird, durch die Volum-
abnahme bei der an anderen Punkten stattfindenden Regeneration unter-
stützt; die an sich keine Volumänderung bedingenden diosmotischen
Ströme schaffen aber fortwährend den unzersetzten Körper zu dem
Zersetzungsorte und die Zersetzungsproducte von diesem weg nach den
Stellen, wo sie regenerirt werden. Falls nun im Protoplasma derartige
Strömungen thätig sein sollten, würden dadurch, wie leicht ersichtlich
ist, ungelöste Körper wohl auch in bestimmte Gruppirungen gebracht
werden können, wenn die sicher stets nur geringe Leistung dieser Strö-
mungen nicht von anderen Kräften eliminirt wird. Ob freilich thatsäch-
lich Gruppirungen, wie sie z. B. bei Zelltheilungen sich finden ^j, durch
solche oder ähnliche chemische Actionen zu Stande kommen oder ob sie
aus der Organisation und den damit verbundeneu specifischen Molecular-
wirkungen entspringen, oder sonst irgendwie entstehen, wage ich auch
nicht einmal vermuthungsweise auszusprechen.
Liegt ein Protoplasmakörper vor, welcher z. B. einen Kugelmantel
um den Zellsaft bildet, so werden Strömungen der angegebenen Art
auch die Gestaltung jenes beeinflussen können. Da wo Volumzunahme
stattfindet strömt Flüssigkeit nach allen Seiten hin weg, und übt dem-
gemäss auch einen mit der Zersetzung continuirlichen Stoss auf die
Plasmamembran aus, welche, wie früher gezeigt wurde, schon durch
eine sehr geringe Kraft gegen den Zellsaft hin ausgebaucht werden
kann, wenn sich der hydrostatische Druck zu beiden Seiten derPlasma-
merabran constant erhält. Umgekehrt erfährt aber die Plasmamembran
einen geringen Ueberdruck von Seite des Zellsaftes, wenn bei einem
chemischen Process im Protoplasma Verdichtung stattfindet und eine
Wasserströmung hierdurch veranlasst wird. Jede dieser geringen Lei-
stungen, sowie beide zusammengenommen, könnten allmälig schon
wesentliche Gestaltsänderuugen im Protoplasma zu Stande bringen,
1) Siehe Strasburger, Zellbildung und Zelltbeilung 1875.
222
wenn es sich hierbei nur um Ueberwindung geringer Widerstände han-
delt. Uebrigens ist zu beachten, dass der gegen die Plasmamenibran
treffende Wasserstrom die Durchpressung einer gewissen Wassermenge
durch die Plasraamembran veranlassen und so zugleich die Ursache von
bestimmt gerichteten Strömungen im Zellsaft werden kann.
Das soeben hinsichtlich der Wirkung von Strömungen auf Gestal-
tung des Protoplasmakörpers Gesagte, gilt natürlich auch für die auf
beliebige andere Weise entstandenen Strömungen. Ich will hier nur
noch darauf hinweisen, wie solche Strömungen auf osmotischem Wege
entstehen können, wenn die osmotisch wirkenden Körper nicht gleich-
massig in der Lösung vertheilt sind, was z. B. eine Folge local statt-
findender chemischer Umwandlung sein kann, indem es ja einer ge-
wissen Zeit bedarf, ehe durch Diflusion eine vollkommen gleichartige
Vertheilung herbeigeführt ist.
Um die Sache klar zu machen, stellen wir uns einen hohlen Glas-
cylinder vor, welcher an seinen beiden offenen Enden mit Membranen
von derselben Beschaffenheit geschlossen und senkrecht in Wasser ge-
stellt ist. In der unteren Partie des Glascylinders befinde sich eine
concentrirtere Lösung eines nicht diosmirenden Stoffes, während eine
verdünntere Lösung an die nach oben gerichtete Membran anstosse ')
Die concentrirtere Lösung würde für sich allein einen hr»heren osmoti-
schen Druck hervorbringen, als die verdünntere, in der Zelle selbst
aber muss die endliche Druckhöhe zwischen diesen beiden Leistungen
liegen und dann natürlich erreicht sein, wenn durch die beiden Mem-
branen zusammengenommen ebensoviel Wasser durch Druck filtrirt, als
dui'fch osmotische Wirkung hineingeschafi't wird. Der osmotisch erzeugte
Einstrom schafi"t aber bei unserer Zusammenstellung durch die untere
Membran in der Zeiteinheit eine grössere Menge Wasser, als durch die
obere Membran, während durch beide, auf die Flächeneinheit bezogen,
gleiche Wassei-mengen unter dem in der ganzen Zelle annähernd glei-
chen Druck filtriren und so muss denn ein Wasserstrom v(»n der unteren
zur oberen Wand so lange durch die Zelle gehen, als an beide Mem-
branen Lösungen ungleicher osmotischer Wirkungen anstossen ; kurz
wir haben es dann mit einem kreisenden Wasserstrom zu thun. Wenn
nun etwa in dem einen Kugelmantel bildenden Protoplasmakörper die
Lösung nicht au allen Stellen von gleicher osmotischer Wirksamkeit ist,
so wird auch hier ein kreisender, durch Zellsaft und Protoplasma
*1) Es würde auf dasselbe hinauskommen, wenn nnpleieli osmotisch wirkende
Lösungen aus verschiedenen Stoffen vorlügen.
223
gehender Wasserstrom entstehen können, welcher auf Gestaltung- des
Protoplasmakörpers in der vorhin erwähnten Weise wirken kann.
Als mögliche Ursachen für Bewegung und Gestaltänderung im
Protoplasma (und Zellsaft) haben wir oben chemische Processe und os-
motische Vorgänge kennen gelernt und wie die chemischen Reactionen
auch immer zu Stande kommen, ob sie autonomen oder inducirten Ur-
sprungs sind, der weitere Erfolg ihrer Wirkuug kann ja übereinstimmend
ausfallen. Wie sich diese Vorgänge in ihrem Verlauf innerhalb der
lebenden Zelle sehr complicirt gestalten können, unterlasse ich darzu-
legen, und mache nur noch darauf aufmerksam dass der Zersetzungs-
ort auch dauernd verschoben werden könnte, eine Möglichkeit, welche
namentlich hinsichtlich autonomer Auslösungen ins Auge zu fassen sein
würde. Ferner sind Combinationen mit anderen Factoren möglich und
eiinnere ich daran, wie das relative Volumen von Protoplasma und Zeil-
saft sich ändern muss, wenn in einem dieser Körper die osmotische
Wirkung variirt. Wenn z. B. der Zellsaft an Volumen zunähme und
der zusammengedrückt werdende Protoplasmakörper an verschiedenen
Stellen ungleichen Widerstand entgegensetzte, so könnte auch hierdurch
eine Massenströmung im Protoplasma hervorgerufen werden und wieder-
holte Oscillation der Druckkraft, im Vereine mit veränderter Widerstands-
fähigkeit im Protoplasma, würde sogar complicirte Strömungen be-
wirken.
Was bis dahin über Bewegungen im Protoplasma in Folge von
Beleuchtungswechsel bekannt ist'), ermöglicht nicht zu folgern, durch
welche bestimmten Vorgänge die Ortsveränderung des Protoplasmas zu
Wege komme. Auch über die nächste mechanische Ursache der
rotirenden und circulirenden Protoplasmaströmungen ist ja noch nichts
Sicheres bekannt. Die derzeitige Sachlage darlegen will ich hier nicht,
wo ich überhaupt nur auf einige Gesichtspunkte aufmerksam machen
wollte, welche neben anderen ins Auge zu fassen sind, wenn Fragen
für experimentelles Vorgehen zurecht gelegt werden sollen.
25. Auftrieb von Wasser durch die Zelle.
Es ist wohl nie bezweifelt worden, dass die sog. Wurzelkraft durch
osmotische Leistung in Zellen zu Stande kommt und die fundamentale
Frage ist, wie eine einzelne Zelle Wasser nach einer Seite hin hervor-
zupressen vermag. Thatsächlich sind auch einzellige Objecte bekannt,
1, Siehe Sachs, Lehrbuch IV. Aufl., p. 721.
224
welche Wassertropfen an bestimmten Stellen ausscheiden ') . Die Ur-
sache solcher Wasserausscheidung ist aber nicht, wie bisher immer an-
genommen ist, in specifischen Eigenschaften der Zellhaut, sondern in
der Plasmamembran oder im Zellinhalt zu suchen und damit wird die
Zellmechanik eines solchen Vorganges in ein wesentlich anderes Licht
gestellt.
Um uns die Sache im Princip klar zu machen, haben wir nur die
der Zellhaut angepresste Plasmamembran zu berücksichtigen und wollen
annehmen, dass von den osmotisch wirkenden Stoffen nichts aus der
Zelle diosmirt, welche wir uns zunächst frei in Wasser liegend denken
dürfen.
Soll nun eine Hervorpressung von Wasser, oder was dasselbe sagen
will, eine Wasserströmung durch die Zelle zu Stande kommen, so darf
der Quotient aus dem durch Osmose bewirkten Einstrom und den durch
Druck im Innern erzeugten Ausstrom von Wasser nicht für die ganze
Obei-fläche der Plasmamembran = 1 sein, sondern muss mindestens für
einen Punkt einen grösseren und für einen anderen Punkt einen kleinem
Werth haben. Die Druckhöhe, d. h. das Verhältniss zwischen Einstrom
und Ausstrom, ist aber, wie früher gezeigt wurde, unabhängig von der
Dicke der Membran und so folgt denn sogleich, dass jedenfalls eine un-
gleiche Dicke der sonst gleichartigen Plasmamembran nicht Ursache
eines einseitigen continuirlichen Wasserstroms werden kann und somit
auch nicht der Filti'ations widerstand, insofern er nur von der Membran-
dicke abhängt.
Unter zwei Bedingungen kann aber ein Wasserstrom durch eine
Zelle entstehen, nämlich wenn in der Plasmamembrau eine qualitative
Differenz besteht oder wenn die Membran zwar gleichartig, aber nicht
an allen Stellen dieser dieselbe osmotische Wirkung thätig ist.
Zwei qualitativ verschiedene Niederschlagsmembranen können ja
mit derselben Lösung ungleiche osmotische Druckhöhe ergeben und wir
wollen annehmen, dass diese für eine Membran A grösser ausfalle, als
für eine Membran B. Wäre nun die eine Hälfte einer Zelle aus Mem-
bran A und die andere Hälfte aus Membran B gebildet, so würde die
endliche Druckhöhe zwischen den Druckhöhen liegen, welche die allein
aus A oder die allein aus B bestehenden Zellen für dieselbe Lösung er-
geben würden. Dann überwiegt aber im Gleichgewichtszustand für
Membran B der durch Druck erzeugte Wasserausstrom den osmotischen
Wassereinstrom , während für ^ das Umgekehrte der Fall ist, und
Ij Sachs, Lehrbuch IV. Aiiti., p. 6r)9.
225
in Folge dessen bewegt sich ein Wasserstrom in der Richtung von A nach
5 durch die Zelle, dessen Ausgiebigkeit durch den Unterschied zwischen
Einstrom und Ausstrom in jeder der beiden Membranen bestimmt wird.
Ist aber die Membran gleichartig, während in verschiedenen Zonen
der Zelle Lösungen ungleicher Concenti-ation, oder überhaupt ungleicher
osmotischer Leistung bestehen, so ist auch das Verhältniss zwischen Ein-
strom und Ausstrom für zwei gegebene Flächenstiicke der Membran ein
ungleiches und ein Wasserstrora muss von der wirksameren /u der weniger
wirksamen Lösung hin durch die Zelle gehen, wie dieses schon früher
auseinandergesetzt wurde (p. 222j . Gleiches wird auch dann erreicht,
wenn die Lösung in der Zelle zwar ganz homogen, die Zellhaut aber
theilweise mit einer Lösung, thcilweise mit Wasser (oder weniger wirk-
samen Lösung) imbibirt ist, indem da, wo die Lösung von aussen an die
Plasmamembran stösst, die Druckhöhe um die osmotische Leistung ver-
ringert wird, welche die fragliche Lösung in der Plasmamembran zu
Stande bringt.
Es würde nicht schwer sein einen Apparat zu construiren, um die
Hervorpressung von Wasser unter den namhaft gemachten Bedingungen
zu demonstriren. Mau könnte zu dem Ende ein Glasrohr beiderseitig
mit Thouplatten oder Thonzellen verschliesseu , auf welche entweder
dieselbe Membran oder verschiedene Niederschlagsmembranen auf-
gelagert werden müssten. Würde das untere Ende des Apparates in
ein Wasserreservoir gestellt, während der obere Theil in ein Steigrohr
hineinragt, so könnte dann auch die so erzeugbare Drückhöhe gemessen
werden. Als verschiedene Membranen würden solche aus Ferrocyan-
kupfer und Berlinerbku brauchbar sein, welche mit derselben Zucker-
lösung ungleiche Druckhöhe ergeben und bei Anwendung gleichaitiger
Membranen handelt es sich darum, dass das einemal die Concentration
der Lösung in der Zelle von unten nach oben abnimmt, während das
anderemal, bei homogener Lösung im Innern, eine verdünnte re Lösung
eines Stoffes in das Steigrohr zu füllen wäre. Immer wird die \ ermit-
telst des Steigrohrs gemessene, dem Gleichgewichtszustand entsin'e-
chende Druckhöhe anzeigen, uin wieviel die durch die untere Membran
erzeugte Druckhöhe die durch die obere Membran hervorgebrachte
Druckhöhe übertrifft, sei es nun. dass in qualitativer Differenz der Mem-
bran oder, unabhiingig hiervon, in osmotischer Leistung der au die Mem-
bran stosseuden Lösung resj). Lösungen- die Ursache der einseitigen
HerA'orpressung von Wasser gegeben ist.
Dieser einseitige Ueberdruek würde aber in einer PHan/.euzelle
nicht vollkommen gemessen werden, wenn das obere Ende der Zelle in
Pfeffer, Usmotische Untersuchungen. lä
226
ein Steigrohr eiiigepasst wHre, weil der iu diesem zu Stande kommende
Druck eine j^owisse Menge WasstM- diireli die iniliibitionsfähigp Zellhaut
pressen wird, welche /wischen Anheftiingsstelle des Steigrohres und
die Plasuiamembran eingeschaltet ist. Noch ungünstiger gestalten sich
die Verhältnisse in Gewebecomplexen. in welchen Hohlräume, inactive
und weniger active Gewebe Filtrationswege abgeben. Aus dem an
einem Stumpf gemessenen Wurzeldruck geht also zunächst nur soviel
hervor, dassjn einzelneu Zellen Wasser mit höherer Kraft nach einer
Seite hin hervorgepresst werden muss, als der Druck im Manometer
anzeigt.
Liegt eine vollkommen turgescente Zelle frei in Luft, so kann sich,
wenn Wasser nach einer Seite aus der Plasmamembran hervorgepresst
wird und Verdunstung ausgeschlossen ist, fortwährend ein durch Zell-
iuhalt und Zellhaut gehender circulirender Wasserstrom bewegen, indem
das ausgepresste Wasser in der Zellhaut fortgeleitet und da wieder
durch die Plasmamembrau aufgenommen wird, wo der osmotische
Wassereinstrom den Wasseraussti'om überwiegt. Wenn aber diesen
Stellen Wasser auf andere Weise zugeführt wird, so können sich natür-
lich am anderen Ende der Zelle Wassertropfen ausscheiden, sobald der
osmotische Bedarf aus dem zugeführten Wasser leichter gedeckt wer-
den kann.
Die osmotische Wirkung nicht diosmirender Inhaltsstoffe wird nur
durch die Plasmamembran geregelt und wenn eine Ursache zu einseiti-
ger Hervorpressung von Wasser durch diese nicht vorliegt, so kann ein
solcher Vorgang, wie auf der Hand liegt, nicht durch die Beschaffenheit
der Zellhaut herbeigeführt werden, vorausgesetzt, dass diese nicht von
osmotisch wirkenden Stoffen imbibiit ist. Auf Ausgiebigkeit und Ab-
wicklung des Vorganges wird allerdings die Zellhaut Einfluss haben,
indem ja ihre Permeabilität für Zufuhr und Abfuhr von Wasser in Be-
tracht kommt. Ist z. B. eine cuticularisirte Zellhaut für Wasser sehr
schwer permeabel, so wird solches wesentlich nur an den nicht cuticu-
larisirten Stellen ausgetauscht, resp. hervorgepresst werden.
Schwankt die osmotische Druckhöhe in der Zelle, so ändert sich
die Druckhöhe, welche durch einseitige Hervorpressung von Wasser zu
Stande kommt i ceteris paribus) , in leicht abzuleitender Weise. Auch
wird in Geweben durch Zunahme der Gewebespannung eineZusamraen-
j)ressung von Zellen zu Stande kommen können, wodurch dann das her-
vorgepresste Wasser in Richtung des geringsten Widerstandes in bevor-
zugtem Maasse fortströmt. FUr Kegelung dieses Wasserstromes fällt
dann auch die Dicke der Plasmamembran und die Durchlässigkeit der
227
Zellhant ins Gewicht, doch kann auch durch solche periodische Zusam-
menpressung und Wiederausdehnung; ein dauernder Wasserstrom niclit
bewirkt werden, indem auf dem Wege, auf welcljem die grössere
W^assermenge hervortritt, auch wieder die grössere Menge bei Nach-
lassen der Compression aufges(»gen wird. Wenn freilich der Fortleitung
des Wassers nach den beiden entgegengesetzten Richtungen ungleiche
Widerstände entgegen ständen, würde eine gewisse Wassemienge nach
einer Seite befördert werden, aber wenn auch solches zutreffen sollte,
so kann doch der continuirliche Wasserstrom . wie ihn die blutende
Pflanze zeigt, nicht durch solche periodische Oscillationen erzeugt wer-
den. P]s ist dieses auch ohne besondere Klarlegung sogleich einzu-
sehen, wie auch, dass solche Oscillationen der Gewebespannung die
Ausgiebigkeit der Wasserbewegung allerdings beeinflussen können.
Falls osmotisch wirkende Stoffe, entgegen unserer bisherigen An-
nahme, diosmiren, so bleiben doch die entwickelten allgemeinen Ge-
sichtspunkte geltend und ich halte nicht für nöthig, speciell die mög-
lichen Verwicklungen darzulegen , da diese unter gegebenen Voraus-
setzungen leicht abzuleiten sind. Aufmerksam sei nur darauf gemacht,
wie z. B. in Geweben die die Zellhäute imbibirende Lösungen osmotisch
wirksamer und damit die einseitige Hervorpressung von Wasser aus
Zellen verstärkt werden kann.
Es ist bekanntlich Hofmeister 's Verdienst zuerst eine wirkliche
li^rklärung der einseitigen Hervorpressung von Wasser aus Zellen ver-
sucht zu haben und der leitende Gedankengang war in der That glück-
lich gewählt, wenn auch die von Hofmeister gegebene und die auf
diesem fussenden Erklärungen thatsächlich nicht ausreichten und nicht
ausreichen konnten, so lange die Plasmamembran nicht in ihrer Bedeu-
tung erkannt war. Ich halte es nicht für geboten, einige Irrthümer in
der Interpretation derjenigen Versuche ausführlich aufzudecken, welche
mit dem von Hofmeister construirten oder ähnlichen Apparaten')
angestellt wurden. Es genüge daraufhinzuweisen, wie die Bedeutung
des Filtrationswiderstandes unrichtig aufgefasst und meist auch über-
sehen wurde . dass Filtratiouswiderstand, insofern er von Dicke der
Membran oder von der Qualität der Membran abhängig ist. in wesent-
lich ungleicher Weise für die osmotische Leistung in Betracht kommt.
1) Siehe z. B. Sachs, Expcrimentalphysiologie 1865, p. 207.
15
228
Auch ist die Bedentnnp: des Umstiindes übersehen worden, daps in dem
Steigrohr des Apparates in Folfre der Diosniose des in die ZeUe ein-
gefüllten Stofles. eine relativ eoneentrirtere Losung: sieh sammelte, als
in der verhältnissmässig grossen W'assermenpe, in welche die Zelle ein-
getaucht war.
Ist die Ursache einer einseitigen Hervorpressung von Wasser aus
der Zelle in cpialitativ ungleicher Beschaffenheit von Mem))rantheilen
begründet, so kann ein solcher Wasserstrom unendlich lange fortdauern,
ohne dass das System eine Aendernng erfährt, vorausgesetzt, dass
nichts von dem gelösten Stoffe exosmirt. Dem Wesen der Sache nach
ist hier aber nur dasselbe realisirt, wie injederZelle, deren osmotischer
Druck sich constant erhält, d. h. die Zahl der in der Zeiteinheit sich
aus der Zelle und in die Zelle bewegenden Wassertheilchen ist dieselbe,
nur ist in unserem Falle Ausstrom und Einstrom ungleichmässig auf die
Flächenelemente der Plasmaniembrau vertheilt. Natürlich wird auch
hier durch Reibung u. s. w. Arbeit (Kraft) in Wärme verwandelt, aber
Wärme wird auch von aussen zugeführt, welche die lebendige Kraft der
osmotisch wirkenden Molecüle und damit die davon abhängige osmo-
tische Leistung selbst unverändert erhält, wenn die Temperatur con-
stant bleibt 1) .
1 Ein solcher couatanter Wasserstnuii wiurte eventuell auch dann luöf^lich
yein, wenn der grüsste FiltrationswiderBtand der oberen Membran zukäme, welche
der Strom von innen nach aussen durchwandert. Ein perpetuuni mobile wäre dann
aber doch noch nicht erfunden. Vgl. hierzu Mayer , Agriculturchemie 1S71, Bd. I
il. Aufl.ip. 332.— Eine nnbegreit'liche Verwirrung hinsichtlich osmotischer Leistung-
im Organismus finden wir in N. J. C. Müllers Arbeiten (Botan. Untersuchungen
IV, 1875— 187H). .Soist die Behauptung, es müsse der osmotische Wasser-strom pro-
portional sein der in den Blättern gebildeten osmotisch wirkenden Substanz
(p. 268). Hch(m deshalb unrichtig, weil die osmotische Lei.stung von specitischer
Qualität der durch Stotfwechselprocesse entstehenden Körper abhängig ist, und
natürlich nicht durch Körpermasse und deren nach Wärmeeinheiten gemessenen
Spannkraft bestimmt ist. In der obigen Behauptung liegt aber ein noch schlimme-
rer Irrthum, welcher augenfälliger in Folgendem hervortritt. Auf Seite 22(i heisst
es, "Der wirkliche endlicheZuwachs an osmotischer Spannung in der Kette ist von
der Wurzel ganz unabhängig, deswegen kann von der Wurzel niemals ein Zu-
wachs an stromerhaltender Kraft ausgehen.« Abgesehen davon, dass die Wurzel
doch auch StoÜe aus dem Boden aufnimmt, kann Kraftaufwand beim Transport
eines Stoftes und osmotische Leistung nach geeigneter Umwandlung des Stoftes
natürlich ausser allem Verhältniss stehen. S.» wird z. B. bei der Stärkewanderung
das in Blättern producirte Material in die Wurzel gelangen können, ohne dass auf
dem Wege hierher irgend eine bemerkenswerthe osmotische Spannung zu Stande
kam, welche nun aber ungeheure Wortlie erreichen kann, wenn innerliall» einer
Zelle eine reichliche Menge Zucker aus Stärke entsteht und natürlich ist damil
auch die Erzeugung einer sog. Wurzelkruft uiöglich, wenn in den fraglichen Zellen
Bedingungen zum einseitigen llervorpreesen von Wasse«- gegeben sind. Mit ver-
229
Wenn aber der durch die Zelle gehende Wasserstrom von un-
gleicher Vertheilung- osmotisch wirksamer Stoffe in der Zelle bedingt
ist. so kann er nur so lange dauern, bis durch Diffusion oder überhaupt
Mischung in der Zelle eine homogene Lösung hergestellt ist. Ebenso
muss der Wasserstrom allmälig abnehmen, welcher dadurch entsteht,
dass Flächenelemente der Membran von aussen mit einer osmotisch
wirksamen Lösung in Berührung stehen. Ganz aufhören würde aber
ein solcher Wasserstrom erst in unendlicher Feme, wenn die hervor-
.ge])resste Flüssigkeit nur zur Verdünnung der äusseren Lösung diente,
und diese immer nur mit einem bestimmten Theile der Membranfläche
in Contact kommen könnte. Soll -aber dieser Wasserstrom unverändert
anhalten, so müssen anderweitige Vorgänge thätig sein, um ausserhalb
der Zelle eine Lösung gleicher osmotischer Wirkung zu erhalten und
ebenso ist eine Fortdauer des Wasserstromes, welcher durch ungleiche
Vertheilung der osmotisch wirksamen Stoffe innerhalb der Zelle ent-
steht, nur möglich, wenn gleichmässige Mischung im Protoplasma durch
die Wirkung bestimmter Factoren verhindert wird. Die Möglichkeit
solcher Vorgänge in der lebeusthätigeh Zelle muss zugegeben werden, zu-
gleich ist aber auch ersichtlich, wie die Eliminirung der einer Mischung
entgegenwirkenden Factoren zur Erklärung der Ursache des Hervorpres-
sens von Wasser aus Zellen führen könnte, da ja der Wasserstrom sich
vermindern und aufhören müsste, wenn er nicht von ungleicher Qualität
der die Membran zusammensetzenden Flächenelemente abhängig ist.
Die bisherigen Experimentaluntersuchungen beziehen sich fast
allein auf die sog. Wurzelkraft, wobei die gemessene Druckhöhe natür-
hältnissmässig geringer Arbeitskraft kann ja auch eine Pulvermasse aus der
Fabrik in ein benachbartes Gebäude gebracht werden , um hier nach Entzün-
dung durch den auslösenden Funken Leistungen gewaltigster Art zu vollbrin-
gen. Etwas ähnliches sehen wir bei der osmotischen Leistung, welche z. B. erst
durch chemische Metamorphose eines Stoflfes eingeleitet wird und auch bei anderen
als osmotischen Vorgängen kann ein auslösender Process den Ort der. Arbeits-
leistungen bestimmen. Gerade auf dem Zusammenwirken von Kraftwechsel und
Stoffwechsel beruht Ja die besondere Gestaltung und Localisirung der Leistungen
im Organismus und indem Müller dieses Zusammengreifen übersah, beging er
einen fundamentalen Fehler, welcher nicht nur, wie eben gezeigt wurde, bei Be-
urtheilang der osmotischen Vorgänge zu Tage tritt, sondern auch in anderen Ka-
|)iteln, in welchen allgemeine Sätze über Beziehungen zwischen Entstehungsort
chemischer Spannkraft und Vertheilung der Arbeitsleistung im Organismus aus
physikalischen Principien ohne physiologische Umsicht entwickelt werden.
2:^0
lieh nur Resultante ist, aus der Kraft des Auftriebes, der Menge des in
das Innere des Organs gepressten Wassers und der, mit dem Entstehen
eines Druckes im Innern eingeleiteten Filtration nach aussen, deren
Ausgiebigkeit von verschiedenen l'mständen abhängig ist. Diese, und
iiberhauj>t die flir die Wurzelkraft in Betracht kommenden Factoren,
will ich hier nicht ausführlich darlegen, sondern nur auf einzelne wenige
Punkte hinweisen. Zunächst ist zu beachten, dass die Zellhäute, welche
die Peripherie eines Orgauea bilden, für Wasser in ungleichem Maasse
und eventuell gar nicht durchlässig sind, wie solches ja die cuticularisir-
ten oder verkorkten Zellhäute zeigen. Wo aber die Beschaffenheit der
peripherischen Zellhäute Wasseraustausch zulässt, wird es wesentlich
sein, ob alle peripherischen Zellen Wasser nach innen pressen. Gesetzt
es thuen solches alle peripherischen Zellen mit gleicher Kraft in einem
Organe, dessen Peripherie durch Zellen gebildet wird, welche ohneln-
tercellularräume anpinanderschliessen, so kann, ausser durch die Zellen
selbst, Wasser nur durch die Seitenwände dieser nach aussen gepresst
werden und aus der Ausgiebigkeit dieser Filtration einerseits und der
als gleich angenommenen Hubhöhe der einzelnen peripherischen Zellen
resultirt die factische Druckhöhe. Complicirter gestalten sich die Ver-
hältnisse, sobald in denjenigen Zonen der Organe, in welchen die um-
kleidende Zellhaut Wasserdurchtritt gestattet, nicht alle Zellen gleich
wirksam sind. In allen Fällen- kann aber auch der Grad der Permeabi-
lität der peripherischen Zellwände, resp. der äussersten Schicht in
dieser, eine Holle spielen und es ist leicht einzusehen , warum unter
gegebenen Verhältnissen die Druckhöhe für eine gewnsse Permeabilität
ein Maximum werden muss. Uebrigens unterlasse ich zu zeigen, wie
die Druckhöhe auch von der Gestaltung der Wege abhängig ist, welche
dem aufsteigenden und absteigenden Wasserstrom im Innern von Orga-
nen zu Gebote stehen.
Der Sitz der Wurzelkraft ist von Hofmeister und anderen Auto-
ren in die Wurzelspitzen verlegt worden und thatsächlich können abge-
schnittene Wurzeln für sich Wasser hervorpressen, aber solche Versuche
zeigen nicht, ob Zellen des Stengels und anderer Organe nicht in gleich-
sinniger \\'eise thätig sind. Ist auch nach der geringeren Druckhöhe,
welche höher am Stengel angesetzte Manometer ergeben, wenigstens zu
vermuthen. dass hauptsächlich die Wurzel Triebkraft entwickelt, so ist
doch gewisse Thätigkeit anderer Zellen immer noch möglich und that
sächlich scheiden nach Sachs •) Stücke junger Grashalme an dem einen
1; Lehrbuch IV. Aufl., p. 660.
231
abgeschnittenen Ende Wa8sertro])fen ab, wenn die andere Sclinittfljlche
Wasser aufnehmen kann. Auch j^eht ja in Neetarien und manchen
anderen Organen Ausscheid nng von Wasser ohne Wurzelkraft vor sich.
Wäre eine aus künstliclien Apparaten gebihlete Kette von Zellen
gegeben, welche nur durch die trennenden Querwände Wasser ])assiren
lässt'), so würde, wie leicht einzusehen ist, eine einseitige Wasser-
auspressung sowohl zu Stande kommen, wenn nur die untere, obere
oder mittlere Zelle . als auch wenn alle Zellen in diesem Sinne thätig
wären. Ebenso kann nun auch eine einseitige Wasserströmung in (tc-
weben die Triebkraft Zellen verdanken , welche an der Wurzelspitze
oder an irgend einer anderen Stelle liegen. Freilich wird es ftir Or-
gane, in welchen auch inactive Gewebe und Räume vorhanden sind,
am vortheilhaftesten sein, wenn die ))eripherischen Zellen überall da
Wasser nach innen pressen, wo das Organ nach aussen von einer für
Wasser permeablen Zellhaut abgeschlossen ist. Unter gewissen Um-
ständen ist es sogar möglich, dass einseitige Hervorpressung von Wasser
aus inneren Gewebezellen, an dem Querschnitt des Organes einen
Wasserausfluss gar nicht zu Stande bringt.
Als Ursache für einseitige Hervorpressung von Wasser aus Zellen
bleiben nach unseren Auseinandersetzungen nur wenige Möglichkeiten
übrig, v»'elche der Alternativen aber in der Pflanze maassgebend ist,
lässt sich nach den vorliegenden Beobachtungen nicht sicher sagen und
muss erst durch specielle Untersuchungen entschieden werden. Wo
immer in der Zellhaut die imbibirende Lösung nicht gleichmässig ver-
theilt ist, d.h. eine ungleiche osmotische Wirkung im Contact mit der
Plasmamembran zu Stande bringt, muss ein einseitiger Wasserstrom in
dieser Zelle nothwendig entstehen. Wird auch die Zellhaut fast immer
nur von Lösungen geringer Concetitration durchtränkt und kommt zudem
nur die Differenz in der osmotischen Wirkung der imbibirendeu Lösung
in Betracht, so darf doch dieser Factor keineswegs unterschätzt werden,
denn eine einprocentige Salpeterlösung, deren specitisches Gewicht
nahezu 1,006 ist, hebt in einer Ferrocyankupfermembran eine Queck-
silbersäule von 175 Ctm. und bringt so eine höhere Wirkung hervor,
als bislang für die Wurzelkraft gemessen wurde ^i. Wie man sieht.
1) Ea künute dieses ein Glasrohr sein, welches durch Membranen in eine An-
zahl Kammern getheilt wurde.
2) Haies hat Hebung des ausgepressten Saftes bis 30 Fuss beobachtet; nach
Clark Flora 1875, p. 550) soll eine Birke einen Druck von 77Fuss hervorgebracht
haben. — Bei Weinrebe fand Unger (Frühlingssäfte d. Pflanze p. «> d. Separat-
abdruckes aus den Sitzuugsber. der Wiener Acad. 1857, Bd. XIl; das specifische
Gewicht des Blutuugssaftes zwischen 1,0001 und 1,0012. Dabei war das specif.
Gewicht geringer für Säfte, -welche höher am Stamme abgezapft wurden.
232
würde selbst die von einer Vi n pi^centigen Salpeterlösung erzeugte
Druckkraft udcli ganz resjjectabel sein und einen gewissen einseitigen
\\ asscraustiitt aus einer Zelle niuss jede geringe Differenz in der i>n-
niotiselien \\ irkung der von aussen anstosscnden Lösung zu Staude
bringen.
Wird z. B. eine Wurzel von einer Lösung unisjiiilt. welche in ge-
riugcMoni Grade osmotisch wirksam ist. als die Flüssigkeit, welche die
seitliclicn und die nach innen zu gewandten Zellvväiule imbibirt. so sind
ja die Bedingungen zur Entstehung einer Wurzelkraft gegeben und durch
ötoffwechselprocesse. sowie durch Exosmose von Stoffen aus inneren
Zellen, könnten diese Bedingungen auch dauernd unterhalten werden
und zwar nicht nur in den peripherischen Zellen der Wurzel, sondern
auch in inneren Gewebezellen. In wie w eit einseitige Hervorjiressung
von Wasser auf diesem Wege zu Stande kommt, müssen erst Sjiecielle
T'ntersuchungcn feststellen. Kenntniss des specitischen Gewichtes der
Flüssigkeiten und der Aschenbestandtheile reicht natürlich da nicht
aus. wo es auf osmotische Leistung ankommt und so unterlasse ich denn
überhaupt auf Grund einer Vergleichung der Zusammensetzung einer
Nährlösung und der beim Bluten ausfliessenden Flüssigkeit Betrach-
tungen anzustellen. Uebrigens kann durch die Strömung beim Saft-
ausfluss eine osmotische Ungleichheit in der Zellhaut verstärkt oder
liervorgerufen werden und in dieser Hinsicht würde sich dieselbe Pflanze
nicht ganz gleich verhalten müssen, wenn sie aus einer Schnittwunde
blutet oder wenn die Flüssigkeit im Innern nur unter hoher Span-
nung steht.
Um an einzelligen Objecten das Hervortreten eines Wassertropfens
zu veranlassen, bedarf es offenbar einer so geringen Differenz in der
osmotischen Wirkung der Zellhauttlüssigkeit, dass diese auch in der
Zellhaut einer einzelligen Pflanze bestehen könnte. Auf dem hier ins
Auge gefassten Wege mögen wohl auch Nectarabscheidungen und ähn-
liche Abs<mderungen v<»n Flüssigkeit zu Stande kommen. Ist einmal
ausserhalb der Zelle eine osmotisch wirkende Lösung vorhanden, so
muss diese ja in dem bezeichneten Sinne wirken und um die nöthigen
Bedinguugen für Auspressung von Wasser nach aussen dauernd zu
unterhalten, kann neben anderen Ursachen der lüistand in Betracht
k(mimen, dass vielleicht eine kleine Menge von Colloideu in demJs'ectar
gelöst ist. welche in «1er Zellliaut nicht oder kaum imbibirt werden
Der erste Anstoss zu einer s(»l(lieii einseitigen \\'asseranspressung wird
aber durch eine beliebig entstehende Ansammlung einer osmotisch wir-
kenden Lösung an geeigneter Stelle gegeben sein, sei es nun, dass zu
233
dem Ende der Zellinhalt einen Stoff nach aussen abgibt, oder dass ein
löslicher Körper durch Metamorphose der Zellhaut entsteht oder auf
andere Weise herbeigeschafft wird.
Ausreichend zur Erzeugung der Wurzelkraft ist aber der durch
osmotische Wirkung der ZellhautflUssigkeit bewirkte Wasserstrom
nicht, welcher übrigens auch unter gegebenen Verhältnissen im nega-
tiven Sinne ausfallen könnte. Ausserdem können noch, wie vorhin ge-
zeigt ist, Verschiedenheiten in der Qualität der Plasmamembran, und bei
gleichartiger Membran, ungleiche Vertheilung der osmotischen Wirkung
des Zellinhaltes Ursachen für eine einseitige Hervorpressung von Was-
ser werden, doch ist zur Zeit nicht zu sagen, ob und in wie weit einer
dieser oder beide Factoren Bedeutung für die Wurzelkraft, und Hervor-
pressung von Wasser überhaupt, haben. Eine gewisse Ungleichheit in
der osmotischen Wirkung ist in verschiedenen Theilen desselben Proto-
plasmakörpers wohl möglich, wenn Stoffwechselprocesse derart ver-
laufen, dass ia keinem Augenblick eine Ausgleichung durch Diffusion
erzielt wird. Uebrigens muss es nach Obigem wahrscheinlich erschei-
nen, dass nicht jede Herv^orpressung von Wasser aus einer Zelle auf
dieselbe Weise zu Stande kommt.
Durch welche mechanische Vorgänge die Periodicität des Saft-
ausflusses bedingt ist, muss auch erst auf experimentellem Wege
entschieden werden. Hier ist denn auch die Schwankung der Gewebe-
spannung ins Auge zu fassen, welche vermöge der veränderten Druck-
wirkung eine gewisse, aber nur begrenzte Vermehrung oder Vermin-
derung der absoluten Ausflussmenge herbeiführen kann, aber nicht
herbeiführen muss. Nach den vorliegenden unbestimmten Angaben
lässt sich nicht wohl mit Sicherheit sagen, ob auch die Höhe einer durch
die Wurzelkraft gehobenen Quecksilbersäule tägliche oder andere
periodische Schwankungen ausführt und wenn dieses der Fall ist, wie
diese Druckschwankungen mit der Ausflussmenge harmoniren. Letztere
ist ja nicht nur von der Triebkraft, sondern auch von dem Filtrations-
widerstand der Plasmamembran und anderen Hemmungen abhängig
und so lässt sich schon dieserhalb nicht a priori sagen, ob die grössere
Druckhöhe der geringeren oder der grösseren Ausflussmenge entspricht.
Uebrigens kann vielleicht ein umsichtiges Studium der durch die Wurzel-
kraft erzeugten Druckhöhe und der Ausflussmenge, unter Berücksich-
tigung anderer periodischer Vorgänge in den Untersuchungsobjecten,
die Mittel liefern, um die Zellmechanik zu durchschauen, welche der
Wurzelkraft zu Grunde liegt.
Wie das Phänomen des Blutens sich an geköpften Pflanzen gestaltet,
234
ist es jedenfalls ein erblicher Vorgang, dessen Ausgiebigkeit durch ver-
ticale Umkehrung der Manze höchstens beeinflusst werden könnte*).
Für die freie einzelne Zelle, und ebenso für die einzelnen activen Zellen
in Geweben, muss aber nothwendig experimentell entschieden werden, ob
man es hier mit einem erblichen oder inducirten Vorgang zu thun hat.
Letzteres kann jedenfalls nicht ohne weiteres von derHand gewiesen wer-
den, so lange nicht festgestellt ist, ob die Schwerkraft in Beziehung zur
Richtung des austretenden Wassersti'omes steht, was möglicherweise
wieder nur für bestimmte Objecte gelten könnte. Sollte aber eine solche
Beziehung bestehen, dann würden sich vielleicht durch experimentelle
Untersuchungen wichtige Anhaltspunkte finden lassen, um auch über
den Auslösungsvorgang Klarheit zu erhalten, welcher geotropische
Krümmung herbeiführt.
26. Zusammenfassung einiger Resultate.
Aus dem physiologischen Theile habe ich hier nur diejenigen Resul-
tate hervorgehoben, welche die Fundamente aller dort angestellten
Betrachtungen bilden.
Physikalischer Theil.
Durch Traube's Niederschlagsmembranen dürften Köi-pertheil-
chen nicht passiren können, ohne in den Bereich der von denMembran-
theilchen ausgehenden Molecularkräfte zu kommen. (Moleculare Os-
mose.)
Durch die Diosmose kann die relative Moleculargrösse gelöster
Körper nicht ohne weiteres bestimmt werden.
Wenn der wirkende Körper nicht diosmirt, wird in einer gegebenen
Membran die maximale osmotische Druckleistung zu Stande kommen.
Demgemäss wird eine weitere gegenseitige Annäherung der Membran-
theilchen, ceteris paribus, eine Drucksteigerung nicht herbeiführen.
Die Druckhöhe ist unabhängig von der Dicke der Membran, mit wel-
cher natürlich die Ausgiebigkeit der in eine Zelle gerichteten Wasser-
bewegung abnimmt.
Die osmotische Triebkraft hängt ab von den zwischen Membran-
theilchen, Wasser und gelöstem Körper wechselseitig wirkenden Mole-
1) Eine geköpfte Dahlia blutete, wie vorauszusehen war, nach Unikehrung
»ehr ausgiebig weiter, doch habe ich die in dieser Lage und in vertical aufrechter
Stellung auefliessenden Wassermengen nicht vergleichend bestimmt.
235
cularkräften, durch welche an der Membranfläche eine Zone von ver-
änderter Zusammensetzung, die Diffusionszone, constituirt wird.
Da, neben der Constitution der Diffusionszone, die Anziehung zwi-
schen den Theilchen des gelösten Köi-pers und des Wassers die osmo-
tische Triebkraft bestimmt, so wird, wenn Exosmose nicht stattfindet,
im allgemeinen die Druckhöhe für einen schnell diffundirenden Körper
höher ausfallen, als für einen langsam diffundirenden Köi-per. Ein ein-
faches Verhältniss zwischen Druckhöhe und Diffusionsconstante kann
natürlich nicht bestehen, weil verschiedene Körper eine ungleich con-
stituirte Diffusionszone bilden.
Demgemäss erzeugen in T r a üb e 's Niederschlagsmembranen Kry-
stalloide eine ganz unverhältnissmässig höhere Druckkraft als Colloide.
Dagegen kann in Pergamentpapier, Thierblase u. s. w. die Wirkung
der Colloide unter Umständen die der Krystalloide sogar übertreffen,
weil die Leistung dieser leicht diosmirenden Körper viel weiter hinter
der maximalen Druckhöhe zurückbleibt, als die Leistung der schwieri-
ger diosmirenden Krystalloide.
Die osmotische Druckhöhe nimmt mit der Concenti'ation der Lösung
in einem für jeden gelösten Körper und jede Membran specifischen Ver-
hältniss zu. In derselben Membran wachsen, falls der wirkende Kör-
per nicht diosmirt. der osmotisch erzeugte Wassereinstrom und die
Druckhöhe in annähernd gleichem Verhältniss, indem die filtrirende
Wassermenge dem Druck proportional ist. Es geht hieraus auch her-
vor , dass die Constitution der Diffusionszone von einem einseitigen
Wasserstrom nicht wesentlich beeinflusst wird.
Temperaturschwankungeu werden durch Erweiterung der Räume
zwischen den Membrantheilchen keinen Einfluss auf die Druckhöhe
haben, so lange der wirkende Köi'per nicht diosmirt. Im allgemeinen
werden aber Druckschwankungen durch äussere Eingriffe zu Stande
kommen, wenn durch Modificationen in der Membran oder im Zellinhalt
die Constitution der Diffusionszone oder die Molecularwirkung zwischen
Wasser und gelöstem Körper geändert wird.
Physiologischer TheiL
Ueber Aufnahme oder Nichtaufnahme eines gelösten Körpers in das
Protoplasma entscheidet eine peripherische Schicht dieses, die Plasma-
membran, welche sicher überall da gebildet wird, wo Protoplasma an
eine andere wässrige Flüssigkeit stösst.
236
Ein durch die Plaemamembran diosmirender Körper müss sich im
Protoplasma, resp. im Zellsaft verbreiten, wenn nicht besondere Vor-
gänge, etwa chemische Bindung, den eingedrungenen Körper an be-
stimmten Punkten fixiren.
Die hohe Druckkraft in Pflanzenzellen ist durch osmotische Wir-
kung gelöster Inhaltsstoffe in der Plasmamembran bedingt, in welcher,
ähnlich wie in gewissen künstlichen Niederschlagsmembranen, krystal-
loide Körper am meisten leisten.
Indem das Protoplasma auch gegen den Zellsaft durch eine Plasma-
membran abgegrenzt ist, gleicht die Zelle in osmotischer Hinsicht einem
aus zwei ineinandergeschachtelten, ungleich grossen Zellen gebildeten
Systeme.
y.tKo"
OSMOTISCHE
UNTERSUCHUNGEN
STUDIEN ZUR ZELLMECHANIK
VON
D^W. PFEFFER
PROFKSSOE DER BOTANIK IN BASEL
ZWEITE, UNVERÄNDERTE AUFLAGE
MIT FÜNF HOLZSCHNITTEN
,f«!äÄ*rV*, ,,.
LEIPZIG
VERLAG VON WILHELM ENGELMANN
1921
eis einschlieBlicIi Verleger-Teuernngszuschlag: Geheftet M. 20.--;
in Leinen gebunden M. 32.—
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